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Interview

Väter stärken: Wie ein Projekt Männern Mut macht, eine emotionale Bindung zum Kind einzugehen

Bindung ist wie Sauerstoff: Wir brauchen sie, um zu überleben. Warum das so ist und welche Rolle der Vater dabei spielt, erklären zwei Expert*innen im Interview.

Mutmacher
  • 27.08.2020
  • Autorin Katharina Hofmann
  • Lesezeit7 Min.

Das Projekt „Stark ins Leben“ unterstützt junge Väter, denen es – aus unterschiedlichen Gründen – schwerfällt, eine tiefe Bindung zu ihrem Kind aufzubauen. Was es für eine gute Beziehung zum Kind braucht und warum diese das komplette restliche Leben prägt, erklären Familientherapeutin Petra Keuthage (56) und Sozialwissenschaftler Sebastian Flack (36) im Interview.

Deutsche Fernsehlotterie: In Ihrem Projekt „Stark ins Leben“ möchten Sie sich insbesondere der Bindung zwischen Vater und Kind widmen – aber was bedeutet „Bindung“ in diesem entwicklungspsychologischen Zusammenhang genau?

Sebastian Flack: Bindung ist wie Nahrung, wie Sauerstoff: ein Grundbedürfnis, das angeboren ist und das jeder Mensch hat – und was ein Mensch gerade in den ersten zwei Lebensjahren definitiv braucht, um sich gesund zu entwickeln. Ein Kind braucht Sicherheit. Es muss wissen, dass sich jemand um seine Bedürfnisse kümmert. Zu dieser Person oder diesen Personen baut das Kind eine Bindung auf. Wenn es diese Sicherheit, diese Bindung nicht gibt, gerät das Kind in einen permanenten Stresszustand – was negative Auswirkungen auf seine Entwicklung hat.

Petra Keuthage: Das betrifft auch die körperliche Entwicklung. Ein Baby ist aus evolutionsbiologischer Sicht ein sogenannter Tragling. Wenn es geboren wird, kann es sich zu Anfang nicht selbst helfen. Das Kind ist komplett auf eine andere Person angewiesen, die es schützt und trägt. Und das spüren Kinder. Sie wissen: Ich brauche diese Person, damit ich überleben kann. Manchen Eltern ist gar nicht bewusst, welche tiefgreifende Sorge es in einem Kind auslöst, welche existentielle Not, wenn es sich im Stich gelassen fühlt. Oft erleben wir es in unseren Beratungen, dass Eltern Angst haben, ihr Kind zu verwöhnen. Aber man kann ein Kind im ersten Lebensjahr nicht verwöhnen. Man kann nur dafür sorgen, dass es sich sicher fühlt, dass es überhaupt das Vertrauen hat, zu überleben.

Familientherapeutin und Sozialpädagogin Petra Keuthage (56) ist seit fast 30 Jahren in der Schwangerschaftsberatung tätig. Sie berät in Fragen zur Verhütung, Schwangerschaft, Geburt und bis zum dritten Lebensjahr des Kindes in allen Fragen, die in dieser Zeit auftreten können. Aus dieser Arbeit hat sich der Bedarf und die Idee des Väterprojekts entwickelt.

Sozialwissenschaftler Sebastian Flack (36) ist seit 2015 beim SKFM Wattenscheid e.V. und berät zukünftig insbesondere im Projekt „Stark ins Leben“ (werdende) Väter.

Deutsche Fernsehlotterie: Eine gute Bindung hat also auch Einfluss auf die späteren Verhaltensweisen des Kindes?

Sebastian Flack: Gerade in den ersten zwei Jahren entwickelt sich auch das Gehirn des Kindes sehr stark. Da werden die Synapsen (die Verknüpfungen der Nervenzellen, Anm. d. Red) gebildet und es setzen sich bereits Muster fest. Wenn ich in den ersten zwei Jahren überwiegend lerne, dass nichts passiert, wenn ich schreie, dass niemand reagiert, kann das einen Einfluss auf mein späteres Leben haben: dann fällt es mir vielleicht schwerer, Beziehungen einzugehen und Vertrauen aufzubauen. Welche Bedeutung die ersten Jahre auf die langfristige Entwicklung des Kindes haben – und das nicht nur auf die zwischenmenschliche, sondern auch z.B. die motorische – versuchen wir den Eltern in unserer Beratung zu vermitteln.

Petra Keuthage: Es wurde außerdem festgestellt, dass sicher gebundene Kinder meist gesünder sind, dass sie intelligenter, sprachfähiger, emotional stabiler und kompetenter im sozialen Umgang sind. Eine starke Bindung hat also schon sehr weitreichende Einflüsse auf das Leben eines Menschen.

