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Papa hat Krebs: Paten für ein schweres Schicksal

Krebserkrankungen eines Elternteils sind für Familien eine harte Prüfung. Das DRK-Projekt „Leben mit Krebs… und Kindern!“ stellt Betroffenen kostenfrei ehrenamtliche Kinderpaten zur Seite. Dank ihnen können Kinder die schwere Krankheit von Mama oder Papa für einen Augenblick vergessen.

Der Krebs ist für Lian* vor allem ein lustiges Tier, und noch keine schwere Diagnose. Aber der drei Jahre alte Junge hat schon verstanden, dass sein Vater krank ist: „Er sagt dazu: ‚Der Papa hat ein Aua im Bauch’“, erzählt Erika.

Die siebzig Jahre alte Rentnerin aus der Nähe von Itzehoe in Schleswig-Holstein holt Lian jeden Donnerstag von der Kita ab. „Wir lesen Bücher und spielen mit seinen geliebten Autos, die sind ganz wichtig.“ Sie bleibt etwa zwei Stunden bei ihm, bis sein Papa von der wöchentlichen Chemotherapie oder seine Mutter von der Arbeit nach Hause kommt.

Familien mit Krebs: Kinderpaten für ein schweres Schicksal

Erika ist Lians ehrenamtliche Kinderpatin, vermittelt vom Projekt „Leben mit Krebs… und Kindern!“, das vom Deutschen Roten Kreuz in Schleswig-Holstein vor bald drei Jahren gestartet wurde. Bisher sind in den Landkreisen Steinburg, Plöner Land und Neumünster meistens Frauen als Kinderpatinnen im Einsatz, Männer sind aber herzlich willkommen.

Seit der Diagnose Krebs steht der Familienalltag Kopf

Claudia aus Glückstadt ist Lians zweite ehrenamtliche Kinderpatin. Mit ihren 49 Jahren ist sie selbst noch berufstätig, aber mittwochs hat sie rechtzeitig frei, um „den Lütten“ abzuholen. Bei gutem Wetter gehen sie auf den Spielplatz, zum Toben. Dinge, die vor der Krebserkrankung sein Papa mit ihm gemacht hat. „Es dauerte schon etwas, bis er sich an uns beide gewöhnt hat, wir waren ja Fremde für ihn“, erzählt die Altenpflegerin und zweifache Mutter. „Aber mittlerweile springt er einem in der Kita schon freudig entgegen.“

Familien mit Krebs: Kind und Pate auf der Schaukel

Gemeinsam unterstützen die beiden Frauen seit Oktober vergangenen Jahres die kleine Familie, damit trotz der Diagnose Krebs der Alltag funktioniert: Denn Lians Vater benötigt Ruhe und seine Mutter braucht täglich zwei Stunden allein für den Arbeitsweg. „Das macht den Alltag mit der Krankheit für diese Familie besonders kompliziert“, sagt Trine Meulengracht, Leiterin des Projekts „Leben mit Krebs… und Kindern!“.

Auszeiten sind wichtig für alle Beteiligten

Gerade in der ersten Phase seien die Familien zusätzlich zum Gefühlschaos und der körperlichen Belastung plötzlich mit organisatorischen Problemen überfordert, sagt Meulengracht.

Die Kinder sollen trotz der schwierigen Situation eine unbeschwerte Zeit haben können. Es darf alles zur Sprache kommen, auch der Tod.
Trine Meulengracht, Projektleiterin „Leben mit Krebs… und Kindern!"

Das Kinderpaten-Projekt soll den betroffenen Eltern kurze Verschnaufpausen ermöglichen und den Therapieplan entzerren. Für deren psychologische Beratung sind die Patinnen jedoch nicht zuständig, dafür seien die angeleiteten DRK-Selbsthilfegruppen viel besser geeignet.

„Vor allem geht es uns um die Kinder“, betont Meulengracht. „Sie sollen trotz der schwierigen Situation eine unbeschwerte Zeit haben können.“ Ältere Kinder finden in ihren Paten offene und geduldige Gesprächspartner, sagt die Projektleiterin. „Es darf alles zur Sprache kommen, auch der Tod.“

Familien mit Krebs: Projektleiterin Trine Meulengracht

Damit sie auf die Fragen der Kinder vorbereitet sind, werden die ehrenamtlichen Paten intensiv geschult und eng begleitet. „Eine Psychotherapeutin mit Schwerpunkt Kinder krebskranker Eltern erklärt in einer Fortbildung, wie man am besten über die Krankheit von Mama oder Papa sprechen kann“, sagt Meulengracht. Im Willkommenspaket für neue Kinderpaten seien außerdem Bücher für jede Altersstufe, die Krebserkrankungen besser begreifbar machen.

