„Wir müssen gemeinsam Wege beschreiten“

Ein Mann der Tat: Bürgermeister Stefan Sternberg will seine Stadt Grabow für alle Generationen attraktiv und lebenswert gestalten – und so dem demografischen Wandel trotzen. Wie das funktionieren kann, erzählte er uns im Interview.

Eine Stadt, in der Jung und Alt miteinander lebt – darum kämpft Stefan Sternberg. Der 32-Jährige ist seit 2013 Bürgermeister der mecklenburgischen Kleinstadt Grabow. Und ein echtes Grabower Kind: „Ich wohne schon mein ganzes Leben hier“, sagt er. Für „seine Stadt“ krempelt Sternberg – der vor seiner Karriere im Rathaus eine Ausbildung zum Herrenausstatter absolviert hat – nur zu gern die Ärmel seines Maßanzuges hoch. Im Interview mit der Deutschen Fernsehlotterie erzählt der engagierte Politiker, welche Erfolge er bereits vorweisen kann und welche Herausforderungen Grabow in Zeiten des demografischen Wandels noch bevorstehen.

Herr Sternberg, wenn Sie durch ihre Stadt Grabow spazieren – was sehen Sie dann?

Ich sehe wunderschöne, sanierte Fachwerkhäuser und Menschen, die ich schon fast mein Leben lang kenne. Es ist ein bisschen wie im Disney-Film „Die Schöne und das Biest“: Am Anfang besingt Belle darin ihre Stadt und die Bewohner. Da denke ich immer: Das könnte Grabow sein! Mit dem Bäcker am Marktplatz, von dem man schon morgens durch die Scheibe mit einem Winken begrüßt wird.

Was macht Ihre Stadt für Jung und Alt lebenswert?

Zum einen hat Grabow eine sehr interessante Lage für Pendler – genau zwischen den Metropolen Hamburg und Berlin. Andererseits haben wir landschaftlich viel zu bieten: Grabow grenzt an ein großes Waldgebiet, die Altstadt liegt auf einer Insel, die von Wasser umgeben ist. Als kleine Stadt im Grünen verbinden wir den ländlichen Raum und das städtische Leben miteinander.

Kommen wir vom Landschaftlichen zum sozialen Miteinander: Was ist für Sie das Fundament eines funktionierenden Gemeinwesens?

Ich finde es wichtig, über die Generationen hinweg miteinander zu reden. Es ist ein großer gesellschaftlicher Fehler, wenn man Menschen in eine Schublade steckt: Das sind die Jungen, das sind die Alten. Nein, wir müssen gemeinsam Wege beschreiten. Im gegenseitigen zuhören sind wir in Grabow mittlerweile ziemlich gut. Da schließen sich die Senioren der Volkssolidarität beim weihnachtlichen Dekorieren mit den Jungen des Jugendhauses zusammen – oder ältere vom Tanztee bringen Schülern die richtigen Schritte für den Abschlussball bei. Für dieses Miteinander steht Grabow.

Dennoch steht auch Grabow der demografische Wandel bevor. Welche Angebote gibt es hier für das selbstbestimmte Leben im hohen Alter?

Die Volkssolidarität habe ich ja bereits erwähnt: Das sind sich selbst verwaltende Senioren, die miteinander Fahrten organisieren und füreinander da sind. Sie sind in Grabow ein richtiger Motor. Wir unterstützen sie mit gemeinsamen Veranstaltungen. Letztes Jahr haben wir unser altes Schützenhaus neu eröffnet. Bei einem Besuch im Pflegeheim sprach mich eine ältere Bürgerin an: ‚Herr Sternberg, in dem Schützenhaus habe ich schon vor 70 Jahren mit meinem Mann getanzt. Ich würde es gern noch einmal sehen.‘ Das habe ich mir zu Herzen genommen, mir die Parteien an den Schreibtisch geholt und eine Veranstaltung organisiert. Das war ein voller Erfolg: Über 250 Senioren aus den Einrichtungen waren da. Wir achten bei den Veranstaltungen in unserer Stadt insgesamt darauf, dass es eine gute Mischung ist: Mal gibt es eine plattdeutsche Lesung für die Älteren, aber genauso auch eine „Black and White“-Party für die jungen Leute.

