Interview

Zeitzeugin im Gespräch: Erinnerungen, die ein Leben prägten

Doris Hennig flog als junges Berliner Mädchen mit einem Rosinenbomber in die Freiheit.

Zukunftschancen
  • 28.04.2021
  • Autor Daniel Kroll
  • Fotograf
  • Lesezeit7 min

Am 20. September 1948 stiegen die ersten Kinder in einen sogenannten „Rosinenbomber“, um aus dem kriegszerstörten Berlin in den Westen zur Erholung zu fliegen. Zur Unterstützung dieser Aktion wurde vor genau 65 Jahre die Deutsche Fernsehlotterie gegründet: Am 28. April startete die erste Ziehungssendung unter dem Titel „Ferienplätze für Berliner Kinder“. Anlässlich dieses Jubiläums sprachen wir mit Doris Hennig, die eines der Kinder war, die Anfang der 50er Jahre das Glück hatten, mit dabei zu sein. Was sie damals erlebt und wie es sie geprägt hat, erzählt uns die 75-Jährige im Interview.

Deutsche Fernsehlotterie: Frau Hennig, wie war das Leben als Kind im Berlin der Nachkriegsjahre? Möchten Sie uns ein bisschen mitnehmen in die Zeit?

Doris Hennig: Berlin war zerstört und im Aufbruch. Als Kinder erlebten wir viel Schweigen und wirklich verstanden haben wir nicht, was um uns herum so passierte. Das Hauptthema für uns war essen. Wir Berliner Kinder waren eher abgemagert. Es gab Schulessen und um das zu bekommen, brauchte man bestimmte Marken. Jeder hatte eine Metallkanne, in die dann das Essen, bspw. Suppe eingefüllt wurde. Gegessen wurde in der Schule. Da ich eh nie viel gegessen habe, hat das Schulessen bei uns auch die Familie mit ernährt. Die Wohnverhältnisse waren beengt, die Menschen hatten entweder ihre Wohnungen verloren, waren wie wir nach Berlin geflohen oder wenn sie noch Wohnungen hatten, mussten sie Menschen wie uns zwangsweise aufnehmen.  Auch sonst war das Leben von Entbehrungen geprägt, echte Orte zum Spielen waren Mangelware.

Wenn ich mal draußen spielte, hat mich insbesondere das Verbotene gereizt, von dem ich genau wusste, dass es verboten war. Es gab Ruinen, Tunnel oder auch Keller von unbewohnten Häusern, in denen wir gespielt haben, um dort Abenteuer zu erleben. Diese Orte waren gefährlich, teilweise einsturzgefährdet. Ich erinnere mich an die intensiven Gerüche, die vielen Ratten und auch an all das Zeug, dass dort noch rumlag. Es war immer ein bisschen gruselig und es hat mich wohl bis heute geprägt. Ich finde jeden Sperrmüll interessant und will wissen, was da drin ist (lacht).

Deutsche Fernsehlotterie: Und dann kam die Möglichkeit, an den Kinderreisen teilzunehmen.

Doris Hennig: Ja, ich war ziemlich unvorbereitet. Mein Vater kam begeistert und freudestrahlend nach Hause und sagte, dass ich mit dem Flugzeug verreisen darf. Er hat den Frauen vom Sozialamt irgendwie klar gemacht, dass ich einen Urlaub gebrauchen könnte. An mir ist das vorbeigerauscht, als Kind machte man damals alles, was von einem verlangt wurde. Das habe ich dann auch gemacht. In den großen Ferien, also Juli oder August, ging es vom Flughafen Tempelhof los. Ich bin 1946 geboren, ich war ungefähr acht Jahre alt… Es müsste also etwa 1954 gewesen sein. Dokumente davon habe ich nicht mehr. Leider sind mir viele alte Sachen bei einer Kellerüberschwemmung verlorengegangen.

Flugreisen waren damals etwas sehr besonderes und als Kind zu fliegen war ein absolutes Privileg. In so eine Militärmaschine einzusteigen, das war aufregend.
Doris Hennig, nahm in den 1950er-Jahren an unseren Kinderreisen teil

Deutsche Fernsehlotterie: Wie war der Flug und wo ging es hin?

