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Mit Rad und Tat zu lebendiger Nachbarschaft

Mit dem Projekt „ZiMT" ist im Schweriner Plattenbaugebiet Mueßer Holz einer der ersten Orte entstanden, an dem sich die Menschen einfach wohlfühlen können. Seit Jahrzehnten kämpft das Viertel mit einer Stigmatisierung als Ghetto, was dazu führt, dass sich viele in ihre Wohnungen zurückziehen. Das engagierte Team von „ZiMT" zeigt unter dem Motto „Menschen statt Mauern“, wie mit nur wenigen Mitteln ein Ort voller Hoffnung und Freude entstehen kann.

Der Weg nach Schwerin führt an Seen und Windrädern vorbei, an blanken Industriegebäuden und Ziegelbauten mit Spitzgiebeln. Das Schweriner Schloss, in dem heute der Landtag von Mecklenburg-Vorpommern tagt, schwebt märchengleich neben der Promenade. Die Ostsee ist nicht mehr weit und die Stadt mit ihren Theatern und Museen hat viel zu bieten. Die Lebensqualität der Schwerinerinnen und Schweriner unterscheidet sich jedoch stark unter den verschiedenen Vierteln. Im Plattenbaugebiet Mueßer Holz, etwa sechs Kilometer von den breiten Einkaufsstraßen entfernt, gehen viele Menschen nur für das Nötigste vor die Tür. Und das meist mit eingezogenen Köpfen, denn außer einer Lenin-Statue und zwei Supermärkten hat das Viertel keine echten Sehenswürdigkeiten zu bieten.

Die Lenin-Statue im Plattenbaugebiet Mueßer Holz in Schwerin.

Viele Familien im abgelegen Mueßer Holz haben Schwierigkeiten, die S-Bahn-Fahrt in die Innenstadt zu bezahlen. Schon zu DDR-Zeiten wurde hier kaum investiert. Es fehlt an der einfachsten Infrastruktur: Sporthallen und Freizeitzentren gibt es keine. Einzig die Tankstelle und die Discounter bringen Abwechslung in die graue Gegend. Die meisten Menschen leben zurückgezogen. Mit schwerwiegenden Folgen: In der Landeshauptstadt lebt jedes vierte Kind von Hartz IV und die Kluft zwischen Arm und Reich wächst immer mehr. Die vielen leerstehenden Wohnungen wurden zu Flüchtlingsunterkünften. „Das führte immer wieder zu sozialen Spannungen, Intoleranz und Diskriminierung“, sagt Thomas Littwin, Geschäftsführer des Verbundes für soziale Projekte in Schwerin (VSP). Da kaum soziale Projekte stattfinden, gibt es oftmals keine entspannte Begegnung zwischen Nachbarinnen und Nachbarn.

Ein Mann hält ein Fahrrad-Rad in der Hand und lacht
Ein Mann spricht mit einem anderen Mann
Eine Frau lächelt eine andere Person an.

Gegen diese Kluft will das Nachbarschaftsprojekt ZiMT vom VSP ein klares Zeichen setzen. ZiMT steht für „Zukunft im Mueßer Holz“. Auf einem ehemaligen Supermarkt-Gelände mitten im weitläufigen Betongebiet ist eine bunte Fahrradwerkstatt entstanden, die so gar nicht in die Tristesse passen will. „Die meisten haben die Einstellung: Das wird nix mehr“, sagt VSP-Geschäftsführer Thomas. „Jedes Jahr werden die Blicke der Anwohner noch leerer.“ Laut einer Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung, ist in Schwerin neben Rostock die soziale Spaltung unter allen untersuchten Städten in Ost und West am stärksten ausgeprägt.

Zu Hause herumsitzen ist nicht meine Welt. Hier werde ich noch gebraucht.
Frank Gundlach, ehrenamtlicher Helfer bei "ZiMT"

Die Menschen machen den Ort

Fahrradhelme, Seifenkisten, Acrylbilder und Fotos hängen an den Sperrholzwänden der Werkstatt, die noch als Provisorium aufgebaut ist. Während auf der linken Seite geschraubt und poliert wird, sitzen auf der rechten Seite viele Besucherinnen und Besucher in Sofasesseln rund um die liebevoll gedeckten Kaffeetische neben der kleinen Einbauküche. Schnell ist man mitten drin im Gewusel der Generationen, an einem Ort, an dem gequatscht, gelacht, gebastelt und zusammen gegessen wird.

