Erfahrungsbericht

Vollzeit-Papa: „Ein Mann, der sich um die Kinder kümmert, ist in unserer Gesellschaft nicht vorgesehen“

Kai ist Papa von zwei Pflegetöchtern. In seiner Elternzeit wurde er vor einige Herausforderungen gestellt, außerdem sagt er: „Familie und Job sind kaum vereinbar.“ Wie für ihn ausgerechnet die Pandemie neue Perspektiven bietet.

Mutmacher
  • 10.05.2021
  • Autorin Protokoll: Katharina Hofmann
  • Fotograf iStock
  • Lesezeit6 Min.

In unserer Themenwoche „Papa sein“ stellen wir unterschiedliche Väter mit ihren individuellen Herausforderungen vor – und die sozialen Projekte, in denen sie Hilfe gefunden haben oder die ihnen besonders am Herzen liegen. Heute geht es um Kai Koeser aus Stade bei Hamburg, der seit gut fünf Jahren Papa von zwei Pflegetöchtern ist.

Ein Mann, der die Care-Arbeit für die Kinder übernimmt? „Das ist irgendwie nicht vorgesehen“, sagt Kai aus Hamburg. Der 42-Jährige und sein Mann sind Pflegeeltern von zwei Mädchen. Als Vollzeit-Papa in Elternzeit wurde Kai vor einige Herausforderungen gestellt. Er sagt außerdem: „Familie und Beruf ist kaum vereinbar!“ Wie ausgerechnet die Pandemie für ihn neue Perspektiven bietet und warum das dem ehemaligen Mitarbeiter der Aidshilfe Hamburg auch Hoffnung für Menschen mit anderen, den Alltag bestimmenden Herausforderungen – wie etwa einer chronische Erkrankung – macht:

„Mit Kindern ist das Leben nicht mehr planbar. Seit ich Papa bin, bin ich wahrscheinlich nirgendwo mehr pünktlich aufgetaucht. Deshalb würde ich aus heutiger Perspektive meinem Nicht-Papa-Ich raten: Entspann dich!

Als Vollzeit-Papa – als die Mädchen zu uns kamen, habe ich zwei Jahre Elternzeit genommen – hatte ich immer wieder mit kleinen und großen Herausforderungen zu kämpfen. Denn irgendwie ist das nicht vorgesehen: ein Mann, der die Care-Arbeit macht. Ein Beispiel ist etwa die Frage, wo man mit seinen Mädchen zur Toilette geht, wenn man unterwegs ist. Mich hat es immer sehr geärgert, dass sie mit mir auf die Herrentoilette gehen und an der Reihe Pissoirs entlanglaufen mussten. Die Kleine war damals noch im Wickelalter, aber Wickeltische gibt es in den meisten öffentlichen Herrentoiletten nicht. Also habe ich gelernt, mein Kind auf einem zugeklappten Klodeckel zu wickeln. Oder auch beim Schwimmkurs: Da war die Damen-Gruppenumkleide ganz selbstverständlich für die Teilnehmenden vorgesehen. Und ich stand dann da und habe mich gefragt: Soll ich mit meiner Kleinen jetzt in die Herrenumkleide gehen und dann steht sie da zwischen 60-jährigen nackten Männern? Das fand ich auch nicht angemessen.

Beim Kinderturnen, beim Spielkreis, beim Kinderarzt im Wartezimmer: Als oft einziger Mann zwischen all den Müttern war es manchmal nicht ganz leicht. Mit einer Gruppe, die mich etwa zwei Jahre lang in verschiedenen Kursen begleitet hat, habe ich besonders schlechte Erfahrungen gemacht: Sie grüßten mich nie, nahmen mich überhaupt nicht wahr, haben mich nicht miteinbezogen. Ich war ein Fremdkörper – und das habe ich auch zu spüren bekommen.

Aber bei allen Schwierigkeiten, die man so hat, bin ich fest davon überzeugt, dass die Entscheidung für unsere beiden Mädchen die größte und beste Entscheidung gewesen ist, die ich je getroffen habe. Dass ich Papa werden wollte, war mir eigentlich schon immer klar. Schon beim ersten Date mit meinem jetzigen Mann kam das Thema per Zufall auf und wir waren uns einig. Jetzt sind wir seit fast zehn Jahren verheiratet und seit gut fünf Jahren Papas von zwei Mädchen. Die beiden sind heute sieben und zehn Jahre alt.

