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Miteinander geht durch den Magen. Wie Essen verbindet

Wir alle müssen essen. Es ist ein körperliches Grundbedürfnis jedes Menschen – und überlebensnotwendig. Für die psychische Gesundheit wiederum ist Gemeinschaftserleben – also Zugehörigkeit und Bindung, Freude und Wertschätzung – essenziell. In unserer Themenwoche „Aufgetischt“ nähern wir uns daher der Frage: Wie kann Essen Menschen verbinden?

„Liebe“ ist beim Kochen eine wichtige Komponente – sagte einer, der es wissen muss: Der französische Physiko-Chemiker Hervé This hat sich der Kochwissenschaft verschrieben, erforscht seit vielen Jahren die physikalischen Prozesse und chemischen Reaktionen beim Kochen. In einem Interview mit der Wirtschaftszeitung „Financial Times“ sagte er:

„Tatsache ist, dass es beim Kochen darum geht, Menschen eine Freude zu bereiten. […] Ich hatte zwei Großmütter. Eine machte leckeres Essen, sie war voller Liebe. Wir aßen kein Protein, keine Lipide, keine Glucose – wir aßen die Liebe meiner Großmutter. […] Beim Essen geht es auch um Beziehungen.“ [1]

Ayelet Barak Nahum, die an der Universität von Tel Aviv zum Thema „Kochen als Therapie“ forschte, bekräftig diese Aussage – und fügt eine weitere Komponente hinzu: Für andere zu kochen, so sagt sie in einem Interview mit der amerikanischen HuffPost, schaffe eine Bindung zueinander und könne daher eine sehr erfüllende und bedeutungsvolle Tat sein. [2] Erfüllend insbesondere für denjenigen, der durch das Kochen anderen etwas Gutes tut. Bedeutungsvoll für die, denen dieser altruistische Akt gewidmet ist – ob es die Enkelkinder sind, die, wie This die „Liebe“ aus dem Essen schmecken, Freunde oder Fremde. Weiter sagt die Wissenschaftlerin: „Es kann ein Mittel für soziale Akzeptanz bieten und ein Zugehörigkeitsgefühl zu einer Gemeinschaft schaffen.“ [3]

Themenwoche: Aufgetischt! Wie Essen verbindet.

„Aufgetischt! Wie Essen verbindet“ – unter diesem Motto steht unsere aktuelle Themenwoche. Vom 8.-12. Juni dreht sich auf unseren Social Media-Kanälen und in unserem Online-Magazin alles um Essen und Gemeinschaft:

  • Wir stellen euch soziale Projekte vor, bei denen das Miteinander durch den Magen geht.
  • Wir haben das Social-Startup Kuchentratsch besucht, das mit seiner Backstube für Omas und Opas ein Rezept gegen Geldnot und Einsamkeit gefunden hat.
  • Und Food-Blogger*innen verraten uns, welches ihre liebsten Rezepte für ein buntes Miteinander am Tisch sind.

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Tischgemeinschaft auf Augenhöhe: „Fratello Hamburg“

Auch Eva Barlösius, Professorin am Institut für Soziologie an der Universität Hannover, stellt fest, dass es neben der Mahlzeit „keine andere soziale Institution gibt, die in ähnlicher Weise Gleichheit, Gemeinschaft, Zugehörigkeit symbolisiert. Und keine andere Form der Vergemeinschaftung verbindet so stark wie die des gemeinsamen Tisches – man denke nur an die sagenhafte Tafelrunde des König Artus.“ [4]

Das verbindende Element der Tischgemeinschaft ist ein Ansatz, den auch das Projekt „Fratello Hamburg“ des Caritasverbandes für das Erzbistum Hamburg und der Katholischen Akademie Hamburg verfolgt. Es hat zum Ziel, Begegnungen und ein daraus einhergehendes gemeinschaftliches Handeln von Menschen aus unterschiedlichen, teils sehr gegensätzlichen gesellschaftlichen Milieus zu schaffen. Das Angebot ist für alle Menschen offen. Und so sitzen einmal monatlich alle Teilnehmenden – nach einer gemeinsamen Andacht – zusammen am Tisch. „Hier sitzen Ärzte neben Menschen, die nicht lesen können – und es spielt überhaupt keine Rolle“, sagt Projektkoordinatorin Beatrice Bossart. „Sie essen zusammen und tauschen sich aus.“

Damit will „Fratello Hamburg“ nicht nur die Teilhabe von wohnungslosen Menschen fördern, sondern auch Vorurteile und Berührungsängste abbauen. Denn diese bestehen nicht nur einseitig: „Die Menschen auf der Straße haben genauso Vorurteile“, weiß Bossart.

