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Reportage

#BIKEYGEES: Fahrrad fahren kann doch jede*r – oder nicht?!

Ein Verein in Berlin bringt (geflüchteten) Frauen das Fahrradfahren bei – und bewegt damit mehr als nur Gummireifen über den Asphalt.

Hilfe zur Selbsthilfe
  • 03.07.2019
  • Autorin Katharina Hofmann
  • Fotograf Jan Ehlers
  • Lesezeit9 Min.

Mal eben aufs Fahrrad springen und losfahren? Für uns selbstverständlich, für viele Frauen weltweit jedoch schlicht unmöglich. Ein Verein in Berlin bringt geflüchteten Frauen unter dem Motto #cyclingisfreedom („Fahrradfahren ist Freiheit“) das Fahrrad fahren bei – und bewegt damit weit mehr als Gummireifen über den Asphalt.

Radfahren ist gut für die Gesundheit, wissen wir. Und gut fürs Klima. Es bedeutet Freiheit, weil wir uns fortbewegen können, wann wir wollen. Und es bricht innere Grenzen auf: Wer nach viel Üben das erste Mal allein im Sattel sitzt, ohne umzukippen, macht die Erfahrung, etwas zu können, was man zuvor vielleicht nicht für möglich gehalten hatte. Weil man es sich selbst nicht zugetraut hat. Oder – schlimmer – weil es einem bisher verboten war.

Für viele Frauen auf dieser Welt ist die räumliche und gedankliche Freiheit, für die das Radfahren sinnbildlich steht, jedoch unerreichbar. In einigen Ländern dürfen sie es nicht, in anderen „gehört es sich für Frauen nicht“. Klingt unglaublich? Aber so war das vor nur knapp 100 Jahren auch noch bei uns in Deutschland. Im 19. Jahrhundert waren Frauen im Sattel auch hierzulande unerhört. Das Recht, Fahrradfahren zu lernen, mussten sich Frauen hart erkämpfen. „Geschichte verändert sich nur in ganz kleinen Schritten“, sagt Annette Krüger. „Manchmal nervt mich das tierisch.“

Als Kind habe ich immer davon geträumt, Fahrrad zu fahren. Aber in meiner Heimatstadt fahren nur Männer und Jungen Fahrrad.
– Mona, hat bei den #BIKEYGEES Fahrradfahren gelernt

Die Eventmanagerin hat die Ärmel ihres Hemdes hochgekrempelt – und ist auch wortwörtlich eine Macherin. Gerade hängt sie mit einer Hand eine pinke Wimpelkette auf. Trotz ihrer Größe muss sich die 48-Jährige dafür noch ein kleines Stück strecken. Mit der anderen Hand begrüßt sie eine junge Ehrenamtliche, die gerade am Fahrradplatz der Jugendverkehrsschule Wassertorplatz in Berlin angekommen ist („Hallo, schön, dass du da bist. Da hinten kannst du gleich mithelfen!“). Und dann hat Annette Krüger auch die anderen Helferinnen noch im Blick, die gerade die ersten Fahrräder über den Platz schieben. Sie hält kurz inne, merkt, dass sie mal wieder mehrere Dinge gleichzeitig macht – und fängt an zu lachen: „Du siehst, ich habe so viel Energie!“ Die braucht sie auch. Denn Annette Krüger hat mit ihrem Engagement schon viele kleine Schritte gehen müssen, während sie lieber große Sprünge gemacht hätte. Doch erreicht hat sie damit schon eine ganze Menge. Und sie hat noch viel vor.

Foto: Eine junge Frau stellt Fahrräder an einen Sammelplatz
Foto: Ein Verkehrsschild, eine Ampel und darüber eine Wimpelkette gespannt

Drei Unbekannte, die ein magischer Moment für immer verbindet

Vor vier Jahren gründete sie den Verein #BIKEYGEES e.V. Mit einer einfachen Aktion, die sofort etwas bewirkte: „Wir sind im Sommer 2015, als viele Menschen in Deutschland Schutz gesucht haben, mit unseren Fahrrädern, Helmen und Luftpumpe in eine Flüchtlingsunterkunft gegangen. Dort haben wir die Frauen gefragt, ob sie Fahrrad fahren können und ob sie es lernen wollen. Der Erfolg war Wahnsinn“, erinnert sie sich und ihre Augen leuchten hinter der schmalen Brille, während sie davon erzählt. „Beim ersten Mal konnten schon drei Frauen eine Runde im Kreis fahren. Wir haben das Strahlen in ihren Gesichtern gesehen. Das war so magisch, dass wir drangeblieben sind und unseren Verein gegründet haben.“

Foto: Eine junge Frau zieht einen Fahrradhelm auf
Eine Ehrenamtliche erklärt, wie man den Helm richtig aufsetzt.
Foto: Viele Fahrradhelme hängen an Kupferstangen
Fahrradhelme werden für jede Frau fürs Training zur Verfügung gestellt.