Der Weg zur Pflegefamilie: Aus zwei mach vier

Nach unserer Hochzeit – das war noch vor Öffnung der Ehe – haben wir uns informiert, welche Möglichkeiten es für uns gibt. Leihmutterschaft hatten wir aus ethischen Gründen von Beginn an ausgeschlossen. Auch Co-Parenting mit einer Single-Freundin oder einem lesbischen Paar wollten wir nicht, weil wir nicht nur Wochenend-Daddys sein wollten. Also blieben uns nur Adoption oder Pflege. Pflege hatten wir auch erst mal ausgeschlossen, weil wir dachten, dass die Kinder dann vielleicht wieder weggeholt werden. Also haben wir uns verschiedene Adoptionsmöglichkeiten angesehen. Als schwules Paar hatten wir zu diesem Zeitpunkt nur die Möglichkeit, dass einer von uns beiden adoptiert und der andere nachadoptiert. Wir haben uns damals bei einem Infoabend für adoptionswillige Paare angemeldet, wurden allerdings wieder ausgeladen – weil es „für die anderen Eltern unangenehm sein könnte“. Also wurden wir zum Einzelgespräch zitiert, in dem uns dann allerdings schnell und deutlich klargemacht wurde: Ihr bekommt über uns kein Kind.

Papa sein: Herausforderungen und wie man(n) sie meistert

In unserer Themenwoche „Papa sein“ stellen wir vier unterschiedliche Väter mit ihren individuellen Herausforderungen vor – und die sozialen Projekte, in denen sie Hilfe gefunden haben oder die ihnen besonders am Herzen liegen. Hier findest du alle Beiträge im Magazin. Weitere Beiträge findest du außerdem auf unseren Social Media-Kanälen – klick also gern einmal bei Instagram oder Facebook rein, wir freuen uns!

Wir haben es dann über das Hamburger Jugendamt versucht. Damals konnte man dort eine Auslandsadoption begleiten lassen. Aber in der Beratung wurden wir dann doch in die Pflege gequatscht – das muss man wirklich so sagen. Bei Pflegekindern ist es so, dass auf ein Pflegeelternpaar bis zu zehn Kinder warten. Und als Bewerber darf man ganz klar sagen, was man sich vorstellen kann und was nicht. Denn, das muss man sich sehr bewusst machen, im Grunde bringen alle Pflegekinder ein Päckchen mit. Es hat ja einen Grund, warum sie aus der Familie genommen werden: schwere psychische Erkrankungen der Eltern zum Beispiel, Drogenmissbrauch, Verwahrlosung bis hin zu sexuellen Übergriffen und Gewalt. Wir hatten einen sehr intensiven Beratungsprozess im Jugendamt und haben gemeinsam ausgelotet: Was trauen wir uns zu? Da waren viele Dinge dabei, aber wir haben auch einige Dinge für uns ausgeschlossen. Uns war wichtig, dass es eine Dauerpflege sein soll, wo eine wirkliche Rückkehr in die Herkunftsfamilie nicht vorgesehen ist. Da gibt es natürlich keine Garantie, aber das Jugendamt kann auf Erfahrungswerte zurückgreifen, bei welchen Kindern es der Fall sein könnte.

Wir sind durch die Pflegeelternschule gegangen und der Rest ist ein bisschen wie bei Paarship: Man kreuzt alles an und dann werden die Schablonen übereinandergelegt – und bei einem Match bekommt man einen Vorschlag. Wir haben nach dem Vorbereitungskurs noch einmal fast ein Jahr lang gewartet. In der Zeit sind wir umgezogen und haben damit auch das Jugendamt gewechselt und als die neue Pflegefamiliendienstberaterin ihren Hausbesuch bei uns gemacht hat, hat sie direkt auch einen Vorschlag mitgebracht. Da waren wir ganz schön überrascht! Unsere Akte und die Akte der Kinder waren am selben Tag auf ihrem Schreibtisch gelandet und hatten perfekt gepasst.

Es ist so: Man bekommt erst mal nur eine Beschreibung, erst danach sieht man auch ein Foto des Kindes. Dann lernt man normalerweise die leiblichen Eltern kennen. Und erst am Schluss lernt man die Kinder kennen. Oft geht das alles sehr schnell, weil sich die Kinder nicht in den Bereitschafspflegefamilien oder Kinderschutzhäusern eingewöhnen sollen – und auch, weil der Druck von hinten so groß ist und die Plätze gebraucht werden. Wir konnten uns glücklicherweise etwas mehr Zeit lassen, uns richtig kennenlernen.

