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Was der Krebs uns nicht nehmen darf: Die eigene Schönheit neu entdecken

Nach ein paar Wochen Chemotherapie erkennen sich viele beim morgendlichen Blick in den Spiegel nicht wieder. Doch gerade in dieser Zeit ist es wichtig, sich in seinem eigenen Körper wohl zu fühlen, trotz Nebenwirkungen wie Haarausfall oder trockener Haut. Die DKMS LIFE bietet Schminkkurse für Krebspatientinnen an, um den Betroffenen in schweren Zeiten Hoffnung und Lebensmut zu schenken. In schweren Zeiten kann ein bisschen Farbe nie schaden. Zu Besuch in der Frankfurter Uniklinik.

„Da bin ich ja mal gespannt“, sagt Johanna von Bauer, die sich schon seit Jahren nicht mehr geschminkt hat. Die 83-jährige überkreuzt ihre blauen Segelschuhe unter dem Tisch, rückt ihr Kopftuch zurecht und wendet einen glänzenden Kajalstift zwischen den filigranen Fingern. „Fürs Schminken habe ich ja gar keine Zeit.“ Seit sie an Krebs erkrankt sei, dauere es jeden Morgen viel länger mit dem Anziehen und die Hunde müsse sie auch noch jeden Morgen ausführen. „Es ist ja der Alltag, der bleibt“, sagt sie.

Foto: Eine alte Frau sitzt am Tisch

Auch die anderen sieben Teilnehmerinnen, die heute zum Schminkseminar der DKMS LIFE an der Uniklinik Frankfurt gekommen sind, beugen sich über ihre grauen Taschen, die mit den verschiedensten Pflegeprodukten gefüllt sind. Immer mehr bunte Fläschchen, Pinsel, Tücher und Schatullen türmen sich wie in einer Schaufensterauslage vor den acht Teilnehmerinnen.

Foto: Ein Tisch, auf dem mehrere Kosmetikprodukte liegen.

Schnell löst sich die anfängliche Anspannung in Getuschel und Gelächter auf. Die Kosmetikspiegel und kleinen Tischabfalleimer vor jeder Teilnehmerin verheißen schon jetzt, dass die meisten Produkte am Ende des Seminars nicht mehr verpackt sein werden. „Was hast du denn da für einen Apparat“, fragt Frau von Bauer ihre Sitznachbarin, die gerade eine zweistöckige Puderdose ausklappt. „Damit kann man ja ganze Wände bemalen.“ Kosmetikerin Verena Schlegel muss lachen. Auch sie weiß nie, welche Produkte die Hersteller gespendet haben.

Verena Schlegel leitet heute das Seminar als eine von 280 ehrenamtlichen Kosmetikerinnen, die deutschlandweit Schminkkurse für an Krebs erkrankte Frauen anbieten. Das Seminar läuft unter dem Motto: „Look good feel better“. Und genau darum geht es: Sich wohler zu fühlen!

Foto: Eine alte Frau sitzt am Tisch vor einem Schminkspiegel, eine zweite Frau berät sie

Laut einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) Jahr steigt die Zahl der Krebserkrankungen weltweit. Jede sechste Frau erhält im Laufe ihres Lebens eine Krebsdiagnose. Auch in Deutschland gehen die Zahlen nach oben: „In den Wartezimmern ist so viel los“, sagt Frau von Bauer. „So viele Frauen, die an Krebs leiden und trotzdem bleibt jede damit alleine.“ Vor allem in alltäglichen Situationen. „Wir wollen den Frauen mit den Seminaren ein Stück Normalität zurückgeben“, sagt Kosmetikerin Schlegel, die sich vor eineinhalb Jahren ehrenamtlich bei der DKMS LIFE meldete. Auch, weil sie ihre eigene Mutter an die Krankheit verlor.

Doch der Krebs soll heute nicht im Vordergrund stehen. Der Blick der Frauen soll sich nach vorne richten.