Sebastian Flack: Was wiederum aber nicht bedeutet, dass nicht auch ein unsicher gebundenes Kind ein Genie werden kann. Da kommt es auch auf Faktoren an, wie resilient (Resilienz bedeutet in diesem Fall die Stärke eines Menschen, Lebenskrisen ohne anhaltende Beeinträchtigung durchzustehen, Anm. d. Red.) ein Kind ist. Aber die Statistik sagt: Wenn du mindestens eine vertrauensvolle Bindungsperson hast, sind die Chancen höher, dass die von Frau Keuthage genannten Faktoren eintreten.

Zeit, Körperkontakt, Vertrauen: Drei Faktoren für eine gute Bindung zum Kind 

Deutsche Fernsehlotterie: Was braucht ein Kind, damit es eine starke Bindung z.B. zum Vater aufbauen kann?

Sebastian Flack: Zeit mit dem Vater. Aber nicht acht Stunden vorm Flatscreen sitzend, sondern sinnvoll genutzt. Das Kind braucht, dass der Vater – oder eine andere Bindungsperson – seine Bedürfnisse erkennt und schnellstmöglich handelt, um sie zu erfüllen.

Petra Keuthage: Und es braucht viel körperlichen Kontakt. Dieser findet im besten Fall schon im Krankenhaus statt, also dass nicht nur der Mutter das Kind auf die Brust gelegt wird, sondern auch dem Vater.

Ein Mann hat ein Baby auf dem Schoß und liest diesem aus einem Bilderbuch vor.

Deutsche Fernsehlotterie: Was braucht z.B. ein Vater, um eine starke Bindung zu seinem Kind aufzubauen?

Petra Keuthage: Auch da findet viel über den körperlichen Kontakt statt, denn es werden z.B. Hormone ausgeschüttet, die die gegenseitige Bindung stärken und etwa dafür sorgen, dass man auch in anstrengenden Phasen mehr Geduld mit dem Kind hat. Wichtig ist aber auch, dass der Vater das Vertrauen seiner Umgebung vermittelt bekommt, dass er das Vatersein kann. Selbstbewusstsein ist da auch ein großes Thema.

Deutsche Fernsehlotterie: Inwiefern?

Petra Keuthage: Ich glaube, dass die meisten Väter eigentlich einen hohen Anspruch an ihre Rolle haben. Sie möchten etwas Besonderes für ihr Kind sein, ein Wegweiser, eine Leitfigur. In unserer Beratung sehen wir allerdings nicht die Männer, bei denen alles problemlos funktioniert, sondern die, bei denen es schwierig wird. Und die haben oft nicht so ein gutes Selbstbewusstsein. Dazu gehört für mich auch der Mut zu sagen, dass man vielleicht Unterstützung braucht. Es fällt ihnen schwerer, Hilfe zu suchen. Aber die Väter, die den Schritt gegangen sind, bei denen wir dann auch erleben, wie sie eine Bindung zu dem Kind aufbauen, sind später selbst auch beglückt – denn sie haben ja auch etwas davon.

Sebastian Flack: Für viele Männer, die zu uns in die Beratung kommen, ist das Thema „emotionale Bindung“ zu Beginn sehr abstrakt. Das ist nichts, über das man sofort redet. Deshalb bieten wir über das Projekt „Stark ins Leben“ zunächst Themen an, die nicht so stark emotional besetzt sind. Etwa „Startklar fürs Baby“- oder Erste Hilfe-Kurse. Wir bieten auch einen Bindungs-Kompaktkurs an, in dem psychoedukativ (Psychoedukation bedeutet, dass versucht wird, komplizierte medizinisch-wissenschaftliche Fakten einfach verständlich zu übersetzen, Anm. d. Red.) erklärt wird, warum Bindung überhaupt ein Thema ist.

Deutsche Fernsehlotterie: Was möchten Sie mit dem Projekt „Stark ins Leben“ erreichen?

Petra Keuthage: Wir möchten Männer darin bestärken, Verantwortung zu übernehmen. Nicht nur als Versorger der Familie, sondern als Vater. Wir haben festgestellt: Je mehr die Frau den Mann machen lässt, je mehr Vertrauen sie in ihn hat, umso mehr Vertrauen hat auch der Mann darin, dass er ein guter Vater sein kann, umso feinfühliger wird er auch im Umgang mit dem Kind. Bindung ist nicht etwas, das – klack! – da ist, nur weil man blutsverwand ist, sondern Bindung passiert durch Aktion. Das haben wir in unserer Arbeit in der Schwangerschaftsberatung gesehen und möchten diese Chance auch für andere Väter öffnen.

