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„Ich möchte anderen jungen Krebspatienten zeigen: Du bist nicht allein!“

Charlotte vom Verein „LebensdurstICH e.V.“ steht als ehemalige Krebspatientin anderen jungen Betroffenen bei.

Mutmacher
  • 03.04.2019
  • Autorin Katharina Hofmann
  • Fotograf Jan Ehlers
  • Lesezeit6 Min.

Charlotte ist 31 Jahre alt, als sie erfährt, dass sie Brustkrebs hat. Freunde und Familie stehen ihr in dieser Zeit zur Seite. Darüber hinaus sehnt sich die junge Frau aber auch nach Menschen, die in der gleichen Situation sind wie sie, um sich auszutauschen und über Sorgen und Ängste zu sprechen. Diese Menschen findet sie beim Kölner Verein LebensdurstICH e.V. – und noch mehr: eine neue Erfüllung.

Im September 2016 bemerkte Charlotte im Urlaub ein schmerzhaftes Ziehen in ihrer Brust. „Nichts, weshalb man sich Sorgen machen müsse, denn Krebs tut nicht weh“, hatte ihre Ärztin immer gesagt. Doch dann las Charlotte ein Buch über eine junge Frau mit Brustkrebs. Daraufhin tastete sie sich selbst ab – und fühlte einen „Knubbel“. Als die Schmerzen nach drei Wochen noch immer nicht nachgelassen hatten, ging die junge Bonnerin zur Frauenärztin. „Sie hat einen Ultraschall gemacht und gesehen, dass dort wirklich etwas ist“, erinnert sich Charlotte. Die Ärztin riet ihr, die Brust genauer untersuchen zu lassen und überwies sie ins Krankenhaus.

Eine Frau mit kurzen, braunen Haaren blickt links aus dem Bild heraus und lacht.

„Ich habe bestimmt bei fünf Kliniken hier in der Region angerufen. Alle sagten mir, dass ich erst in vier bis fünf Wochen einen Termin bekommen kann“, erzählt die junge Frau. Sie streicht eine Strähne ihrer kurzen, dunklen Haare hinter die Ohren. „Sie haben mich nach meinem Alter gefragt. Damals war ich 31. Sie sagten: ‚In diesem Alter hat man noch keinen Krebs‘ und ‚Machen Sie sich keine Sorgen, das wird schon nichts sein‘.“ Doch Charlotte machte sich Sorgen und rief ihre Schwester an, die in einer Klinik arbeitete und ihr in der gleichen Woche noch einen Termin besorgen konnte.

Zunächst wurde eine Gewebeprobe aus der Brust entnommen. Eine Woche später kamen die Ergebnisse. Die Ärztin fragte: „Hat schon jemand mit Ihnen gesprochen?“ Charlotte verneinte. Und wusste: Das bedeutet nichts Gutes. „Und so war es auch“, sagt sie heute.

Ich habe mich unter den älteren Patientinnen sehr alleine gefühlt und wusste teilweise nicht, mit wem ich über meine Sorgen sprechen kann.
– Charlotte von Lebensdrust-Ich e.V.

Die Diagnose: dreifach negativer Brustkrebs. Eine Form, die nicht auf antihormonelle Behandlungen reagiert und daher eine Chemotherapie zwingend notwendig macht. „Für mich ist eine Welt zusammengebrochen“, so die heute 34-Jährige. Gleich nach dem Arzttermin fuhr sie mit ihrer Schwester und ihrem damaligen Freund zu ihren Eltern. „Ich war tränenüberströmt, als meine Mutter die Tür öffnete. Dann habe ich ihr alles erzählt. Alle waren sehr geschockt.“ Charlotte nahm sich ein Wochenende Zeit, um die ganze Sache zu realisieren. „Aber so richtig ist mir das erstmal nicht gelungen“, sagt sie.

Vom tiefgründigen Gespräch bis zum letzten Wunsch: Wie ein Verein jungen Menschen mit Krebs Hoffnung schenkt

Doch dann ging alles schneller als gedacht: Bereits am Montag nach der Diagnose begannen die ersten Untersuchungen. „Es wurde eine Mammographie (eine Röntgenuntersuchung der Brust, Anm. d. Red.) von beiden Brüsten gemacht. Links saß der Tumor. Aber auch rechts war eine Mikroverkalkung zu sehen“, erzählt die SAP Business Analystin. Um abzuklären, ob es sich auch dabei um einen Tumor handelte, musste eine weitere Gewebeprobe durchgeführt werden – diesmal eine MRT-gestützte (MRT = Abkürzung für Magnetresonanztomographie; ein Verfahren, das mit Magnetfeldern und Radiowellen Schnittbilder des Körpers erzeugt). „Das war eine meiner heftigsten Untersuchungen“, erinnert sich Charlotte. „Danach brauchte ich erstmal eine Pause, um wieder zu Kräften zu kommen.“

Eine Frau mit kurzen Haaren und Kleid läuft über einen schmalen Asphalt-Weg. Links und rechts sind grünes Gras und ein paar Bäume.

