Erfahrungsbericht
Themenbeitrag

Von Papa zu Sohn: „Diese Werte möchte ich weitergeben“

Jan aus dem Ruhrgebiet ist alleinerziehend, vier Tage pro Woche lebt sein Sohn bei ihm. Was die beiden verbindet und welche Werte dem jüdischen Papa wichtig sind.

Mutmacher
  • 10.05.2021
  • Autorin Protokoll: Katharina Hofmann
  • Fotograf iStock
  • Lesezeit4 Min.

In unserer Themenwoche „Papa sein“ stellen wir unterschiedliche Väter mit ihren individuellen Herausforderungen vor – und die sozialen Projekte, in denen sie Hilfe gefunden haben oder die ihnen besonders am Herzen liegen. Heute geht es um Jan aus dem Ruhrgebiet. Mit seinem 15-jährigen Sohn, der die Hälfte der Woche bei ihm und die andere Hälfte bei seiner Mutter lebt, verbindet ihn die Leidenschaft für Sport und Musik. Aber auch bestimmte Werte weiterzugeben, ist dem jüdischen Papa wichtig.

Jan war 26 Jahre alt, als er Vater wurde. „Das ist ein gutes Alter“, sagt er. In den Jahren nach der Trennung von seiner Ex-Frau lebte der gemeinsame Sohn vor allem bei der Mutter. Heute verbringt der 15-Jährige die Hälfte der Woche bei seinem Vater. „Unser Verhältnis ist über die Jahre immer besser geworden“, sagt Jan. „Ich bin noch jung genug, um mit ihm viele gemeinsame Aktivitäten zu machen. Und wir sind auf einer Wellenlänge, lachen über die gleichen Dinge.“ Was die beiden noch verbindet, welche Werte Jan seinem Sohn als jüdischer Papa mitgeben möchte, wieso ihm dabei das Projekt „AchtzehnPlus“ der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden geholfen hat und wann er sich Sorgen macht:

„Ich habe einen großen Hund, einen Neufundländer. Für den hat sich mein Sohn schon begeistert, als er noch ganz klein war. Damals war mein Sohn nicht so oft bei mir wie heute, weil er bei seiner Mutter gewohnt hat. Meistens war es am Wochenende für eine Nacht. Trotzdem: Der Hund und mein Sohn sind quasi zusammen aufgewachsen. Neufundländer sind sehr kinderlieb, meiner auch: Er hat sich um meinen Sohn gesorgt, als dieser klein war, und auf ihn aufgepasst. Heut ist das andersrum: Jetzt sorgt sich mein Sohn um den Hund. Für andere da zu sein ist etwas, was ich meinem Sohn beibringen möchte.

Es ist auch ein Wert, der im Judentum – neben vielen anderen Werten – wichtig sind. Ich bin Jude, aber meine Eltern waren nicht religiös. Sie kommen aus der Sowjetunion und sind in den 90er-Jahren nach Deutschland gekommen. Damals war ich 15 Jahre alt, so alt wie mein Sohn heute. Ich habe als Jugendlicher nicht besonders auf die Einhaltung der jüdischen Gesetze geachtet, heut lebe ich aber sehr religiös. Deshalb ist es mir als Papa auch wichtig, in jüdischer Tradition meinem Sohn die jüdischen Gebote mitzugeben und zu erklären, wer wir sind und woher wir kommen. Als er klein war, hat ihn das nicht so interessiert. Er hat Anfangs vor allem bei seiner Mutter gewohnt. Meine Ex-Frau ist gar nicht religiös, was völlig okay ist. Sie hat die Einstellung: Er soll groß werden und dann selbst seine Religion wählen.

Jetzt ist er 15 Jahre alt und interessiert sich für den jüdischen Glauben, was mich natürlich sehr freut. Inzwischen lebt er die Hälfte der Woche bei seiner Mutter und von Donnerstagnachmittag bis Sonntag bei mir. Wir feiern also zusammen Schabbat und er lernt Talmud (neben der Tora das wichtigste Buch im Judentum, es erklärt das jüdische Leben und dessen Glaubenssätze; Anm. d. Red.). Damit habe ich nicht gerechnet! Wir leben in der Nähe von Duisburg, viele Jüdinnen und Juden mittleren Alters leben hier traditionell, also eher nicht religiös.