Doris Hennig: Flugreisen waren damals etwas sehr besonderes und als Kind zu fliegen war ein absolutes Privileg. In so eine Militärmaschine einzusteigen, sich hinzusetzen, anzuschnallen und dann die Überraschung, als es los ging, das war aufregend. An Bord war es laut, es hat geklappert. Es war nichts gedämmt und es hat nach Maschinenöl gerochen. Man saß in einer Kuhle mit dem Rücken zu den kleinen Luken. Um aus dem Fenster zu gucken, musste man sich drehen. Dabei konnte einem schlecht werden. Mir wurde bei jedem Drehen schlecht. Ich bin schwindelfrei und angstfrei, aber das war schon etwas Besonderes.

Die Soldaten an Bord waren unsere Betreuer und haben sich ganz nett um uns gekümmert und Süßigkeiten und Fähnchen mit dem Berliner Bärchen zum Winken verteilt. Es ging dann von Tempelhof nach Köln-Bonn, zur Erholung an die frische Luft, ins Ruhrgebiet (lacht). Ja, es war damals noch nicht so, dass man dachte, das ist nicht die Gegend, wo man Urlaub macht. Der Ort, an dem ich hinkam, hieß Rumeln-Kaldenhausen (seit 1975 der westlichste Teil der Stadt Duisburg, Anm. d. Red.).

Deutsche Fernsehlotterie: Wie haben Sie dort gelebt?

Doris Hennig: Ich habe dort ungefähr vier Wochen in einer Gastfamilie gewohnt, die ein Lebensmittelgeschäft hatten. Vor Ort war ich das einzige Kind aus Berlin. Meine Gasteltern hatten auch eine Tochter, da war wohl auch der Gedanke dabei, dass es gut ist, dass sie auch mal mit anderen Kindern intensiv zu tun hat, dass sie teilen lernt. Meine Familie hatte ein wunderschönes Haus mit einem wunderschönen Garten und einen Schäferhund, worüber ich mich sehr gefreut habe.

Meine Gastfamilie hat mich ganz herzlich willkommen geheißen und versucht, mich aufzupäppeln, worin sie auch sehr erfolgreich waren. Es gab regelmäßig etwas zu essen, was in Berlin nicht der Fall war. Ich war ganz dünn – das „arme Berliner Kind“ musste also zunehmen. Ich wurde deswegen jeden Tag auf eine Kartoffelwaage gestellt und es wurde geschaut, ob ich schon zugenommen hatte. Ich bekam Bananen und Sirup, der ganz dick auf die Butterbrote aufgetragen wurde. Dieses süße Zeug und die viele Butter, die ich bekam, das war für mich das Tollste auf der Welt. Das Wiegen war mir peinlich, weil oft die Nachbarsfrauen mit dabei waren und gejubelt haben, wenn ich zugenommen hatte.

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Deutsche Fernsehlotterie: Wie haben Sie den Ort und den Urlaub wahrgenommen, was haben Sie erlebt?

Doris Hennig: Der Ort war ein kleines, nicht zerstörtes Dorf mit vielen Feldern. Die Dorfgemeinschaft war sehr an mir interessiert. Ich war eher schüchtern, fand diese neue Umgebung aber aufregend und konnte mit den anderen Kindern sorgenfrei spielen. Ich war als Kind ziemlich robust, konnte gut klettern und habe sehr die Freiheit genossen, dass man einfach so in die Blumenwiesen und die Felder rennen konnte. Die Bauern fanden das nicht so toll. Ich hatte auch viel mit den Dorfkindern Kontakt, denen klar war, was man durfte. Mir nicht. Einmal hatte ich ein Pferdegeschirr „gefunden“ und wollte mir daraus eine Schaukel bauen. Ich wurde vom Bauern erwischt, es gab eine Backpfeife und natürlich auch in der Familie Ärger. Die konnten es nicht nachvollziehen, was ich da mache. Einmal musste ich Kartoffeln schälen, was ich als Berliner Kind aber nicht konnte. Da bin ich einfach im Wald verschwunden, das fand dann die Familie natürlich ebenso seltsam.  

