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„Der demografische Wandel birgt auch Chancen“

Seit Start der Demografiewerkstatt Kommunen im April 2016 wird das Projekt
von Expertenteams begleitet. Im Gespräch mit der Deutschen Fernsehlotterie zieht Prof. Dr. Christoph Strünck, Direktor des Instituts für Gerontologie der TU Dortmund, eine erste Zwischenbilanz.

Über einen Zeitraum von fünf Jahren begleitet das Institut für Gerontologie der TU Dortmund die teilnehmenden Gemeinden, Städte und Landkreise (Emsland, Vrees, Ditmarschen, Saarbrücken, Düren, Adorf, Riesa, Dortmund und Grabow) der Demografiewerkstatt Kommunen dabei, konkrete Handlungsansätze für den demografischen Wandel zu entwickeln. Die Deutsche Fernsehlotterie sprach mit Institutsdirektor Prof. Dr. Christoph Strünck über die größten Herausforderungen und erste, spannende Handlungsansätze.

Herr Prof. Dr. Strünck, wie unterstützt die TU Dortmund die Demografiewerkstatt Kommune konkret?
Zum einen in der Rolle des neutralen Beobachters. Wir sind nicht direkt an der Umsetzung der Maßnahmen beteiligt – gestalten müssen ja die Kommunen. Als Begleiter erfassen wir die Rahmenbedingungen in den Kommunen, schauen uns an, welche Prozesse angeschoben werden können und versuchen diese zu unterstützen und zu evaluieren.  Zusätzlich fungieren wir als Impulsgeber und speisen wissenschaftliches Know-How ein.

Das heißt, die Kommunen stehen über Sie auch im Austausch miteinander?
Ja, über die Rückkopplung der Ergebnisse findet auch ein Erfahrungsaustausch statt. Auf dieser Basis entwickeln die Kommunen ihre Konzepte dann weiter. Es gibt regelmäßige Telefonkonferenzen und auch Treffen vor Ort. Ab und zu kommen auf Veranstaltungen dann alle acht Kommunen zusammen. Das ist ein sehr anspruchsvoller, fortlaufender Prozess.

Vor welchen zentralen Herausforderungen stehen die in der Demografiewerkstatt untersuchten Kommunen durch den demografischen Wandel im Allgemeinen?
Vor sehr unterschiedlichen. Was zeigt, dass selbst ähnliche Regionen nicht unbedingt in gleicher Weise betroffen sind. Ein konkretes Beispiel: Der Landkreis Emsland wächst. Allerdings altert die Bevölkerung dort relativ schnell und die wichtige Gruppe der 18- bis 25-Jährigen zieht weg. Andere Voraussetzungen bringt der Kreis Dithmarschen mit: Er schrumpft deutlich. Was alle Kommunen vereint, ist, dass sie altern. Daher sind gesundheitliche Versorgung und Mobilität häufig die größten Herausforderungen.

 

Bundesland: Niedersachsen

Einwohnerzahl: 317.659 (Stand 30.06.2016)

Fläche: 2.882,04 km²

Bevölkerungsdichte: 109,6 Einwohner/-innen je km²

Das Emsland ist ein wachsender Landkreis, dessen Bevölkerung jedoch schnell altert. Zudem ziehen die 18- bis 25-Jährigen fort. Herausforderungen sind daher: Fachkräftemangel; Mobilität; Sicherung der Attraktivität der dörflichen Gemeinschaft (insbes. auch für junge Menschen) auch mit Einrichtungen der Nahversorgung und Dienstleistungen; Seniorengerechtes Wohnen und Leben; Erhalt der Bildungseinrichtungen; z.T. Mängel in der fachärztlichen Versorgung im ländlichen Raum; Ehrenamt braucht Hauptamt

Bundesland: Niedersachsen

Einwohnerzahl: 1.842 (Stand 20.04.2016)

Fläche: 37,56 km²

Bevölkerungsdichte: 48,75 Einwohner/-innen je km²

Die Gemeinde Vrees verzeichnet keine Abwanderung der jungen Bevölkerung, aber eine generelle Alterung der Bevölkerung. Sei zeichnet sich durch ein hohes Maß an Eigeninitiative, viel ehrenamtlichem Engagement, einem intensiven Bürgerdialog und einer sehr starken Dorfgemeinschaft aus. Im Bundeswettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ gewann die Gemeinde aktuell Gold.

