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Therapeuten auf vier Pfoten

Wo menschliche Kommunikation und Kontaktaufnahme mit dementiell Erkrankten an ihre Grenzen stoßen, können Hunde Brücken bauen. Das Projekt „4 Pfoten für Sie“ bereitet Vierbeiner und ihre Halter auf diesen ganz besonderen Einsatz vor.

Für Silvana ist es ein Schlüsselmoment: Als ihr Mischlingshund Fritz beim Demenz-Café ihrer Tante auf den Schoß einer älteren Dame springt, fängt diese plötzlich an zu reden und erzählt dem kleinen Fritz aus ihrem Leben. „Zu diesem Zeitpunkt hatte die Dame seit drei Monaten nicht mehr gesprochen. Kein ja, kein nein. Nichts“, erinnert sich Silvana. „Und plötzlich hält sie meinem Hund einen ganzen Monolog in fließenden, klaren Sätzen.“ Danach ist die Entscheidung schnell getroffen: Die Krankenschwester möchte sich und Fritz zum Besuchshunde-Team für Menschen mit Demenz ausbilden lassen.

Silvana und ihr Mischlingshund üben die Situation, mit einer Frau im Rollstuhl in den Aufzug zu steigen.

Heute steht Silvana also mit ihrem kleinen Mischlingsrüden beim Workshop in Köln-Bergheim und muss sich im Rollenspiel beweisen: Die 30-Jährige soll mit Hund an der Leine und einer Teilnehmerin, die in einem Rollstuhl Platz genommen hat, in einen schmalen Aufzug steigen – eine Situation, wie sie bei einem späteren Besuch bei einem Demenzpatienten tatsächlich eintreten könnte. „Wichtig ist hier, dass die Leine lang genug ist“, erklärt Kursleiter Atze. Das Duo meistert die Aufgabe mit Bravour.

Eine Teilnehmerin des Qualifikationskurses schmust mit ihrem Hund, der sich auf den Rücken gerollt hat.

Die Hemmschwelle überwinden

Insgesamt 45 Stunden dauert die Kompaktschulung, an der in diesem Jahr neben Silvana noch 21 weitere Freiwillige teilnehmen. Heute findet das dritte von vier Qualifizierungs-Wochenenden statt – es ist der erste Praxistag mit Hund! „Wir bereiten vor allem die Halter gut auf das Thema Demenz vor“, erklärt Änne Türke, Projektleiterin von „4 Pfoten für Sie“. An den ersten Wochenenden sprechen deshalb zunächst Experten über das Krankheitsbild sowie die Kommunikation und den Umgang mit Erkrankten. „Ein Hund geht ohne Vorbehalte auf Menschen zu. Es interessiert ihn nicht, ob jemand krank ist“, weiß die engagierte Sozialarbeiterin. „In der Regel sind es die Menschen, die eine Hemmschwelle gegenüber Demenzerkrankten haben. Je besser wir sie vorbereiten, umso sicherer sind sie – und das überträgt sich auch auf den Hund.“ Wichtig ist Türke, dass die Ehrenamtlichen keine Angst haben, etwas falsch zu machen. „Sie lernen bei uns, dass ihr Engagement ein richtig schönes ist, denn sie dürfen Freude bringen.“

Woche der Demenz

Die „Allianz für Menschen mit Demenz“ des Bundesfamilienministeriums ruft 2018 zum vierten Mal die „Woche der Demenz“ aus – diesmal unter dem Motto „Demenz: dabei und mittendrin“. Auch wir die Deutsche Fernsehlotterie ist wieder als Partner an Bord.

Vor neun Jahren gründete die Alexianer GmbH Köln den ehrenamtlichen Besuchshundedienst. Die Idee stammt von Änne Türke: „Ich habe lange als Altenpflegerin gearbeitet“, erzählt die 43-Jährige. Ihre Hündin begleitete sie damals schon in ihrem Job. „Dass Tiere bei Menschen mit Demenz etwas Besonderes bewegen, war für mich kein neues Thema. Doch es selbst zu erleben, war etwas anderes. Da wusste ich: Wir müssen daraus etwas machen!“ Inzwischen erreicht das niedrigschwellige Angebot Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen nicht mehr nur in Köln, sondern auch im Rhein-Erft-Kreis, Rhein-Siegen-Kreis, in Krefeld und Hamburg.

Eine Teilnehmerin des Qualifikationskurses mit ihrem Hund.
Eine Teilnehmerin des Qualifikationskurses mit ihrem Hund.

