Interview

(Ohne) Hilfe zur Selbsthilfe: Warum digitale Beratung für Menschen mit Behinderung zur Selbstbestimmung beiträgt

Diese Onlineberatung schafft für Menschen mit Behinderung und ihre Fragen einen anonymen Raum, der ohne fremde Hilfe und selbstbestimmt erreicht werden kann.

Hilfe zur Selbsthilfe
  • 19.01.2021
  • Autorin Katharina Hofmann
  • Fotograf iStock (Illustration)
  • Lesezeit5 Min.

Christine Lippert setzt sich seit über 25 Jahren in den Rummelsberger Diensten für Menschen mit Behinderung ein. Viele Jahre war sie dort als Erzieherin tätig, nach einem berufsbegleitenden Studium der Sozialpädagogik nun als Beraterin. Aktuell arbeitet sie an der Etablierung einer Onlineberatung, um Hilfesuchenden einen anonymen Raum für ihre Fragen zu schaffen, der – im Gegensatz zur Face-to-Face-Beratung – von allen ohne fremde Hilfe und selbstbestimmt erreicht werden kann.

Deutsche Fernsehlotterie: Frau Lippert, das Jahr 2020 hat auch Ihre Arbeit stark beeinflusst. Was war besonders herausfordernd?

Christine Lippert: Viele politische Informationen zur Corona-Pandemie, gerade zu Beginn, waren ganz klassisch für Menschen mit einem guten Sprachverständnis aufbereitet. Wie übrigens vieles, was von der Regierung und von offiziellen Seiten kommt. Wir haben dann mit Expertenhilfe von Capito Nordbayern selbst versucht, die Informationen in einfache Sprache zu bringen, um sie an unsere Klientinnen und Klienten weitergeben zu können.

Ich würde mir wünschen, dass wichtige (politische) Informationen einfacher und damit auch zugänglicher formuliert werden würden. Und das auch von der Stelle, die diese Informationen herausgibt.
Christine Lippert

Deutsche Fernsehlotterie: Sie haben es gerade angedeutet: Ist Zugang zu barrierefreier Information etwas, das von Seiten der Politik vernachlässigt wird?

Christine Lippert: Ich würde mir wünschen, dass Informationen – wie etwa auch solche zu leistungsrechtlichen Fragen oder Bescheide, die grundsätzlich in komplizierter Amtssprache verfasst sind – einfacher und damit auch zugänglicher formuliert werden würden. Und das auch von der Stelle, die diese Informationen herausgibt. Dabei geht es nämlich um sehr wichtige Informationen: Was für Leistungen stehen mir als Mensch mit Behinderung zu? Wie kann ich Gelder beantragen? Das sind Dinge, die die Existenz betreffen und wie diese gestaltet werden kann. Ich muss aber auch sagen: Die barrierefreie Aufbereitung solcher Informationen ist langsam im Kommen. Hier in Nürnberg etwa wendet sich die Stadt inzwischen immer mal wieder an Übersetzerdienste. Aber selbstverständlich ist das noch nicht.

Deutsche Fernsehlotterie: Ist die Verunsicherung der Menschen, die erst zeitverzögert Informationen zur Krisenlage erhalten haben, in Ihren Beratungen spürbar gewesen?

Christine Lippert: Es waren viele Unsicherheiten da, gerade in den Anfangszeiten. Aber nicht nur bei unseren Klientinnen und Klienten, sondern auch auf unserer Seite. Und das ist auch jetzt teilweise noch so. Wir haben uns gefragt: Was ist möglich, was nicht? Und vor allem: Wo setzt man andere Menschen vielleicht einem Risiko aus – etwa in der Face-to-Face-Beratung? Unsere Onlineberatung war ja gerade erst im Entstehen und ist noch nicht im Einsatz.

Deutsche Fernsehlotterie: Wie konnten Sie auf diese Unsicherheiten auf Ihrer Seite reagieren?

Christine Lippert: Am Anfang, als erst mal alles dicht war, haben wir uns gefragt, wie wir die Beratung aufrechterhalten können. Wir waren dann zunächst telefonisch erreichbar. Allerdings haben wir auch festgestellt, dass die Menschen sich ohnehin zurückgezogen haben – wir hatten tatsächlich weniger Anfragen. Als dann klar war, dass es mit Abstandsregelung und Hygienekonzept weitergehen kann, haben wir auch wieder Face-to-Face-Beratungen gemacht, mit Maske in unserem großen Besprechungsraum, den man gut lüften kann, und Spaziergänge angeboten. Denn es gibt Dinge, die könne warten – aber manche Angelegenheiten konnte es eben nicht.