Lösungsansätze: „Multifunktionshaus für Jung und Alt“, „Altwerden in Vrees“, weitere Arbeitsgruppen

Bundesland: Schleswig-Holstein

Einwohnerzahl: 132.668 (Stand 30.06.2015)

Fläche: 1.405 km²

Bevölkerungsdichte: 94 Einwohner/-innen je km²

Der Kreis Dithmarschen zeichnet sich durch einen Bevölkerungsrückgang – insbesondere Bildungsmigration junger Menschen – und Alterung der Bevölkerung aus. Die Herausforderungen sind: hohe Arbeitslosigkeit und Fachkräftemangel, sowie Schwierigkeit eigenen Fachkräftenachwuchs zu generieren; (Nah-)Versorgung und Mobilität im ländlichen Raum; Versorgungsengpässe in der hausärztlichen Versorgung (Wiederbesetzungsprobleme); periphere Lage als struktureller Nachteil (Hamburg als Konkurrenz); Wohnraum für Ältere und Gefahr steigender Leerstände im Außenbereich der Städte und Gemeinden; überdurchschnittlich ausgeprägte stationäre Versorgungsquoten in der Pflege

Strategien: Fachkräftemangel durch Zuwanderung abmildern; Zugewanderte zunächst in der Region halten durch Austauschformate, in denen alteingesessene Bürger/innen und neu Zugewanderte miteinander ins Gespräch gebracht werden, um gemeinsam zu erarbeiten, was es für ein gutes und gemeinsames Leben im Kreis braucht und wie dies gestaltet werden kann.

Bundesland: Saarland

Einwohnerzahl: 325.604 (Stand 31.12.2014)

Fläche: 410,64 km²

Bevölkerungsdichte: 793 Einwohner/-innen je km²

Der Regionalverband Saarbrücken befindet sich in einem Schrumpfungsprozess, gleichzeitig altert die Bevölkerung (junge Altersstruktur in Stadtteilen mit sozialer Problemlage). Die Region ist zudem finanzschwach, Herausforderungen im Handlungsfeld ältere Menschen sind nicht finanziert und die aktive Gestaltung des demografischen Wandels aufgrund fehlender Finanzierung daher erschwert. Herausforderungen sind daher: Fehlen nachhaltiger und belastbarer quartiersnaher Versorgungsangebote für ältere Menschen; trotz Überschuldung Schaffung von Voraussetzungen, um jüngere Menschen in der Region zu halten; Sensibilisierungsarbeit in der Politik erforderlich zur Relevanz des Themas „Pflege und Versorgung im Alter“

Worin liegen die strukturellen Gründe für Herausforderungen wie fehlende Einkaufsmöglichkeiten und Ärztemangel?
Die großen Einzelhändler kalkulieren sehr klar, wie viel Bevölkerungsdichte sie brauchen, um Geschäfte zu betreiben. Viele Einzelhändler ziehen aus ländlichen Gebieten ab, ausbetriebswirtschaftlichen Erwägungen, die ja auch legitim sind. Für jüngere Ärztinnen und Ärzte sind die ländlichen Gebiete ebenfalls nicht so attraktiv – aus anderen Gründen: Es wird immer anspruchsvoller als Hausarzt die Bevölkerung in mehreren, kleinen Gemeinden zu versorgen. Anspruchsvolle Arbeitszeiten und Hausbesuche erschweren die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Daraus resultieren eine Überversorgung von niedergelassenen Ärzten in der Stadt und eine klare Unterversorgung in vielen ländlichen Gebieten, auch von Fachärzten.