Auch die Chemotherapie setzte der jungen Krebspatientin zu. „Ich hatte einige Nebenwirkungen. Teilweise konnte ich nicht mehr aus dem Haus, nicht unter Leute, musste immer auf mein Immunsystem aufpassen. Ich konnte mich teilweise nicht mehr selbst versorgen und zog zurück zu meinen Eltern.“ Kein einfacher Schritt für eine 31-Jährige, die vor der Krebs-Diagnose mit beiden Beinen fest im Leben gestanden hatte. Doch ihre Familie gab Charlotte Kraft – war das Verhältnis vorher schon eng, so wurde es in dieser Zeit noch enger. „Trotz der Erkrankung hatten wir auch eine schöne Zeit“, sagt sie und lächelt. „Mein Bruder wohnt leider weiter weg, aber meine Schwester und Freunde kamen häufig zu Besuch. Das macht schon viel mit einer Familie.

Trotzdem sehnte sich Charlotte auch nach einem Austausch mit gleichaltrigen Krebspatientinnen und -patienten. „Bei mir an der Uniklinik waren vor allem ältere Frauen. Ich habe mich sehr alleine gefühlt und wusste teilweise nicht, mit wem ich über meine Sorgen sprechen kann. Die Sorgen einer 31-Jährigen sind eben andere als die einer 70-Jährigen.“ Deshalb recherchierte sie im Internet nach Vereinen, die sich für Krebspatientinnen und -patienten im jungen Erwachsenenalter stark machen. Sie stieß auf LebensdurstIch e.V. in Köln und schrieb direkt eine E-Mail dorthin. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten: Teresa Odipo, die 2. Vorsitzende des Vereins, lud sie zum nächsten Arbeitsgruppentreffen ein. „Ich wurde total lieb aufgenommen und beim ersten Treffen auch direkt nach meiner Meinung gefragt. Seitdem bin ich in dem Verein tätig.“

Ich möchte ein positives Lebensgefühl vermitteln. Menschen, die gerade am Anfang stehen, sprich die Diagnose bekommen haben, möchte ich Kraft und Mut mit auf den Weg geben.
– Charlotte von LebensdurstICH e.V.

LebensdurstIch e.V. unterstützt junge, lebensbedrohlich erkrankte Erwachsene dabei, ihren Lebenswillen nicht zu verlieren und begleitet Betroffene während und nach der schweren Krankheitsphase. Das ehrenamtliche Team, das sich im gleichen Lebensabschnitt wie die Erkrankten befindet, besucht diese und ermöglicht ihnen, weiterhin am sozialen Leben teilzuhaben, auch wenn sich zum Beispiel Freunde in der Krankheitsphase wegen Überforderung distanzieren. Der Verein bietet zudem die Möglichkeit, sich mit anderen (ehemals) Betroffenen auszutauschen. „Aber auch, wenn es darum geht, einen Herzenswunsch zu erfüllen, können sich Patientinnen und Patienten an uns wenden“, sagt Charlotte. „Wir versuchen alles möglich zu machen.“ So habe es 2017 eine junge Frau gegeben, die gern noch einmal ans Meer nach Holland wollte, jedoch nicht mehr lange im Auto sitzen konnte. „Wir haben dann ein kleines Sportflugzeug organisiert und sind mit ihr dorthin geflogen. Ich durfte sie damals begleiten.“ Besonders erinnert sich Charlotte an das Lächeln der jungen Frau. „Seit ich im Verein aktiv bin, habe ich viele schöne Ereignisse miterleben dürfen. Wenn man merkt, dass man gerade jemandem geholfen und etwas Gutes getan hat“, sagt sie und hält kurz inne, „das erfüllt einen selbst.“

Die Zeit nach dem Krebs: „Ich schaffe mir Erlebnisse und Momente, auf die ich gern zurückblicke“