Auch sonst bin ich aufgefallen: Meine Mutter hatte mir einen Spielanzug mit Röckchen genäht, der für die Zeit und die Gegend gar nicht mehr aktuell war. Das fanden die anderen Kinder etwas absonderlich und haben sich darüber lustig gemacht. Insgesamt war dieser Urlaub für mich in jedem Fall eine totale Bereicherung, gerade auch weil die Familie mich danach noch mehrmals eingeladen hat.

Deutsche Fernsehlotterie: Der Kontakt ging also weiter?

Doris Hennig: Ja, ich bin noch einmal eingeladen worden und dahingefahren. Sie haben mich immer wieder eingeladen und die Tochter hat mich später auch in Berlin besucht, als sie dort bei einem Vereinstreffen war. Sie ist Rollschuh gelaufen. Der Kontakt hat gehalten, bis ich 16 war und ist danach abgebrochen. Man konnte damals nicht so gut Kontakt halten und ich war da auch nicht gut drin. In der Gegend war ich seitdem nicht noch einmal.

Nach dem ersten Gespräch für dieses Interview war mein Abenteuer von damals zudem wieder so präsent, dass ich nach meiner Gastfamilie recherchiert habe. Ich habe in Rumeln dann auch eine Familie mit dem Namen angerufen. Die haben mir mitgeteilt, dass sowohl meine Gasteltern als auch meine Gastschwester leider mittlerweile verstorben sind. Die Frau, mit der ich telefoniert habe, kannte mich aber noch von damals und war Teil der Kinderclique, mit der ich durch die Wiesen gelaufen bin. Das war für mich sehr bewegend. Auch im Ort hat mein Besuch wohl einen nachhaltigen Eindruck gemacht.

Diese Kinderreise war die erste Reise meines Lebens, ich habe viele Erfahrungen machen dürfen, die sich positiv auf mein Leben ausgewirkt haben.
Doris Hennig, nahm in den 1950er-Jahren an unseren Kinderreisen teil

„Die Freiheit und Freude, als ich damals so frei über die Felder rennen konnte, hat mich geprägt“

Deutsche Fernsehlotterie: Was haben Sie aus den Kinderreisen mitgenommen? Verreisen Sie immer noch gerne?

Doris Hennig: So ganz intensiv habe ich da noch nie drüber nachgedacht, aber es hat mich schon sehr geprägt. Diese Kinderreise war die erste Reise meines Lebens, ich habe viele Erfahrungen machen dürfen, die sich positiv auf mein Leben ausgewirkt haben. Ich habe mit meiner Gastfamilie viel Glück gehabt, da sie es wirklich gut mit mir meinten. Die Kinderreisen haben mir sehr weitergeholfen, weil ich so auch ein anderes Familienbild gesehen habe. Der Familie ging es gut, sie haben ihre Tochter gefördert, sie hatten ein großes Auto und es waren einfach gute Menschen.

Mein ganzes Leben war ich immer sehr in Bewegung. Ich habe immer wieder etwas Neues gemacht. Ich bin schon als junge Frau durch die gesamte Welt gereist. Ich habe drei eigene Töchter, bei denen ich sehr dafür gesorgt habe, dass sie viele andere Menschen und deren Art zu leben, kennenlernen. Ich habe meine Töchter immer frei laufen lassen, damit sie ihre eigenen Erfahrungen machen konnten.

Deutsche Fernsehlotterie: Hat diese Erfahrung Sie auch sonst geprägt?

Doris Hennig: Diese Freiheit und Freude, die ich das erste Mal so gespürt habe, als ich damals so frei über die Felder rennen konnte. Dazu das Wissen, dass es immer genug zu essen gibt, das Erleben der Natur, insbesondere der Blumenwiesen, das Erleben von Hilfe und Gemeinschaft. Das alles zu fühlen war wundervoll. Anfang der 50er Jahre war es eine ganz harte Zeit in Berlin, auch insbesondere für meine Mutter, die aus guten Verhältnissen vom Land kam. Wir Kinder waren abgemagert, unsere Familie wohnte anfangs in Berlin zu viert in einem Untermietzimmer. Die Frau, die es uns in einer Ku-Damm-Nebenstraße vermietet hat, hat dies nicht freiwillig gemacht. Sie wurde verpflichtet, Menschen aufzunehmen. Das war hart für uns als Familie, weil wir nicht erwünscht waren. Dieses Schicksal haben wir mit vielen anderen Menschen der damaligen Zeit geteilt. Das Gefühl des Unerwünscht-seins hat mich nachhaltig geprägt. Deswegen habe ich mich 2015 auch sehr in der Flüchtlingskrise engagiert. Das man nicht verhungert ist das eine, aber es bleibt oft dieses Gefühl, man bekommt Almosen und man nimmt den anderen was weg.

