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Auf ein gutes und „süßes“ Jahr

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Nachbarschaft, die Nachbarn schafft

Freie Zufahrten, saubere Straßen: In Freiburg zeigt eine Sozialarbeiterin Nachbarn, wie sie ihre Anliegen erfolgreich umsetzen.

Miteinander in Viertel
  • 17.05.2019
  • Autorin Tanja Mokosch
  • Fotograf Jan Ehlers
  • Lesezeit6 Min.

In Freiburg zeigt eine Sozialarbeiterin den Bewohner*innen des Viertels am Zehntsteinweg, wie sie ihre Anliegen erfolgreich umsetzen. Neben freien Zufahrten, begehbaren Wegen und sauberen Straßen entstehen dabei auch echte Freundschaften.

Auf den Hundekottütenspender ist Monika Riedinger besonders stolz. Das klingt erstmal komisch, aber der tannengrüne, mannshohe Automat mit integriertem Mülleimer war eines der ersten Projekte der Bewohnerinnen und Bewohner des Zehntsteinweges. Ein kleines Projekt vielleicht, aber eines, bei dem alle etwas dazugelernt haben. „Das ist ein gutes Ergebnis, weil die Leute sehen: Wenn ich was mache, dann tut sich was. Und noch wichtiger ist, dass die Leute untereinander ins Gespräch kommen. Und, dass die Anwohner mit dem Vermieter ins Gespräch kommen“, sagt Riedinger und spaziert weiter den Zehntsteinweg entlang. Seit die Sozialarbeiterin in der Freiburger Nachbarschaft arbeitet, hat sich einiges verändert. Weniger Müll und Hundekot auf den Straßen, ordentlich gescherte Hecken und freigeräumte Gehwege sind vielleicht die deutlich sichtbarsten Ergebnisse ihrer Arbeit.

Frau mit Kunstfellmantel steht vor einem Wohnhaus.
Sozialarbeiterin Monika Riedinger beim Spaziergang durchs Viertel.

Mit ihren leuchtend roten Haaren und in einen Plüschleopardenmantel gehüllt schreitet sie voran. Man könnte meinen Riedinger liebt es, im Mittelpunkt zu stehen. Aber das Gegenteil ist der Fall. Das wird schnell klar, wenn man ihr zuhört. Ständig sagt sie Sätze wie: „Das haben die Bewohner gemacht.“ Oder: „Die Bewohner wollten das so.“ Sie sagt auch: „Authentizität ist wichtig, aber die Einrichtung soll nicht im Vordergrund stehen.“ Sie will sich nicht verstellen, aber den Leuten auch nichts aufzwingen.

Es ist ein gutes Ergebnis, wenn die Leute sehen: Wenn ich was mache, dann tut sich was. Und noch wichtiger ist, dass die Leute untereinander ins Gespräch kommen.
– Monika Riedinger, Sozialarbeiterin im Nachbarschaftstreff Zehntsteinweg

Am Anfang sei sie erstmal von Tür zu Tür marschiert und habe einfach zugehört, was die Bewohner so bräuchten. „Die Ideen habe ich dann einfach geschnappt“, sagt Riedinger. Sie steht inzwischen auf einer Wiese vor einem Wohnblock. An einen Baum gekettet steht dort eine bunt bemalte Bank. Die „Wanderbank“ kann mit Rollen an verschiedene Orte in der Nachbarschaft gebracht werden. Sie soll als Treffpunkt dienen und wird sogar schon genutzt, obwohl es noch gar nicht richtig warm ist. Die Sitzfläche ist in Leopardenmuster bemalt. „Ja, die ist mir gewidmet“, gesteht Riedinger, blickt kurz auf ihren Mantel und wechselt schnell das Thema.

Eine Bank steht vor einem Baum.
Eine ältere Frau hält eine Hundeleine in der Hand und lacht.
Ein blühender Baum vor einem Wohnhaus.

Warum die Bewohner des Viertels der Sozialarbeiterin auf diese Weise Anerkennung zollen, weiß Anwohnerin Eva-Maria Hoch. Sie und ihr Hund Max spazieren mit, einmal das U entlang, das der Zehntsteinweg bildet, und auf dem angrenzenden Runzmattenweg zurück. Dort lebt Hoch seit ihrer Kindheit. Ihre Eltern haben das Haus gebaut, vor fast 60 Jahren. Seit Sozialarbeiterin Riedinger in der Nachbarschaft arbeitet, hat sich Eva-Maria Hochs Leben hier verändert. Früher, sagt sie, habe man untereinander nicht viel gesprochen. Heute engagiert sie sich mit ihren Nachbarn in Arbeitskreisen für Initiativen. So hat sie zum Beispiel in der Verkehrsinitiative mitgewirkt, die dafür gesorgt hat, dass Flächen, die für die Anfahrt von Krankenwagen wichtig sind, frei bleiben.

