Reportage

Tiergestützte Therapie: Wie Minischwein Lilly Menschen hilft

Auf ihrem Hof bringt Andrea Göhring Menschen in schwierigen Lebenssituationen mit tierischen Co-Therapeuten zusammen.

Mutmacher
  • 14.04.2020
  • Autorin Katharina Hofmann
  • Fotograf Bauernhoftiere bewegen Menschen e.V.
  • Lesezeit5 Min.

Auf ihrem Hof im baden-württembergischen Rulfingen bringt Andrea Göhring seit zehn Jahren Kinder, Jugendliche und älteren Menschen in schwierigen Lebenssituationen mit tierischen Co-Therapeuten zusammen. Wie lange Minischwein Lilly und ihre Freunde diese Arbeit noch leisten können, ist jedoch unklar: Auch der Förderverein „Bauernhoftiere bewegen Menschen“ hat mit den Auswirkungen zu kämpfen, welche die Ausbreitung des Coronavirus in Deutschland mit sich bringen.

Eigentlich wollten wir heute in die Bahn steigen. Runterfahren, von Hamburg in den Süden Deutschlands. Dort wollten wir Lilly treffen. Und Luis. Und Henry, Paula und Whitey. Wir wollten den fünf beim Arbeiten zusehen – und danach vielleicht eine kleine Runde mit ihnen kuscheln. Ja, richtig: kuscheln! Denn Lilly, Luis und ihre Freunde sind Co-Therapeuten, die Menschen helfen. Und das machen sie in erster Linie mit viel Körperkontakt.

Minischwein Lilly
Die Minischweine Lilly und Fee.
Ein Kalb legt den Kopf auf den Schoß eines Jungen
Ein Kalb legt den Kopf auf den Schoß eines Jungen.

„Die Beziehung zu Tieren und der Kontakt zur Natur entsprechen einem Ur-Bedürfnis vieler Menschen“, weiß Andrea Göhring, die seit 2010 auf ihrem Bauernhof im baden-württembergischen Rulfingen tiergestützte Intervention anbietet. „Wir haben es uns deshalb zur Aufgabe gemacht, insbesondere Kindern und Jugendlichen in schwierigen Lebenssituationen, aber auch Älteren und Menschen mit Demenz den achtsamen und heilsamen Umgang mit Tieren in der Natur zu ermöglichen.“ Dafür haben sie und ihr Mann einen Ort geschaffen, an dem Menschen einen respektvollen und artgerechten Umgang mit Tieren hautnah erleben können und gleichzeitig pädagogische als auch therapeutische Prozesse erfahren. Auf dem Hof leben insgesamt zwei Kühe, drei Esel, sieben Schafe, zwei Minischweine und eine Hühnerschar.

Andrea Göhring sitzt auf der Wiese und streichelt ein Schaf und eine Ziege
Andrea Göhring mit Schaf und Ziege.
Esel Luis steht auf der Wiese
Auch Esel Luis ist Co-Therapeut.

All das wollten wir uns heute persönlich ansehen. Doch das Coronavirus hat Deutschland, Europa – die ganze Welt – derzeit fest im Griff. Für uns bedeutet dies: Ein wenig länger warten, bevor auch wir mit den süßen Hoftieren auf Tuchfühlung gehen dürfen. Für Andrea Göhring jedoch ist die Tatsache, dass sie derzeit keine Gäste auf ihrem Bauernhof empfangen kann, existenziell – so wie es die Corona-Pandemie derzeit für viele soziale Projekte ist. Sie können nicht mehr arbeiten wie bisher, nach und nach brechen zudem die Spendengelder – häufig die wichtigste Finanzierungsquelle für gemeinnützige Vereine – weg: Benefizveranstaltungen finden nicht mehr statt, die Menschen sind verunsichert, nicht wenige fürchten um die eigene Existenz.

Lilly ist – vorerst – arbeitslos!

