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Wie das Herz auf die Schüssel kommt

Am Niederhof in Görlitz wächst das Leben. Miriam Viertel ist mittendrin und bringt Kindern ein Kunsthandwerk mit Anspruch bei.

Miriam Viertel wirft einen prüfenden Blick auf den harten Tonklotz. Kleine Lufteinschlüsse sind noch zu erkennen. „Richtig schön schlagen“, mahnt sie. Die zupackende Art sieht man ihr nicht auf den ersten Blick an. Sie mustert alles wach durch ihre schlanke Brille und denkt nach, bevor sie spricht. Aber dann krempelt sie die Ärmel ihres ausgewaschenen Kapuzenpullis hoch und macht sich an die Arbeit. Es gibt viel zu tun, in wenigen Minuten wird um sie herum das Leben toben. Dann beginnt die regelmäßige Töpferstunde auf dem Görlitzer Niederhof, die sie gegen einen Materialkostenbeitrag anbietet. Vorher muss sie aber noch aufräumen, Ton zurechtschneiden, Holzbänke bereitstellen und den Heizlüfter anwerfen. Es ist kalt in der Werkstatt. Warm wird es bei der Arbeit.

Außenansicht Gebäude mit großem Holztor, auf dem Töpferei steht.
Eine Frau mit Brille steht in der Töpferei.
Blick in die menschenleere Töpferei.

Der Niederhof am Rande des Görlitzer Stadtteils Biesnitz steht da, wie die Antwort auf eine Frage. Sie stellt sich jedem, der in der Stadt eintrifft: Wo sind die Menschen, vor allem die Kinder? Die Görlitzer Mitte wirkt merkwürdig leer. Viele junge Menschen sind weggezogen. Nur eine kurze Bahnstrecke entfernt zeigt der weitläufige Niederhof das Kontrastprogramm. Hier wohnen vier Familien mit insgesamt elf Kindern, auch ein Kindergarten gehört zum Ensemble.

Junges Mädchen springt von einem Holzklotz.

Eine Baustelle voller Leben

Der Niederhof ist ein alter Görlitzer Bauernhof. Hier hat sich der Verein „Miteinander–Füreinander Jung und Alt Görlitz“ gegründet. Die Familien und das alte Ehepaar hier haben schon vieles aufgebaut, aber sie haben auch noch viel vor. Eines der Häuser steht im Rohbau da, hier soll Wohnraum entstehen und eine Küche für alle Generationen.

Jetzt schon ist das Nachbarschaftscafé Realität, das jeden zweiten Freitag im Monat auf dem Hof stattfindet. Wer auf dem Dreiseitenhof eintrifft, der wird ins Warme gezogen und an einen wohlig bollernden Kaminofen gesetzt. Dann gibt es Kaffee und selbstgebackenen Kuchen, während die Kinder durch den Raum tollen – eine umwerfende Idylle.

Der Tag der Nachbarn

Am 24. Mai 2019 feiern Nachbarschaften in ganz Deutschland wieder den Tag der Nachbarn. Auch der Niederhof in Görlitz organisiert mit seinen Nachbarn ein Fest: mit selbstgebackener Pizza aus dem Lehmbackofen, Tischtennisplatte und Sandspielplatz. Egal wie klein oder groß das Fest wird, die nebenan.de Stiftung unterstützt Nachbarn bei der Organisation (www.tagdernachbarn.de).

Übrigens: Wir sind auch wieder als Partner beim Tag der Nachbarn mit dabei! Ab dem 20. Mai 2019 stellen wir Dir verschiedene Nachbarschaftsprojekte vor. Schau dann doch einmal vorbei und flaniere mit uns durch unser virtuelles Viertel.

Miriams Töpfer-Kurs ist gefragt, auch wenn man dafür raus aus dem Warmen muss, und herein in die enge Töpferwerkstatt eine Hofecke weiter. Die Werkstatt ist selbst eine Brücke über Generationen. Eingerichtet hat sie Peter, einer der Mitgründer der neuen Lebensgemeinschaft auf dem Niederhof. Er töpfert seit über 30 Jahren und wird bald neunzig Jahre alt. Von ihm hat Miriam sich das Handwerk abgeschaut. Nach über 3 Jahren Übung ist sie selbst soweit, dass sie schmunzelnd zugibt: „Meine Sachen gefallen mir“.

Blick in die Töpferei, am Tisch stehen Kinder und formen Schüsseln.

Im Wechsel mit Peter gibt Miriam das Wissen an die nächste Generation weiter. Und die platzt herein, ohne anzuklopfen: Marlena, Ella und Lucie sind Freundinnen und gehen zusammen in die Grundschule. Sie alle wohnen nur ein paar hundert Meter vom Hof entfernt und stürzen sich geradezu auf den Ton. Dabei war der Schultag lang und das Wochenende ist nah.

