Erfahrungsbericht
Themenbeitrag

Warum ein Papa seine Kinder verlassen musste, damit sie sicher und glücklich aufwachsen können

Mohammed aus Hamburg meistert die Herausforderung als Papa von drei Kindern, von denen eines mit einem Gendefekt geboren wurde.

Mutmacher
  • 10.05.2021
  • Autorin Katharina Hofmann (Protokoll)
  • Fotograf iStock
  • Lesezeit4 Min.

In unserer Themenwoche „Papa sein“ stellen wir unterschiedliche Väter mit ihren individuellen Herausforderungen vor – und die sozialen Projekte, in denen sie Hilfe gefunden haben oder die ihnen besonders am Herzen liegen. Heute geht es um Papa Mohammed. Eigentlich wollte er an dieser Stelle persönlich von seinen Herausforderungen berichten, die er als Papa von drei Kindern hat, von denen eines mit der Glasknochenkrankheit geboren wurde. Leider ist er kurz vor unserem Interview krank geworden. Da Mohammed in dieser Woche nicht fehlen sollte, erzählte uns eine Vertraute seine Geschichte.

Die Geburt seines mittleren Sohnes hat Mohammed verpasst. Damals – im Herbst 2015 – lebte er bereits seit einem Monat in einer Hamburger Notunterkunft für geflüchtete Menschen. Etwa zur gleichen Zeit saß Birgit Dencker in ihrer Hamburger Wohnung und dachte: „Ich muss etwas tun!“

Ihre Freundin, eine Spiegel-Journalistin, habe damals einen Blog geschrieben und regelmäßig über die Notunterkunft berichtet, erzählt die Mutter von zwei Kindern am Telefon. „Ich wollte helfen. Auch, damit meine Kinder sehen, dass man etwas abgeben muss, wenn es einem gut geht. Dass man andere Menschen unterstützt. Aber es musste etwas sein, dass ich auch in meinen Alltag als Alleinerziehende und Stewardess integrieren konnte.“ Einige Zeit später erzählte ihr ihre Freundin von Mohammed.

Er und seine Frau Hadil Abdulla waren früh aus Syrien geflohen. Sie lebten als Exil-Palästinenser in Jarmuk, einem Vorort von Damaskus. Nachdem dort 2012 der Krieg ausbrach, floh die Familie mit Eltern, Tante und Onkel nach Beirut im Libanon. Als sich Mohammed dann 2015 mit vielen weiteren Menschen über die Balkanroute auf den beschwerlichen Weg nach Deutschland machte, musste er seine Frau mit Kind zurücklassen: „Hadil war mit dem zweiten Kind schwanger und da hieß es, sie solle lieber noch im Libanon beim Rest der Familie bleiben“, erzählt Birgit Dencker.

Nach der Geburt seines Sohnes dauerte es noch über ein Jahr, bis Mohammed wieder mit seiner Familie vereint war: „Er war als Flüchtling anerkannt und hatte bereits einen Aufenthaltsstatus. Seine Familie durfte dann aufgrund der Härtefallregelung nachkommen: Sein Sohn Kais ist mit einem Gendefekt zur Welt gekommen, der umgangssprachlich auch Glasknochenkrankheit genannt wird“, so die engagierte Stewardess.

„Mohammed macht sich oft Gedanken“

Birgit Denckers Freundin schrieb damals für den Spiegel einen Artikel über die Familie Alkhatib und den Moment, als sie sich wiedersahen. Darin zitiert sie Mohammed: „Zwei Jahre lang hatte ich kein richtiges Leben. Jetzt fängt das richtige Leben an“, sagte er ein paar Tage, nachdem er seinen Sohn am Hamburger Flughafen das erste Mal in den Arm nehmen konnte. Ein paar Wochen später lernte Birgit Dencker die vier kennen, seitdem unterstütz sie die Familie im Alltag:

„Weil Kais den Gendefekt hat, muss er häufig zum Kinderarzt. Dorthin habe ich die Familie anfangs oft begleitet. Hadil ist dann auch recht schnell noch einmal schwanger geworden und das Kind hatte einen Verdacht auf einen Herzfehler, weshalb auch sie öfter zu Untersuchungen fahren musste. Nach der Geburt war sie länger im Krankenhaus, das Kind wurde außerdem ein Jahr später am Herzen operiert. In dieser Zeit war Mohammed sehr engagiert, hat sich um die anderen beiden Kinder gekümmert, ist mit Kais zur Physio- und Ergotherapie gefahren und hat nebenbei weiter seine Deutschkurse gemacht. Er war auch sehr bemüht, dass seine Kinder gut unterkommen: Er hat sich um eine Spezial-Kita für Kais gekümmert, der, wenn er sich mal wieder etwas gebrochen hat, auf einen Rollstuhl angewiesen ist. Es war ihm auch sehr wichtig, dass seine Kinder nicht nur mit arabischen Kindern aufwachsen, sondern in Kita und Vorschule mit deutschen Kindern zusammenkommen und Austausch haben.

