Reportage

Vom Rollstuhl an die Kletterwand

Trotz Multipler Sklerose das Vertrauen in sich und seine Fähigkeiten zu behalten, ist das Ziel der Klettergruppe "Die GäMSen" aus Wuppertal.

Mutmacher
  • 22.11.2018
  • Autorin Bebero Lehmann
  • Fotograf Jan Ehlers
  • Lesezeit8 Min.

Die Diagnose „Multiple Sklerose“ ist zunächst ein Schock – denn im Verlauf der „Krankheit mit den vielen Gesichtern“ kann es passieren, dass z.B. die motorischen Fähigkeiten nachlassen. Dabei ist es wichtig, das Vertrauen in sich selbst zu behalten und sich nicht zurückzuziehen. Genau das ist das Ziel eines Wuppertaler Vereins: Bei den GäMSen geben sich rund 50 Menschen mit und ohne Einschränkung gegenseitig Halt – an der Kletterwand und im Leben.

Man muss schon den Kopf ganz in den Nacken legen, um das obere Ende der Kletterwand in den „Wupperwänden“ zu sehen. Auf ihr verteilen sich die vielen Klettergriffe wie bunte Sommersprossen. Sanna steht, gestützt auf ihren Rollator, davor und blickt nach oben. „Als ich vor 25 Jahren diagnostiziert wurde, hieß es 'bloß kein Sport mit MS, wegen der Verletzungsgefahr'“, erzählt sie. „Das ist heute zum Glück anders.“ Sie lächelt – und beginnt dann, als sich alle, die heute zum gemeinsamen Klettern in die „Wupperwände“ gekommen sind, um sie herum versammelt haben, mit dem Aufwärmtraining.

Der Kletterverein Die GäMSen setzt sich dafür ein, dass auch Menschen mit Behinderung einen Kletterschein machen können. „Hier verschwimmt die Grenze zwischen Behinderung und keiner Behinderung. Wir unterstützen uns einfach gegenseitig“, sagt Steffen, einer der Helfenden beim Verein. „Das geht beim Klettern besonders gut.“ Deshalb kommt er auch so gerne in die Halle, gemeinsam mit seiner Frau Anne. Diese macht gerade einen Kurs, wie man mit und ohne Rollstuhl richtig sichert.

Derweil setzt Steffen die Theorie bereits in die Praxis um: Er sichert Sanna und gibt Seil nach, während diese die Wand erklimmt – für sie längst kein unbezwingbarer Gegner mehr: Sanna schafft es bis ganz nach oben.

Mit Erfindungsreichtum bis ganz nach oben

Auch Volker, ein weiterer Helfender, ist von der Idee des Vereins überzeugt. „Mir gefällt hier das vollkommen unvoreingenommene Helfen“, sagt er, „dass man hier keine Unterschiede macht, sondern einfach mit netten Leuten zusammen ist.“ Volker klettert seit 50 Jahren. Zu den GäMSen kam er gemeinsam mit Petra: „Wir beide kennen uns schon seit vielen Jahren. Wir sind früher zusammen Rad gefahren. Als ich hörte, dass Petra MS hat, erzählte ich ihr von der Klettergruppe und wir haben dann gemeinsam hier angefangen.“

Hier heißt es einfach: Schön, dass du da bist, mach mit. Das ist ein anderer Blick aufs Handicap, und keine Reduktion darauf.
– Sanna, klettert in der Handica-Klettergruppe Die GäMSen

Weil Petras Beine zunehmend schwächer wurden, ist Volker erfinderisch geworden: Aus zwei Gurten bastelte er ihr Schlaufen, die sie um die Oberschenkel bindet. Mit den Händen kann Petra danach greifen und so ihre Füße an der Wand in Position bringen. So schafft sie es auch weiterhin vom Rollstuhl an die Kletterwand – und dort bis ganz nach oben.

Sanna hat es derweil schon wieder nach unten geschafft. Sie setzt sich für ein paar Minuten auf ihren Rollator und ruht sich aus. Den Weg zum Klettern fand sie über eine Begegnung in der Reha. „Nachdem ich 2015 die Nachricht bekommen habe, dass ich austherapiert bin, lernte ich in der Reha einen Rollstuhlfahrer kennen, der klettert“, erzählt sie. „Da habe ich mir gesagt: Wenn er das aus dem Stuhl heraus schafft, dann muss ich das auch probieren.“

Sanna klettert an der Wand, rechts unter ihr auf dem Boden steht ihr Rollator. Ein Helfer sichert sie.

Mittlerweile klettert Sanna seit eineinhalb Jahren. Beim Paraclimbing-Wettbewerb des Deutschen Alpenvereins in Karlsruhe hat sie sogar Gold geholt! Außerdem gefällt es Sanna, dass die GäMSen nicht nur in der Halle klettern. Jedes Jahr geht es mindestens ins Sauerland. Dieses Jahr waren sie sogar in Südtirol. Die Initiative dafür ging von Peter, dem Leiter der Klettergruppe, aus: „Immer bloß in der Halle ist doch langweilig“, sagt er.

