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Leben mit Demenz: Die Gedanken
sind frei

Die machen Theater! Beim Projekt „Vergissmeinnicht – Unutmabeni“ stehen Menschen mit und ohne Demenz gemeinsam auf der Bühne.

Mutmacher
  • 22.09.2017
  • Autorin Katharina Hofmann
  • Fotograf Jan Ehlers
  • Lesezeit5 Min.

Demenz und Schauspielerei – das klingt zunächst nach zwei Dingen, die nicht zusammenpassen. Das Theater der Erfahrungen in Berlin zeigt mit seinem Projekt „Vergissmeinnicht – Unutmabeni" jedoch, dass Menschen mit kognitiver Einschränkung durchaus auf der Bühne stehen können.

Mit kleinen Schritten und großem Lächeln betritt Katie den Proberaum. Die anderen Schauspieler der Gruppe „Vergissmeinnicht - Unutmabeni“ sind bereits da: Waltraud, Emine und Robin tauschen sich am Buffet aus, in einer anderen Ecke des Raumes werden Instrumente gestimmt und Heinz nippt an seinem Kaffee. Als er die 85-Jährige sieht, stellt er die Tasse weg und begrüßt sie mit offenen Armen. „Hier herrscht eine so große Freude“, sagt Katie. „Deshalb komme ich gerne her.“ Heinz nickt, den Arm noch immer um ihre Schulter gelegt, und fügt hinzu: „Wir sind eine große Familie.“

Bei dem Projekt des Theaters der Erfahrungen stehen Menschen mit und ohne Demenz gemeinsam auf der Bühne. Doch wie geht das? Ganz einfach: Das Stück hat kein Drehbuch – also kann auch kein Text vergessen werden. Stattdessen entwickeln die Spieler gemeinsam einen Handlungsrahmen, der sich an ihren Fähigkeiten und Erfahrungen orientiert.

Dass wir Alten noch so viel Kraft haben, uns zusammen tun und uns gegenseitig erfreuen durch die Musik, die Bewegung… das ist wunderbar.
– Katie Matthies, Spielerin bei „Vergissmeinnicht - Unutmabeni"
Die Gruppe wärmt sich auf.
Vor den Proben...
Auch die Arme werden aufgewärmt.
...wärmt sich die Gruppe auf.

„Es geht um Freude, Kreativität und Gemeinschaftserleben“, erklärt Eva Bittner, Leiterin des Theaters der Erfahrungen. „Auf keinen Fall aber sollen die Menschen in ihrer Krankheit vorgeführt werden.“ Damit diejenigen mit einer kognitiven Einschränkung – wie Katie und Heinz – den Anschluss nicht verlieren, helfen ihnen Mitspielende mit Improvisationstalent immer wieder zurück ins Stück. So wie Waltraud, Robin und Hacı.

Robin, Haci und Waltraud führen durch das Stück.
Robin, Haci und Waltraud (v.l.) führen durch das Stück.

Die drei versammeln sich nach einer kleinen Aufwärmrunde auf der Bühne und gehen noch einmal den Ablauf durch. Projektleiterin Hülya Karcı spricht derweil mit Heinz: „Du hast letztes Mal das Matrosenlied gesungen, erinnerst du dich?“ Heinz nickt, zögert dann aber kurz. „Den ganzen Text kann ich aber nicht mehr…“, sagt er. „Das macht nichts“, beruhigt Hülya ihn. „Du singst das, was du kannst.“

Ich merke, wie einige hier richtig aufblühen. Selbst diejenigen, die zu Beginn schüchtern waren, kommen immer mehr aus sich heraus.
– Hülya Karcı, Leiterin des Projekts „Vergissmeinnicht - Unutmabeni"
Heinz singt das Matrosenlied bei den Proben des Theaters „Vergissmeinnicht“
Heinz singt das Matrosenlied.
Katie singt „Schöner Frühling, komm doch wieder“ bei den Proben des Theaters „Vergissmeinnicht“
Auch Katie trägt ein Lied vor.