Herzen für alle

Als alle am Tisch sitzen, muss Miriam ihre Stimmlautstärke hochdrehen. Heute werden Schüsseln getöpfert, und jedes Kind soll mitbestimmen. Wozu soll die Schüssel dienen, wie groß muss sie dann werden, und welche Form muss sie haben? Noch wichtiger: Wie werden die Schüsseln dekoriert? Blumen oder Fische schlägt Miriam vor, aber dann ruft Marlena begeistert: „Ein Herz!“ Und was Marlena vorschlägt, das wollen auch ihre Freundinnen machen.

Frau steht am Tisch und schaut zu, wie Kinder töpfern.
Nahaufnahme von Kinderhänden, die Tonwürste kneten.
Mehrere Tonschüsseln stehen auf dem Tisch.

Der Niederhof spricht sich herum in Görlitz. Nicht nur Eltern der Kindergartenkinder, auch allerlei Menschen kreuz und quer aus der Stadt landen hier. Heute schaut eine Mutter das erste Mal mit ihrer Tochter in der Werkstatt vorbei. Miriam lässt den beiden Zeit: „Guckt euch erst mal um, wenn ihr wollt.“, sagt sie. Dann stellt sie schnell klar: „Ihr könnt gerne mitmachen.“

Mann sitzt neben zwei Mädchen am Tisch und töpfert.

Mit am Tisch sitzt Oliver, Marlenas Vater. Bisher waren andere Eltern dabei, er ist also ein Neuling im Handwerk. Auf Hilfe muss er nicht lange warten: „Papa, guck mal: So geht das.“, erklärt seine Tochter bestimmt und zeigt es ihm. Erst wird der Ton geschlagen, dann wird er plattgewalzt, dann ausgeschnitten, und schließlich werden Wände aus eng gerollten Tonwürsten aufgeschichtet. Und dann erst geht es an das, worauf sich die Kinder am meisten freuen: das Dekorieren. In anderthalb Stunden darf Miriam nicht einmal stillstehen. „Überlegt mal“, beschwört sie die Runde, und wenn alle durcheinanderreden, „Hört mal zu.“ Wenn etwas ganz daneben geht, nimmt sie das gelassen zur Kenntnis. „Nimm dir neuen Ton.“ Den alten kann man beim nächsten Mal wiederverwenden.

Der Anfang braucht viel Zeit. Die Tonwürste sind krumm, die Schüsseln so schief wie erste Versuche es eben sind. Aber Miriam demonstriert mit ihrer ruhigen Art, wie man den Ton immer weiter formt, weiter verbessert. Und die Mädchen zeigen, was sie in wenigen Lektionen schon gelernt haben. Die riesigen Herzen werden mit Schlicker an die Wände geklebt und angedrückt, die Innenseiten werden nachgeformt, und gegen Ende stehen Schüsseln auf dem Tisch, die nicht mehr nach Grundschule aussehen, sondern nach Kunsthandwerk.

Kleiner Junge steht am Lehmbackofen und schiebt eine Pizza hinein, neben ihm steht ein Mann.
Kleiner Junge trägt Pizza auf einem Holzschieber.
Eine Frau und zwei Kinder bestreuen Pizzateig mit Käse.

Kurz vor Schluss öffnet sich dann die Tür und Miriams Ehemann Robert kommt mit einem dampfenden Holzschieber herein. Die Pizza ist fertig, frisch gebacken aus dem Lehmbackofen. In der kalten Werkstatt, den Geruch von Lehm in der Nase, schmeckt der krosse, warme Boden wie aus einer anderen Welt. Jetzt geht es schnell heraus, noch einmal in den warmen Raum mit dem bollerndem Ofen. Hier sitzen schon wieder neue Freunde und Familien zusammen, kneten Teig, belegen Pizzen und freuen sich über den Duft nach Knoblauch und Hefe. Ganz nebenbei macht eines der Kinder gerade seine ersten Schritte. „Huch, die kann ja laufen!“, sagt eine Freundin der Mutter und lacht.

Über das Projekt

  • Auch wir setzen uns für mehr Gemeinschaft in der Nachbarschaft ein: Inzwischen ist fast jedes vierte von uns geförderte Projekt ein sogenanntes Quartiersprojekt. Auch den Verein „Miteinander–Füreinander Jung und Alt Görlitz“ konnten wir mit rund 70.000 Euro unterstützen. Mit dem Fördergeld soll eine Kochstube für alle Generationen gebaut werden. Noch steht das Projekt in ganz am Anfang, weil das betreffende Gebäude im Rohbau ist. Nächstes Jahr soll die Gemeinschaftsküche fertig werden.
  • Den Kurs für Töpfern und Keramik veranstalten Miriam und Peter 14-tägig, meist am Freitag. Das Nachbarschaftscafé wird jeden 2. Freitag im Monat veranstaltet. Traditionell kommen hier Eltern der Kindergartenkinder zusammen, aber es werden immer mehr junge Familien aus ganz Görlitz. Mehr Infos zu allen Veranstaltungen findest Du hier.
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