Die Herausforderungen des demografischen Wandels haben ja nicht nur mit fehlender Infrastruktur zu tun, sondern auch mit neuen Bedürfnissen der Senioren oder veränderte Familienstrukturen. Welche gesellschaftlichen Entwicklungen beeinflussen den demografischen Wandel?
Im engeren Sinne hängt der demografische Wandel von Geburtenrate, Sterberate und Migration ab. Aber es gibt natürlich noch andere Einflüsse. Zum Beispiel besteht in vielen Schichten eine erhöhte berufliche Mobilität. Menschen sind bereit, für Arbeitsplätze wegzuziehen. Das bedeutet, dass die Entfernung zwischen familiären Generationen vergrößert und die Großeltern nicht unbedingt in der Nähe ihrer Kinder und Enkelkinder leben. Auch ein wichtiger Punkt ist, dass wir einen besseren durchschnittlichen Gesundheitszustand haben, was wiederum die Alterung beeinflusst. Und dann gibt es gerade in der mittleren Generation, vor allem bei den Frauen, eine Sandwich-Belastung. Das heißt, dass nach wie vor die Frauen – auch berufstätige – sich zusätzlich noch um die Kinder kümmern. Und ab einem bestimmten Alter auch verstärkt um die (Schwieger-)Eltern.

Und andersrum gefragt: Wie beeinflusst der Demografische Wandel das soziale Miteinander?
Wir werden weniger, älter und bunter. Das hat sicherlich verschiedene Konsequenzen für das soziale Miteinander: Wenn die jüngere Generation aus einigen ländlichen Gebieten fast geschlossen wegzieht, dann bleiben nicht einfach nur weniger Menschen zurück, sondern vor allem ältere Menschen. In diesen Regionen muss das Miteinander noch mal neu organisiert werden, damit es überhaupt funktionieren kann. Andererseits haben wir eine relative gesunde Großelterngeneration, die bei einigen als Betreuungsinstanz hinzugezogen wird. Das beeinflusst das Miteinander der Generation und den Austausch im positiven Sinne. Bunter werden wir nicht nur in Städten durch Einwanderung, sondern auch in ländlichen Regionen. Da ist die große Herausforderung, ein stärkeres gegenseitiges Verständnis für unterschiedliche Kulturen und Werte zu entwickeln und das auch mit gegenseitiger Wertschätzung zu verbinden.

Inwiefern unterscheiden sich die Herausforderungen in kleinen Städten und Dörfern von denen in Großstädten wie Berlin oder Hamburg?
Ein Unterschied, der ständig genannt wird, ist der von wachsenden Städten und schrumpfenden Dörfern. Aber das stimmt so nicht, denn einige Städte schrumpfen, während es zahlreiche ländliche Regionen gibt, die wachsen. Dennoch gibt es einige generelle Unterschiede.
Selbst in den Großstädten, denen es finanziell nicht gut geht, ist die Infrastruktur einfacher aufrecht zu erhalten, in kleineren Städten und Dörfern ist es dagegen wesentlich schwieriger. Auch sind die Möglichkeiten der kleineren Verwaltungen dort begrenzt. Andererseits lassen sich konkrete Projekte in kleinen Gemeinden häufig schneller umsetzen. Unterschiede liegen manchmal auch im Detail. Sowohl Großstädte als auch ländliche Regionen haben starke ehrenamtliche Strukturen. Doch im Dorf kennt man sich untereinander, dadurch ist freiwilliges Engagement dort sehr verlässlich. Zugezogene treffen auf feste Strukturen, was es manchmal auch schwieriger für sie macht, sich zu beteiligen. In Städten ist das etwas aufgelockerter und Zugezogene kommen einfacher ins freiwillige Engagement hinein.

Ist die Kreativität in den Städten dadurch größer?
In Städten ist die Möglichkeit zumindest viel größer, dass sich eine Vielzahl an kleinen Gruppen und Initiativen für sich bilden. In Gemeinden ist der Anspruch und die Notwendigkeit da, sich zusammen zu tun. Kreative Lösungsansätze finden sich überall. Letztlich kommt es aber auf die Überzeugungskraft und das Engagement der Verantwortlichen vor Ort an.

