Themenbeitrag

„Wir müssen durchhalten!“ – Warum uns Abstand wieder näher zusammenbringt

Gelebte Gemeinschaft in Zeiten von Social Distancing? So trotzen Nachbarinnen und Nachbarn in Remagen der Corona-Krise.

Miteinander in Viertel
  • 14.12.2020
  • Autorin Katharina Hofmann (Protokoll)
  • Fotograf iStock (Illustration)
  • Lesezeit4 Min.

Gelebte Gemeinschaft in Zeiten von Social Distancing? So trotzen Nachbarinnen und Nachbarn in Remagen der Corona-Krise.

Mechthild Haase leitet beim Caritasverband Rhein-Mosel-Ahr das Quartiersprojekt „Leben und Älterwerden in Remagen mitgestalten“. Am Anfang der Corona-Pandemie sprach sie mit uns darüber, dass Nachbarschaftshilfe in diesen Zeiten neue Wege der Kommunikation braucht. Neun Monate später erzählt die Sozialarbeiterin, wie die Digitalisierung die Nachbarinnen und Nachbarn in zusammengebracht hat – aber nur eine Sache uns alle am Ende wieder zueinander bringt:

„Ganz am Anfang dachte ich noch: ‚Ach, das ist jetzt für eine kurze Zeit, für einige Wochen, vielleicht ein paar Monate – und dann ist alles wieder vorbei.‘ Doch das habe ich schnell als Illusion erkannt. Auch, wenn die Ansteckungsrate hier im Kreis Ahrweiler im Frühjahr und Sommer sehr gering war: Normalität gab es seit Beginn der Corona-Pandemie nicht mehr. Das normale Miteinander, wie wir es kennen, war und ist unterbrochen und wir mussten uns erst mal neu sortieren.

Was sich verändert, worauf ich mich einstellen muss, worauf sich alle einstellen müssen, ist, neue Kommunikationswege zu finden.
Mechthild Haase im März 2020

Wir haben im Frühjahr einen offenen Treff im Stadtpark organisiert. Da kamen mehr Menschen, als ich erwartet hatte. Sie standen alle mit Abstand verteilt auf der Grünfläche und haben sich auf die Entfernung unterhalten. Das ist inzwischen fast schon ein normaler Anblick, damals aber sah es einfach merkwürdig aus. Das Treffen lief unter dem Titel ‚Ideenbank‘ und daraus sind direkt einige Initiativen für Begegnungen an der freien Luft entstanden. Im Park gibt es etwa eine Boule-Bahn, die vorher nicht wirklich genutzt wurde – und dann haben sich mehrere Boule-Gruppen gefunden.

Für mich ist die Ideenbank aber auch die Möglichkeit gewesen, mit den Leuten weiterhin in Kontakt zu bleiben. Normalerweise bin ich einmal in der Woche in der Stadtverwaltung ansprechbar, aber die Räumlichkeiten sind einfach nicht geeignet für die geltenden Abstandsregeln. Draußen kann ich mit den Menschen reden, ohne dass wir Angst haben müssen, uns zu infizieren. Und das hat sich bis in die kalte Jahreszeit durchgezogen: Wir führen selbst jetzt noch diese „Wind- und Wettergespräche“. Remagen liegt am Rhein und es ist wunderschön hier, selbst im Winter. Wir nutzen das und gehen bei manchen Gesprächen dann auch mal den Rundweg am Rhein entlang.

Eine Frau, die erst kürzlich mit ihrem Mann hierhergezogen ist, kam auf mich zu, weil sie schon in Süddeutschland ehrenamtlich aktiv war und das gern weiterführen würde. Wir haben uns verabredet und vor der Buchhandlung getroffen – und das hat sich dann fast wie ein Blind Date angefühlt!

Die Menschen können uns eine E-Mail schreiben oder eben auch einen Brief, mit Gedanken und Geschichten rund um die Corona-Krise: Wie ist das Leben zu Hause, was geht einem durch den Kopf? Was geht einem auf die Nerven? Fällt einem die Decke auf den Kopf?
Mechthild Haase im März 2020

Im April hatte eine Ehrenamtliche die Idee, eine Schreibwerkstatt zu etablieren. Die erste lief mit der Überschrift ‚Corona‘. Da haben wir viele Texte bekommen. Im Sommer haben wir damit weitergemacht, diesmal haben sich die Autorinnen und Autoren damit beschäftigt, wie Corona ihren Sommer beeinflusst. Das Projekt war danach abgeschlossen. Die entstandenen Texte der Schreibwerkstatt möchten wir jetzt zu einem Heft binden lassen, als eine kleine Dokumentation dieser ganz besonderen Zeit. Ein Profi hier aus Remagen gestaltet dafür ehrenamtlich ein Layout, was mich wirklich sehr freut.

Das wesentliche Stichwort ist jetzt: Digitalisierung bzw. digitale Medien.
Mechthild Haase im März 2020

Bei uns im Haus, bei den Kolleginnen und Kollegen in den Fachbereichen, hat es in den letzten Monaten in Sachen Digitalisierung einen enormen Schub gegeben. Wir haben gut aufgerüstet, sind jetzt mit iPads ausgestattet – das ist für uns eine große Entwicklung. Für das Quartiersprojekt konnten wir die Nachbarschaftsplattform nebenan.de weiter etablieren: Eine Nachbarin hat darüber zum Beispiel ein Adventsliedersingen organisiert. Beim ersten Mal waren auch direkt zehn Erwachsene und zehn Kinder dabei. Die standen natürlich verteilt in der Nachbarschaft. Die Organisatorin hat mir ein kleines Video davon geschickt, die Qualität ist zwar nicht so gut, weil es schon dunkel war, aber die besondere Atmosphäre kommt da trotzdem gut rüber.