Ein Mann sitzt am Tisch und hält eine Mandarine in der Hand.
Eine Frau sitzt am Tisch und spricht

„Hier begegnet man sich auf Augenhöhe“, sagt auch Johannes, der regelmäßig bei „Fratello Hamburg“ dabei ist und selbst eine Zeit lang ohne Dach über dem Kopf war. Er hat es relativ schnell aus der Obdachlosigkeit geschafft – dank der Hilfe von Engagierten, die ihn gefördert und gefordert haben. Nun ist er selbst fest bei einer Tagesstätte für obdachlose Menschen tätig, steht fast jeden Morgen um 3:15 Uhr auf – und bereitet Frühstück vor. Bei der Zubereitung legt er Wert auf kleine Details. „Das Auge isst schließlich mit“, sagt der 58-Jährige. „Ich behandle unsere Gäste so, wie ich gern behandelt worden wäre – und wie ich zum Teil auch behandelt worden bin. Einfach mit Respekt.“

Erfahre mehr über „Fratello Hamburg“ in der Reportage: Obdachlos – aber nicht würdelos!

Kulturelle Vielfalt erleben mit „Über den Tellerrand“ und „Mobilitea“

Beim Projekt „Über den Tellerrand kochen“, das 2013 in Berlin aus einem Uniprojekt entstanden ist, kommen Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen nicht erst zum gemeinsamen Mahl zusammen, sondern schon vorher: Sie bereiten das Essen auch gemeinsam zu, was nicht nur das Miteinander fördert, sondern auch den kulturellen Austausch – und damit das Verständnis füreinander. „Kochen erinnert an die Heimat und gemeinsames Essen verbindet“, sagt Lisa Thaens, die „Über den Tellerrand kochen“ mitgegründet hat. Inzwischen hat der Verein ein bundesweites Netzwerk mit über 30 Regionalgruppen, die kulturelle Vielfalt erlebbar machen.

Erfahre mehr über das Projekt in der Reportage: „Gemeinsames Kochen verbindet“

Mehrere Menschen stehen um einen Tisch, auf dem viele Kochzutaten liegen, und kochen gemeinsam.

Einen ähnlichen Ansatz verfolgt auch das Projekt „Mobilitea“ des Stadtteilprojekts Essen-Katernberg: Hier wird zwar nicht gemeinsam gekocht, aber getrunken – und zwar Tee. Das mobile Tee-Café, das ebenfalls aus einem Uniprojekt entstanden ist, bringt über unterschiedliche Tee-Kulturen Menschen in der Nachbarschaft zusammen. Der Gedanke: Beim Tee kommt man gut ins Gespräch.

„Es fängt mit Gesprächen darüber an, welche Kultur der angebotene Tee beschreibt“, erklärt Souad, eine junge Sozialarbeiterin, die ein Wohnprojekt im Essener Stadtteil leitet und „Mobilitea“-Gründerin Laura Schöler geholfen hat, das Projekt zu realisieren. „Aber dann geht es auch bald um die eigene, die in sich wohnende Kultur“, sagt sie weiter. „Nicht die typisch deutsche, sondern typisch meine Kultur, meine Art Tee zu trinken und hier zu leben.“ So gehen die Gespräche bei den „Mobilitea“-Treffen über den Tassenrand hinaus.

Erfahre mehr über das Projekt in der Reportage: „Teekränzchen der Kulturen“

Vier Frauen sitzen an einem Tisch, vor ihnen stehen Gläser mit Tee. Sie unterhalten sich.

„Du bist, was du isst“: Wie Essen uns einander ähnlicher macht

In der Wissenschaft hat sich für die gemeinschaftsstiftende Tischgemeinschaft ein eigenes Wort entwickelt: Kommensalität. Dazu stellt Adrian Portmann fest: „Die Gemeinschaft, um die es heute beim Essen geht, ist kaum noch von ethnisch, geographisch, ständisch, verwandtschaftlich oder wie auch immer vorgegeben; die Mitgliedschaft ist nicht mehr zugeschrieben. Vielmehr ist die Zugehörigkeit zu den Gruppen, die hier vergemeinschaftet werden, gewählt und freiwillig, und die Beziehung unter den Anwesenden ist meist von gegenseitiger Sympathie geprägt.“ [5] Auch der Soziologe Claude Fischler schreibt, dass Kommensalität zu Bindung führe: „In scheinbar allen Kulturen ist die Aufnahme des gleichen Essens gleichbedeutend mit der Bildung des gleichen Fleisches und Blutes, wodurch die Teilnehmenden einander ähnlicher werden und sich näherkommen.“ [6]

Fest steht: Der Ausdruck „Du bist, was du isst!“ bekommt beim gemeinschaftlichen Kochen und Essen eine neue Bedeutung. „Wenn essen dazu führt, dass man dem Essen ähnlicher wird, dann werden diejenigen, die dasselbe Essen teilen, einander ähnlicher.“ [7]

[1] „Eating is also about relationships” von Brigid Grauman, Financial Times, 2008 [2], [3] “The Very Real Psychological Benefits Of Cooking For Other People. A little altruism can go a long way.” von Julie R. Thompson, Huffpost, 2017 [4] Barlösius, Eva: Soziologie des Essens. Eine sozial- und kulturwissenschaftliche Einführung in die Ernährungssforschung, Weinheim/München 1999 [5] Adrian Portmann: Kochen und Essen als implizite Religion. Lebenswelt, Sinnstiftung und alimentäre Praxis, Waxmann Münster/New York/München/Berlin, 2003 [6], [7] Claude Fischler. Commensality, Society and Culture. Social Science Information, SAGE Publications, 2011

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