Ein Anker in einer Welt, die immer fremder wird

Bedingt durch den zunehmenden Verlust der kognitiven Fähigkeiten leben viele an Demenz Erkrankte früher oder später in ihrer eigenen Welt. Für Betreuende und Angehörige sind dann insbesondere die Einschränkungen in der Kommunikation und die Schwierigkeiten beim Zugang zu den Betroffenen belastend. „Ein vierbeiniger Therapeut kann da ein Türöffner sein“, weiß Türke. „Insbesondere, wenn die Person früher selbst einen Hund hatte oder auch einfach nur eine Affinität zu Tieren.“

Tigerdackel Kurti beim Qualifikationstraining in Köln.

Ein Hund erfüllt die ganz ursprüngliche Sehnsucht nach Nähe, Wärme, Trost und Zärtlichkeit und löst gleichzeitig den Wunsch nach Fürsorge und Pflege aus. Gemeinsames Spazierengehen, Füttern, Bürsten oder Spielen geben den Betroffenen das Gefühl, gebraucht zu werden, regen Erinnerungen an, unterstützen die Motorik und fördern die (Sinnes-)Wahrnehmungen. Der Hund kann so zum Anker werden, in einer Welt, die immer fremder wird.

Aber auch für die Angehörigen ist diese eine Stunde in der Woche, in der der Besuch stattfindet, ein Fixpunkt: Sie gibt ihnen die Möglichkeit, durchzuatmen, sich den eigenen Bedürfnissen zu widmen – und wenn nötig auch ihre Sorgen loszuwerden. „Wir schulen unsere Ehrenamtlichen auch darin, dass sie ein Gefühl dafür entwickeln: Wie geht es Angehörigen zu Hause? Was haben sie möglicherweise für Belastungen?“, sagt Türke.  „Es ist wichtig, dass sie wissen, wo es weitere Hilfen hier im Kreis gibt und diese Information weitergeben können.“

Ein Hund, der am Kurs teilnimmt, liegt in der Sonne neben seiner Halterin.

Glück verdoppelt sich, wenn man es teilt

Im Hof trainieren die Freiwilligen nun für den obligatorischen Hundeführerschein, den sie für ihren Einsatz als Mensch-Hund-Besuchsteam brauchen. Die Aufgabe: ein Spaziergang, bei dem der Hund bei Fuß geht. Das Hindernis: duftende Leckerlies die für Ablenkung auf dem Weg sorgen. Gerade absolviert Alfred mit seinem Hund Kalle den Parcours. Der fünfjährige Golden Retriever hat das Futter zwar gewittert, bleibt seinem Herrchen aber dennoch treu bei Fuß. „Kalle macht das super“, freut sich Alfred und wuschelt dem Rüden durchs Fell. „Dass er als Besuchshund geeignet ist, habe ich schon bei meinem Schwiegervater, der auch an Demenz erkrankt ist, gemerkt. Ich habe gesehen, was ein Hund bewirken kann. Deshalb bin ich heute hier. Und weil ich davon überzeugt bin, dass das Ehrenamt eine Aufgabe ist, die jeder einmal übernehmen sollte“, betont der 59-Jährige. „Und wenn ich mit meinem Hund einem Menschen Freude bereiten kann – dann macht auch mich das glücklich.

Kursteilnehmer Alfred mit seinem Golden Retriever Kalle.

Info

  • Der Hunde-Besuchsdienst „4 Pfoten für Sie“ richtet sich an Menschen mit Demenz, die sich (wieder) über eine Begegnung mit Hunden freuen würden. Alle Hunde sind auf Ihre Eignung für den Besuchsdienst von einem zertifizierten Hundetrainer getestet worden und ihre Besitzer haben einen Schulungskurs zum „Begleiter für Menschen mit Demenz“ absolviert.
  • Auch nach der Ausbildung werden die Ehrenamtlichen bei „4 Pfoten für Sie“ in ihrem Engagement unterstützt: Es finden regelmäßige Reflexionsgespräche in den Gruppen statt, außerdem gibt es die Möglichkeit an Fortbildungsveranstaltungen teilzunehmen.
  • Mithilfe von Hunden Abwechslung in das Leben von Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen zu bringen ist eine tolle Idee! Wir freuen uns, dass wir mit unserer Förderung des Qualifizierungsworkshops dazu beitragen konnten, dieses freiwillige Engagement für Menschen mit Demenz und ihre Angehörige zu unterstützen.

Mutmacher

Autorin

Katharina Hofmann

Fotograf

Jan Ehlers

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