Auch Katie wird noch einmal auf ihren Part vorbereitet. „Ich bin Opernsängerin gewesen“, erzählt die 85-Jährige kurz vor ihrem großen Auftritt. „Leider habe ich ein bisschen spät damit angefangen. Aber, nun ja, dann habe ich eben jetzt noch Zeit – ich kann ja wieder auf der Bühne stehen.“ Und dann ist es auch schon so weit: Das Trio bittet die Berlinerin nach vorne und die singt mit heller Stimme „Schöner Frühling, komm doch wieder“. Fehlerlos. Als sie fertig ist, wird sie mit lautem Applaus belohnt.

Applaus für die Schauspieler
Die Teilnehmer*innen, die gerade nicht an der Reihe sind, applaudieren.

Mal leise, mal lebhaft – immer miteinander

„Vergissmeinnicht – Unutmabeni“ vereint aber nicht nur Menschen mit und ohne Demenz, sondern auch unterschiedliche Kulturen. So steht als nächstes ein türkisches Lied an, das von den Klängen einer Saz – einem orientalischen Saiteninstrument – begleitet wird.

Ein türkisches Lied wird präsentiert.
Eine Gruppe Teilnemende präsentiert ein türkisches Lied.

Die übrigen Mitspieler sind begeistert. „Dass wir Alten noch so viel Kraft haben, uns zusammen tun und uns gegenseitig erfreuen durch die Musik, die Bewegung… das ist wunderbar“, sagt Katie. „Wir machen wirklich alle gerne mit. Mal leise, mal wieder lebhaft. Und manchmal tanzen wir auch“, jetzt fängt sie an zu flüstern, „wie die Verrückten. Wirklich wahr.“

Das Theater der Erfahrungen, das neben „Vergissmeinnicht - Unutmabeni" außerdem drei Laienschauspielgruppen mit Menschen ab 50 Jahren unter seinem Dach vereint, ist 2017 für den Deutschen Engagementpreis nominiert.


Auch uns liegt es am Herzen, Menschen für das Thema Demenz zu sensibilisieren und Betroffenen die Möglichkeit zu geben, aktiv zu bleiben und soziale Kontakte zu pflegen. Das Projekt „Vergissmeinnicht - Unutmabeni" förderten wir mit 39.560 Euro.


Du bist dir nicht sicher, wie du auf einen Menschen mit Demenz zugehen kannst? Erfahre mehr darüber in unserer Reportage „Jede*r Einzelne kann ein Zeichen setzen!".

„Ich merke, wie einige hier richtig aufblühen“, bestätigt Hülya. „Es sind enge Freundschaften entstanden und auch die, die zu Beginn etwas schüchtern waren, kommen immer mehr aus sich heraus.“ Peinlich muss hier niemandem etwas sein. „Wir sind eben alt“, sagt Katie und zuckt mit den Schultern. „Alle anderen werden auch älter.“ Sie hält kurz inne. „Die Zeit, die ich erlebt habe, war schon schön. Es gab natürlich auch schlechte Zeiten. Aber ich muss sagen, die guten bleiben länger im Kopf.“

Hülya Karci mit den Mitspielern des Demenz-Theaters „Vergissmeinnicht“
Hülya Karcı (M.) im Gespräch mit Teilnehmern des Theaterprojekts.

Nach einer kurzen Pause steht das große Finale an: Alle stehen auf der Bühne, selbst Praktikantin Anna macht mit, und singen das letzte Lied im Chor. Katie, die sich das Dirigieren von ihrem früheren Chorleiter abgeguckt hat, gibt den Ton vor: „Aaaaaah…“ – und dann singen alle gemeinsam, laut und klar: „…und sperrt man mich ein im finsteren Kerker, das alles sind rein vergebliche Werke; denn meine Gedanken zerreißen die Schranken und Mauern entzwei: die Gedanken sind frei.“

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