Das Helfer-Team der GäMSen posiert für ein Gruppenfoto.

Hochziehen im wahrsten Sinne des Wortes

Sanna erinnert sich noch gut an ihr erstes Mal in der Kletterhalle. Am Anfang habe sie ganz viele Bedenken und auch Höhenangst gehabt. „Aber an der Wand war das plötzlich kein Thema mehr. Da war ich nur noch darauf konzentriert wie hoch ich komme und das nächste Mal wollte ich dann höher“, sagt Sanna. „Das ist hier hochziehen im wahrsten Sinne des Wortes: Diese negative Verstärkung 'ich kann's nicht mehr', wird beim Klettern aufgebrochen! Hier heißt es einfach 'schön, dass du da bist, mach mit'. Das ist ein anderer Blick aufs Handicap, und keine Reduktion darauf.“ Und genau das fordert Sanna seither auch stärker außerhalb der Kletterhalle ein: „Ich will kein Mitleid, ich will Respekt. Wenn ich Hilfe brauche, sage ich es. Ich möchte aber nicht betüdelt werden, sondern dass mein Gegenüber versteht, dass einfach eine dritte Hand gebraucht wird. Und wer braucht die nicht manchmal?“ So kann das Klettern der erste Schritt dafür sein, dass auch in anderen Lebensbereichen ganz viel passiert – davon ist Sanna überzeugt.

Die GäMSen sind eine Klettergruppe für Menschen mit und ohne Behinderung. Ziel ist, in Gemeinschaft Sport zu treiben, das Selbstwertgefühl zustärken und vor allem Spaß dabei zu haben. Gleichzeitig hat Klettern eine therapeutische Wirkung. Die Gruppenarbeit wäre ohne die engagierten Helfer des Vereins nicht möglich. Sie helfen ehrenamtlich in ihrer Freizeit und sind der Garant dafür, dass niemand, der sich ihnen anvertraut, zu Schaden kommt.

Wir finden den Einsatz der Kletterer und Helfer großartig! Umso mehr freut es uns, dass dieses tolle Projekt 2018 für den Deutschen Engagementpreis, den wir seit vielen Jahren als Partner unterstützen, nominiert ist. Der Preis wird am 5. Dezember, dem Tag des Ehrenamts, verliehen. Wir wünschen den GäMSen viel Glück!

Auch Olga, die heute zum dritten Mal mitklettert, ist ganz begeistert. „Der Zusammenhalt der Gruppe ist einfach toll“, sagt sie. Die junge Frau bekam die MS-Diagnose erst vor ein paar Monaten. Manchmal scheint es ihr fast irreal, denn bisher spürt sie kaum eine Beeinträchtigung und es kann auch sein, dass das so bleibt. Trotzdem hatte Olga das Bedürfnis sich mit anderen, von MS Betroffenen, auszutauschen. Online recherchierte sie nach Möglichkeiten und fand die GäMSen. Die erste Begegnung war nicht leicht: „Hier wurde ich zum ersten Mal wirklich mit der Krankheit konfrontiert und habe gesehen was passieren kann“, erzählt Olga. „Aber ich habe auch gesehen, was trotzdem noch möglich ist, dass selbst die, die im Rollstuhl sitzen, noch klettern.“

„Klar hat man dieses Kopfkino, was passieren könnte“, stimmt Sanna ihr zu. „Aber hier in der Gruppe geben wir uns gegenseitig viel Kraft. Jeder ist mal betrübt, weil die Krankheit einem einfach auch etwas nimmt.“ Doch dank Sanna und den anderen, die sich von der MS nicht vom Klettern – und vom Leben – abhalten lassen, kann Olga das ganz anders annehmen.

Multiple Sklerose (MS) tritt vor allem bei jungen Erwachsenen zwischen 20 und 40 auf und ist eine chronisch-entzündliche Krankheit, die das zentrale Nervensystem betrifft. Weltweit sind circa 2,5 Millionen Menschen an einer MS erkrankt, davon rund 200.000 in Deutschland.

MS kann bei den Betroffenen sehr unterschiedlich verlaufen. Das gilt für den zeitlichen Verlauf sowie die Schwere und Ausprägung der Beschwerden. Man nennt die MS daher auch „die Krankheit mit den vielen Gesichtern“. Sie kann zum Beispiel Muskelschwäche oder Lähmungen, eine Minderung der Sehschärfe bei Beteiligung der Sehnerven, eine krampfhafte Erhöhung der Muskelspannung sowie Gefühlsstörungen oder Missempfindungen hervorrufen. Zwar lässt MS sich bislang nicht heilen, aber gut behandeln.

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