Interview

„Du bist nicht allein!“ – Diese Onlineplattform hilft Kindern, die (sexualisierte) Gewalt erleben

Die Onlineberatung KidKit hilft Kindern, die in dysfunktionalen Familien leben. Seit Beginn der Corona-Pandemie sind die Anfragen hier extrem gestiegen.

Hilfe zur Selbsthilfe
  • 19.01.2021
  • Autorin Katharina Hofmann
  • Fotograf iStock (Illustration)
  • Lesezeit6 Min.

„Wir sind für dich da, du bist nicht allein“ ist eine der wichtigsten Botschaften der digitalen Beratungsplattform KidKit für Kinder und Jugendliche mit sogenannten „Problemeltern“. Seit Beginn der Corona-Pandemie sind hier die Anfragen extrem gestiegen. Im Interview erzählt Sozialpädagogin Kristin Frank, welche Themen die Kinder derzeit besonders belasten und gibt Ratschläge an die Hand, wie man selbst erkennen kann, ob ein Kind in einer schwierigen Situation steckt – und wie man ihm beistehen kann.

Hinweis: Du bist von (sexualisierter) Gewalt betroffen und weißt nicht, an wen du dich wenden kannst? Hier findest du den direkten Weg zu KidKit und weiteren Hilfsangeboten.

Deutsche Fernsehlotterie: Frau Frank, auf Ihrer Website steht: Hilfe bei Problemeltern. Was genau verbirgt sich hinter diesem Begriff?

Kristin Frank: Hinter dem Begriff stehen dysfunktionale Familien – also solche, die dem Kindeswohl entsprechenden Funktionen nicht umfassend nachkommen. Es kann verschiedene Gründe haben, warum das so ist: etwa, weil psychische Erkrankungen vorliegen oder Suchterkrankungen, weil Themen wie Gewalt oder sexueller Missbrauch stattfinden oder Einsamkeit vorhanden ist. Wir haben uns in der Kommunikation für den Begriff Problemeltern entschieden, um die Kinder und Jugendlichen, die sich an uns wenden, zu entlasten. Denn sie sehen sich häufig selbst als Problem der Situation, in der sie sich befinden, obwohl das Problem viel eher in den Eltern liegt und die Kinder die Symptomträger sind.

Es kann sein, dass ein Elternteil trinkt und die Kinder nicht wissen, wie sie mit der Situation umgehen sollen.
Kristin Frank

Deutsche Fernsehlotterie: Woher kommt diese Wahrnehmung?

Kristin Frank: Pädagogisch ist das insofern erklärbar, als dass Kinder im Rahmen ihrer frühkindlichen Entwicklung versuchen, den Eltern alles recht zu machen, ihnen zu gefallen. Wenn sie als Kleinkind etwas heruntergeworfen haben und die Eltern deshalb wütend werden, sehen sie sich dafür verantwortlich und verstehen, dass es falsch ist. Sie lernen, dass Eltern eine Reaktion auf ihr Verhalten geben und das prägt sich immer tiefer ein. Wenn Mama oder Papa dann plötzlich immer nur noch traurig sind oder vielleicht Alkohol trinken und Gewalt ausüben, liegt das in den Augen der Kinder daran, dass sie etwas falsch gemacht haben. Im Bereich des sexuellen Missbrauchs muss man das noch einmal gesondert betrachten, denn häufig ist es so, dass Täter und Täterinnen ihren Opfern ganz klar manipulieren: Du bist schuld daran. Um die Verantwortung von sich selbst wegzuschieben.

Deutsche Fernsehlotterie: Mit welchen Themen wenden sich die Kinder an Sie?

