Interview

Jugendliche und Sexualität: „Viele fragen: ‚Bin ich eigentlich normal?‘“

Die Onlineberatung sexundso.de hilft Jugendlichen in allen Lebensfragen – insbesondere denen zur Sexualität und allem, was dazu gehört.

Mutmacher
  • 19.01.2021
  • Autorin Katharina Hofmann
  • Fotograf iStock (Illustration)
  • Lesezeit5 Min.

Hildegard Müller berät seit fast 20 Jahren Jugendliche und junge Erwachsene zu Themen, die sie bewegen. Die Fragen, die sie als Beratende für die Onlineplattform „sexundso.de“ des pro familia Landesverbandes Niedersachsen e.V. beantwortet, drehen sich häufig – aber nicht alle – um: Sex. Und so. Wie sich die Fragen im Laufe der Jahre verändert haben und welche Hildegard Müller am meisten überrascht hat, erzählt sie im Interview.

Deutsche Fernsehlotterie: Frau Müller, Sie beraten Jugendliche und junge Erwachsene zu den Themen Sex „und so“. Wofür steht dieser Zusatz?

Hildegard Müller: Im Prinzip geht es um alles, was junge Menschen bewegt: Schwangerschaft, Verhütung, Liebe, Sexualität, Beziehung, Pubertät und körperliche Entwicklung, aber auch um Probleme mit den Eltern, Gewalt, psychische Probleme, Essstörungen – sie können uns alles fragen.

Deutsche Fernsehlotterie: Welche Fragen erreichen Sie am häufigsten?

Hildegard Müller: Die Auswertung für das letzte Jahr liegt uns leider noch nicht vor. Aber aus Erfahrung kann ich sagen, dass die Fragen zu den Themenbereichen Sexualität, Verhütung, Schwangerschaft und Beziehung am häufigsten vorkommen. In den letzten Jahren stellten Mädchen und junge Frauen die häufigsten Fragen zu Schwangerschaft und Verhütung und Jungen zur Sexualität.

Vom Ersten Mal bis zur intimen Schönheits-OP: Diese Fragen bewegen Jugendliche

Deutsche Fernsehlotterie: Was bewegt die Jugendlichen in dieser Thematik am meisten?

Hildegard Müller: Zum „Ersten Mal“ haben alle Geschlechter sehr viele Fragen. Auch zur körperlichen Entwicklung, zum Beispiel „Ich bin 13 Jahre alt und habe noch immer keine Periode“ oder „Mein Busen ist so klein, wächst der noch?“. Jungen haben häufig die Angst, ihr Penis könnte zu klein sein.

Es werden häufig auch Fragen zur sexuellen Orientierung gestellt: „Bin ich schwul?“ oder „Bin ich lesbisch?“. Oder auch Aussagen wie: „Ich fühle mich als Junge, habe aber einen weiblichen Körper – was kann ich tun?“ – und damit Fragen zum Thema Transgender. Viele Fragen sind aber auch Beziehungsfragen: „Mein Freund hat Schluss gemacht“ oder „Wie lerne ich jemanden kennen?“. Vermeintlich einfache Fragen, die gar nicht so einfach sind. Fragen zur Pille und Einnahmefehlern nehmen in den letzten Jahren sehr zu. Die Angst, schwanger zu sein, ist bei Mädchen sehr häufig.

Deutsche Fernsehlotterie: Sie sind seit fast 20 Jahren in der Onlineberatung von sexundso.de tätig und haben viele Fragen beantwortet. Haben sich diese im Laufe der Jahre verändert?

Hildegard Müller: In vielen Bereichen sind die Fragen ähnlich geblieben. Cyber-Mobbing, Sexting (d.h. die private Kommunikation über sexuelle Themen via mobiler Textnachrichten; Anm. d. Red.) und Pornografie wurden früher nicht so oft angesprochen, sind jetzt aber häufig Thema. Auch die Fragen zur sexuellen und geschlechtlichen Vielfalt haben sich in den letzten Jahren verstärkt. Es gibt aber auch immer wieder Zeiten, in denen bestimmte Themen aufkommen. Vor einigen Jahren hatten wir zum Beispiel viele Fragen zur operativen Veränderung der Venuslippen. Diese Frage hat mich in all den Jahren am meisten überrascht. Es war mir damals nicht bewusst, dass so viele Mädchen sich Gedanken um das Aussehen ihrer Venuslippen machen.