 

Bundesland: Nordrhein-Westfalen

Einwohnerzahl: 259.073

Fläche: 941,37 km²

Bevölkerungsdichte: 89.024 Einwohner/innen je km²

Herausforderungen: Alterung der Bevölkerung; Rückgang des Anteils junger Menschen (u.a. rückläufige Schülerzahlen); ländlicher Flächenkreis mit vielen kleinen Kommunen; Sicherstellung der Nahversorgung und hausärztlichen Versorgung im ländlichen Raum; steigende Kosten; Hohe SGB II-Quote / Hohe Ausgaben für soziale Transferleistungen; Ausbau barrierefreien Wohnraums, ambulanter Pflege und dezentraler Tagespflegeangebote erforderlich, um „ambulant vor stationär“ zu gewährleisten; Ehrenamt braucht Hauptamt; Entwicklung einer „Gesamtstrategie“ zu den Herausforderungen des demografischen Wandels

Bundesland: Sachsen

Einwohnerzahl: 5.084 (12/ 2015)

Fläche: 42,8 km²

Bevölkerungsdichte: 120 Einwohner/-innen je km²

Herausforderungen: Demografische Beben der Wende; Abwanderung der Jugend; hoher Anteil kleiner Haushalte, niedrige Löhne, niedrige Kaufkraft, schwierige finanzielle Situation; fehlende Innenstadtbelebung; fehlende Attraktivität für Unternehmen (keine Gewerbeflächen, ungünstige Verkehrsanbindung); hohes Alter der Hausärzte; Fokus auf: Ärztemangel, Attraktivität des Stadtkerns fördern, Bürgerbus, Jugendbeteiligung, Stärkung Ehrenamt

Strategien: Einführung eines Bürgerbusses, um Ortsteile, die vom öffentlichen Personennahverkehr abgekoppelt waren, wieder näher an die Stadt und die weiteren öffentlichen Verkehrsmittel anzubinden. Mehrere vogtländische Städte praktizieren dieses Modell seit März 2017. Getragen wird der Bürgerbus vom Bürgerbus Vogtland e.V. In der Praxis ruht das Modell voll auf den Schultern ehrenamtlicher Fahrer.

Haus der Musik: Wiederbelebung eines alten Gebäudes (ehemaliges Gefängnis) als Treffpunkt für Vertreter unterschiedlicher Musikrichtungen (zum Auftreten und Proben)

Bundesland: Sachsen

Einwohnerzahl: 31.569 (Stand 12/2015)

Fläche: 58,83 km²

Bevölkerungsdichte: 534 (12/2013, Stat. Landesamt Sachsen) Einwohner/-innen je km²

Herausforderungen: Strukturwandel mit starkem Wegzug und starker Alterung; fehlende Nachwuchskräfte in der Wirtschaft; schwieriges Verhältnis zwischen Verwaltung und Teilen der Politik; fehlende Anbindung an Autobahn; unzureichende Anzahl Bauplätze für junge Familien;  aber: Verhältnismäßig gute wirtschaftliche Lage; ausgeprägte kulturelle Vielfalt als Standortfakor

Die Stadt Riesa steht ganz am Anfang der Auseinandersetzung mit dem demografischen Wandel. Strategien sind: Beratung bei der internen Organisation innerhalb der Verwaltung und Ressourcenabschätzung; Identifikation möglicher Handlungsfelder, Adressat/innen und Multiplikator/innen; Mögliche Handlungsfelder: Akteursvernetzung, Ehrenamt, Familienfreundlichkeit, Förderberatung

Bundesland: Nordrhein-Westfalen

Einwohnerzahl: 596.575 (31.12.2015)

Fläche: 280 km²

Bevölkerungsdichte: 2130 Einwohner/-innen je km²

Herausforderungen: Strukturwandel im großstädtischen Ballungsraum; Strukturelle Arbeitslosigkeit in bildungsfernen Schichten; Unzureichendes Angebot von barrierefreiem Wohnraum (besonders für einkommensschwache BürgerInnen); Soziale Ungleichheit in bestimmten Stadtbezirken/ aufgrund der Größe der Stadt kein gesamtstädtischer Ansatz; Konzentration auf vier unterschiedliche Quartiere/ Besonderheiten: Stadtratsbeschluss vorhanden, ressortübergreifende Lenkungsgruppe eingesetzt; Konzentration auf altersgerechte Quartiersentwicklung; Handlungsfelder: Wohnen, Teilhabe, Mobilität, Wohnumfeld, soziale Infrastruktur und Nahversorgung; Beteiligungsformate auf Quartiersebene in Planung