Wir hatten letzte Woche auch unseren ersten Online-Vortrag. Da ist zwar noch Luft nach oben, aber es war ein mutmachender Start. Ich möchte außerdem eine Veranstaltung organisieren mit dem Bundesprojekt „Digitaler Engel“. Das ist Anfang nächsten Jahres in Rheinland-Pfalz und hat noch Termine frei – natürlich alles online.

Ich möchte das Thema Digitalisierung vor Ort insgesamt weiter vorantreiben, die Menschen motivieren, sich auch die Geräte anzuschaffen, sich helfen zu lassen oder selbst Unterstützung anzubieten. Wenn es möglich ist, möchten wir auch wieder mehr mit der hiesigen Hochschule zusammenarbeiten. Da gab es ein gutes Format mit dem Titel ‚Alt und Jung – gemeinsam gegen das Technikchaos‘. Es gab auch schon zahlreiche Veranstaltungen, doch durch Corona fand das Projekt ein Ende. Ich würde es gern wieder aufgreifen.

Mir ist es aber auch wichtig, dass ich auch die erreiche, die nicht online sind. Es wird zum Beispiel eine Serie von Gymnastikübungen im Amtsblatt veröffentlicht. Die ganze Aktion ist auch einfach so charmant! Das ist ein Ehepaar, das in Remagen sehr bekannt ist – und die turnen da auf den Fotos. Ich hoffe, dass es Menschen motiviert.

Das Projekt lebt ja von Beziehungen und von persönlichen Begegnungen.
Mechthild Haase im März 2020

In den letzten Monaten habe ich gelernt, wie wichtig die persönlichen Kontakte sind. Und dass sie durch nichts, wirklich gar nichts zu ersetzen sind. Der Kern von sozialen Projekten ist, das soziale Miteinander zu fördern. Jetzt ist genau das ausgebremst. Das hat uns schmerzlich vor Augen geführt, wie wesentlich dieses soziale Miteinander aber für eine Gesellschaft ist. Es passiert viel Gutes in den Nachbarschaften, aber alles auf Abstand. Und das ist auf Dauer irgendwann unerträglich. Deshalb müssen wir jetzt Mut machen – und auf kleine Dinge setzen, die Menschen erfreuen und den Tag versüßen. Ich habe mir zum Beispiel fest vorgenommen, in der Adventszeit möglichst viele Grußkarten zu verschicken. Da muss gar nicht viel draufstehen, es ist einfach ein Zeichen: Ich denke an dich. Und in Zeiten, in denen Textnachrichten schnell geschrieben, gelesen und wieder vergessen sind, ist eine Nachricht per Post etwas, das auffällt und bleibt.“

Themenwoche „Miteinander“

Neun Monate nach unserer #CoronaWirgefühl-Interviewreihe haben wir im Rahmen unserer aktuellen Themenwoche „Miteinander“, die vom 14.-18. Dezember hier in unserem Online-Magazin und auf unseren Social Media-Kanälen stattfindet, bei drei Projekten noch einmal nachgefragt: Was hat sich im Verlauf der Pandemie verändert? Wie wurde der Zusammenhalt in dieser Zeit empfunden? Und wie geht es weiter?

Neben Mechthild Haase vom Quartiersprojekt „Leben und Älterwerden in Remagen mitgestalten“ sprachen wir auch mit Dominik Bloh, der mit seinen Mitstreiterinnen und Mitstreitern den GoBanyo-Duschbus für obdachlose Menschen auf die Straßen gebracht hat. Für ihn hat sich in diesem Jahr vieles bewegt – doch es muss sich noch mehr für Menschen auf der Straße tun, betont er. Und warnt: „Dieser Winter ist der härteste, den Menschen auf der Straße je durchmachen mussten“

Mareike Fuchs, die das Hamburg Leuchtfeuer Hospiz in St. Pauli leitet, berichtet außerdem von der Hospizarbeit in der Corona-Krise und wie man das Weihnachtsfest für Menschen, die kein weiteres mehr erleben werden, trotz Beschränkungen gestalten kann.

 


Wir unterstützen Nachbarschaften

Das Projekt „Leben und Älterwerden in Remagen mitgestalten“ belebt das Quartier mit vielen Aktionen und Initiativen. Wir unterstützen die gelebte Nachbarschaftshilfe bereits im fünften Jahr mit insgesamt über 181.000 Euro.

Da starke Nachbarschaften eine Voraussetzung für den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft sind, bilden soziale Maßnahmen zur Quartiersentwicklung inzwischen einen wichtigen Förderschwerpunkt der uns angeschlossenen Stiftung Deutsches Hilfswerk. Du kennst ein Nachbarschaftsprojekt oder hast selbst eines gegründet und interessierst dich für eine Förderung? Hier findest du die Förderkriterien für Quartiersprojekte und viele weitere wichtige Informationen über unsere Fördermöglichkeiten.

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