Deutsche Fernsehlotterie: Welchen Einfluss haben die Medien und Inhalte wie etwa sexualisierte Songtexte oder ein einfacherer Zugriff auf pornografische Inhalte heute auf Jugendliche und ihre Wahrnehmung von Sexualität?

Hildegard Müller: Ich denke, die Medien haben insgesamt einen großen Einfluss. Das Bild von Sexualität, das dort transportiert wird, ist heute vielfältiger als früher und Jugendliche können sich informieren. Auf der anderen Seite wird in den Medien vielfach ein Bild von Sexualität dargestellt, dass sich auf sexuelle Techniken und Leistungen beschränkt und Aspekte wie Zärtlichkeit und Gefühle außer Acht lässt. Es wird auch oft der Eindruck vermittelt, als hätten Frauen und Männer immer Lust auf Sex und als stünden sie immer zur Verfügung, was in der Realität natürlich nicht so ist. Viele Jugendliche sind sich bewusst, dass dieses wenig mit der Wirklichkeit zu tun hat.

Dennoch können die irrealen Darstellungen emotionalen Druck ausüben, diesen entsprechen zu müssen. Jugendlichen fällt es oft immer noch schwer, über die eigene Sexualität zu sprechen. Deshalb ist es so wichtig, dass es anonyme Angebote wie die Onlineberatung gibt. Denn diese „Überschwemmung“ an Inhalten durch die Medien sorgt bei vielen auch für eine ganz große Verunsicherung – man muss dies können, jenes wissen, diesen Anforderungen entsprechen… Da fragen sich dann viele: „Bin ich eigentlich normal?“

Unser Ziel ist es, auch dazu beizutragen, dass alles „normal“ ist – oder anders: dass die Vielfältigkeit die Normalität ist.
Hildegard Müller

Deutsche Fernsehlotterie: Eine sehr tiefgreifende Frage, denn schon die Idee des Begriffs ist doch wahnsinnig einschränkend – was ist schon „normal“?

Hildegard Müller: Ja, das ist genau die Frage: Was bedeutet normal? Für Jugendliche ist es eher die Frage, ob man dazugehört. In der Pubertät ist man durch die körperlichen und hormonellen Entwicklungen ohnehin verunsichert, muss sich immer wieder neu finden. Wenn es also von der Gesellschaft nicht als normal empfunden wird, dass ein Mädchen ein Mädchen liebt, können die Betroffenen Schwierigkeiten damit haben. Ein Coming-out ist auch heute oft nicht einfach – auch wenn sich in der Gesellschaft in dieser Hinsicht zum Glück zunehmend etwas ändert. (Lies hierzu auch unser Interview Jung und queer: „Die Angst vor dem Coming-out ist groß“ oder die Erfahrungsberichte „Ich bin lesbisch!“ – Vier persönliche Geschichten, Anm. d. Red.) Unser Ziel ist es, hier auch dazu beizutragen, dass das alles „normal“ ist – oder anders: dass die Vielfältigkeit die Normalität ist.

Deutsche Fernsehlotterie: Hat sich die Corona-Pandemie in den Anfragen des vergangenen Jahres widergespiegelt?

Hildegard Müller: Seltsamerweise nicht, inhaltlich ist die Pandemie kaum Thema. 2020 haben wir allerdings 20 Prozent mehr Anfragen gehabt.

Deutsche Fernsehlotterie: Grundsätzlich nehmen Sie in der Onlineberatung aber wahr, dass die Nachfrage im Allgemeinen nachgelassen hat – was mit dem veränderten Nutzungsverhalten der Jugendlichen zu tun hat. Wie reagieren Sie darauf?

Hildegard Müller: Das stimmt. Viele Jugendliche schreiben einfach keine E-Mails mehr. Sie nutzen lieber das, was sie auch sonst im Alltag nutzen. Am liebsten möchten sie über WhatsApp beraten werden – was natürlich schon aus Datenschutzgründen nicht möglich ist. Wir entwickeln daher eine Messenger-App, damit wir auch die Jugendlichen erreichen, für die E-Mail-Beratung nichts ist. Uns ist es wichtig, zu schauen: Was brauchen Jugendliche – und ihnen dann verschiedene Möglichkeiten anzubieten, um möglichst viele zu erreichen. Allerdings kostet das auch viel Geld. Ohne Fördermittel könnten wir das nicht ermöglichen.

