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Mein lieber Rollator, darf ich bitten?

Jede Woche trifft sich eine Gruppe Seniorinnen und Senioren zum Tanzen, Schlemmen und Lachen. Das Tanzcafé im Tanzstudio Yurita ist ein Angebot des Projekts „Älterwerden in der Grafschaft“, das 2019 mit dem Deutschen Nachbarschaftspreis ausgezeichnet wurde. Wir haben das Tanzfrühstück besucht und hatten Mühe, nicht selbst sofort die Hüften zu schwingen.

Tanzcafe mit Rollatortanz

Yurdakul Ersaracoglu, den alle beim Vornamen nennen, belegt noch schnell die letzten Teller für das Frühstücksbuffet mit Obst und Käse. Mit Hemd und Krawatte steht er hinter der Bar. „Zucker fehlt noch“, sagt Wilma Brang. „Den nehme ich gleich mit.“ Die 75-Jährige ist ehrenamtliche Mitarbeiterin der Nachbarschaftshilfe „Älterwerden in der Grafschaft mitgestalten“ und freut sich auf das Tanzfrühstück, das heute zum ersten Mal in Yurdakuls Tanzschule Yurita stattfindet. Der Tanzlehrer bringt den fehlenden Zucker mit einem Walzerschritt zu den zwei Tischen am Rande der Tanzfläche. Er wird die Gruppe, die allmählich aus dem Nieselregen zur Tür hereinkommt, gleich ordentlich in Bewegung bringen.

Rollator als Tanzpartner
Gemeinsam statt einsam. Eine Gruppe tanzt

Schon jetzt lachen die Damen und Herren, während sie dem quirligen Tanzlehrer durch den Saal wirbeln sehen. „Gleich geht’s los!“, ruft dieser in die Runde. „Aber noch nicht mit dem Frühstück!“ Der 62-Jährige ist nicht nur Profi-Balletttänzer, sondern hat auch eine Ausbildung zum Rollator-Tanz absolviert. „Da können wir jetzt gespannt sein“, sagt Wilma Brang, die sich auf einen der Stühle neben der 82-jährigen Margarete Will fallen lässt und ihr freudig die Hand tätschelt.

Yurdakul setzt sich auf den Stuhl gegenüber der Gruppe. Doch sein rotes Hemd bleibt nicht lange knitterfrei: Die Aufwärmübungen beginnen. Schon kreisen die Tanzpumps, Schlappen und Lackschuhe der Gruppe über den Boden. Schultern rollen, Hände schütteln sich und die Gruppe zählt im Takt immer lauter mit. „Damit werden wir ja 120!“, sagt Wilma Brang. Die blauen Kugeln ihrer Halskette hüpfen in die Höhe, obwohl sie noch immer auf dem Stuhl sitzt. Und die Gruppe lacht herzlich. „Mindestens!“

Tanzlehrer Yurdakul Ersaracoglu im Tanzstudio Yurita

Wie gut sich im Sitzen tanzen lässt, wird spätestens bei dem Lied „Das habe ich in Paris gelernt“ von Chris Howland klar, welches der Tanzlehrer auflegt, während die Gruppe weiter die Abläufe übt. Nach nur wenigen Minuten ist an diesem Mittwochmorgen eine ausgelassenere Stimmung im Yurita Tanzstudio, als bei vielen Abendveranstaltungen zu später Stunde. Einen Kaffee braucht hier keiner mehr, um in die Gänge zu kommen. Den soll es trotzdem gleich geben, doch davor teilt Yurdakul bunte Tücher an alle aus, die damit den Raum mit einem Schleier von Farben und noch mehr Bewegung füllen.

Füße fliegen in die Luft
Alle haben Spaß dabei
Alle haben Spaß beim tanzen im sitzen

Plötzlich werden die Teilnehmer im Raum ruhig. Ihr Blick folgt den Händen des Tanzlehrers, dessen Bewegungen die Gruppe scheinbar flink nachahmt. Nach den Tüchern holt Yurdakul noch eine große Pappbox aus der Ecke. „Man weiß ja gar nicht, auf was man sich als nächstes einstellen soll“, sagt Gerda Windhagen. Frau Will neben ihr klatscht in die Hände. Und aus den Musikboxen über der Gruppe singt Chris Howland: „Und wenn sie noch was lernen soll’n, dann kommen sie hier her. Hier zeigt man ihnen was sie woll’n und noch ein bisschen mehr!“

mit Tüchern
„Für mich ist es eine besondere Freude mit älteren Menschen zu tanzen. Da kommen ungeahnte Kräfte hervor.“
Yurdakul Ersaracoglu

Für Yurdakul Ersaracoglu ist es das Wichtigste, dass alle Teilnehmenden Spaß haben. Es geht ihm darum, dass Seniorinnen und Senioren das Selbstvertrauen in den eigenen Körper wiedererlangen und in Bewegung bleiben. „Für mich ist es eine besondere Freude mit älteren Menschen zu tanzen“, sagt er. „Da kommen ungeahnte Kräfte hervor.“

Mit Mikadostäben

Zurück auf der Tanzfläche schauen alle gespannt, was der Tanzlehrer mit den riesigen Mikado-Stäben macht, die er nach den Tüchern an alle verteilt hat. Langsam schlägt er mit ihnen auf den Stuhl, dann auf den Boden. „Und eins und zwei und drei und vier“, ruft er und nach nur wenigen Sekunden entsteht ein richtiger Marschrhythmus im Raum. Margarete Will rutscht ganz nach vorne auf ihrem Stuhl, um noch besseren Halt zu bekommen. Dann legt sie los. Nach nur kurzer Zeit zieht der Rhythmus der trommelnden Stäbe alle in den Bann. „Ich sehe, jetzt habt ihr Hunger“, ruft Yurdakul plötzlich. Die Gruppe lacht. „Das Frühstück habe ich ja ganz vergessen“, sagt Frau Will.

