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Reportage

Jede*r Einzelne kann ein Zeichen setzen

  • 21.09.2017
  • Autorin Katharina Hofmann
  • Lesezeit3 min.

„Wir müssen uns ändern, nicht den Menschen mit Demenz“, sagt Prof. Dr. Alexander Kurz vom Klinikum rechts der Isar im Interview. Das sieht auch die Deutsche Alzheimergesellschaft so – und startet eine ganz besondere Initiative.

Obwohl der Sommer sich bereits verabschiedet hat, ist es warm in dem kleinen Raum ganz am Ende des Flures der Hamburger Alzheimergesellschaft. Hier haben sich heute vier Frauen zwischen 30 und 70 versammelt, die mehr über das Thema Demenz erfahren wollen. „Ich habe früher in einer Bank gearbeitet“, sagt eine ältere Dame mit blonden Haaren. „Damals kam ein Herr fast jeden Tag, um Geld abzuheben. Später habe ich erfahren, dass er dement war.“ Kursleiterin Silke Steinke nickt eifrig. „Genau über solche Situationen wollen wir heute sprechen!“

„Demenz Partner“ heißt die Aktion, welche die Deutsche Alzheimergesellschaft ins Leben gerufen hat und die von der „Allianz für Menschen mit Demenz“ unterstützt wird. Sie zielt genau auf das ab, was auch Demenz-Experte Prof. Dr. Alexander Kurz im Interview (siehe auch: „Wir müssen uns ändern, nicht den Menschen mit Demenz“) mit der Deutschen Fernsehlotterie deutlich macht: Menschen, die bisher (vermeintlich) nicht mit dem Thema in Berührung gekommen sind, sollen für die Krankheit sensibilisiert werden – und in einem kostenlosen, 90-minütigen Crashkurs über den richtigen Umgang mit Betroffenen aufgeklärt werden.

Jeder kann etwas dazu beitragen, dass Menschen mit Demenz nicht aus der Gesellschaft fallen, sondern ein Teil von ihr sind.
– Silke Steinke, Hamburger Alzheimergesellschaft

„Menschen mit Demenz sind überall“, sagt Silke Steinke zu Beginn. „Auf dem Land, in der Stadt – und gerade dort leben sehr viele alleine. Deshalb sind alle im Quartier gefragt, nachbarschaftliches Engagement zu zeigen und sich zu kümmern.“ 1,6 Millionen Menschen in Deutschland sind dement. „Das sind aber nur die, bei denen die Krankheit tatsächlich diagnostiziert wurde“, erklärt Steinke. „Die Dunkelziffer ist deutlich höher.“

Demenz braucht dich

Einfühlungsvermögen, Geduld und Respekt

Zunächst gibt sie ihren Kursteilnehmerinnen einen kurzen Überblick: Was heißt „Demenz“ überhaupt? Und wie erkennt man erste Anzeichen? „Nur, weil ein älterer Mensch mal etwas verwirrt ist, heißt das noch nicht, dass er dement ist“, sagt Steinke. „Manchmal sind sie einfach dehydriert – und eben auch alt.“ Halten die Symptome jedoch über sechs Monate an und sind sie so stark ausgeprägt, dass sie Dinge, die vorher leicht von der Hand gingen – wie Socken anziehen oder die Waschmaschine bedienen –, deutlich beeinträchtigen, ist eine Demenz nicht auszuschließen.

Dann kommt sie zur Frage, um die sich heute alles dreht: Wie begegnet man einem Menschen mit Demenz? Die Antwort ist ganz einfach: Mit Einfühlungsvermögen und Respekt – wie jedem anderen Menschen eben auch. Nur, dass manchmal ein bisschen mehr Geduld gefragt ist. Und Verständnis. Denn Menschen mit Demenz nehmen ihre Umwelt auf einmal anders wahr. So wird der dunkle Teppich auf dem hellen Fußboden beispielsweise zu einem tiefen Loch. Kein Wunder, dass eine demente Person also plötzlich stehen bleibt und keinen Schritt weitergehen will! In solchen Situationen unterstützend zu reagieren und nicht genervt oder mit Unverständnis – das ist es, was sich Silke Steinke von Nachbar*innen, Freund*innen, Angehörigen und auch Fremden im Alltag Demenzkranker wünscht.

In Deutschland gelten etwa 1,7 Millionen Menschen als demenzkrank. Der steigende Hilfebedarf spiegelt sich auch in unseren Projektförderungen wider: Im Jahr 2019 haben wir über die uns angeschlossene Stiftung Deutsches Hilfswerk 2,3 Millionen Euro für 15 Vorhaben, die sich schwerpunktmäßig dem Thema Demenz widmen, zur Verfügung gestellt. 