Krebs soll kein Tabuthema sein

„Ich habe mich sehr gut vorbereitet gefühlt auf alle Situationen, die kommen könnten“, sagt Claudia. Für Erika sind Krebserkrankungen auch kein gesellschaftliches Tabuthema mehr. „In unserem Alter kennt fast jeder jemanden, der davon betroffen ist oder war.“ Sie findet es wichtig, möglichst offen damit umzugehen. „Ich frage auch Lians Vater, wie es ihm geht und wir reden kurz über die Therapie.“

Für manche Familien ist die Vorstellung, über ihre Erkrankung zu sprechen, besonders schwierig. „Es gibt Eltern, die sich nicht trauen, den eigenen Kindern vom Krebs zu erzählen. Aber wir empfehlen, die Kinder zu informieren, denn sie spüren schon, dass etwas anders ist“, sagt Meulengracht.

In unserem Alter kennt fast jeder jemanden, der von Krebs betroffen ist oder war.
Claudia, ehrenamtliche Kinderpatin bei „Leben mit Krebs… und Kindern!"

Die Klinik im Kreis Steinburg leistet hervorragende Informationsarbeit, findet Meulengrachts Kollegin Gerda Drzonek, die das Projekt koordiniert. „Die betroffenen Eltern werden schon im Krankenhaus direkt auf unser Kinderpaten-Angebot angesprochen.“ Aber es kann schwierig sein, Hilfe von Außen anzunehmen – die Hemmschwelle ist groß: „Es dauert manchmal Monate, bis Familien diesen Schritt wagen. Aber wenn sie es gemacht haben, sind sie für die Unterstützung sehr dankbar“, erklärt Meulengracht.

An den Abschied wollen die Patinnen nicht denken

Sobald eine Familie einen Kinderpaten wünscht, fährt Meulengracht hin und überlegt, welche Patin passen könnte. „Wir haben zum Beispiel einem Mädchen, das gerne reitet, eine leidenschaftliche Reiterin als Kinderpatin zur Seite gestellt.“ Auch den Bedarf klärt sie und verdeutlicht, dass der Betreuungsvertrag nur vier Monate laufen wird, höchstens für vier Stunden pro Woche. Wenn alle Seiten das wollen, kann dieser noch einmal für weitere vier Monate verlängert werden, dann ist Schluss.

Familien mit Krebs: Holzfigur von Mutter und Kind

Da manche Familien auch danach noch Hilfe brauchen, rät sie den Eltern, sich parallel schon um die weitere Betreuung zu kümmern. Die Kinder würden meist sehr gut verstehen, dass ihre Patin nun in einer neuen Familie dringend gebraucht wird.

„Das Projekt ist ein mittelfristiges Angebot, die Arbeit nur ehrenamtlich. Deshalb wollen wir gern vermeiden, dass zwischen den Patinnen und den Kindern eine zu enge Bindung entsteht“, sagt Meulengracht. Das war auch Erikas vier Enkelkindern wichtig. „Ich musste ihnen versichern, dass Lian zu mir nicht Oma, sondern Erika sagt“, erzählt sie lächelnd.

Claudia freut sich über das Hier und Jetzt: „Wir verbringen eine fröhliche Zeit zusammen und es ist ein gutes Gefühl, die Familie für eine Weile ehrenamtlich zu unterstützen.“

Über "Leben mit Krebs… und Kindern!"

  • Das Deutsche Rote Kreuz vermittelt in Schleswig-Holstein seit dem Frühjahr 2015 Kinderpaten an Familien, in denen ein Elternteil an Krebs erkrankt ist. Das Angebot gibt es momentan in den Landkreisen Steinburg, Plöner Land und Neumünster.
  • Eltern können maximal vier kostenfreie Betreuungsstunden pro Woche für maximal acht Monate beim Kinderpaten-Projekt beantragen. Wertvolle Zeit, die Eltern für Behandlungstermine und Erholung nutzen können – und ihre Kinder für Spiel und Spaß.
  • Alle Paten müssen ein erweitertes Führungszeugnis vorlegen, emotional stabil sein und werden psychologisch geschult, bevor sie in Familien helfen. Die bisher jüngste Patin ist 18 Jahre alt, die älteste bereits 75 Jahre. Auch Männer sind herzlich willkommen.
  • Ein tolles Projekt mit Vorbildcharakter (die DRK-Projektleitung hat u.a. einen detaillierten Leitfaden für andere DRK-Landesverbände erstellt), das auch dank der 85.900 Euro Förderung durch die Deutsche Fernsehlotterie realisiert werden konnte.

*Lian heißt in Wahrheit anders. Sein Name ist der Redaktion bekannt, wurde zum Schutz seiner Privatsphäre aber geändert.

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