Deutsche Fernsehlotterie: Über die uns angeschlossene Stiftung Deutsches Hilfswerk unterstützen wir das Projekt „Stark ins Leben“ mit rund 156.000 Euro, die Zusage zur Förderung haben Sie im Juli erhalten – und damit auch den Startschuss für das Projekt. Wie geht es jetzt weiter, auch mit Blick auf die Corona-Pandemie?

Petra Keuthage: Vieles, was wir gerade erzählt haben, ist noch sehr abstrakt. Wir müssen unsere Ideen jetzt umsetzen und erproben. In unserer vorherigen Arbeit haben wir besonders auf die Vernetzung der Männer geachtet, mit dem neuen Projekt, dessen Bedarf sich aus unserer vorherigen Arbeit herauskristallisiert hat, gehen wir schon sehr ins Eingemachte. Ich bin gespannt, welche Erfahrungen wir in zwei, drei Jahren berichten können. Momentan führen wir bereits Einzelberatungen durch, die geplanten Gruppenangebote fangen jetzt erst an.

Deutsche Fernsehlotterie: Können Sie uns eine Erfolgsgeschichte aus Ihrer langjährigen Erfahrung als Beraterin erzählen?

Petra Keuthage: Es gab einen Vater, der unfreiwillig zum alleinerziehenden Vater geworden ist. Er und seine Partnerin hatten sich noch in der Schwangerschaft getrennt. Sie zog weg in eine andere Stadt zu ihrem neuen Partner. Kurz nach der Geburt ist sie dann schwer psychisch erkrankt. Und es stand plötzlich im Raum: Wer soll jetzt das Kind versorgen? Es war gerade zwei Monate alt. Der Vater, der in Wattenscheid lebt, wandte sich dann an uns – er hatte das Kind zu diesem Zeitpunkt nur auf Fotos gesehen, mit der Exfreundin hatte er kaum Kontakt. Wir sprachen darüber, was es für ihn bedeutet, die Vaterrolle zu übernehmen, auch in Bezug auf Arbeitsplatz und Wohnung. Er entschied sich, die Verantwortung für das Kind zu übernehmen. Er fuhr also dorthin, mit einem Maxi-Cosi im Auto – und kam mit einem Baby zurück. Er hatte nicht diese neun Monate, um sich auf das Kind einzustellen, sondern es war eine Entscheidung innerhalb von zweieinhalb Wochen!

Deutsche Fernsehlotterie: Haben Sie den Vater noch länger begleitet?

Petra Keuthage: Ja, er hat eine laufende Begleitung erhalten. Wir haben alle Anträge mit ihm gestellt, die nötig waren, auch, um z.B. die Wohnung kindgerecht umzubauen. Es war sehr spannend zu sehen, wie mit der Bewältigung der verschiedenen Stressfaktoren auch die Beziehung zum Kind immer inniger wurde. Am Anfang hielt er das Kind fast im ausgestreckten Arm, als wäre es etwas Fremdes. Und nachher war er ein richtiger Profi, wusste direkt, was los ist, wenn das Kind ein Geräusch machte. Das hat uns alle hier nachhaltig sehr beeindruckt. Für uns war es ein Highlight, dass er es zugelassen hat, von den ersten Fragen bis zum Schluss hin begleitet zu werden.

Deutsche Fernsehlotterie: Wir haben heute viel über die Bindung zwischen Vater und Kind gesprochen. Zum Abschluss eine provokant formulierte Frage: Kann ein Kind ohne Bindung zum Vater glücklich sein?

Petra Keuthage: Die positive Entwicklung eines Kindes ist nicht davon abhängig, ob die Bezugspersonen der Vater oder die Mutter sind. Es können genauso gut die Oma oder ein Patenonkel oder jemand anderes sein. Wichtig ist, dass das Kind mindestens eine sehr verlässliche Person hat. Das ist im Grunde auch eine Basis für Glück. Natürlich ist es aber ein großer Vorteil, wenn es mehrere enge Bindungspersonen gibt. Denn jede Person bringt auch etwas anderes mit und das bereichert das Kind.

Das Väterprojekt „Stark ins Leben“ des Sozialdienstes Katholischer Frauen und Männer (SKFM) Wattenscheid e.V., das wir mit rund 156.000 Euro unterstützen, hat zum Ziel, die frühkindliche Bindung zwischen Vater und Kind zu stärken.

Neben individueller Beratung und Begleitung, Gruppenangeboten und Aufklärung zum Thema, moderieren die Berater*innen auch bei Konflikten innerhalb der Familie. Außerdem soll langfristig eine Möglichkeit für getrennt lebende Väter geboten werden, bei Bedarf einen kindgerechten Raum für die Treffen mit dem Kind nutzen zu können und Beratung  zum Thema Umgang und kindliche Entwicklung zu bekommen. Auch der Aufbau einer Vätergruppe ist angedacht. Mehr Informationen zum Projekt findest du hier.

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