Bundesland: Mecklenburg-Vorpommern

Einwohnerzahl: 5.842

Fläche: 72,08 km²

Bevölkerungsdichte: 81 Einwohner/innen je km²

Herausforderungen der Stadt Grabow als Verwaltungssitz des Amtes Grabow: stark eingeschränkter ÖPNV im Amtsbereich (fehlende Anbindung der Dörfer); unzureichende medizinische Versorgung, zukünftig fehlende Pflegeplätze; unzureichende Barrierefreiheit/-armut in Stadtkern Grabow (Fachwerkstadt), v.a. Bildungsabwanderung; Alterung der Bevölkerung

Strategien: Bürgerbusse; Medizinisches Versorgungszentren; Schaffung von Wohnraum für alle Generationen im Innenstadtbereich; Unternehmensansiedlung

Die Stadtverwaltung ist bereit unkonventionelle Wege zu gehen: z.B. für ein für die Region wichtiger Schlachter am Markt geht in Ruhestand, es wird kein Nachfolger gefunden also kauft die Stadt das Haus, saniert es komplett und überarbeitet das Konzept. Jetzt gibt es einen neuen Schlachter sowie eine Art Biobauernmarkt, der Menschen aus der Region wieder anzieht. Auch Nachbarläden (Bäcker, Blumenladen etc.) werden dadurch wieder stärker frequentiert, die Innenstadt ist wieder belebt.

Gibt es Gemeinsamkeit zwischen Stadt und Land?
Bestimmte Trends treffen sie gleichermaßen. Zum Beispiel die Veränderung von Familienstrukturen und Werten, die damit verbunden sind. Auch beim freiwilligen Engagement gibt es den Trend, dass immer noch viele Menschen bereit sind, sich zu engagieren. Aber die Menschen sind weniger bereit, dauerhaft eine bestimmte Organisation zu unterstützen. Und das macht es vor allem den ehrenamtlichen Organisationen schwer, die eine lange Tradition haben. Konkret ist das zum Beispiel die Freiwillige Feuerwehr. Ihr fällt es in einigen Regionen sehr schwer Nachwuchs zu finden, weil die Menschen – und damit auch die Kinder – sich eher punktuell engagieren. Dieses Problem betrifft in erster Linie die kleinen Gemeinden, die keine Berufsfeuerwehr haben. Das betrifft durchaus auch Städte, zumindest jene, die keine Berufsfeuerwehr haben.

Beim Thema demografischer Wandel liest man vor allem über Probleme und Herausforderungen. Birgt er aber auch Chancen für die Kommunen?
Ich sehe eine ganze Reihe von Chancen! Grundsätzlich schon mal die, dass man sich dieser Herausforderung bewusst wird und überlegt: Was können wir tun? Dass man ganz konkret über Infrastruktur nachdenkt und darüber, wie Menschen bis ins Alter gut und selbstbestimmt wohnen können, ohne zu vereinsamen. Zudem bringen mehr ältere Menschen auch die Chance mit, ihre Erfahrungen und Ressourcen im Rahmen freiwilligen Engagements zu nutzen. Städte und Gemeinden können ihre eigene Kreatitivität neu entdecken, wenn sie sich bewusst mit dem demografischen Wandel beschäftigen.