Die mailbasierte Onlineberatung sexundso.de vom pro familia Landesverband Niedersachsen e.V. wendet sich insbesondere – aber nicht ausschließlich – an Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 14 und 27 Jahren. Um die Beratungskanäle den Bedarfen der jungen Ratsuchenden anzupassen und ihr Recht auf Information und Beratung sicherstellen zu können, entwickelt das Team aktuell eine eigene Messenger-App, die das Angebot ergänzen soll.

Als Soziallotterie fördern wir mit den Einnahmen aus dem Losverkauf über die uns angeschlossene Stiftung Deutsches Hilfswerk soziale Projekte in ganz Deutschland. Die Entwicklung der Beratungs-App für Jugendliche konnten wir 2020 mit rund 63.000 Euro unterstützen. Du möchtest einen Teil dazu beitragen, dass soziale Projekte wie dieses Menschen helfen können? Das geht ganz einfach: mit einem Los!

Deutsche Fernsehlotterie: Wo informieren sich die Jugendlichen sonst, wenn nicht bei Onlineberatungsstellen?

Hildegard Müller: Neben Freundinnen und Freunden sowie der Schule suchen Jugendliche Antworten auf ihre Fragen insbesondere im Internet. In den sozialen Netzwerken, bei YouTube – da gibt es zum Teil auch gute, seriöse Angebote. Aber auch viele unseriöse. Oft wird auch einfach gegoogelt. Das merken wir auch in der Beratung: Die Jugendlichen schreiben uns teilweise so, als würden sie etwas bei Google suchen. Kaum noch richtige Sätze. Für uns ist es eine große Herausforderung, uns dem anzupassen. Wir möchten am liebsten ausführlich antworten, so dass wir ihnen alles Wissenswerte zu ihren Fragen vermitteln können. Und für einige Jugendliche ist ein ausführlicher Austausch auch richtig, weil sie selbst viel schreiben. Aber andere kann das dann auch mal schnell überfordern. Deshalb bilden wir uns immer weiter, machen Fortbildungen und lernen, auch anders zu kommunizieren – also: viel Info in wenig Text.

Themenwoche: Onlineberatung

Wie erreicht man hilfebedürftige Menschen in Zeiten von Kontaktbeschränkungen? Denn: Manches kann vielleicht warten – doch wichtige Hilfe in persönlichen Krisensituationen nicht.

Das merken auch Onlineberatungsstellen: Die Anfragen haben sich bei vielen in den letzten zwölf Monaten deutlich erhöht. Vier solcher Projekte schauen wir uns daher in unserer aktuellen Themenwoche vom 19.01-24.01.2021 einmal genauer an:

Das Projekt KidKit steht Kindern zur Seite, die von (sexueller) Gewalt betroffen sind. OSKAR-Sorgenmail unterstützt Eltern, die ein lebensverkürzt erkranktes Kind haben (den Beitrag hierzu findest du in den Highlights unseres Instagram-Kanals). Die Plattform sexundso.de berät Jugendliche bei allen Fragen rund um Sexualität, Verhütung, Schwangerschaft – und vielem mehr. Und mit einem neuen Onlineangebot möchte zukünftig auch die Beratung für Menschen mit Behinderung Nürnberg diejenigen erreichen, die – unabhängig von der Pandemie – keine Beratungsstelle aufsuchen möchten oder können.

Hier findest du außerdem weitere Onlineberatungsstellen, über die wir in der Vergangenheit berichtet haben.

Deutsche Fernsehlotterie: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Hildegard Müller: Ich wünsche mir, dass unsere Angebote weiterhin so zahlreich genutzt werden können und dass wir mit der digitalen Entwicklung weiterhin Schritt halten können. Grundsätzlich wünsche ich mir, dass die Vielfältigkeit der Geschlechter, der sexuellen Orientierung, der Kulturen und Lebensformen von immer mehr Menschen als Bereicherung erlebt wird und es als ein Teil des Lebens immer selbstverständlicher wird. Und ich hoffe, dass wir durch unsere Arbeit dazu beitragen können.

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