Diesen magischen Moment gibt es auch nach vier Jahren #BIKEYGEES und vielen, vielen ehrenamtlichen Stunden, die Annette Krüger seitdem in ihr Projekt investiert hat, immer wieder. Gerade fährt Nahed, eine junge Syrerin, auf dem Fahrrad an ihr vorbei und lächelt schüchtern. Zwei ehrenamtliche Helferinnen laufen neben ihr her und stützen sie. Vorher haben sie von Annette und Jennifer, einer regelmäßigen Helferin, eine Einweisung erhalten, wie die Frauen den Helm richtig tragen und was geklärt werden muss, bevor die Fahrt losgeht („Fragt die Frauen: Sprichst du Deutsch? Warst du schon mal hier? Darf ich dich anfassen?“). 630 Frauen und Mädchen hat der Verein so schon aufs Fahrrad gebracht:viele Geflüchtete, die in ihrer Heimat – in Afghanistan, Syrien oder afrikanischen Ländern – das Radfahren nie gelernt haben (oder lernen durften), aber auch Frauen aus Deutschland, die sich nach einem Unfall unsicher fühlten. „Wir sind für alle Frauen offen“, betont Annette Krüger und schaut Nahed und ihren Helferinnen lächelnd nach. Dann sagt sie, ohne den Blick von ihnen abzuwenden: „Das Vertrauen, das da geknüpft wird, und dieses Gefühl, wenn ein wildfremder Mensch dich festhält, dir Halt gibt, vielleicht auch nach traumatischen Erfahrungen auf der Flucht, man weiß es nicht – das ist schon etwas ganz Besonderes. Für beide Seiten.“

Foto: Eine Frau fährt auf einem Fahrrad, eine andere läuft neben ihr her und stützt sie am Arm
Ein Mädchen mit Helm steht über ein Dreirad gebeugt, auf dem Dreirad sitzt ein kleiner Junge

#BIKEYGEES: Mehr als „nur“ Fahrradtraining

„Mama fährt allein!“, ruft ein kleines Mädchen und zeigt auf Nahed. Die Helferinnen laufen nur noch neben ihr her, um ihr Sicherheit zu geben. Das Gleichgewicht hält die junge Syrerin ganz ohne Hilfe. „Dass ich das kann, macht mich stolz“, sagt sie später. „Und es macht auch einfach Spaß.“ Auch Mona, die ebenfalls aus Syrien kommt, hat diese Erfahrung gemacht, als sie vor drei Monaten das erste Mal am Fahrradtraining von #BIKEYGEES teilnahm. „Als Kind habe ich immer davon geträumt, Fahrrad zu fahren“, erzählt sie. „Aber in meiner Heimatstadt fahren nur Männer und Jungen Fahrrad, nicht die Frauen und Mädchen.“ Als sie vor fast vier Jahren mit ihrer Tochter nach Deutschland kam, sei sie von den fahrradfahrenden Frauen hierzulande begeistert gewesen, erinnert sich Mona. „Ich dachte: ‚Oh wie schön! Hoffentlich kann ich das auch mal.‘“ Inzwischen hilft die 47-Jährige bei #BIKEYGEES auch als Trainerin mit – am Wassertorplatz, aber auch am zweiten Standort in Hohenschönhausen. Und sie hat ein eigenes Fahrrad, mit dem sie ihr Leben in Deutschland nun viel freier gestalten kann. „Ich kann aktiv sein, das tut gut“, sagt sie. „Und ich kann immer sagen: ‚Ich komme mit meinem Fahrrad!‘ Das hört sich so schön an.“

Foto: Zwei Frauen, eine davon Mona, laufen neben einem Fahrrad her und stützen die Fahrradfahrerin
Mona (l.) und Annette (r.) geben Fahrradneuling Nahed (M.) Halt.
Foto: Eine Frau mit Helm fährt alleine Fahrrad und lächelt
Eine Teilnehmerin von #BIKEYGEES fährt bereits ohne weitere Hilfe.

Auch der Kontakt zu den anderen Frauen – geflüchteten, aber auch den Helferinnen – tut Mona gut. Sie kann bei Sprachbarrieren als Dolmetscherin einspringen und gleichzeitig ihr Deutsch verbessern. „Ich verstehe sehr viel“, sagt sie, „aber das Sprechen fällt mir manchmal noch schwer. Ich versuche es immer, aber vorher hatte ich sehr wenig Kontakt zu Deutschen Menschen. Hier sind jetzt so viele junge Frauen, die alle sehr nett sind und mit denen ich mich unterhalten kann.“ Annette Krüger nickt. „Unsere Idee“, sagt sie, „ist ja nicht nur Fahrradtraining. Wir möchten Menschen zusammenbringen.“