Auch Charlotte wurde durch den Verein viel geholfen: Nur wenige Tage nach der letzten Strahlentherapie nahm sie an einem von LebensdurstIch e.V. organisierten Segeltörn auf der Ostsee teil. „Ich war unsicher, ob ich genug Kraft haben würde, mit dabei zu sein“, erinnert sie sich. Doch die Vereinsmitglieder ermutigten sie, sagten, es sei eine gute Mischung aus anderen Patientinnen und Patienten sowie Ehrenamtlichen, die entweder selbst einmal Krebs gehabt hatten oder völlig gesund waren. „In der ersten Nacht habe ich mit einer ehemaligen Betroffenen Wache gehalten. Wir hatten ein supergutes, tiefgründiges Gespräch. Da wusste ich direkt: Das war die beste Entscheidung, die ich treffen konnte, hier her zu fahren und die Woche zu nutzen, um mich mit anderen auszutauschen“, erinnert sich Charlotte. Neben vielen Gesprächen wurde sie damals auch gefordert: Jeder packt bei den Segeltörns mit an. „Man sieht, wie viel Kraft man selbst doch noch hat. Das denkt man gar nicht so. Man packt einfach mit an und kommt so auch ein bisschen in die Normalität zurück.“

#DuHastMeinWort


Mit der Bewegung „Du hast mein Wort“ rufen wir dazu auf, unter dem Hashtag #DuhastmeinWort in einem Instagram-Post, einem Tweet oder auf Du-hast-mein-Wort.de ein Versprechen für ein solidarisches Miteinander abzugeben. Für jedes Versprechen werfen wir 1 Euro ins Spendenbarometer – und gleichzeitig stärken wir gemeinsam das Vertrauen und den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft. Die gesammelte Spendensumme wird am Ende zu gleichen Teilen auf drei großartige Projekte verteilt – eines davon ist „LebensdurstICH e.V.".

Update: Die Bewegung ist beendet – wir danken allen ganz herzlich, die mitgemacht haben. Wie viel Geld zusammengekommen ist, erfährst du hier: „Finale von #DuHastMeinWort“ 

Die Diagnose Brustkrebs hat bei Charlotte viel verändert. Sie lebe jetzt viel mehr im Hier und Jetzt, sagt sie. „Ich bringe mehr Zeit für meine Freunde und für meine Hobbys auf, für Sachen, die mir Spaß machen. Ich traue mich auch viel mehr.“ Im letzten Jahr sei sie alleine in den Urlaub gefahren, nach Norwegen, weil sie dort schon immer mal hin wollte. „Ich schaffe mir ganz viele Momente und Erlebnisse, auf die ich zurückblicken kann, wenn es vielleicht irgendwann mal der Fall sein sollte, dass ich diese Dinge nicht mehr machen kann. Die Zeit, die mir gegeben ist, möchte ich nutzen.

Seit knapp zwei Jahren ist Charlotte mit allen Therapien durch, nach fünf Jahren ohne Rückfall gilt man medizinisch als geheilt. Soweit sei alles gut, sagt sie. Einige Nebenwirkungen spüre sie noch, besonders an der operierten Seite. „Doch das sind alles Sachen, mit denen ich gut leben kann.“

Eine junge Frau mit kurzen Haare lacht in die Kamera. Hinter ihr ist Wasser, neben ihr Strand.

Ihr Engagement ist Charlotte eine Herzensangelegenheit. „Ich möchte ein positives Lebensgefühl vermitteln. Menschen, die gerade am Anfang stehen, sprich die Diagnose bekommen haben, möchte ich Kraft und Mut mit auf den Weg geben.“ Auch auf Facebook ist die 34-Jährige aktiv, um möglichst viele junge Menschen zu erreichen. „Ich möchte ihnen zeigen, dass sie nicht alleine sind. Dass andere dieses Schicksal mit ihnen teilen. Diese Botschaft muss viel weiter in die Welt getragen werden! Damit Patientinnen und Patienten wissen: Man kann auch gestärkt aus dieser Situation herausgehen.“

Den Einsatz, den Charlotte und das gesamte Team von LebensdurstICH e.V. täglich zeigen, und die Hoffnung und Kraft, die sie damit schenken, finden nicht nur wir preisverdächtig: Der Verein war 2018 für den Deutschen Engagementpreis nominiert – wir gratulieren ganz herzlich! Als Soziallotterie empfinden wir den Preis als sehr wertvoll und unterstützen ihn seit Jahren. Es freut uns, dass soziale Projekte und die Menschen, die täglich viel Zeit und Herzblut in die ehrenamtliche Arbeit investieren, hierdurch die Anerkennung erhalten, die sie verdienen.


Bisher konnten wir LebensdurstICH e.V. noch nicht fördern, daher möchten wir ihn auf anderem Wege unterstützen – doch dafür brauchen wir deine Hilfe! Mach mit bei unserer Bewegung „Du hast mein Wort“ und gib dein Versprechen für ein solidarisches Miteinander! (s. Infokasten weiter oben)

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