Zu den frischen Brötchen mit Johannisbeermarmelade, Kräuterfrischkäse und Aufschnitt sagt hier niemand Nein. Die Mikado-Stäbe verschwinden in der Box, die Stühle rücken um einen Tisch herum. Bald hat sich die Tanzrunde zu einem gemütlichen Frühstückstisch gewandelt. Teller werden beladen und dampfender Kaffee eingeschenkt. Und die 77-jährige Frau Windhagen erzählt, wie überrascht sie war, als ihr Mann zum ersten Mal mit ihr tanzen gehen wollte. Seitdem waren sie in verschiedenen Tanzschulen und natürlich auch bei Yurdakul, den sie zum Spaß sogar ihren Sohn nennen. Doch getanzt haben sie schon länger nicht mehr, bis sie von dem neuen Tanzcafé hörten. Frau Windhagen zeigt ihre rosa Tanzpumps unter dem Buffettisch. „Früher übten wir fast jeden Tag“, sagt sie. „Mein Mann ist sehr ehrgeizig“. Doch dann kam immer etwas dazwischen. Umso besser, dass es an diesem Morgen geklappt hat.

Für Frau Piazza, die jetzt bei Kaffee und Käsebrot neben ihrem Mann sitzt, braucht es das richtige Ambiente zum Tanzen. Für sie ist das Tanzstudio Yurita mit den dunkelroten Barhockern, den vielen bunten Gemälden und Fotos, dem großen Spiegel und der Diskokugel der beste Ort, um das Tanzbein zu schwingen.

Frühstücksbuffet

Lena Janssen hat die ganze erste Runde mitgetanzt. Sie ist die Projektleiterin von „Älterwerden in der Grafschaft mitgestalten“ und seit einem Jahr dabei, immer neue Projekte auf die Beine zu stellen. Mit Erfolg: Erst im Oktober wurde die Nachbarschaftshilfe als Landessieger des Bundeslandes Rheinland-Pfalz mit dem Deutschen Nachbarschaftspreis ausgezeichnet. „Da haben wir uns alle unglaublich gefreut und hoffen, dass wir die Initiative weiterhin erhalten können“, sagt Janssen. Für sie ist es das Schönste zu sehen, wenn auch bei älteren Menschen das Lebensgefühl erhalten bleibt und sie weiterhin im Dorfgeschehen eingebunden werden. Um das zu fördern, gibt es verschiedene Projekte, wie die Seniorensportgruppe, den Mittagstisch oder eine Spazierganggruppe. Doch Ehrenamtliche kümmern sich auch um die Einkäufe einzelner Seniorinnen und Senioren, spielen Karten, lesen vor oder schnippeln Gemüse für ein gemeinsames Mittagessen. Sie sind zur Stelle, wo Familie, Freunde oder Bekannte nicht mehr aushelfen können. Und übernehmen auch mal kleinere Reparaturen im Haus oder gehen mit den Seniorinnen und Senioren in die Natur.

geselliges Beisammensein
Menschen sitzen am Tisch

Nach einem Blick auf die Uhr leeren alle schnell ihre Teller und schieben die Stühle an die Wand. „Wie kann denn schon eine Stunde vergangen sein?“, fragt Lena Janssen ungläubig. „Tanzen ist leben“, antwortet Wilma Brang und stellt die Teller rasch aufeinander. Es geht in die Endrunde. Diesmal ohne Stuhl. Doch wer Unterstützung braucht, kann jederzeit einen Rollator zur Hand nehmen. Da gibt es deutlich schlechtere Tanzpartner! Nach dem Frühstück können vor allem die Männer der Runde nicht mehr still sitzen. Herr Windhagen schnappt gleich den Arm seiner Frau als der Walzer einsetzt und führt sie auf das Tanzparkett, auf dem Yurdakul mit seiner Partnerin schon über das Parkett wirbelt. Der Rest muss nicht einmal mehr aufgefordert werden, alle tanzen darauf los. Zum Schluss kommt die ganze Runde in einem Kreis zusammen und umarmt sich. Der Walzer verstummt und Tanzlehrer, Tänzerinnen und Tänzer verbeugen sich gleichzeitig vor der gemeinsamen Leistung. „Bis zum nächsten Mal“, sagt Yurdakul und alle klatschen freudig in die Hände. Selten ist ein verregneter Vormittag ausgelassener vergangen.

Info

  • Seit 2014 setzt sich „Älterwerden in der Grafschaft mitgestalten“ mit vielfältigen Angeboten für Selbstbestimmung im Alter ein. Unter dem Motto „Gemeinsam statt einsam” finden Mittagstische, Sportgruppen, ein Filmcafé, Spaziergruppen und verschiedene Tanzangebote.
  • Der Träger des Projektes ist der Caritasverband Rhein-Mosel-Ahr e.V. in Ahrweiler.
  • Ohne die vielen engagierten Haupt- und Ehrenamtlichen wäre das Projekt mit seinen Angeboten nicht möglich. Dafür möchten wir allen Beteiligten ganz herzlich danken! Wir freuen uns, dass auch wir mit einer Förderung von 68.469 Euro zur Realisierung der Veranstaltungen beitragen können.
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1 Kommentar

Blum Gaby (64 ) – 01.11.2019, 14:24 Uhr

Frage was kostet das und findet das regelmäßig statt?

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