Kristin Frank: Es kann sein, dass ein Elternteil trinkt und die Kinder nicht wissen, wie sie mit der Situation umgehen sollen. Es kann auch sein, dass ein Kind konkret sagt „So wie es gerade zu Hause ist, möchte ich nicht mehr zu Hause wohnen“. Es können auch konkrete Fragen sein wie „Warum ist meine Mama immer traurig?“. Unsere Kernbereiche in der Beratung sind Sucht, psychische Erkrankung, Gewalt und sexueller Missbrauch. Für alle Kinder, die sich an uns wenden, gilt, dass sie keine Ansprechperson haben, der sie sich anvertrauen können. Eine der wichtigsten Botschaften, die wir bei KidKit verbreiten wollen, ist daher: „Du bist nicht allein. Trau dich darüber zu reden. Wir sind für dich da.“

Themenwoche: Onlineberatung

Wie erreicht man hilfebedürftige Menschen in Zeiten von Kontaktbeschränkungen? Denn: Manches kann vielleicht warten – doch wichtige Hilfe in persönlichen Krisensituationen nicht.

Das merken auch Onlineberatungsstellen: Die Anfragen haben sich bei vielen in den letzten zwölf Monaten deutlich erhöht. Vier solcher Projekte schauen wir uns daher in unserer aktuellen Themenwoche vom 19.01-24.01.2021 einmal genauer an:

Das Projekt KidKit steht Kindern zur Seite, die von (sexueller) Gewalt betroffen sind. OSKAR-Sorgenmail unterstützt Eltern, die ein lebensverkürzt erkranktes Kind haben (den Beitrag hierzu findest du in den Highlights unseres Instagram-Kanals). Die Plattform sexundso.de berät Jugendliche bei allen Fragen rund um Sexualität, Verhütung, Schwangerschaft – und vielem mehr. Und mit einem neuen Onlineangebot möchte zukünftig auch die Beratung für Menschen mit Behinderung Nürnberg diejenigen erreichen, die – unabhängig von der Pandemie – keine Beratungsstelle aufsuchen möchten oder können.

Hier findest du außerdem weitere Onlineberatungsstellen, über die wir in der Vergangenheit berichtet haben.

Corona: Seit Beginn der Pandemie steigen die Anfragen bei KidKit

Deutsche Fernsehlotterie: Während des letzten Jahres wuchs die Sorge, dass durch Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie, wie etwa Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen, häusliche Gewalt gegen Kinder zunehmen könnte. Einige erste Statistiken belegen dies bereits. Hat sich das auch auf Ihre Arbeit ausgewirkt?

Kristin Frank: Ja, absolut. Wir haben 2020 im Vergleich zum Vorjahr 100 Prozent mehr Anfragen erhalten. In der Regel war die psychische Erkrankung eines Elternteils bis dahin das vorrangige Thema in unserer Beratung – jetzt haben wir einen extremen Zuwachs bei den Themen Gewalt und sexueller Missbrauch. Aus polizeilichen Statistiken hat man den Anstieg von häuslicher Gewalt zwar mitbekommen, aber es dann noch einmal aus der Betroffenensicht – aus der Sicht von Kindern – mitzukriegen, ist erschreckend und zeigt, was die Krise auch für langwierige Folgen mit sich bringen könnte.

Deutsche Fernsehlotterie: Was bedeuten die angestiegenen Zahlen insgesamt? Wie viele Kinder und Jugendliche sind in Deutschland von sexueller Gewalt betroffen?

Kristin Frank: Die Polizeistatistik von 2019 sagt aus, dass 16.000 Kinder von sexueller Gewalt und noch einmal rund 12.000 Kinder von Kinderpornografie betroffen sind. Das spiegelt natürlich nicht die tatsächliche Realität wider. Dunkelfeldschätzungen ergeben, dass mindestens zwei Kinder pro Klasse von sexueller Gewalt betroffen sind. Das heißt nicht zwangsläufig, dass jemand eine Vergewaltigung erlebt. Sexualisierte Gewalt kann vielschichtig sein.

Deutsche Fernsehlotterie: Was versteht man unter sexualisierter Gewalt?