In dieser schweren Zeit wünschen sich die Frauen wieder ein Stück Normalität zurück
Verena Schlegel, Kosmetikerin

„Wenn es an der Haustür klingelt und wir rasch etwas um unseren Kopf binden möchten“, sagt die Kosmetikexpertin, „geht diese Methode am Schnellsten.“ Sie schlägt ein Tuch vor der Gruppe übereinander.  „Wem darf ich es aufsetzen?“ Innerhalb von Sekunden ist ein Look entstanden! Einige Frauen tragen Perücken, um die Glatze – eine Folge der Chemotherapie – zu verbergen. Andere bereiten sich gerade erst auf die kräftezehrende Behandlung vor. Da ist es gut zu wissen, dass es simple Möglichkeiten gibt, sich trotz Haarausfall und weiteren (äußerlichen) Nebenwirkungen ein bisschen wohler zu fühlen.

Foto: Eine Frau mit Turban schaut in einen Schminkspiegel.

„Wenn ich jetzt eine halbe Stunde in die Sonne gehe, bekomme ich gleich Flecken“, sagt Melita Soldo zu ihrer Nachbarin. „Ist das bei Ihnen auch so?“ Die 52-Jährige sitzt, ganz in rot gekleidet, drei Teilnehmerinnen weiter rechts neben Frau von Bauer. Sie hat ihre Chemotherapie halb geschafft. Oft leiden Krebspatientinnen wegen der Bestrahlung unter trockener Haut. Rote Flecken tauchen im Gesicht auf, die Ränder unter den Augen werden dunkler und im Laufe der Zeit fallen die Haare aus. Gerade auch der Verlust der Augenbrauen ist für viele eine besondere Belastung, da sie jedem Gesicht den individuellen Charakter verleihen.  

„In dieser schweren Zeit wünschen sich die Frauen wieder ein Stück Normalität zurück“, sagt Verena Schlegel. „Da kann eine gute Lippenstiftfarbe oft Wunder wirken“. Für sie ist es das Wichtigste, dass sich die Frauen nach dem Seminar wieder etwas wohler in ihrer Haut fühlen und die Tipps auch im Alltag einfach umsetzen können.

Foto: Eine Frau hält eine Flasche Makeup in der Hand

„Bevor wir mit dem Schminken starten, müssen wir erst einmal unser Gesicht reinigen“, sagt die Kosmetikerin. „Immer von der Mitte nach Außen kreisen.“ Frau von Bauer schaut zunächst zu, was ihre Nachbarinnen machen. Ein Schmunzeln geht durch die Runde. Wann schminkt man sich schon mitten am Tag ab, und dann auch noch unter Fremden? Doch als die ersten Frauen den Schminkspiegel ein Stückchen näher an sich heranziehen und loslegen, greift auch Frau von Bauer zum Wattebausch.

Danach hebt die Kosmetikerin eine kleine Sprühdose empor. „Ist der Kopf einmal zu heiß, können wir uns einfach mit ein bisschen Thermalwasser erfrischen“. Melita Soldos zarte Finger mit den roten Nägeln suchen das kleine Fläschchen. Wie vielen hat es auch ihr am meisten zu schaffen gemacht, als ihr die Haare ausgingen. „Ohne Augenbrauen und Wimpern fehlt einfach etwas im Gesicht“, sagt sie. Für sie war es das Wichtigste, in der schwierigen Zeit nicht den Mut zu verlieren. „Man muss sich auch ab und an auf die Schippe nehmen und eine Familie haben wie ich, die einen bedingungslos unterstützt“, sagt sie. Ihr heutiges Outfit ist farbenfroh, ganz in Kirschrot. „Das habe ich nie aufgegeben, genauso wie das Schminken“, sagt sie. „Aber die Augenbrauen habe ich nie hinbekommen.“

Eine Frau in rot sitzt vor einem Schminkspiegel und lächelt

Verena Schlegel bittet Melita Soldo darum, nach vorne zu kommen. Alle Blicke gehen über die Schminkspiegel hinweg zu den beiden Frauen. Die Kosmetikerin misst den richtigen Abstand von Pupille zu Gesichtsmitte ab und fängt an, die Augenbrauenlinie mit einem leichten Braunton auszumalen. Frau Soldo blinzelt in die Gruppe. „Mensch, sehen Sie gut aus“, raunt es durch den Raum. Die Teilnehmerinnen sind vom Ergebnis verblüfft. Zurück am eigenen Platz, versucht sich Soldo gleich an ihrer zweiten Braue und Kosmetikerin Schlegel assistiert jeder, die es auch einmal versuchen möchten.

