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„Ohne meine Mutter hätten wir nicht überlebt“

Im Kölner Erzählcafé begegnen Schülerinnen und Schüler Überlebenden des Nationalsozialismus und erfahren, was ihnen kein Schulbuch vermitteln kann.

Seit vielen Jahren treffen sich in den Begegnungscafés des Bundesverbands Information & Beratung für NS-Verfolgte e.V. an den Standorten Köln, Düsseldorf und Recklinghausen regelmäßig Überlebende in geschütztem Rahmen. Mehrmals im Jahr öffnen sich die Cafés auch für Gäste, um einen wichtigen Beitrag gegen das Vergessen zu leisten. Ins Kölner Café sind diesmal zwei Schulklassen gekommen, um etwas über die fatalen Folgen von Antisemitismus und Rechtsradikalismus zu lernen, wie es ihnen kein Schulbuch vermitteln kann – im direkten Austausch mit einem Überlebenden des Nationalsozialismus.

Foto: Junge und alte Menschen sitzen an einem Tisch, ein älterer Mann in der Mitte spricht

An den runden Café-Tischen kommen Jung und Alt schnell ins Gespräch. Auch an diesem Nachmittag hat sich einer der Zeitzeugen bereiterklärt, seine Überlebensgeschichte in der großen Runde zu teilen. Als Eugeniy Kuznetsow zu sprechen beginnt, wird es still im Raum. Bei den einen kommen schmerzliche Erinnerungen hoch. Für die anderen wird das unfassbare Grauen des Holocausts plötzlich anfassbar.

Flucht in letzter Sekunde

Aufrecht steht Eugeniy da, als er zu erzählen beginnt, die Stimme ruhig und kraftvoll. „Ich war sieben Jahre alt, als der Krieg angefangen hat“, erinnert sich der 85-Jährige. Vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs war er in Artemowsk in der Ostukraine in bescheidenem Wohlstand aufgewachsen. Für sein Überleben war die Flucht aus Artemowsk entscheidend. „Mit Dank erinnere ich mich an meine mutige Mutter Sima. Hätte sie es nicht geschafft, uns aus der Stadt zu bringen, hätten wir nicht überlebt“, erzählt Eugeniy. Als das Deutsche Reich im Juni 1941 die Sowjetunion überfiel, kämpfte Eugeniys Vater bereits an der Front. Von dort schrieb er der Mutter immer wieder, dass sie mit Eugeniy und seinem jüngeren Bruder Waleriy unbedingt die Stadt verlassen müsse. Zudem häuften sich Berichte über die Gräueltaten der Deutschen, von Flüchtlingen, die aus bereits besetzten Gebieten nach Artemowsk kamen. „Meine Mutter ging mit den Papieren darüber, dass mein Vater in der Roten Armee war, zu allen möglichen Behörden, um unsere Evakuierung zu erwirken. Doch die Beamten vertrösteten sie und wir bekamen nicht die Chance uns einer der Evakuierungsmaßnahmen anzuschließen“, erzählt Eugeniy. Auch der Versuch, die Stadt mit zwei Pferden und einem Fuhrwerk zu verlassen, scheiterte. Indes wurde die Situation in Artemowsk immer gefährlicher.

Foto: Eugenyi Kuznetsow steht im Erzähl-Café und spricht.

Erst kurz vor dem Einmarsch der Wehrmacht, als bereits Aufklärungsflugzeuge über der Stadt kreisten, fand Eugeniys Mutter endlich einen Ausweg. Sie begegnete zufällig einem Mann, der ein Auto besaß und sich gegen Bezahlung von Geld und etwas Essen darauf einließ, die Familie mit seinem Ladewagen Richtung Osten zu bringen. So gelang es der Familie in letzter Sekunde zu fliehen und ihr Leben zu retten. „Ohne meine Mutter wären mein Bruder und ich, mein Onkel, dessen Frau und ihr Vater nicht mehr am Leben“, dessen ist sich Eugeniy sicher. Im Oktober 1941 eroberten die Deutschen Artemowsk und töteten nahezu alle jüdischen Einwohner der Stadt, indem sie die Männer, Frauen und Kinder bei lebendigem Leib in einem Stollen einmauerten.