Frau im Kunstfellmantel läuft an Hauswand vorbei.

Gemeinsam zählen Monika Riedinger und Eva-Maria Hoch auf, was gerade noch so passiert in ihrem Viertel: Eine Initiative setzt sich für eine Ballspielfläche in der Nachbarschaft ein. Eine weitere Initiative soll das Älterwerden in den eigenen vier Wänden erleichtern. Und eine dritte Initiative soll die Ängste gegenüber dem naheliegenden Flüchtlingsheim abbauen, indem sie Austausch zwischen den Bewohnern fördert. Das hat dazu geführt, dass die Bewohner des Flüchtlingsheims und die Bewohner der Nachbarschaft am Zehntsteinweg den „Tag der Nachbarn“ gemeinsam feiern. Und dann gibt es noch die „Zukunftswerkstatt“, in der die Bewohner Ideen einbringen, die später zu Initiativen werden können. Macht mit der Verkehrsinitiative fünf, überprüft Riedinger an den Fingern ihrer ausgestreckten Hand.

Dass Riedinger in ihren eineinhalb Jahren im Zehntsteinweg noch viel mehr erreicht hat, wird an Hausnummer Vier klar: das Hauptquartier des Nachbarschaftstreffs. Zur besten Kaffeezeit versammelt sich dort am Montagnachmittag eine kleine Meute, quasselt, lacht und wartet auf Einlass. „Aaaah, die Kaffeesüchtigen“, ruft ihnen Riedinger entgegen, drängelt sich zur Tür durch und schließt auf. Eva-Maria Hoch und Hund Max werden euphorisch begrüßt.

Mehrere Menschen stehen vor einer Haustür.
Ein älterer Mann und eine junge Frau stehen auf der Wiese vor einem Wohnhaus.

Wenig später sitzen sechs Männer und drei Frauen im Alter von 51 bis 99 Jahren um einen gedeckten Tisch versammelt. Es gibt Kaffee und Monika Riedingers legendären Apfelkuchen. Alle hier wohnen in der Nachbarschaft, doch die meisten kannten sich bis vor einem Jahr nicht und wenn, dann höchstens vom Sehen. Sich gegrüßt oder gar miteinander gesprochen hatte bis dahin niemand. Heute singen sie gemeinsam: „Alle Vögel sind schon da“, „Aramsamsam“ und die selbstgekürte Zehntsteinweg-Hymne „Sabinchen war ein Frauenzimmer“. Der 99-jährige Karl Gugel ist der älteste Teilnehmer in der Runde. Er scheppert unermüdlich mit dem Glockenkranz im Takt.

Mehrer Menschen sitzen an einem Tisch, trinken Kaffee und singen.
Ein älterer Mann sitzt mit mehreren Menschen am Tisch und spielt Gitarre.
Eine Frau sitzt mit mehreren Menschen am Tisch und spielt Flöte.

Zwischen Eva-Maria Hoch und dem Ehepaar Böcherer, das mit Enkeltochter Fiona am Tisch sitzt, ist im Nachbarschaftstreff sogar eine Freundschaft entstanden. „Wir gehen zusammen zu Flohmärkten“, sagt Hoch in einer Singpause mit rotem Kopf. Was das Beste ist am Nachbarschaftstreff? Da sind sich alle einig: Die Geselligkeit – und der leckere Kaffee. Bei all der guten Laune liegt aber auch ein bisschen Wehmut in der Luft. Monika Riedinger gibt den Posten im Zehntsteinweg aus privaten Gründen auf. Die Nachfolge ist schon geklärt und die Bewohner sind zwar traurig, aber auch zuversichtlich: „Uns ist bewusst, dass es auch an uns liegt, dass es weiter geht“, sagt Eva-Maria Hoch. Monika Riedinger hat ganze Arbeit geleistet.

Auch wir möchten Nachbar*innen darin bestärken, sich gemeinsam für ein lebenswertes Viertel einzusetzen. Inzwischen ist fast jedes vierte von uns geförderte Projekt ein sogenanntes Quartiersprojekt. Auch die Arbeit im Nachbarschaftstereff im Zehntsteinweg der Caritas Freiburg haben wir mit rund 102.000 Euro gefördert.

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Neben dem Montagstreff, der wöchentlich stattfindet, gibt es im Zehntsteinweg übrigens auch noch einen „Feierabendtreff“ einmal im Monat. Außerdem bietet die Sozialarbeiterin (ab April 2019 Katharina Becker) individuelle Sprechstunden an.

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