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„Wir lassen Kinder aus belasteten Familien in der Krise nicht allein!“

  • 24.04.2020
  • Lesezeit4 Min.

Kathrin Sachse vom Verein „Zeit für Zukunft – Mentoren für Kinder e.V.“ über Freundschaft auf Distanz und wichtige Unterstützung für belastete Familien –
vor und während der Corona-Krise.

Nicht alle Kinder haben die gleichen Startbedingungen im Leben. Deshalb möchte der Verein „Zeit für Zukunft - Mentoren für Kinder e.V.“ in Hamburg Kindern eine Bezugsperson außerhalb von Elternhaus und Schule zur Seite stellen. Einen Erwachsenen, mit dem sie Schönes erleben, aber auch ihre Sorgen teilen können. Die Mentorinnen und Mentoren hören zu, machen Mut – und werden meist auch einfach zu guten Freunden. Die sogenannten Tandems aus Mentor oder Mentorin und Mentee (dem Kind) sind langfristig angelegt und bestehen mindestens ein Jahr.

Kathrin Sachse vom Verein „Zeit für Zukunft“
Kathrin Sachse, Vorstandsmitglied bei Zeit für Zukunft – Mentoren für Kinder e.V.

Deutsche Fernsehlotterie: Wie ist euer Projekt von der Corona-Pandemie betroffen?

Kathrin Sachse: Wir sind alle von der Corona-Pandemie betroffen – vielfach in gleicher Weise, vielfach auf ganz unterschiedliche Art. Auch unsere Arbeit bei „Zeit für Zukunft“ hat sich in den letzten Wochen maßgeblich verändert: Mentoring lebt eigentlich von der persönlichen Begegnung. Aber auch wenn – oder gerade weil – die gewohnten Tandem-Treffen derzeit nicht stattfinden können, leisten die 100 ehrenamtlichen Mentorinnen und Mentoren einen umso wichtigeren Beitrag zur Unterstützung unserer Mentees und ihrer ohnehin schon belasteten Familien, die durch die Corona-Pandemie ganz besonders getroffen sind. Je mehr Familien in der Krise auf sich selbst und ihre Ressourcen gestellt sind, desto offensichtlicher wird die soziale Spaltung unseres Landes: Unsere Mentees leben oftmals in beengten Wohnverhältnissen, mit zahlreichen Geschwisterkindern unterschiedlicher Altersgruppen und  mit Eltern, die alleinerziehend, gesundheitlich beeinträchtigt und/oder beruflich in existenziellen Sorgen und Nöten sind. Ihre Kinder bei den Hausaufgaben oder bei der Freizeitgestaltung in den eigenen vier Wänden anzuleiten, stellt sie in vielfacher Hinsicht, teils auch aufgrund sprachlicher Barrieren, vor große Herausforderungen.

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Deutsche Fernsehlotterie: (Wie) könnt ihr auf die aktuelle Situation reagieren?

Kathrin Sachse: Während stabilisierende Institutionen der Betreuung und Bildung – Kindertagesstätten, Schulen, Jugendtreffs – geschlossen sind und erst langsam wieder öffnen, bleiben unseren Mentorinnen und Mentoren als Ansprechpartner und Freunde eine ganz wesentliche Stütze im Leben unserer Mentees und ihrer Familien. Viele von ihnen kümmern sich derzeit verstärkt um schulische Belange: Sie organisieren den Austausch mit den Lehrkräften, drucken Unterrichtsmaterialien aus und schicken sie ihrem Mentee. Schwierige Aufgaben erklären sie am Telefon oder per Videochat und für manches komplizierte Thema lässt sich auch ein gutes YouTube-Tutorial finden. Daneben haben sich unsere Mentorinnen und Mentoren kreative Aktionen einfallen lassen, um die Zeit der Kontaktsperre gut zu überbrücken.

Eine Frau und ein junges Mädchen
Mentorin Eva mit Mentee Emma vor der Corona-Krise. Bis sie sich wieder persönlich treffen können, schreiben sich die beiden u.a. Briefe.

Deutsche Fernsehlotterie: Welche Dinge haben sich die Mentorinnen und Mentoren da einfallen lassen?