Foto: Ein älterer Mann steht in einem großen Raum voller Menschen und hält ein Mikrofon in der Hand und spricht
Foto: Junge und ältere Menschen sitzen an einem Tisch, hören zu und schauen betroffen
Foto: Ein älterer Mann hält einen Zettel in der Hand

Der Holocaust wurde nicht nur in den Konzentrationslagern verübt

Eugeniy und seine Familie hatte ihre Flucht bis nach Sibirien geführt. „Was gab ihnen auf der Flucht Halt? Ein Kuscheltier vielleicht?“, fragt Karina, eine Schülerin, die heute am Erzähl-Café teilnimmt, betreten. „Wir haben gar nicht daran gedacht, dass wir einen emotionalen Halt brauchen“, antwortet Eugeniy. „Wir hatten solchen Hunger. Wir brauchten etwas zu essen. Damit waren wir alle beschäftigt.“ Erst Ende 1944 kehrte Eugeniy mit seiner Familie zurück nach Artemowsk. Dort mussten sie feststellen, was sie bereits befürchtet hatten. „Nicht nur die Stadt sondern auch unser Haus waren zerstört. Alle zurückgebliebenen Familienmitglieder sind ermordet worden“, erinnert sich Eugeniy.

Foto: Eine junge Frau sitzt am Tisch mit einem Mikrofon in der Hand und schaut fragend

Das grausame Verbrechen, das die Deutschen an Eugeniys Familie als Teil der jüdischen Bevölkerung von Artemowsk verübten, verdeutlicht eindrücklich, was Karina und ihre Mitschülerinnen und Mitschüler zuvor im Geschichtsunterricht besprochen haben: Der Holocaust wurde nicht nur in den Konzentrationslagern verübt. 1,5 Millionen Menschen sind direkt vor Ort in verlassenen Gebäuden, Tälern oder Schluchten ermordet worden.

Leben im „Land der Täter“

Heute lebt Eugeniy in Recklinghausen. Ob die Entscheidung schwer für ihn gewesen sei, nach Deutschland, ins „Land der Täter“, zu ziehen, möchte ein Schüler wissen. „Die Entscheidung war sehr, sehr schwer. Ich hatte große Angst“, meint Eugeniy. Doch als sein Sohn 1990 entschied, nach Deutschland auszuwandern, weil er in der Sowjetunion für sich keine Perspektive sah, sei klar gewesen, dass die Familie mitkommt. Damit zählten sie zu den sogenannten „jüdischen Kontingentflüchtlingen“[1], die in den 1990ern und Anfang der 2000er Jahre aus der Sowjetunion nach Deutschland migrierten.

„Ich konnte damals gar kein Deutsch und ich wusste auch gar nicht, dass es in Deutschland eine große jüdische Gemeinde gibt“, erinnert sich Eugeniy weiter. „Doch mein Sohn sagte, es wird alles gut, und er hatte Recht. Wir leben hier in Würde.“

Foto: Ein älterer Mann steht und lacht, ein junger Mann sitzt daneben und schaut ihn an.

Das Schweigen brechen – für die Folgegenerationen

Dennoch ist es auch für Eugeniys Sohn – und andere Nachfahren Verfolgter – nicht leicht, mit dem Trauma der Verfolgung durch die Nationalsozialisten in der eigenen Familienhistorie umzugehen. Wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass die Traumata der Holocaust-Überlebenden oftmals in den Folgegenerationen weiterwirken, sodass auch die Enkel noch unter diffusen Ängsten, Panikattacken oder Depressionen leiden können.[2] Deshalb setzt sich der Bundesverband Information & Beratung für NS-Verfolgte e.V. auch dafür ein, die nachfolgenden Generationen zu vernetzen, ihre Stimmen hörbar zu machen und ihnen bei Bedarf mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Neben der Beratungs- und Kontaktstelle in Köln gibt es dazu seit 2016 auch eine Online-Beratung. Das niedrigschwellige Angebot richtet sich an jene, die aufgrund ihrer Biografie der gesundheitlichen und/oder sozialen Hilfe bedürfen und die nicht persönlich in die Kontaktstelle kommen können oder anonym bleiben wollen.