Ein Ort, um sich frei mit der eigenen Identität auseinanderzusetzen

Religiöse jüdische Menschen in meinem Alter habe ich kaum um mich. Deshalb habe ich am Projekt AchtzehnPlus der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland e.V. teilgenommen. Hier kommen Jüdinnen und Juden aus ganz Deutschland zusammen, von nicht-religiös bis strenggläubig. Es werden Workshops angeboten, in denen unterschiedliche Aspekte aus dem jüdischen Leben aufgegriffen werden – darunter auch sehr viel Kultur und Tradition. Es richtet sich an junge jüdische Gemeindemitglieder ab 18 Jahren, aber auch an Familien und es gibt Angebote und Hilfen speziell für alleinerziehende Mütter und Väter. Für alle ist es, neben der Workshops, eine wertvolle und wichtige Erfahrung, sich eine Woche lang ganz frei mit der eigenen Identität auseinandersetzen zu können, ohne sich dafür rechtfertigen oder erklären zu müssen. Genauso wie der Austausch, der dort stattfindet, und die Begegnungen, die man macht.

Die jüdische Religion im Alltag zu leben, ist in Deutschland gar nicht so einfach. Gerade auch für meinen Sohn: An jüdischen Feiertagen darf er zum Beispiel nicht zur Schule gehen. Dafür muss er sich dann Entschuldigungen vom Rabbi und den Eltern besorgen. Und die Fehltage muss er dann natürlich nacharbeiten. Aber er macht es gerne und mich macht es stolz.

Die Sorgen eines Vaters

Ich hatte nicht immer so intensiven Kontakt zu meinem Sohn. Unser Verhältnis ist von Jahr zu Jahr besser geworden. Inzwischen machen wir viel gemeinsam – seit die Fitnessstudios geschlossen sind, haben wir zum Beispiel das Joggen für uns entdeckt. Wir gehen auch viel spazieren, gucken zusammen Filme an, gehen Snowboarden. Oder wir machen zusammen Musik. Ich bin Musiklehrer, habe Violine und Tontechnik studiert. Mein Sohn spielt Klavier und ich begleite ihn dann. Und wir kochen auch viel zusammen. Das hat mich schon überrascht, dass er das gern macht!

Papa sein: Herausforderungen und wie man(n) sie meistert

In unserer Themenwoche „Papa sein“ stellen wir vier unterschiedliche Väter mit ihren individuellen Herausforderungen vor – und die sozialen Projekte, in denen sie Hilfe gefunden haben oder die ihnen besonders am Herzen liegen. Hier findest du alle Beiträge im Magazin. Weitere Beiträge findest du außerdem auf unseren Social Media-Kanälen – klick also gern einmal bei Instagram oder Facebook rein, wir freuen uns!

Natürlich mache ich mir als jüdischer Papa manchmal auch Sorgen in Momenten, die vielleicht für andere nicht besonders schlimm erscheinen. Vor der Pandemie sind wir zum Beispiel zum Krav Maga-Training gegangen. Das ist eine israelische Selbstverteidigungstechnik. An einem Tag ist mein Sohn allein nach Hause gegangen, weil ich noch etwas erledigen musste. Als er losging, hatte er noch immer das T-Shirt des Vereins an – da ist ein großer Davidstern drauf. Er hatte vergessen, es auszuziehen und ich habe nicht aufgepasst. Da habe ich mir große Sorgen gemacht, denn ein Davidstern wird von manchen Menschen hier in unserer Gegend als Provokation gesehen. Es ist ihm zum Glück nichts passiert an diesem Tag. Aber wenn ein Vater es als Gefahr empfindet, dass sein Kind allein durch ein T-Shirt gefährdet ist, dann ist etwas nicht in Ordnung.

Nächstes Jahr möchte ich heiraten. Mit meiner Frau wünsche ich mir dann auch ein zweites Kind. Ich hoffe, dass ich mir als Vater dann vielleicht nicht mehr so viele Sorgen machen muss, dass meinem Kind etwas passiert, weil es jüdisch ist.“

Das Projekt AchtzehnPlus richtet sich an junge jüdische Gemeindemitglieder im Alter von 18-35 Jahren. Es beinhaltet insbesondere Seminare für junge Familien sowie Bildungsaufenthalte für junge Erwachsene. Auch alleinerziehende Väter und Mütter sollen mit dem Projekt stärker in den Blick genommen werden. Im Rahmen des Projekts bietet die Zentralwohlfahrtstelle der Juden in Deutschland jungen Erwachsenen Foren zur Weiterbildung, Vernetzung, Diskussion und des Austauschs an. Jede Veranstaltung wird für die jeweilige Gruppe neu konzipiert.

Wir haben das Projekt AchtzehnPlus mit 100.000 Euro gefördert.

Du interessierst dich für das jüdische Leben in Deutschland? Dann schau gern auch einmal bei unserer vergangenen Themenwoche dazu vorbei!

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