Foto: Eine Frau sitzt auf einem Stuhl, eine zweite Frau misst ihre Augenbraue aus
Foto: Eine Frau sitzt vor einem Schminkspiegel, eine zweite steht neben ihr und erklärt ihr etwas
Eine Frau sitzt am Tisch, hält einen Pinsel in der Hand und lacht

„Na wie läuft es bei dir, Oma?“

Katrin Eichler, Ärztin in der Radiologie Abteilung der Klinik, kommt durch die Tür und lehnt sich hinter Frau von Bauer an das Fenster. „Wenn ich das jetzt jeden Tag mache, muss ich ja noch eine Stunde früher aufstehen“, gluckst diese. Die Frauen kennen sich schon lange. Sie sind zwar nicht miteinander verwandt, nennen sich aber trotzdem liebevoll „Oma“ und „Beuteenkelin“. Frau von Bauer zieht den Kittel ihrer Freundin ein bisschen näher an sich heran und deutet auf die Schminkutensilien: „Schau dir all die tollen Produkte an. Da brauche ich ja ein größeres Bad.“

Eine Frau beugt sich zu einer zweiten Frau, die sich gerade schminkt

Die Menschen schminken sich, seit es sie gibt. Ob als Kriegsbemalung, zur Verführung, um als Katze am Karneval oder mit frischem Teint im Büro, beim Schminken geht es vor allem eines: sich gut zu fühlen. Und das merkt man der Gruppe in den zwei Stunden schnell an. „Die Teilnehmerinnen motivieren sich in den Seminaren der DKMS LIFE schnell von alleine, da jeder eine rasche Veränderung sieht“ sagt Schlegel.

Zum Ende hin sind die Lippen dran. Die Kosmetikerin macht es bei einer Teilnehmerin vor. Erst pinselt sie ein Herz auf die Mundmitte, dann malt sie den Rest aus. „Nicht drüber hinaus“, warnt sie. „Wir zeichnen die Lippen nie größer oder kleiner als sie sind!“ Auch Soldo hat einen tiefroten Lippenstift gewählt. „Meine Kollegen werden staunen, wenn ich gleich in die Arbeit komme“, sagt sie. „Die wussten ja nicht, auf was für einem Termin ich bin.“

Eine Frau schminkt sich die Lippen

Auch Frau von Bauer muss los. Bei dem ganzen Trubel ist sie heute gar nicht zum Kochen gekommen. Nudeln mit Käse überbacken soll es geben. Trotz Krankheit koche sie immer noch für die ganze Familie, sagt sie. Beim Aufstehen wirft sie noch einen Blick in den Spiegel. Sie hat einen dezenten rosa Lippenstift gewählt, ihr Teint ist ganz frisch. „Oder du gehst gleich ins Café Keese und reißt noch ein paar Jungs auf, Oma“, sagt ihre Beuteenkelin Frau Eichler. Frau von Bauer lacht und nimmt ihren Stock in die eine und ihre neue Schminktasche in die andere Hand. „Da würdest du staunen“, sagt sie.

Info

  • Veranstalter ist die gemeinnützige Organisation DKMS LIFE, eine Tochtergesellschaft der DKMS (ehemals Deutsche Knochenmarkspenderdatei), die es sich mit dem Patientinnenprogramm look good feel better zur Aufgabe gemacht hat, Krebspatientinnen zu einem lebensbejahenden Umgang mit den Folgen der Krebstherapie zu ermutigen.
  • Die Kosmetikprodukte werden alle von verschiedenen Kosmetikfirmen gespendet. Der Inhalt im Beutel, den jede Teilnehmerin am Anfang ausgehändigt bekommt liegt bei ca. 150 Euro.
  • Im Jahr werden ca. 1,500 Kosmetikseminare angeboten. Hier findest Du die aktuelle Seminarliste.
  • Als Soziallotterie setzen auch wir uns für Menschen mit schweren Erkrankungen ein. Bisher konnten wir die DKMS LIFE noch nicht fördern, finden das Konzept, Krebspatientinnen in der schweren Zeit der Krankheit zu einer positiven Selbstwahrnehmung zu ermutigen, sehr schön. Vielen Dank für diesen wichtigen Einsatz!

Mutmacher

Autorin

Franziska Grillmeier

Fotograf

Jan Ehlers

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