Mein Großvater war ein schlechter Vater, mein Vater vielleicht irgendwann auch ein schlechter Sohn. Schuld daran ist nicht allein die Vergangenheit, sondern das Schweigen darüber.
Sabine Kray, Enkelin eines NS-Verfolgten, auf der Website des Bundesverbandes für NS-Verfolgte

Für viele ist zudem die Vernetzung über den Bundesverband und das Aufarbeiten der eigenen Familiengeschichte sehr wichtig. So auch für Sabine Kray, deren Großvater als Zwangsarbeiter mehrere Arbeits- und Arbeitserziehungslager überlebt hat. Wie in vielen Familien, brach erst Sabine, als Enkeltochter, das Schweigen und stellt Fragen zur Überlebensgeschichte ihres Großvaters. „Schweigend durch ein Leben zu gehen, an dessen Anfang eine solche Leidensgeschichte steht, ist für mich unvorstellbar“, so schreibt Sabine auf der Webseite des Bundesverbands.[3] Das jahrzehntelange Schweigen hatte für ihre Familie schwere Folgen. „Mein Großvater war ein schlechter Vater, mein Vater vielleicht irgendwann auch ein schlechter Sohn. Schuld daran ist nicht allein die Vergangenheit, sondern das Schweigen darüber“, ist Sabine überzeugt. Ihr Großvater konnte sein Trauma nie verarbeiten. Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte er deshalb in einer Psychatrie. Doch „er hatte nicht den Verstand verloren“, erklärt Sabine, „sondern die Kontrolle über die Erinnerungen an jene sechs Jahre, die er zwischen seinem 15. und 21. Lebensjahr in der Hölle verbracht hatte, nachdem fast seine gesamte Familie durch die Bomben der Deutschen ums Leben gekommen war.“ Für sie und auch für ihren Vater sei es sehr wichtig gewesen, dass sie anfing Fragen zu stellen und die Geschichte ihres Großvaters zu recherchieren, meint Sabine: „Meine Beziehung zu meinem Vater ist an der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit seines Vaters gewachsen.“

Foto: Zwei junge Frauen unterhalten sich mit zwei älteren Frauen am Tisch
Foto: Eine ältere Frau am Tisch zeigt mehreren Jugendlichen etwas auf einem Papier
Foto: Ein junger Mann unterhält sich mit einem älteren Mann.

Ob durch die eigene Familiengeschichte betroffen, oder nicht, für die junge Generation ist es wichtig, dass die noch lebenden Zeitzeugen ihre Überlebensgeschichten erzählen, findet Eugeniy. Dafür hat er im Bundesverband Information & Beratung für NS-Verfolgte e.V. einen passenden Ort gefunden. Der Bundesverband ist der einzige Verein in der Bundesrepublik, der die Interessen aller NS-Verfolgten vertritt. Dazu zählen neben den jüdischen Überlebenden unter anderem Sinti und Roma, Homosexuelle, politisch Verfolgte, Zwangsarbeiter*innen und Opfer der Militärjustiz.

Eugeniy schaut sich zufrieden im Café um. Seine Erzählung hat er beendet, und nun füllt sich der Raum wieder mit Stimmen: An acht Tischen sitzen Schülerinnen und Schüler mit Älteren zusammen und tauschen sich aus. „Ich möchte, dass die junge Generation unsere Geschichten kennt und politisch aktiv ist, auch um rechten Tendenzen entgegenzuwirken“, resümiert Eugeniy.

Info

  • Der Bundesverband Information & Beratung für NS-Verfolgte vertritt als einziger Verein in der Bundesrepublik die Interessen aller NS-Verfolgten. Mit Zeitzeug*innen-Projekten wie dem Erzählcafé trägt er dazu bei, die Erinnerung an die Shoah wach zu halten und bietet jungen Menschen im direkten Austausch mit den ehemals Verfolgten einen ganz persönlichen Zugang zur Geschichte der NS-Zeit. So leistet der Verein einen wichtigen Beitrag zur Prävention gegen Antisemitismus und Rechtsradikalismus.
  • Durch unsere Förderung von 60.000 Euro konnten wir einen wichtigen Teil dazu beitragen, die Online-Beratung für Nachkommen von NS-Verfolgten zu etablieren.

Dialog der Generationen

Autorin

Bebero Lehmann

Fotograf

Jan Ehlers

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