Papa sein: Herausforderungen und wie man(n) sie meistert

In unserer Themenwoche „Papa sein“ stellen wir vier unterschiedliche Väter mit ihren individuellen Herausforderungen vor – und die sozialen Projekte, in denen sie Hilfe gefunden haben oder die ihnen besonders am Herzen liegen. Hier findest du alle Beiträge im Magazin. Weitere Beiträge findest du außerdem auf unseren Social Media-Kanälen – klick also gern einmal bei Instagram oder Facebook rein, wir freuen uns!

Wegen seiner Krankheit darf Kais nicht so viel herumrennen. Das fällt ihm sehr schwer, denn er ist eigentlich sehr lebhaft. Wenn seine Knochen gerade okay sind, dann tanzt er auch mal arabische Tänze vor. Wenn er wieder einen Gips hat und auf den Rollstuhl angewiesen ist, macht ihn das traurig und manchmal auch sauer. Er kann auch nicht mit den anderen Kindern auf einen normalen Spielplatz gehen. Mohammed macht sich dann oft Gedanken. Einmal fragte er mich, ob ich ihm helfen könne, ein Haus am Meer für einen Urlaub zu buchen. Er sagte: ‚Ich möchte gern, dass mein Sohn einmal im Sand spielen kann.‘

Mohammed hat denselben Gendefekt, aber lange nicht so ausgeprägt wie Kais. Er fährt mit ihm ins Krankenhaus – der Kleine bekommt regelmäßig Infusionen, damit die Knochen stärker werden. Da er noch wächst, muss das nach und nach gemacht werden.

Als die Familie hier ankam, hat sie natürlich auch nach einer Wohnung gesucht. Mohammed kam irgendwann mit einer Broschüre der Hamburger Wohnbrücke zu mir und bat mich, ob ich mit ihm dorthin gehen kann. Das habe ich dann auch gemacht. Wir hatten vorher schon versucht, eine Wohnung zu finden – aber es war wirklich nicht einfach. Auch bei der Wohnbrücke sagte man uns, dass es schwierig sei. Weil Kais den Rollstuhl braucht, musste der Zugang barrierefrei sein. Mohammed sagte mir, er würde seinen Sohn auch hochtragen, wenn es keine Wohnung mit Aufzug gäbe. Bis zum zweiten Stock würde er das schaffen. Zum Glück haben die Engagierten bei der Wohnbrücke aber eine ganz tolle Wohnung gefunden, sogar mit Aufzug.

Nach all den Jahren, die wir uns nun schon kennen, haben wir ein vertrautes und freundschaftliches Verhältnis. Als meine Mutter im Krankenhaus war, kam sofort eine Nachricht von Mohammed: ‚Wie geht es deiner Mutter, soll ich sie mal besuchen?‘ Und als ich im letzten November Corona hatte, haben sie mir eine Torte und einen Zettel vorbeigebracht, auf dem stand: ‚Ich wünsche dir eine schnelle Genesung. Große Liebe‘ – mit einem Herz.

Letzte Woche sind Mohammed, Hadil und ihre drei Kinder endlich in die neue Wohnung gezogen.“

Selbstverständlich hat Brigit Dencker auch dabei die Familie im Vorfeld unterstützt – als Helferin und Freundin.

Über die Wohnbrücke Hamburg

Die Wohnbrücke Hamburg der Lawaetz-wohnen&leben gGmbH unterstützt nicht nur bei der Wohnungssuche, sondern fördert mit einem eigenständigen Projekt vor allem auch die Integration geflüchteter Menschen in Hamburger Nachbarschaften. Sie ermöglicht dies durch die Unterstützung ehrenamtlichen Engagements im Rahmen von Beratungsgesprächen, Begleitung, Schulungen sowie Austauschformaten zum Thema „Ankommen in der Nachbarschaft“. Das Ziel ist es, das Miteinander von Haushalten mit und ohne Fluchthintergrund zu ermöglichen. Engagierte Hamburger*innen werden zu Wohnungslots*innen befähigt oder als Vermieter*innen gewonnen. So finden Neu-Hamburger*innen nicht nur ein Zuhause, sondern können mit Unterstützung soziale Kontakte mit Alteingesessenen in ihrer neuen Nachbarschaft herstellen und ihre Lebenssituation durch die Teilhabe und Mitgestaltung verbessern. Dadurch werden Vorbehalte abgebaut und das Zusammenleben in einer vielfältigen Nachbarschaft und das Gemeinwesen gestärkt.

Das nachbarschaftliche Projekt der Wohnbrücke Hamburg haben wir mit rund 633.000 Euro gefördert.

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