Das Zahnmobil – Hilfe für Obdachlose
Vor zehn Jahren gab die Deutsche Fernsehlotterie eine Anschubfinanzierung für ein ganz besonderes Projekt: das Zahnmobil der Hamburger Caritas – die erste rollende Zahnarztpraxis Deutschlands! Damals bot ein sehr kleines Team Obdachlosen und Menschen ohne Krankenversicherung eine zahnärztliche Behandlung an. Heute sind über 30 ehrenamtliche Zahnärzte aktiv und fahren mehrmals pro Woche unterschiedliche Einrichtungen für Wohnungslose in Hamburg an. Zum 10-jährigen Jubiläum besuchten wir das Erfolgsprojekt und fühlten an diesem Tag Dr. Jan Uphoff und seiner Kollegin Anja Kleinschmidt auf den Zahn.
Hand aufs Herz: Wer geht schon gerne zum Zahnarzt? Allein der Gedanke an das Sirren des Bohrers und den Geruch nach Desinfektionsmittel ist für die meisten Menschen ein Graus! Trotzdem: Vor der mobilen Zahnarztpraxis, die heute im Hinterhof der Hamburger Einrichtung Herz As geparkt hat, stehen die Patienten Schlange – und freuen sich auf die Behandlung.

Was die Zahnärzte hier zu sehen bekommen, ist katastrophal: „Häufig sind die Zähne sehr stark zerstört“, sagt Dr. Jan Uphoff, der heute für das Zahnmobil im Einsatz ist. Das Leben auf der Straße ist ein besonders hartes. Und es ist ungesund. „Wir behandeln Menschen, die sich die Prophylaxe nicht leisten können. Zahnbürste und Zahnpasta – das kostet auch alles Geld. Und nicht zu wenig“, betont er. „Wir verteilen hier deshalb beides kostenlos.“ Viele seiner Patienten stehen zudem unter ständigem Drogen- und Alkoholkonsum. Es fehlen Frontzähne, die Löcher sind riesig. „Das ist nicht nur für den Körper eine Last, das geht auch auf die Psyche.“

Anja Kleinschmidt, die Zahnmedizinische Fachangestellte, und Dr. Uphoff nehmen die letzten Vorbereitungen in ihrer heutigen Praxis – einem umgebauten Krankenwagen, in dessen Mitte sich statt einer Trage ein dunkelblauer Behandlungsstuhl samt Bohr- und Absauganlage befindet – vor. „Heute scheint ein ruhiger Tag zu sein“, sagt der 46-Jährige und nickt den ersten drei Wartenden freundlich zu.
Der Mund hat etwas sehr Intimes. Da jemanden ranzulassen, das kostet Überwindung.
Jeden Mittwoch steht das Zahnmobil vor der Obdachloseneinrichtung Herz As, zwei Stunden lang. „In dieser Zeit schaffen wir ungefähr fünf bis sechs Patienten“, sagt Anja. „Zahnextraktionen, Füllungen… das dauert alles seine Zeit.“ Doch oft sind mehr Patienten da, als behandelt werden können. Dann müssen sogar Nummern verteilt werden – und es heißt: die akuten Fälle zuerst.
Ein Zahnarzt-Team mit Herz und Gefühl
Siegfried, ein kleiner Mann mit freundlichen Augen, reicht Dr. Uphoff die Hand. „Guten Tag“, sagt er und steigt in das Zahnmobil. Er trägt eine Schürze und aus seinem Hemdkragen baumeln schwarze Kopfhörer. „Ich habe eine ganze Zeit lang auf der Straße gelebt“, erzählt er. „Beim Herz As habe ich schließlich Hilfe gefunden.“ Inzwischen hat der 59-Jährige eine eigene Wohnung – und engagiert sich nun selbst in der Tagesanlaufstätte für Obdachlose als Küchenhilfe. Doch heute quälen ihn Zahnschmerzen. Auch in diesem Fall hilft das Team des Zahnmobils gern. Siegfried nimmt also im Behandlungstuhl Platz, Anja legt ihm ein Papiertuch um und Dr. Uphoff schließt die Türen.



„Der Mund hat etwas sehr Intimes. Da jemanden ranzulassen, das kostet Überwindung“, sagt Christine Himberger. Sie ist seit zehn Jahren – also von Anfang an – Teil des Zahnmobil-Teams: erst als Assistentin, inzwischen als Leitung. „Umso wichtiger ist es, dass wir ein niedrigschwelliges Angebot haben. Dass wir dort vor Ort sind, wo die Menschen ohnehin schon hinkommen, wie hier bei Herz As.“