Kristin Frank: Wir benutzen die Begriffe sexuelle Gewalt, sexualisierte Gewalt und sexueller Missbrauch synonym und zählen dazu jede Handlung, die an einem vorgenommen wird oder die man zwangsweise an einer anderen Person vornehmen muss, damit das Gegenüber sexuelle Befriedigung erfährt. Das können etwa unangenehme Berührungen sein, Vergewaltigung oder auch pornografische Inhalte mit Kindern, die im Internet verbreitet werden – um nur ein paar der wesentlichen Facetten zu nennen.

KidKit ist eine digitale Informations- und Beratungsplattform für Kinder und Jugendliche, die in Familien mit Suchterkrankungen, (sexualisierte) Gewalt und/oder psychischen Erkrankungen aufwachsen.

Als Soziallotterie fördern wir mit den Einnahmen aus dem Losverkauf über die uns angeschlossene Stiftung Deutsches Hilfswerk soziale Projekte in ganz Deutschland. KidKit unterstützen wir mit einer Förderung von rund 103.000 Euro darin, das Beratungsangebot um den Bereich sexualisierte Gewalt erweitern zu können.

Die Beratungen bei KidKit sind anonym und kostenlos.


Übrigens: Auch das von uns geförderte Projekt Antihelden* hilft bei sexualisierter Gewalt. Es richtet sich speziell an Jungen, die seltener über ihre Erfahrung sprechen. Hier erfährst du mehr darüber.

Hilfe zur Selbsthilfe: Das Kind gibt das Tempo vor

Deutsche Fernsehlotterie: Über solche Themen zu sprechen, fällt schwer. Wie äußert sich das in den Beratungsgesprächen?

Kristin Frank: Viele Kinder schreiben zum Beispiel sowas wie „Hallo, meine Mama tut mir weh, ich weiß nicht, was ich machen soll“. Dann ist es erst mal wichtig, behutsam den Kontakt aufzunehmen und ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Und im nächsten Schritt kann man nachfragen, was genau mit „sie tut mir weh“ gemeint ist – ohne das Kind dabei unter Druck zu setzen. Natürlich ist die erste Intention von Erwachsenen häufig, so schnell wie möglich an die Wahrheit heranzukommen, um schnell reagieren zu können. Dabei wird aber nicht auf das Tempo des Kindes geachtet. Für Kinder ist es schwierig, manche Dinge zu benennen. Denn zum einen belasten sie damit Menschen, die ihnen nahestehen – meist kommen die Täter und Täterinnen aus dem Familien- oder näheren Bekanntenkreis. Zum anderen ist Sexualität auch ein schambehaftetes Thema, erst recht für Jugendliche, die sich damit gerade erst auseinandersetzen. Wichtig ist, ihnen zuzuhören und da zu sein – oder, wie ich gern sage: Man kann zwar den Wind in die Segel pusten, aber das Kind steuert das Schiff und sollte auch nicht übergangen werden.

Deutsche Fernsehlotterie: Melden sich Kinder manchmal später noch einmal und sagen, dass Sie ihnen geholfen haben? Oder bekommt man das eher nicht mit?

Kristin Frank: Nicht in allen Fällen, auch wenn wir uns das gern wünschen würden. Aber manchmal erreichen uns noch Jahre später Mitteilungen, dass sich Menschen die E-Mails noch mal durchgelesen oder sich ins Gedächtnis gerufen haben, um sich so Selbstbestärkung oder eine Strategie für jeweilige Situationen zu holen. Das ist natürlich ein Erfolgserlebnis für uns. Aber ich sehe es auch schon als Erfolg, wenn ich merke, dass ich mit einem Kind in regelmäßigem Austausch stehe, der oft über Monate oder sogar Jahre geht.

Deutsche Fernsehlotterie: Wie schwer fällt es Ihnen dann, wenn der Kontakt nach längerem Austausch plötzlich abbricht?