Menschen zusammenbringen – das schafft das Projekt immer wieder aufs Neue, selbst bei Wind und Wetter. „Noch nie ist ein Training ausgefallen“, sagt Annette Krüger stolz. Auch heute sind wieder zahlreiche Ehrenamtliche gekommen, um zu helfen. Einige sind aus Berlin, aber #BIKEYGEES zieht Engagierte aus der ganzen Welt an. So wie auch Jennifer. Die 46-Jährige kommt aus Chicago, USA, und arbeitet dort als Lehrerin. Mit einem Stipendium ist sie nach Europa gereist, um sich hier von sozialen Projekten für Geflüchtete inspirieren zu lassen.  Eben hat sie Nahed gestützt, jetzt macht sie eine kurze Pause – neben dem Fahrrad her zu laufen ist auf Dauer anstrengend. „Aber es macht sehr viel Spaß“, sagt sie mit rosa Wangen. Sie ist von #BIKEYGEES begeistert: „Das ist so eine tolle Idee! Vielleicht ist das auch was für uns.

Von Stockholm bis Afghanistan: #BIKEYGEES feiert auch international Erfolge

Dass das Projekt internationale Aufmerksamkeit erhält, ist nicht neu. „Der Guardian (britische Tageszeitung, Anm. d. Red.) hat über uns berichtet“, erzählt Annette Krüger, die seit Beginn vor allem in den Sozialen Netzwerken auf den Verein aufmerksam macht. „Und das UN-Flüchtlingskommissariat UNHCR hat eines unserer Videos geteilt, ein weiteres wurde inzwischen weltweit über 1,8 Millionen Mal geklickt.“ Auch auf der Klimakonferenz in Stockholm durfte sich #BIKEYGEES als eines von europaweit fünf Projekten, die sich für den Klimaschutz und für Flüchtlinge einsetzen, vorstellen. „Und“, setzt Annette Krüger an und richtet sich dabei auf, „wir haben den Deutschen Fahrradpreis gewonnen. Das sage ich schon mit Stolz, denn das ist ein bisschen wie der Oscar fürs Fahrrad.“

Manchmal sehe ich ein Foto von zwei Frauen, die sich anschauen, und man liest richtig darin, wie die eine sagt: "Guck, du fährst alleine!" Das erfüllt mein Herz mit Freude und Dankbarkeit.
– Annette Krüger, #BIKEYGEES

Doch nicht nur über die Presse verbreitet sich die Idee von #BIKEYGEES auf der ganzen Welt. Auch die Frauen, die im Projekt Fahrrad fahren lernen, schicken Videos in ihre Heimat. „Das ist etwas, das werde ich nie vergessen“, erinnert sich Annette Krüger. „Eine Frau hatte ein Video, wie sie Fahrrad fährt, an eine Schulfreundin geschickt, die noch in Afghanistan lebt. Diese hat das Video dann ihrem Papa gezeigt und gesagt: ‚Guck mal, meine Freundin fährt jetzt Fahrrad. Ich will das auch!‘ Und der Papa hat sich das angeguckt und gesagt: ‚Ich denke darüber nach.‘ Das ist schon ein großer Erfolg, dass wir von hier aus auch dort etwas bewegen können, und wenn es nur eine Kleinigkeit ist.“

Manchmal kommt Annette erschöpft nach Hause. Dann setzt sie sich auf die Couch – einer der wenigen Momente am Tag, an denen sie wirklich einmal zur Ruhe kommt – und denkt: „Was für ein Geschenk!“ Vor #BIKEYGEES habe sie oft das Gefühl gehabt, ohnmächtig zu sein gegenüber dem, was auf der Welt passiere. „Wir haben jetzt die Chance, diese Frage ‚Was hast du damals getan?‘ für uns zu beantworten. Ich persönlich habe es in der Hand, ich kann etwas verändern.

Geschichte schreibt sich in vielen kleinen Schritten. „Man muss nur einmal losgehen.“

 

Bei #BIKEYGEES lernen die Frauen nicht nur das Fahrrad fahren, sondern auch die Verkehrsregeln. Erst, wenn sie beides gut beherrschen und verkehrssicher fahren können, erhalten sie vom Verein ein eigenes Fahrrad mit Helm und Schloss. Die ausgegebenen Fahrräder sind Spenden von Berliner*innen, die diese bei der Jugendverkehrsschule abgegeben haben. Vor Ort werden sie vom Verein auf Sicherheit geprüft und gegebenenfalls repariert.

Die kostenlosen Trainings sind offen für alle Frauen und Mädchen ab 14 Jahren. Sie finden jeden dritten Sonntag des Monats von 14-16 Uhr auf dem Gelände der Jugendverkehrsschule Wassertorplatz in Berlin statt.

Neben dem Training auf dem Fahrradplatz in der Mitte Berlins konnte, dank unserer Förderung von rund 120.000 Euro, eine zweite Trainingsstelle in Berlin-Hohenschönhausen eingerichtet werden. Wir freuen uns, dass wir damit das Engagement des Vereins, Unabhängigkeit, Selbstbewusstsein und soziale Kontakte von (geflüchteten) Frauen sowie klimafreundliche Mobilität zu fördern, unterstützen konnten!


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