Im Inneren der mobilen Zahnarztpraxis wird die übliche Bestandsaufnahme durchgeführt: Siegfrieds Zähne sehen gut aus, bis auf die schmerzende Stelle. Dr. Uphoff trägt eine Salbe auf das betroffene Zahnfleisch und die Zähne auf – und schon ist die Behandlung überstanden. Die Türen öffnen sich wieder und erleichtert steigt Siegfried aus: „Jetzt geht es mir besser“, sagt er lachend. Und zum nächsten in der Reihe: „Keine Angst, der Arzt und die Helferin machen ihre Arbeit mit viel Gefühl!“
Das Zahnmobil für Obdachlose: Ein Projekt mit Vorbildcharakter
Als das Zahnmobil 2008 vom Caritasverband für Hamburg e.V. gegründet wurde, war es die bundesweit erste rollende Zahnarztpraxis für Obdachlose. „Damals waren wir schon mit dem Krankenmobil, das hausärztliche Behandlungen anbietet, unterwegs“, erzählt Christine Himberger. „Gelegentlich ist dort auch eine Zahnärztin mitgefahren, die die Leute mit ganz wenig Equipment direkt auf der Straße behandelt hat. Aus dieser Not heraus wurde die Idee für das Zahnmobil geboren.“ Ein Projekt mit Vorbildcharakter: Inzwischen gibt es in Deutschland weitere – unter anderem eines in Hannover.
Die Patienten erzählen uns, was passiert ist. Wie sie in die Obdachlosigkeit gekommen sind. Es ist schwer, diese Schicksale nicht mit nach Hause zu nehmen.
Die Zahlen der vergangenen zehn Jahre zeigen, wie essenziell kostenlose Gesundheitsprogramme für Obdachlose sind: 9.409 Patientenkontakte und 21.866 zahnärztliche Leistungen wurden seit Tag 1 der rollenden Zahnarztpraxis registriert. Zweimal die Woche fährt das Mobil in zwei Schichten Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe in Hamburg an. “Und seit Kurzem auch zusätzlich an einem Freitagvormittag im Monat”, berichtet Himberger.
Zu Beginn engagierten sich sechs Zahnärztinnen und –ärzte, inzwischen wechseln sich 30 Ehrenamtliche mit den Schichten ab. Dr. Uphoff engagiert sich seit über acht Jahren. „Auf einer Party habe ich damals einen Fotografen kennengelernt, der für das Zahnmobil Bilder gemacht hatte. Und so wusste ich: Die Caritas sucht noch Ärzte – und ab da war ich dabei“, erzählt er.

Der nächste Patient steigt schüchtern in das Auto. Er spricht kaum Deutsch, begrüßt das Team mit einem leisen, fast geflüsterten „Buenos Dias“. Für Dr. Uphoff kein Problem: Er spricht Englisch und Spanisch. „Und wenn ich damit einmal nicht weiterkomme, dann klappt die Verständigung auch mit Händen und Füßen“, sagt er. Als sein Patient merkt, dass man ihn versteht, sackt er etwas im Behandlungsstuhl ein – sichtlich entspannter. Die Türen schließen sich für die nächste Behandlung.
„Die Patienten gehen meistens nicht in eine richtige Praxis. Weil sie sich schämen. Oder weil der Arzt sie nicht behandeln möchte“, weiß Anja Kleinschmidt. Sie assistiert nicht nur beim Zahnmobil, sondern packt jede Woche auch im Krankenmobil mit an. Die 50-Jährige kennt viele der Patienten schon länger – ebenso wie ihre Schicksale. „Sie erzählen uns, was passiert ist. Wie sie in die Obdachlosigkeit gekommen sind. Das ist wahnsinnig herzergreifend, gerade, wenn es noch sehr junge Menschen sind. Es ist schwer, diese Schicksale nicht mit nach Hause zu nehmen.“

Als Zahnmedizinische Fachangestellte wollte Anja, die auch ausgebildete Bürokauffrau ist, eigentlich nie wieder arbeiten. Doch das Zahnmobil hat sie vor neun Jahren überzeugt. „Hier ist es ein wenig anders, als in einer normalen Praxis“, sagt sie. „Die Menschen sind sehr, sehr dankbar, wenn wir ihnen helfen. Manche küssen mir sogar die Hand. Ich persönlich schäme mich fast dafür – schließlich ist das doch mein Job. Ob Privatpraxis oder Zahnmobil, mit Versicherung oder ohne, Manager oder Obdachloser – wir alle behandeln Menschen. Punkt.“
Über das Zahnmobil
- Das Zahnmobil für Obdachlose wurde 2008 von der Caritas in Hamburg gegründet. Die Deutsche Fernsehlotterie unterstütze das Modellprojekt damals mit einer Anschubfinanzierung von 82.850 Euro.
- Heute finanziert sich das Zahnmobil zum Teil durch eine Kooperation, zum Größtenteil aber durch Spenden. Wenn Du die Arbeit der ehrenamtlichen Zahnärztinnen und -ärzte unterstützen möchtest, findst Du hier weitere Infos.
- Die rollende Praxis fährt nach einem Tourenplan Einrichtungen der Obdachlosenhilfe an, der Behandlungsschwerpunkt liegt in der aktuen Schmerzversorgung, Zahnfüllung und Zahnextraktion. Im Jahr 2016 wurde das Versorgungsangebot durch eine Zahnambulanz im Gesundheitszentrum St. Pauli erweitert. Die Terminvergabe für die Ambulanz erfolgt über das Zahnmobil.
- Um die zahnmedizinische Präventionsarbeit bei Kindern und Jugendlichen – insbesondere aus sozial benachteiligten Familien – zu stärken, fährt das Zahnmobil auch Kindertagesstätten und andere Einrichtungen an.
2 Kommentare
ich kenne keine
Ich finde diese Artikel vorzüglich.
Jedes Los hilft!
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