Kathrin Sachse: Unsere Mentorin Eva (47) hat für ihre Mentee Emma (9) und ihre Geschwister eine schöne Auswahl an Gesellschaftsspielen zusammengestellt und – kontaktlos – an der Wohnungstür abgegeben, damit die Zeit zu Hause schneller vergeht. Außerdem hat sie ihr einen kleinen Briefmarkenvorrat geschickt, sodass das längst vergessene Briefeschreiben gerade eine Renaissance erleben darf. Und unser Mentor Florian (39) und sein Mentee Leandro (11) spielen online Schach und Schiffe-Versenken oder schauen sich „gemeinsam“ Filme im Stream an und tauschen sich anschließend dazu aus. Nachdem beide einen Live-Stream des Hamburger Planetariums verfolgt haben, hat Leandro abends den Durchzug der Venus durch die Plejaden am Himmel entdeckt – und Florian sofort Bescheid gegeben.

Deutsche Fernsehlotterie: Wie könnt ihr eure ehrenamtlichen Mentorinnen und Mentoren derzeit weiterhin in ihrem Tun unterstützen?

Kathrin Sachse: Unser Team der Mentoring-Beratung arbeitet vom Homeoffice aus und hält intensiven telefonischen Kontakt zu den Tandems. Wöchentlich versenden wir außerdem einen E-Mail-Newsletter mit Hinweisen zu sozialen Unterstützungsangeboten für die Familien, zu kindgerechter Erklärung des Pandemiegeschehens, Sport-, Kultur- und Kreativangeboten im Netz sowie technischen Anleitungen für die digitale Kommunikation. Dass wir in Zeiten der Kontaktsperre keine neuen Patenschaften vermitteln können, bedauern wir sehr. Weil damit ein wichtiger Teil unserer Arbeit vorübergehend ruht, haben wir für unsere Mitarbeiterinnen bis auf weiteres Kurzarbeit angemeldet. Damit erhalten wir ihre Arbeitsplätze und wirtschaften zugleich möglichst sparsam mit unseren vorhandenen finanziellen Ressourcen. In Vorstand und Verein sind wir weiterhin ehrenamtlich und ohne Aufwandsentschädigung engagiert.

Ein Mann und ein Junge am Hafen
Mentor Daniel und Mentee Mats (v.l.) haben vor der Corona-Krise häufig Ausflüge im Freien unternommen. 

Deutsche Fernsehlotterie: Wie kann man euch und/oder generell Kinder aus sozial schwachen Familien/mit schwierigen Startbedingungen derzeit am besten unterstützen?

Kathrin Sachse: Während Wirtschaftsunternehmen und Wohlfahrtsverbände auf staatliche Unterstützung bauen können, sind wir für unsere Arbeit bei „Zeit für Zukunft“ auf Spenden angewiesen. Deshalb sind wir für jede Form von finanzieller Unterstützung außerordentlich dankbar. Auf diese Weise können wir unsere bestehenden Patenschaften weiter gut begleiten und außerdem weiteren Kindern eine Mentorin oder einen Mentor zur Seite stellen. Wer Zeit und Interesse hat, einen echten Unterschied im Leben eines Kindes zu machen, kann sich jederzeit sehr gern bei uns melden. Unser Team berät Interessierte vom Homeoffice aus und startet das Bewerbungsverfahren. Gleichzeitig arbeiten wir daran, unsere Abläufe so umzugestalten, dass wir in Kürze im Rahmen der rechtlichen Regelungen auch wieder neue Patenschaften vermitteln können. Auch wenn die Corona-Krise eines Tages überstanden ist, werden ihre Folgen unsere Gesellschaft noch lange Zeit prägen. Kinder mit ohnehin schwierigen Startbedingungen sind erheblich härter getroffen als andere. Um gerade diese Kinder gut zu begleiten und ihnen bessere Chancen im Leben zu ermöglichen, setzen wir alles daran, unsere Arbeit bei „Zeit für Zukunft“ während und nach der Krise fortzuführen.

Als Soziallotterie unterstützen wir viele Projekte, die Kinder in schwierigen Lebenslagen begleiten. „Zeit für Zukunft - Mentoren für Kinder e.V.“ förderten wir mit 190.000 Euro.

Dank dieser Unterstützung konnte der Verein ein Programm zur Persönlichkeitsentwicklung für die betreuten Kinder auf die Beine stellen: Das neuartige Konzept wird sie in die Lage versetzen, Herausforderungen in ihrem Leben besser zu bewältigen, ihre Selbstwirksamkeit zu steigern und ihre Resilienz zu erhöhen.


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