Als Soziallotterie sind wir zudem als Akteur der Nationalen Demenzstrategie engagiert und möchten in der „Woche der Demenz“ auf dieses wichtige Thema aufmerksam machen. Vom 21.-27. September 2020 folgen wir hier in unserem Online-Magazin, auf unseren Social Media-Kanälen und im TV (Sonntag, den 27.9.2020, 17:49 Uhr und 19:59 Uhr, ARD) dem Motto der Demenz-Woche „Wir müssen reden!“:

Als Soziallotterie und Akteur der Nationalen Demenzstrategie sind auch wir Partner der Aktionswoche und möchten in dieser auf das wichtige Thema Demenz aufmerksam machen. Vom 20.-25. September 2020 folgen wir hier in unserem Online-Magazin, auf unseren Social Media-Kanälen und in unserer Gewinnzahlenbekanntgabe im TV dem Motto der Demenz-Woche „Wir müssen reden!“:

Dafür baten wir Journalistin Peggy Elfmann, uns von ihren Erfahrungen zu berichten: „Meine Mama, der Alzheimer und ich – Warum Reden Gold ist“. Zudem sprachen wir mit Musiktherapeutin Dr. Elsa Campbell, die uns unter anderem erklärte, wie Menschen, die aufgrund einer fortgeschrittenen Demenz nicht mehr sprechen können, über Musik kommunizieren können (das Interview erscheint am 24.09. im Online-Magazin). Und wir stellen zwei noch immer aktuelle Artikel aus unserem Archiv in den Fokus: Das Interview „Wir müssen uns ändern, nicht den Menschen mit Demenz“ von Prof. Dr. Alexander Kurz und die Reportage „Jede*r Einzelne kann ein Zeichen setzen“.

Auf unseren Social Media-Kanälen (InstagramFacebook) stellen wir außerdem das kostenlose Online-Spiel „Was hat Oma?“ vor, das Kindern einen spielerischen Zugang zur Erkrankung ermöglicht.

Weitere Akteure der Nationalen Demenzstrategie sind u.a. das Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend, das Bundesministerium für Gesundheit, die Deutschen Alzheimergesellschaft und das Zentrum für Qualität in der Pflege. 

Auch die Selbstwahrnehmung ändert sich. Ist ein Mensch an Alzheimer erkrankt – mit 60 Prozent die häufigste Form von Demenz – „fallen die Bücher des Lebens rückwärts aus dem Regal“, erklärt Steinke sinnbildhaft. Das heißt: Die neuesten Bücher, die letzten Lebensabschnitte, werden zuerst vergessen. „Ein 85-Jähriger, der Demenz hat, kann also fest davon überzeugt sein, dass er 35 ist. Und verhält sich dann eben auch so.“

„Es ist unheimlich wichtig, diese Menschen, trotz der Defizite, die sie zum Beispiel auch in der Sprache zeigen, bis zum Schluss ernst zu nehmen“, betont Steinke. „Sonst ziehen sie sich zurück – und werden letztendlich isoliert.“ Doch wer isoliert wird, ist einsam. Und büßt zum Beispiel sein Sprachvermögen schneller ein, als ein Betroffener mit vielen sozialen Kontakten. „Jeder kann etwas dazu beitragen, dass Menschen mit Demenz nicht aus der Gesellschaft fallen, sondern ein Teil von ihr sind“, betont Steinke. „Und dass sie die Hilfe erhalten, die sie brauchen.“ Aufmerksamkeit ist hier das Stichwort: „Die Kassiererin an der Kasse zum Beispiel, die merkt, wenn eine Kundin jeden Tag kommt und Toilettenpapier kauft und sie freundlich darauf anspricht.“

Demenz Partner  Button

Am Ende der 90 Minuten verteilt Steinke kleine „Demenz Partner“-Buttons. So wie die rote Aids-Schleife, die viele Menschen am Revers tragen, setzt auch dieser kleine Button – aber vor allem die Trägerinnen und Träger – ein Zeichen: gegen Isolation von Menschen mit Demenz und für ein solidarisches Miteinander in unserer Gesellschaft.

Dieser Artikel erschien im September 2017. An Aktualität hat er jedoch nichts verloren: (Mehr) Verständnis für Menschen mit Demenz ist und bleibt für unsere Gesellschaft auch in Zukunft ein wichtiges Ziel.

Und nach wie vor können alle mitmachen und u.a. als Demenz Partner ein Zeichen setzen: Auf der Aktionsseite gibts alle wichtigen Infos. Am 24. September 2020 bietet die Deutsche Alzheimer Gesellschaft einen kostenlosen Online-Kurs an. Hierfür anmelden kann man sich unter: info@demenz-partner.de

Aktualisiert am 21.09.2020
 

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