Drei Frauen unterhalten sich.
Zwei Männer schauen auf ein Blatt papier auf einem TIsch.
Eine Frau sitzt am Tisch und trinkt Kaffee

Es sind vor allem die Menschen, die das Projekt ZiMT einzigartig machen: Manche, wie der 56-jährige Frank Gundlach, kommen jeden Tag. Der gelernte Berufskraftfahrer und Maschinist wohnt gleich gegenüber. Seine Frau Renate organisiert das Mitmach-Café und kümmert sich darum, dass immer ein Heißgetränk bereitsteht. „Zu Hause herumsitzen ist nicht meine Welt“, sagt Frank. „Hier werde ich noch gebraucht.“ Er engagiert sich seit diesem Sommer ehrenamtlich in der Werkstatt und ist einer der erfahrensten Fahrradmechaniker im Team.

Er wischt sich die Hände vom Öl der Fahrradkette sauber. „Das Wichtigste ist, dass die Kinder einen Platz zum Spielen und Basteln haben“, sagt er. „Ohne Scherben, ohne Gefahr.“ Während er spricht, lässt er die Fahrräder nicht aus den Augen, vielleicht plant er schon die nächste Reparatur. Anita Gundlach stellt ihm einen Kaffee auf die Werkbank. „Hast du ganz vergessen“, sagt sie. „Ist fast schon ein bisschen kalt.“ „Habe ja auch immer etwas zu tun“, erwidert Frank. Erst in der letzten Woche sind wieder viele gespendete Räder eingetroffen. Und die brauchen eine ordentliche Überholung. Schon eilt der 56-Jährige mit dem Drehschlüssel in der Hand zu Praktikant Martin und dem aufgestemmten Fahrrad.

Ein Mann arbeitet an einem Fahrrad.

„Repariert man ein Fahrrad zusammen, ist das oft der bessere Einstieg für eine Freundschaft, als sich steif an einem Tisch gegenüberzusitzen“, sagt Thomas Littwin. Gerade hat er mit seinem Kollegen Boudlal Abdelhak bei einem Stück Kuchen die nächste Woche besprochen. Sie haben viel zu planen: Im nächsten Frühling soll das neue Gebäude für die Fahrradwerkstatt ausgebaut sein. Die beiden Sozialpädagogen sind vor allem in der Schweriner Männerberatung aktiv. Für viele arbeitslose oder geflüchtete Männer ist es oft schwer, die eigenen Probleme in der Familie anzusprechen, da ihr Selbstwertgefühl nach der Flucht oder dem Verlust der eigenen Arbeit oft angeknackst ist. „Viele sehen dann nach kurzer Zeit kein Licht mehr“, sagt Boudlal. „Hoffnungslosigkeit ist schwierig aus den Köpfen herauszubekommen. Wir müssen aneinander glauben“, sagt er, „nur dann hat das Viertel wieder eine Chance.“

Zwei Männer sitzen am Tisch und lachen sich an.

Vor diesem Hintergrund hat ZiMT auch eine Kooperation mit der Agentur für Arbeit geschlossen. Drei Männer und eine Frau sind seitdem fest im Projekt eingebunden. „Viele Betroffene werden so aktiver“, sagt Thomas Littwin. Und tatsächlich: Für viele ist der Nachbarschaftstreff schon nach wenigen Wochen zu einem zweiten Zuhause geworden. Auch am Wochenende: Jeden Samstag bereitet Anita für die Gäste ein Frühstück vor. Ob beim Bücherlesen, Fahrradschrauben oder Zeichnen – zu einem belegten Brötchen zwischendurch sagen nur die Wenigsten Nein.

Mit Goldstaub und Kleber zu neuer Kreativität

Auf einer der Werkbänke stapelt Sozialpädagogin Bärbel Kahl inzwischen die frischen Tannenzweige. Sie leitet heute das „Adventsgesteck-Basteln“ an und hat sich um alle Utensilien gekümmert. Mittwochs und freitags bietet ZiMT ein Kreativangebot an, bei dem nicht nur so viele Kinder wie möglich, sondern auch Erwachsene und Senioren herzlich willkommen sind. Auf die leuchtenden Acrylbilder ringsum an den Wänden der Werkstatt sind die Kinder besonders stolz. Der achtjährige Fabian deutet zuerst auf sein Bild mit Haus und Baum und zeigt dann ein Foto von sich selbst in Siegerpose an der Wand. Er belegte den 1. Platz beim ZiMT-Seifenkistenrennen. Auch seine Mutter Anita ist sehr stolz. Der Rennwagen thront wie eine Trophäe auf einem Schrank in der Ecke der Werkstatt.

Kinder basteln mit Tannenzweigen.