Kristin Frank: Das ist schon schwierig, denn man fragt sich: Ist dem Kind etwas zugestoßen? Habe ich vielleicht in der Beratung falsch reagiert? Wir schreiben dann meistens noch einmal eine Mail hinterher und sagen „Ich habe länger nichts von dir gehört, ist etwas vorgefallen?“. Manchmal kommt dann zurück, dass das Kind viel zu tun hatte oder mit anderen Themen beschäftig war. Manchmal kommt aber auch gar nichts.

Aber auch ein Kontaktabbruch heißt nicht zwangsläufig, dass man nicht helfen konnte. Das Kind beschäftigt sich sehr intensiv mit dem Thema, mit dem es sich an uns wendet. Das bündelt die Ressourcen eines jungen Menschen sehr stark und ist manchmal vielleicht auch einfach zu viel, sodass dieser sich dann erst mal nicht mehr mit dem Thema auseinandersetzen will und kann.

Es ist für mich wahnsinnig wertvoll, wenn ich merke, dass ich ein Kind in die Lage versetzen konnte, sich nicht mehr schuldig zu fühlen.
Kristin Frank

Deutsche Fernsehlotterie: Wie können Menschen reagieren, die meinen, zu bemerken, dass ein Kind häuslicher oder sexualisierter Gewalt ausgesetzt ist?

Kristin Frank: Wichtig ist, nicht die Füße stillzuhalten. Man kann zum Beispiel probieren, mit dem Kind in Kontakt zu treten – sofern man auch vorher schon Kontakt hatte. Dann kann man fragen, ob alles in Ordnung ist. Im Zweifel kann man sich natürlich auch beraten lassen. Auf unserer KidKit-Seite haben wir eine Karte, wo man spezialisierte Beratungsstellen vor Ort finden kann. Man kann uns auch per E-Mail kontaktieren über info@kidkit.de und wir schauen dann, ob wir aus der Entfernung helfen können, oder ob es sinnvoll ist, eine Beratungsstelle vor Ort anzusteuern.

Deutsche Fernsehlotterie: Welche Momente in Ihrer Arbeit machen Ihnen Mut?

Kristin Frank: Mit den Kindern im Kontakt zu sein und zu merken, dass die Psychoedukation – also die Lehre von psychischen Erkrankungen und die Aufklärung darüber – Früchte trägt. Wenn Kinder, die beispielsweise einen alkoholkranken Elternteil haben, verstehen, dass diese Dynamik nichts mit ihnen zu tun hat, dass es eine Krankheit ist. Es ist für mich wahnsinnig wertvoll, wenn ich merke, dass ich sie in die Lage versetzen konnte, das verstehen zu lernen, sich nicht mehr schuldig zu fühlen. Dann denke ich manchmal: Wow, damit hat man einfach ein Leben verändert.

Deutsche Fernsehlotterie: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Kristin Frank: Ich würde mir wünschen, dass es für Projekte wie KidKit eine Regelfinanzierung von staatlicher Seite gäbe. Wir finanzieren unsere Arbeit ausschließlich über Spenden und Fördergelder. Jedes Jahr müssen wir neue Anträge stellen. Ich finde, dass bei einem so wichtigen Thema die Politik sagen muss, dass sie das langfristig fördert, dass es eine Standartleistung wird. Das klingt vielleicht polemisch, aber Kinder sind unsere Zukunft. Und wenn die Eltern schon dysfunktional sind, ist das Risiko, dass Kinder dysfunktional aus der Erziehung heraus gehen, sehr hoch.

Info

Weitere Hilfsangebote

Hier geht es direkt zur anonymen Onlineberatung von KidKit.

Hier geht es zur anonymen Onlineberatung Antihelden*, die sich speziell an Jungen wendet.

Bei der Telefonseelsorge erhalten Betroffene rund um die Uhr Hilfe. Dort sind ehrenamtliche Berater*innen anonym und kostenfrei erreichbar unter: 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222

Speziell für Kinder und Jugendliche ist die ebenfalls kostenlose und anonyme Telefonberatung Nummer gegen Kummer: 116 111 und 0800 111 0 333 (montags bis samstags 14-20 Uhr)

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