Erfahrungsbericht

Erinnerungen einer wohnungslosen Frau: „Alle sorgen sich um ihre Sicherheit – aber wer sorgt sich um meine?“

Eineinhalb Jahre lang war Stella obdachlos. Was sie in dieser Zeit erlebte, was sie dabei fühlte, hat sie in Worte gebannt, niedergeschrieben auf Papier.

Miteinander in Viertel
  • 09.02.2021
  • Autorin Katharina Hofmann, Stella (*Name geändert)
  • Fotograf iStock
  • Lesezeit4 Min.

Eineinhalb Jahre lang war Stella obdachlos. Was sie in dieser Zeit erlebte, was sie dabei fühlte, hat sie in Worte gebannt, niedergeschrieben auf Papier. Mit ihren – noch unveröffentlichten – Memoiren möchte sie auf die Schicksale und Probleme von Frauen auf der Straße aufmerksam machen. Für unsere Themenwoche „Die Unsichtbaren: Wohnungslose Frauen“ las sie uns drei ihrer Geschichten vor.

Stella sitzt am offenen Fenster. Sie knipst die Schreibtischlampe an, sortiert einen Stapel Papier – 55 DIN A4-Seiten, handbeschrieben. Sie erzählen von ihrem Leben. Von der Kindheit, die alles andere als behütet war. Und von dem, was später darauf folgte: ein gefährliches Umfeld, das Stella zwang, ihre Wohnung zu verlassen. Ein Leben als obdachlose Frau. Ein Überlebenskampf.

Eineinhalb Jahre schlug sich Stella, die eigentlich anders heißt, auf Hamburgs Straßen durch. Jetzt möchte sie davon erzählen, um auf das Schicksal und die Probleme von obdachlosen und wohnungslosen Frauen aufmerksam zu machen. Sie selbst konnte inzwischen zur Ruhe kommen: Sie hat einen Platz in einem Projekt des Caritasverband für das Erzbistum Hamburg e.V. erhalten. Dort lebt sie mit neun weiteren Frauen, jede in ihrer eigenen kleinen Containerwohnung. Beratung und Unterstützung erhalten sie von Studierenden der Hochschule für Angewandte Wissenschaften.

Aus den vielen Notizen, die sich Stella während ihrer Zeit auf der Straße gemacht hat, hat sie, seit sie im Projekt lebt, einen ganzen Roman geschrieben. Aus ihrem Manuskript liest sie uns heute vor, vom geöffneten Fenster aus. Es ist ein kalter Donnerstagabend im Februar, mitten im Corona-Winter. Um den nötigen Abstand zu wahren, sitzt Stella in ihrem kleinen Heim, während wir davor auf einem Holzstuhl ihren Geschichten lauschen. 

Ich wollte gerade einschlafen, da hörte ich Leute um mich herum reden, Männer und Frauen: ‚Die legt sich da auf die Bank, ist die lebensmüde?‘ Ja Leute, wo soll ich denn hin?
Stella, war eineinhalb Jahre lang wohnungslos

Eine kalte Nacht auf St. Pauli

Sie setzt ihre Lesebrille auf, die wegen der heißen Atemluft, die unter dem medizinischen Mundschutz aufsteigt, leicht beschlägt. Stella drückt die Ränder der Maske noch einmal fest an ihre Nase, richtet die Brille neu aus – dann beginnt sie zu lesen:

„In meinen kältesten Nächten bin ich nachts dick angezogen mit einem übergeworfenen Bademantel durch die Gegend gelaufen. Die Leute müssen mich für eine Irre gehalten haben. Aber was soll ich tun, wenn ich draußen ums Überleben kämpfen muss? Bei manchen Tankstellen durfte ich umsonst zur Toilette gehen. Manche Besucher spendeten mir ihr Pfandgeld und der Tankstellenbesitzer gab noch Geld obendrauf. Es sind immer Begegnungen mit Engeln, die einem Hoffnung machen. Den Behörden und der Polizei traue ich mittlerweile nicht mehr. 

Einmal im Winter bin ich irgendwo auf St. Pauli nachts in einen umzäunten Kinderspielplatz mit Tür gegangen und habe mich auf die Bank gelegt. Es waren rundherum Wohnhäuser, Bars, Diskotheken und zu einer Seite die Hauptstraße. Laute Musik schallte zu mir rüber. Ein Mann sang ‚I’m such a devil, I could die‘ zu irgendeinem trommelnden Beatrhythmus aus der Musikbox. Das war eine seltsame Atmosphäre. Ich wollte gerade einschlafen, da hörte ich Leute um mich herum reden, Männer und Frauen: ‚Die legt sich da auf die Bank, ist die lebensmüde?‘ Ja Leute, wo soll ich denn hin?