Das Gefühl des Unerwünscht-seins hat mich nachhaltig geprägt. Deswegen habe ich mich 2015 auch sehr in der Flüchtlingskrise engagiert.
Doris Hennig, heute 75, nahm als Achtjährige an den Kinderreisen teil

Deutsche Fernsehlotterie: Gibt es etwas, was Sie uns noch auf den Weg mitgeben wollen?

Doris Hennig: Ja. Die Möglichkeiten, die sie mit ihrer Stiftung haben, finde ich großartig. Wir haben damals eine andere Form der Armut erlebt, aber auch heute gibt es noch Armut. Es gibt auch eine weitere Form der Armut in besserverdienenden Familien, wenn Kinder alleingelassen werden. Kinder brauchen auch außerhalb ihrer Familien, Schulen und des Alltags weitere Erlebnisse. Es geht um das Entwickeln von Kreativität. Es geht darum, dass die Kinder Menschen begegnen, die Spaß daran haben, mit ihnen Zeit zu verbringen. Wir müssen Kinder Vielfalt erleben lassen, ihre individuellen Stärken sehen und ihr Selbstbewusstsein auch über schöne Erlebnisse fördern. So lernen Kinder kreativ Lösungen zu finden und positiv miteinander zu kommunizieren. Wenn es Teil Ihrer Arbeit ist, dass sie Kindern über schöne Ferienerlebnisse dies beibringen, dann können Sie eigentlich nichts Besseres machen.

Über die Kinderreisen – und die Geburtsstunde der Deutschen Fernsehlotterie

Am 24. Juni 1948 begann die Berlin-Blockade durch die Rote Armee. Betroffen waren insbesondere Kinder und alte Menschen in der kriegszerstörten Stadt. Zielstrebig leitete der Deutsche Städtetag erste Hilfsmaßnahmen für die Eingeschlossenen ein und gründete dazu das Hilfswerk Berlin. Bereits am 20. September 1948 bestiegen die ersten von 1.600 Berliner Kinder in diesem Jahr einen britischen „Rosinenbomber“. Ihr Ziel: Eine Ehrholungsreise nach Westdeutschland. 

Vor 65 Jahren wurden die Hilfsaktionen erstmals vom (Ersten) Deutschen Fernsehen unterstützt: Am 28. April 1956 startete die erste Ziehungssendung unter dem Titel „Ferienplätze für Berliner Kinder“. Mit ca. 400.000 Fernsehzuschauern spielte die erste Sendung umgerechnet 820.000 Euro ein. Und es begann die Geschichte der ältesten und traditionsreichsten Fernsehlotterie der Welt – die Geschichte von uns, der Deutschen Fernsehlotterie.

Am 12. Mai 2019 wurde mit dem „Luftbrückenjubiläum“ in Berlin der Jahrestag des Endes der Berlin Blockade gefeiert. Dort trafen wir Doris Hennig, die uns später dieses wundervolle Interview gab und über ihre Erlebnisse als eines der ersten Kinder, die an den Kinderreisen teilnahmen, sprach.

Auch heute noch ermöglichen wir jedes Jahr rund 1.000 Kindern und Jugendlichen kostenlose Ferien, die sie sich sonst nicht leisten könnten, und setzt so ein Zeichen gegen Ausgrenzung und Armut. Bedingt durch die Corona-Pandemie konnten die Kinderreisen 2020 nur in ganz kleiner Form stattfinden. Für 2021 haben wir unsere Idee mit Berücksichtigung der aktuellen Situation weiterentwickelt – mehr dazu erfahren Sie bald, bleiben Sie gespannt!

 

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