An diese neue Situation muss sich auch Lilly erst einmal gewöhnen. Das Minischwein ist die Unterhaltungskünstlerin unter den Hoftieren, immer einsatzbereit, immer gut drauf. Doch wen anschnüffeln, wenn niemand mehr kommt? Eine kleine Pause sei dem hochmotivierten Schweinchen gegönnt, möchte man meinen. Doch den ganzen Tag Nickerchen machen, ist für Lilly und ihre Freunde nicht drin – man wird schließlich nicht von selbst zum tierischen Co-Therapeuten! Hinter der Arbeit, die Andrea Göhring und ihre Bauernhoftiere täglich leisten, steckt eine lange Ausbildung. Damit Lilly, Henry und Co. nach der Corona-Krise weiterhin voll einsatzfähig sind und Besuch aus Behinderten-, Kinder- und Jugendhilfe- und Senioreneinrichtungen aus der Region erhalten können, müssen sie auch jetzt täglich trainieren.

Unser Hof ist kein Streichel-Zoo, sondern eine Begegnungsstätte.
– Andrea Göhring, „Bauernhoftiere bewegen Menschen e.V.“

„Meine Nähe zu Tieren und deren Authentizität haben mich dazu bewegt, die berufsbegleitende Weiterbildung zur Fachkraft für Tiergestützte Therapie und Pädagogik zu absolvieren“, erzählt die Hofbesitzerin, „als Exotin allein unter Hundebesitzern und Pferdefreunden!“ Ihre Arbeit auf dem Bauernhof fängt mit viel Vorbereitung an und hört mit viel Nachbereitung auf: Jeder Besuch wird dokumentiert, mit Fachleuten diskutiert, evaluiert und je nach Bedarf angepasst. Durch die angeleiteten, geplanten, regelmäßig stattfindenden Tier-Begegnungen entstehen echte Beziehungen zwischen Menschen und Tieren. „Unser Hof ist kein Streichelzoo“, betont die 45-Jährige, „sondern eine Mensch-Tier-Begegnungsstätte und Fördereinrichtung, von der alle profitieren. Entscheidend ist für mich, dass es den Menschen und den Tieren bei uns gut geht.“

Ein älterer Herr hält ein Huhn in der Hand und lacht
Die Hühner „arbeiten“ mit Senioren...
Ein Junge sitzt neben ein paar Hühnern, neben ihm steht ein leerer Rollstuhl
...und Kindern.

Tierische Co-Therapeuten: Esel Luis erobert Herzen, Kuh Paula zeigt Geduld

Jedes Tier hat seine eigenen Stärken: Während Lilly alles erkundet, was man ihr vor den Rüssel hält, und Kinder durch ihr lebendiges Wesen motiviert, selbst aktiv zu werden, oder in sich gekehrte Menschen etwas aus sich heraus holt, vermittelt Kuh Paula mit ihrem gutmütigen Wesen Ruhe und Kraft. Ihre gemächlichen Bewegungen beim Führen, helfen Kindern mit körperlichen Einschränkungen ihre eigene Koordination in einen Rhythmus zu bringen. Mit ihrer Ausgeglichenheit beruhigt sie zudem ängstliche oder hyperaktive Kinder – und bringt ihnen gleichzeitig Geduld und Einfühlungsvermögen bei. Denn mit Druck läuft bei Paula nichts, dann streikt sie. Das fordert von den Kindern die hohe soziale Kompetenz, die Bedürfnisse der Kuh zu reflektieren und die eigenen Verhaltensweisen anzupassen. Gleiches gilt für Esel Luis: Auch er beruhigt Jung und Alt mit seiner gelassenen Art – und öffnet mit seinen großen Kulleraugen die Herzen vieler Hofbesucherinnen und -besucher!

Der Therapie-Profi ist allerdings Whitey. Das sensible Wollschaft kommt, dank des dicken Wollmantels, auch mit ungeschickten Berührungen klar. Selbst bei Stress bleibt Whitey gelassen und beißt nicht, sodass auch schwerstmehrfachbehinderte Menschen sicher bei ihr aufgehoben sind – und Menschen im Rollstuhl können Whitey buchstäblich auf Augenhöhe begegnen.