Sie setzen vermehrt auf die Verjüngung der Stadt. Welche Argumente und Angebote haben Sie für junge Menschen – abgesehen von der vorteilhaften Lage zum Pendeln?

Ganz aktuelles Thema für uns ist es, lukrative Bauplätze zu schaffen. An der Elde entsteht derzeit ein neuer Stadtteil, der am Wasser und in der Nähe vom Grünen liegt. Wir haben zudem ein Begrüßungsgeld für Neugeborene eingeführt. Und ein sogenanntes Kinder-Bau-Geld: Das heißt, wenn junge Familien ein Grundstück kaufen und dann bauen, bekommen sie pro Kind einen Zuschuss. Und wenn sie innerhalb von drei Jahren noch ein oder zwei Kinder bekommen, haben sie auch für diese nachträglich Anspruch auf das Geld. Außerdem legen wir viel Wert auf den Inklusionsgedanken, haben gerade eine Kita neu gebaut, die über verschiedene Fördermittelgeber mit einem Fahrstuhl und Therapieräumen ausgestattet werden konnte. Mir ist es wichtig, dass man benachteiligten Kindern einen Raum in unserer Mitte gibt, damit ein gemeinsames Miteinander noch mehr möglich ist.

Gleichzeitig ist Ihnen aber auch wichtig, Jung und Alt zusammen zu bringen. Gibt es da ein weiteres Beispiel über die genannten Veranstaltungen hinaus, wie das Wir-Gefühl in Grabow gestärkt wird?

Wir haben zum Beispiel ein riesiges Schwimmbad, das sehr aufwändig saniert wurde. Denn es gab die Kritik, dass ältere Bürger dort nicht schwimmen gehen konnten, da das Wasser zu kühl war. Also haben wir ein Blockheizkraftwerg angeschafft und mittlerweile sind die Becken durchgehend bei 23 Grad. Nun können auch Senioren jederzeit schwimmen gehen. Nicht nur im Hochsommer ist das Bad nun ein wichtiger gesellschaftlicher Treffpunkt für Jung und Alt: Man sitzt am Beckenrand und tauscht sich aus, der Bürgermeister schwimmt vorbei. Die Tochter bringt das Enkelkind mit. Es ist ein buntes Miteinander aller Generationen.

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Hand aufs Herz – es kann ja nicht alles perfekt sein. Wo hakt es denn noch?

Viele kleine Gemeinden haben große Finanzierungsprobleme. Man braucht aber Geld, um die soziale Infrastruktur aufrecht zu erhalten. Da ist die Frustration bei ehrenamtlichen Gemeindevertretern schon mal groß, wenn am Ende im Haushalt der Gemeinde nicht mal mehr fünf Euro für ein Paket Kaffee für die Senioren-Weihnachtsfeier übrig ist. Wir sind jeden Tag auf dieses soziale, ehrenamtliche Engagement angewiesen. Das ist unser Rückgrat. Dem muss unsere Gesellschaft mehr Aufmerksamkeit widmen. Das heißt nicht nur über das Ehrenamt reden, sondern Möglichkeiten schaffen, wie das Ehrenamt es auch leisten kann.

Welchen Rat würden Sie anderen Bürgermeistern geben?

Ich möchte keine Ratschläge geben, sondern kann nur sagen, wie ich es mache: Ich versuche nicht nur Grabow zu sehen, sondern über den Tellerrand hinaus zu blicken. Ich muss nicht viel Neues entwickeln, sondern es gibt viele tolle Beispiele in Deutschland, die man in abgewandelter Form auch für sich nutzen kann. Ein langjähriger Minister hat einmal zu mir gesagt: Wir sind alle Diener des Volkes. Ich sehe mich als Geschäftsführer eines Unternehmens, das den Auftrag hat, das Leben für seine Bürger noch viel, viel besser zu machen. Das ist meine Mission.

Eines Ihrer Projekte ist Grabow 2020. Zudem beteiligen Sie sich an dem Forschungsprojekt „Demografiewerkstatt Kommunen“. Vor welchen demografischen Herausforderungen steht Grabow konkret?