Ein digitales Angebot erreicht auch die, die sonst nicht in die Beratung kommen

Deutsche Fernsehlotterie: Dass nun eine ergänzende Onlineberatung entsteht, ist nicht nur eine Reaktion auf die Corona-Krise, sondern deckt einen Bedarf unabhängig davon ab.

Christine Lippert: Richtig. Wenn man an pflegende Angehörige denkt, an die sich unser Angebot ja genauso richtet: Sie kümmern sich zum Beispiel um ihre zum Teil schon erwachsenen Kinder, fahren zu Therapien oder zu Ärzten, machen sich täglich viele Sorgen… Da bleibt oft keine Zeit, um zu einer aufsuchenden Beratung zu gehen. Oder auch die Menschen mit Behinderung, die sich in ihrer Wohnung einsam fühlen, aber einen Fahrdienst anrufen oder eine Assistenz anfragen müssten, um zu uns zur Beratung zukommen. Oder Menschen im Autismus-Spektrum, denen es sowieso schwerfällt, irgendwo hin zu gehen. Diese Menschen können uns dann auch online erreichen – und das ohne Hilfe und ganz selbstbestimmt.

Das Onlineberatungsprojekt der Beratungsstelle für Menschen mit Behinderung in Nürnberg unter der Trägerschaft der Rummelsberger Dienste für Menschen mit Behinderung gGmbH bietet einen niedrigschwelligen und anonymen Zugang zu Beratungsleistungen rund um das Thema „Leben mit Behinderung“. Es richtet sich sowohl an Menschen mit Behinderung als auch an deren Angehörige und alle Interessierten. Ziel ist es, mit dem Projekt auch die Menschen zu erreichen, die die aufsuchende Beratung nicht ohne weiteres nutzen können und/oder wollen. Das Projekt beginnt am 1. März 2021 mit der technischen Umsetzung, die Beratung soll dann einige Monate später vollumfänglich starten.

Mit einer Förderung der Onlineberatung mit rund 105.000 Euro konnten wir dazu beitragen, Menschen mit Behinderung die Möglichkeit auf eine selbstbestimmt erreichbare Beratung zu schaffen. Du möchtest einen Teil dazu beitragen, dass soziale Projekte wie dieses anderen Menschen helfen können? Das geht ganz einfach: mit einem Los!

Deutsche Fernsehlotterie: Mit welchen Themen kamen die Menschen bisher auf Sie zu?

Christine Lippert: Manchmal ist es die Sorge von Angehörigen, dass ihre Kinder vereinsamen, weil nur wenige Kontakte vorhanden sind. Manchmal sind es überlastete Eltern. Andere möchten von zu Hause ausziehen und fragen sich: Kann ich das überhaupt? Was brauche ich dafür? Wo finde ich eine Wohnung? Das ist oft Thema, denn es gibt einfach zu wenig rollstuhlgerechte Wohnungen. Und manchmal ist es auch einfach nur der Wunsch nach Kontakt.

Deutsche Fernsehlotterie: Worin bestehen nun die Herausforderungen bei der Entwicklung einer Onlineberatung?

Christine Lippert: Zunächst muss natürlich die Website barrierefrei sein: Sie muss auch sprachgesteuert funktionieren, man muss die Seiten vergrößern können, die Kontraste sollten gut sein und so weiter. Und es muss natürlich auch alles verständlich aufbereitet sein, sodass Menschen, die schriftsprachlich nicht so fit sind, trotzdem Lust haben, die Onlineberatung auszuprobieren. Und für uns Beratende ist es natürlich auch eine neue Herausforderung: In einer Face-to-Face-Beratung sehe ich die Mimik, die Gestik – ich habe meist schon ein Bild von dem Menschen, bevor dieser überhaupt gesprochen hat! Das fällt alles weg und das finde ich spannend. Auch ich habe nur einen Kanal, um zu antworten. Und entweder entsteht dann ein Dialog – oder es wird still.