Wusstest Du schon?


Auf unserem Instagram-Kanal kannst Du in den nächsten Wochen weitere Videos der Hoftiere entdecken – und noch mehr: Auch hier berichten wir regelmäßig von sozialen Projekten! Im März und April 2020 zeigten wir insbesondere auf, wie diese von der Corona-Krise betroffen sind und mit welchen kreativen Ideen sie dieser begegnen.

„Die Zuwendung von Tieren ist bedingungslos und vorurteilsfrei. Der Kontakt mit ihnen bietet Kindern daher die Chance, ihre sozialen, emotionalen, kognitiven sowie motorischen Kompetenzen zu fördern und dadurch ihre Kommunikation, Interaktion und ihr Lernen zu erleichtern“, sagt Andrea Göhring. „Für Ältere oder Menschen mit Demenz ist die tiergestützte Förderung ein ressourcenorientierter Ansatz, der sich auf das Erfahrungswissen der Seniorinnen und Senioren stützt.“ Auf dem Hof haben diese die Möglichkeit, sinnstiftende Arbeit zu übernehmen, basierend auf ihren individuellen Bedürfnissen und vorhandenen Fähigkeiten. „Das Erleben von Selbsttätigkeit in diesem besonderen, tiergestützten Kontext dient der Biographiearbeit und Identitätsfindung“, erklärt die engagierte Tierfreundin. „Damit handelt es sich bei unserem Projekt um einen ganzheitlichen Ansatz, der sowohl kognitive, emotionale, motorische sowie soziale Selbstkompetenzen fördert.“

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Corona-Krise: Die Tiere zittern um ihr Zuhause

Trotz fundierter Ausbildung, viel Engagement und kontinuierlicher Weiterbildung, kann sich die tiergestützte Arbeit auf dem Bauernhof finanziell nicht selbst tragen. „Pflegeleistungen für Menschen mit Behinderung mithilfe von Schaf, Kuh und Co. gibt es noch nicht auf Rezept. Die Krankenkassen erkennen diese Heilbehandlung in Deutschland noch nicht an“, sagt Andrea Göhring. Bis vor wenigen Wochen konnten die Kosten für das therapeutische Angebot noch durch eine Mischkalkulation gedeckt werden: Die Einrichtungen, die den Bauernhof besuchen, mussten einen kleinen Anteil selbst erbringen – den größten Anteil deckte der Förderverein „Bauernhoftiere bewegen Menschen e.V.“ selbst. „Doch der kann momentan auch keine Einnahmen generieren“, so die Vereinsgründerin. „Alle geplanten Vorträge und Benefizveranstaltungen fallen aus. Uns bricht daher nicht nur das Einkommen weg, sondern wir bleiben derzeit auch auf den Tierhaltungskosten sitzen. Um kein Tier weggeben zu müssen und unser Angebot für die Schwächsten unserer Gesellschaft aufrechterhalten zu können, sind wir dringend auf Spenden angewiesen!“

Die tiergestützte Förderung mit Bauernhoftieren, wie „Bauernhoftiere bewegen Menschen e.V.“ es anbietet, ist deutschlandweit einzigartig. Die tierischen Co-Therapeuten erhalten – unter normalen Umständen – regelmäßig Besuch von verschiedenen Einrichtungen für Kinder, Jugendliche und Senior*innen aus dem Landkreis Sigmaringen, aber auch aus angrenzenden Landkreisen.


In unserem Magazin möchten wir engagierten Menschen wie Andrea Göhring eine Bühne geben. Wir möchten zeigen, wie Solidarität in unserem Land gelebt wird – auch, wenn wir das Projekt selbst bisher nicht fördern konnten. Herzlichen Dank für dein unermüdliches Engagement, Andrea!

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