Ich schlief irgendwann ein, wurde aber nach ein paar Stunden von einem lautstarken Streit geweckt. ‚Typisch St. Pauli‘, dachte ich. Vor der Bar in meiner Nähe hatten sich wohl mehrere Männer in der Wolle. Plötzlich flogen mir Schüsse um die Ohren. Ich dachte: ‚Och nö, geh mal lieber woanders hin.‘ Ich musste mich also wieder auf den Weg machen und man hatte mich wieder nicht schlafen lassen. Das Leben ist wirklich zum Kotzen.“

Ein Schreck im Nachtbus

Stella blättert ein paar Seiten weiter. Und fährt fort:

„Einmal bin ich vor Müdigkeit in einem Nachtbus eingeschlafen. Ich habe mir fest vorgenommen, rechtzeitig aufzuwachen, aber es hat wieder nicht geklappt. Wahrscheinlich hat der Fahrer wieder irgendwann sein Zielschild gewechselt. Jedenfalls war ich irgendwo in Eppendorf und die Fahrt ging noch ein bisschen weiter. Ich nickte wieder ein. Auf jeden Fall war ich am Ende irgendwo, da wollte ich gar nicht hin. Als ich aufwachte, war es draußen dunkel – und drinnen auch. Im Bus war es still. War ich etwa allein hier drin? Im Fahrhaus konnte ich die schemenhafte Gestalt eines dunklen Fahrers erkennen, der wohl gerade still sein Pausenbrot aß. Ich dachte, ich muss mich wohl mal bemerkbar machen, und drückte auf den roten Knopf. Ding Dong! ‚Hä?‘, der Fahrer zog erschrocken die Luft ein und ließ dabei wohl sein Brot fallen. Eigentlich wollte ich mich entschuldigen, aber er rannte sofort auf mich zu und bepöbelte mich. Also sagte ich nur: ‚Sie hätten auch aufpassen müssen, dass alle draußen sind.‘ Und verschwand in der Nacht.“

Sie lacht kurz auf. „Ja, so lustige Geschichten gibt es auch. Der hat sich richtig erschrocken“, sagt sie und hängt ihren Gedanken kurz nach.

Solche freundlichen Menschen und schönen Erlebnisse helfen, sich über Wasser zu halten.
Stella über ihre Zeit auf der Straße

Sechs Stunden Ruhe

Wir fragen sie nach einem Erlebnis, das ihr besonders im Gedächtnis geblieben ist. Stella braucht ein paar Minuten, um die richtige Seite zu finden. Dann liest sie:

„Es gab auch schöne Erlebnisse. Es ist nicht so, dass man nur Teufeln begegnet, manchmal begegnet man auch Engeln. So stand ich eines morgens um 4 Uhr an einem kleinen Bahnhof und studierte die Zugzeiten, als mich plötzlich eine Schaffnerin ansprach. Ich sähe so aus, als ob ich Hilfe benötige. Ich verneinte, erzählte ihr aber, dass kein Mensch einen schlafen ließe in der Bahn und einem nur Feindseligkeit entgegenschieße. Darüber war sie empört. Sie verstünde mich, ihr Onkel sei auch obdachlos gewesen und gestorben. Ich könne die nächsten sechs Stunden gerne in ihrem Zugabteil hinter dem Fahrer schlafen, auch wenn sie zwischenzeitlich aufs Abstellgleis führe. Sie bat mir sogar Kaffee und Croissants an, welches ich aber dankend abgelehnt habe. Aber solche freundlichen Menschen und schönen Erlebnisse helfen, sich über Wasser zu halten.“

Ihre Augen überfliegen den Rest der Seite. „Ach, manchmal habe ich auch in einer Bank geschlafen, da beim Geldautomaten“, sagt sie und liest eine letzte, kurze Geschichte vor: „Plötzlich kam um halb sechs ein verdutzter Kunde herein, erschreckte sich – und das nächste Mal, als ich dort Unterschlupf suchte, war die Tür geschlossen. Alle sorgen sich um ihre Sicherheit. Aber wer sorgt sich um meine Sicherheit?“

Themenwoche „Die Unsichtbaren: Wohnungslose Frauen“


Im Straßenbild sind sie kaum sichtbar, doch sie sind ein Teil unserer Gesellschaft: Frauen, die keinen festen Wohnsitz haben und sich zwischen einem Leben in Notunterkünften und auf der Straße bewegen. Ihre Schicksale lassen sich nur schwer erfassen: Viele Betroffene gehen mit ihrer Situation nicht öffentlich um. Warum das so ist und vor welchen besonderen Herausforderungen Frauen auf der Straße stehen – darüber haben wir mit Stella und verschiedenen Hilfsreinrichtungen gesprochen. 

Unsere aktuelle Themenwoche „Die Unsichtbaren: Wohnungslose Frauen“ findet vom 08.-12. Februar hier im Online-Magazin und auf unseren Social Media-Kanälen (InstagramFacebook) statt.

Übrigens: In der Vergangenheit berichteten uns auch die ehemals obdachlosen Männer Johannes (Obdachlos – aber nicht würdelos!) und Dominik („Man hält sich selbst für Dreck“) von ihren Erfahrungen.

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