Ich glaube auch, dass sich die Themen in der Onlineberatung verschieben werden. Es werden weniger leistungsrechtliche Fragen aufkommen, dafür mehr Themen wie beispielsweise Sexualität, Ängste, Überforderung.
Christine Lippert

Deutsche Fernsehlotterie: Diese Stille, die entstehen kann, ist sicher auch eine Herausforderung. Die Onlineberatung ist anonym, dadurch werden sicherlich auch schwerere Themen dabei sein?

Christine Lippert: Ich glaube auch, dass sich die Themen in der Onlineberatung verschieben werden. Es werden weniger leistungsrechtliche Fragen aufkommen, dafür mehr Themen wie beispielsweise Sexualität, Ängste, Überforderung. Da hilft die Anonymität auf jeden Fall weiter und ich glaube, dass sich hier Menschen eher melden, wenn es ihnen nicht gut geht, als dass sie dann einen Termin in der aufsuchenden Beratung machen. Das finde ich sehr wichtig, dass wir einen solchen Raum schaffen, wo schwierige Themen einfacher platziert werden können, und dass wir so mehr Menschen erreichen und helfen können.

Durch die Krise sind die Belange von Menschen mit Behinderung in den Hintergrund gerückt

Deutsche Fernsehlotterie: Eine schwierige Zeit für alle ist der Lockdown. Wie geht es aktuell Menschen mit Behinderung?

Christine Lippert: Oft wird vergessen, dass Menschen mit Behinderung auch Risikogruppe sind. Es wird viel über die alten Menschen gesprochen – und das ist auch ganz wichtig – aber die Menschen mit Behinderung, auch die, die in einer eigenen Wohnung leben, dürfen darüber nicht vergessen werden. In Senioreneinrichtungen wird jetzt geimpft. Menschen mit geistiger Behinderung und Trisomie 21 gehören der zweiten Impfgruppe an. Doch diejenigen mit einer Körperbehinderung sind in der Impfverordnung nicht als eigene Gruppe erwähnt*. Auch sie sind gefährdet, haben große Sorge sich anzustecken und kommen seit Beginn der Pandemie kaum noch raus – das macht es für sie besonders schwierig.

*Unter Umständen können auch Menschen mit Körperbehinderung früher geimpft werden, denn mit dritthöchster Priorität erhalten auch Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen die Corona-Impfung. Welche das sind, steht in der Impfverordnung. (Anm. d. Red.)

Deutsche Fernsehlotterie: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Christine Lippert: Ich habe etwas Sorge, jetzt, wo so viele Gelder ausgegeben werden, dass die Einsparungen im sozialen Bereich passieren könnten. Ich wünsche mir, dass es nicht so weit kommt, dass nicht an dieser wichtigen Stelle gespart wird. Durch die Krise sind die Belange von Menschen mit Behinderung in den Hintergrund gerückt. Ich wünsche mir, dass sie in Zukunft wieder mehr in den Fokus genommen werden – gerade auch von den Verantwortlichen in der Regierung. Und dass es selbstverständlicher wird, dass alle Menschen Teil der Gesellschaft sind und die Gesellschaft auch dafür sorgt, dass alle dabei sein können.

Themenwoche: Onlineberatung

Wie erreicht man hilfebedürftige Menschen in Zeiten von Kontaktbeschränkungen? Denn: Manches kann vielleicht warten – doch wichtige Hilfe in persönlichen Krisensituationen nicht.

Das merken auch Onlineberatungsstellen: Die Anfragen haben sich bei vielen in den letzten zwölf Monaten deutlich erhöht. Vier solcher Projekte schauen wir uns daher in unserer aktuellen Themenwoche vom 19.01-24.01.2021 einmal genauer an:

Das Projekt KidKit steht Kindern zur Seite, die von (sexueller) Gewalt betroffen sind. OSKAR-Sorgenmail unterstützt Eltern, die ein lebensverkürzt erkranktes Kind haben (den Beitrag hierzu findest du in den Highlights unseres Instagram-Kanals). Die Plattform sexundso.de berät Jugendliche bei allen Fragen rund um Sexualität, Verhütung, Schwangerschaft – und vielem mehr. Und mit einem neuen Onlineangebot möchte zukünftig auch die Beratung für Menschen mit Behinderung Nürnberg diejenigen erreichen, die – unabhängig von der Pandemie – keine Beratungsstelle aufsuchen möchten oder können.

Hier findest du außerdem weitere Onlineberatungsstellen, über die wir in der Vergangenheit berichtet haben.

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