Wir haben eine überalterte Bevölkerung. Gerade nach der Wende sind viele junge Menschen gegangen, weil es weder Arbeit noch Ausbildungsplätze gab. Das ist natürlich eine große Herausforderung. Aber daran arbeiten wir ja schon. Grabow 2020 hat vor dreieinhalb  Jahren angefangen. Da haben wir uns gefragt: Was brauchen wir, um Grabow stabil zu halten? Was brauchen wir, um für die Gemeinden ein guter sozialer Dienstleister zu sein? Sprich: Haben wir ein ausreichendes Angebot an Kita-Betreuung, genug integrative Plätze, ein gutes Angebot für Senioren-Betreuung? All das sind Dinge, über die wir uns Gedanken machen. Stück für Stück versuchen wir nun, Einzelteile aus diesem umfangreichen Projekt umzusetzen.

Was bedeutet Grabow 2020 konkret für das soziale Miteinander in der Stadt?

Ein tolles, praktisches Beispiel: Wir hatten am Marktplatz einen Schlachter, der nach 45 Jahren sein Geschäft schließen musste. Und plötzlich war der Marktplatz, das Herz der Stadt, vollkommen leer. Aber diese Tradition darf nicht kaputtgehen, ein Stadtzentrum mit Bäckerei, Schlachter, Apotheke, Blumenladen und Kiosk – das muss erhalten bleiben. Mit einem Agrarbetrieb aus der Region haben wir schließlich einen tollen Partner gefunden, der mit Unterstützung des pensionierten Schlachters das Geschäft wieder eröffnet hat. Und der Marktplatz ist am Wochenende proppenvoll! Es gibt einen Satz, der steht in Grabow an einem Fachwerkhaus: Das Alte verwalten, das Neue gestalten. Der passt doch perfekt darauf.

Welche Impulse erhoffen Sie sich von der Demografiewerkstatt Kommunen?

Mich interessiert vor allem, wie andere an das Thema herangehen. Es geht ja nicht nur uns so, nicht nur kleinen Städten und Gemeinden. Der Ballungsraum Dortmund ist zum Beispiel ebenfalls ein DWK-Projekt. Vergleiche zu ziehen ist immer schwierig. Aber ich denke, dass das auch gar nicht wichtig ist. Für mich ist interessant: Wie machen DIE das? Und: Ist das, was im Großen klappt, vielleicht auch in etwas modifizierter Form auch im Kleinen möglich?

Die Fernsehlotterie setzt auf das soziale Miteinander, will Solidarität fördern. Welche Rolle spielen denn mögliche Förderungen von der Fernsehlotterie zum Beispiel bei der Verwirklichung von sozialen Projekten?

Die Fernsehlotterie ist eine ganz wichtige Einrichtung, die meiner Meinung nach einen großen gesellschaftlichen Auftrag hat. Trotz der klaren Richtung, in die es gehen soll, ist es bei der Fernsehlotterie sehr offen gehalten, wie das soziale Projekt genau aussieht. Es wird Raum für Kreativität gelassen. Das finde ich wichtig und großartig.

Welches sind die Erfolgskriterien von Grabow?

Unser Erfolgsprojekt ist ganz klar Grabow 2020. Darin enthalten sind viele kleine Projekte. So haben wir im Moment großen Erfolg mit der nachhaltigen Stadtsanierung. Da sanieren wir nicht nur einfach alte Fachwerkhäuser, sondern versuchen Wohnraum zu schaffen, der generationsübergreifendes Wohnen ermöglicht. Das heißt konkret: Ich möchte Häuser, in denen im Erdgeschoss eine barrierearme Wohnung ist, im Mittelgeschoss eine Wohnung für eine Familie und im Obergeschoss eine bezahlbare Jugendwohnung. Eben Häuser, die alle Generationen unter einem Dach vereinen. Und nicht die Jungen dort, wo das Leben spielt und die Alten in einer Einrichtung am Stadtrand parkt. Wichtig sind in diesem Zusammenhang auch unsere vielen, generationsübergreifenden Projekte. Und natürlich kreative Fördermittelgeber, die uns unterstützen. Denn alleine würden wir das nie schaffen. Das letzte absolute Erfolgskriterium ist eine Bevölkerung, die mitmacht und Spaß daran hat.

Zu Anfang habe ich Sie gefragt, was Sie sehen, wenn Sie durch Grabow spazieren. Würde ich Ihnen diese Frage 2020 stellen, also in drei Jahren – welche Antwort würden Sie mir gern geben?

Das Sie in eine Stadt kommen, die pulsiert und lebt. Denn das ist die große Aufgabe.