Schnell hüpft Fabian wieder zu den anderen Kindern, die sich an der vordersten Fahrradwerkbank versammelt haben. Staunend stehen sie über dem kleinen Allerlei-Laden, den Bärbel in den letzten Minuten dort aufgebaut hat. Neben dem Berg aus Tannenzweigen funkelt es in allen Farben: Goldene Walnussschalen, rote Weihnachtskugeln und getrocknete Orangenscheiben stapeln sich auf der Werkbank. In der Woche zuvor hat die Gruppe schon Figuren aus Salzteig geformt und gebacken. Fabian trägt sein kleines Salzteig-Rentier vorsichtig zu einem der Kaffeetische, der jetzt zum Bastelatelier wird. Klebepistole, Kerzen, Schere und grünes Kissenmoos liegen dort schon bereit.

Eine Frau hilft einem Mädchen beim Basteln.
Ein Junge nimmt sich Tannenzapfen aus einer Box, neben ihm steht eine Frau.
Ein Junge bastelt mit einer Klebepistole.

Fabian setzt sich neben die drei Geschwister Ramona, Birgit und Philipp, die schon fleißig am Kleben und Zuschneiden sind. „Ist das zu schräg?“, fragt er in die Runde. „Mal was anderes“, antwortet die 13-jährige Birgit. Mit der Kleberpistole befestigt sie gerade eine goldene Walnuss auf einem der Zweige. Nach kurzer Zeit hält jeder ein prächtiges Gesteck in den Händen. Die drei Geschwister kommen oft hierher, mit ihren Eltern und manchmal sogar nach der Schule. Im Gegensatz zum Stadtzentrum ist der Weg in die bunte Fahrradwerkstatt nicht weit. „Nur zehn Minuten!“, sagt Philipp und bohrt einen Tannenzweig tief in den Schaumstoff.

Zusammen mit Ramona läuft er in die Küche, um das fertige Werk den Eltern zu präsentieren. Die staunen nicht schlecht und haben doch selber gerade alle Hände voll zu tun. In diesem Moment gehen die selbstgemachten Pizzen mit Tomaten und Salami in den kleinen Ofen.

„Halt, es fehlt noch ein bisschen Gold auf den Gestecken!“, ruft Bärbel vom Basteltisch herüber und läuft mit einer klackernden Spraydose vor die Werkstatttür.

Jede Situation kann verändert werden

Draußen ist es schon dunkel geworden. Ein Dutzend Kerzenlaternen beleuchtet den Eingang rund um die Jurte, dem traditionellen Zelt der Nomaden in Zentralasien, das vor der Werkstatt vor allem im Sommer ein willkommener Schattenspender war. In den Plattenbauten rund um den Parkplatz leuchten hingegen nur einzelne Fenster. Schwer vorzustellen, dass sich vor dreißig Jahren die Bewohner sogar auf Wartelisten setzen ließen, um eine der vielen Wohnungen im Mueßer Holz zu ergattern. Nach der Wende blieben nur jene, die sich die Mietpreise in der Innenstadt oder auf dem umliegenden Land nicht leisten konnten, und mit der Isolierung des Viertels begannen auch die Probleme. „Das ist alles noch gar nicht so lange her“, sagt Thomas. „Jede Situation kann verbessert werden.“

Auf einem Tisch steht Pizza

Fröstelnd laufen die Kinder mit ihrem Gesteck zu Bärbel, die für den letzten Schliff bereitsteht. Rasch erheben sich immer mehr glitzernde Goldwolken in die kalte Luft. Dann geht es schnell wieder hinein in die Wärme, wo schon Pizzastücke auf alle warten. Eine Werkstattbank weiter schraubt Frank noch immer konzentriert an dem Kinderfahrrad. Er macht erst Feierabend, wenn jedes Werkzeug wieder an seinem Platz ist. „Ich sperr’ dann später zu“, sagt er in die Runde. „Wie immer.“

Info

  • Seit Sommer 2019 lädt der Nachbarschaftstreff “ZiMT” die Bewohnerinnen und Bewohner des Plattenbaugebiets Mueßer Holz zum Zusammensein, Basteln, Kaffee trinken und vielem mehr ein. Ziel ist es, die Menschen anzuregen, wieder mehr in Gemeinschaft zu denken. Nicht nur über Generationen, sondern auch über verschiedene kulturelle Hintergründe hinweg. Wir freuen uns, dass wir mit einer Förderung von rund 131.000 Euro einen Teil zur Realisierung des Projekts beitragen konnten!
  • Der ZiMT-Zukunftstreff war 2019 für den Deutschen Nachbarschaftspreis nominiert, den wir als Partner von Beginn an unterstützen.
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