Mit welchen Strategien und Ideen begegnen die ländlichen Gemeinden den Herausforderungen? Welche Ansätze bei der Arbeit in der Demografiewerkstatt Kommune haben Ihnen besonders gefallen?
Es gibt einige sehr bemerkenswerte. Nur ein Beispiel: Die Gemeinde Vrees im niedersächsischen Kreis Emsland mit knapp 2000 Einwohnern ist sehr aktiv, hat die Herausforderungen des demografischen Wandels frühzeitig erkannt und konsequent gegengesteuert. Die kleine Gemeinde verfügt über 800 Arbeitsplätze und ihre Bevölkerungszahl hat sich in den letzten 35 Jahren nahezu verdoppelt. Die Gemeinde ist mit ihren Aktivitäten so erfolgreich, dass der Bevölkerungszuzug kontinuierlich weiter wächst und auch junge Menschen dort bleiben beziehungsweise dorthin zurückkehren. Zurzeit werden die Bauflächen knapp. Vrees erlebte einen gravierenden Strukturwandel von der Landwirtschaft zum Gewerbe. Ein hervorzuhebendes Engagement ist „Altwerden in Vrees“: Nachdem einzelne Bürger die Gemeinde verlassen mussten, um in einer Pflegeeinrichtung außerhalb des Dorfes versorgt zu werden, wird nun alles daran gesetzt, dass dies nicht mehr geschieht: Älteren Menschen soll auch zukünftig ein selbstbestimmtes Altern in Würde innerhalb der Gemeinde ermöglicht werden. Es wurde zudem ein Multifunktionshaus für Jung und Alt gebaut, um dort ganz gezielt die Generationen zusammen zu bringen. Das Haus ist auch offen für einen testweisen Einsatz von Assistenz-Technologien in den Bereichen Pflege, Gesundheit und Alltag. Es gibt ein Jugendzentrum, eine Eltern-Kind-Gruppe, Tagesbetreuung für Ältere, eine Bibliothek, Vereinsräume, Tagungsräume und eine Art Mini-Mensa, wo man essen kann. Auch die Flüchtlingshilfe findet dort statt.

Stellen sich die Strategien in der Stadt anders dar?
Hier ist vor allem die Verkehrsinfrastruktur ein nicht so drängendes Thema. Aber Mobilität heißt ja auch, dass Menschen motiviert werden, sich überhaupt zu bewegen und rauszugehen, um anderen zu begegnen. Das ist in der Stadt auch eine Herausforderung. Als große Stadt steht Dortmund als Teilnehmerin der Demografie-Werkstatt vor der besonderen Herausforderung, dass  die Situation in den Stadtteilen völlig unterschiedlich ist. Hier geht es unter anderem um Menschen, die im Alter auch finanzielle Probleme haben und denen es nicht leichtfällt, am kulturellen Leben teilzunehmen.

Welche Rolle spielen die Sozialverbände bei der Bewältigung demografischer Herausforderungen?
Eine sehr große. Sie sind im gesamten Bereich des Sozialsektors häufig die wichtigsten Träger. Das fängt an bei den Kitas über Ganztagsangeboten von Schulen bis hin zu einer ganze Reihe von gesundheitlichen Einrichtungen: Krankenhäuser, ambulante Pflege, Pflegeheime oder auch Seniorentreffs. Sie organisieren auch den Bereich des Ehrenamts stark mit. Und sie sind selbst vom demografischen Wandel betroffen. Im Pflege-Bereich zum Beispiel gibt es ein immer größeres Problem, Menschen zu finden, die dort arbeiten wollen. Die Sozialverbände müssen zusehen, wie sie auf Dauer den Bedarf an Arbeitskräften sichern können – vor allem in den Regionen, in denen es immer schwieriger wird, gesundheitliche Versorgung aufrecht zu erhalten.

Und welche Rolle spielt ehrenamtliches Engagement der Bürger selbst?
Viele Herausforderungen, die mit dem demografischen Wandel zusammenhängen, können nur mit Hilfe ehrenamtlichen Engagements gemeistert werden. Zum Beispiel im Bereich Mobilität und Nahversorgung: Wenn in einem Dorf der letzte Supermarkt schließt, tun sich die Bürger zusammen und erhalten die Nahversorgung durch einen genossenschaftlichen Dorfladen aufrecht. Oder sie organisieren dort, wo kein offizieller Verkehrsbund mehr hinfährt, ehrenamtliche Bürger-Busse. Das alles sind wesentliche Elemente, auf die es ankommen wird, wie gut und wie erfolgreich man den demografischen Wandel vor Ort gestalten kann.