Und dann war es eines Tages soweit: Die Kinder wurden zu uns gebracht, die Betreuer fuhren wieder weg. Der Tag lief dann so weiter, abends brachten wir die beiden ins Bett. Und dann saß ich so auf dem Sofa und dachte: Wow, die bleiben jetzt.

Job und Familie? Das passt (noch) nicht zusammen!

Papa sein bestimmt vom ersten Tag an das gesamte Leben. Alles stellt sich um: Der Freundeskreis ändert sich, der Tagesrhythmus ändert sich und auch das Selbstverständnis ist ein anderes. Was ich nach meinen zwei Jahren Elternzeit auch feststellen musste ist, dass Familie und Job überhaupt nicht zusammenpassen. Ich muss sogar sagen, dass die jetzige Situation mit Homeoffice und den Kindern bei allen Belastungen, die die Corona-Pandemie mit sich bringt, für mich entspannter ist als vorher. Ich muss nicht mehr Pendeln, mir keine Sorgen mehr machen, wenn die Bahn mal stehen bleibt, das Kind aber vom Kindergarten abgeholt werden muss.

Meinen ursprünglichen Job als Fundraiser bei der AidsHilfe Hamburg musste ich wegen der Pandemie aufgeben, beziehungsweise brachen uns die Gelder in meinem Bereich komplett weg und die Abteilung konnte damit nicht mehr finanziert werden. Zu diesem Zeitpunkt schlossen die Schulen und die Großeltern durften die Kinder nicht mehr betreuen – da wusste ich auch nicht mehr, wie wir das schaukeln sollen. Also hat es dann irgendwie auch gepasst, dass ich plötzlich wieder fest Zuhause war. Ich hätte den Job in dieser Zeit so auch gar nicht weitermachen können.

Ich muss aber immer mal wieder daran denken, gerade auch an das neue Projekt #andersarbeiten. Da werden chronisch kranke Menschen unterstützt, im Beruf anzukommen. Ich bin nicht selbst betroffen, aber ich kann mir gut vorstellen, dass wir bei der aktuellen Flexibilisierung, die in der Arbeitswelt stattfindet, auch viel für chronisch kranke Menschen tun können. Denn wenn sie sich die Arbeit flexibler einteilen können, können sie auch auf ihre Bedürfnisse reagieren – Ruhephasen einbauen, Stress reduzieren und so weiter. Ich glaube, dass das auch auf andere Faktoren im Leben zutrifft, die so bestimmend sind. Auf Menschen, die pflegebedürftige Eltern haben, zum Beispiel. Oder auch Familien. Das sind natürlich unterschiedliche Faktoren, aber sie alle sind dominierend und auch in gewisser Art und Weise einschränkend und schwer mit der klassischen Arbeitswelt vereinbar.

Für die Zukunft wünsche ich mir, dass sich diese Welt verändert. Dass wir die Flexibilisierung behalten und ausbauen können, ohne, dass sie nur in eine Richtung geht, sondern dass wir eine gute Balance hinbekommen, die Bedürfnisse von Unternehmen und Arbeitnehmenden zu vereinbaren.“

Die Aidshilfe Hamburg und das Projekt #andersarbeiten

Die Projekte seines ehemaligen Arbeitgebers, der Aidshilfe Hamburg, liegen Kai nach wie vor am Herzen. So auch das von ihm genannte und neu gestartete Projekt #andersarbeiten: Hier sollen Menschen mit chronischer Erkrankung wie Krebs, HIV, Multiple Sklerose, Diabetes sowie Autoimmun- oder Atemwegserkrankungen, unterstützt werden, ihre individuellen Herausforderungen in der Arbeitswelt zu bewältigen. Das Projekt möchte ihnen einen vorurteilsfreien und gleichberechtigten Umgang im Beruf schaffen und zur Entstigmatisierung beitragen.

Betroffene haben individuelle Probleme und benötigen unter anderem Verständnis und Unterstützung ihres Arbeitsumfeldes.

Wir haben die Aidshilfe Hamburg und das Projekt #andersarbeiten mit rund 104.000 Euro gefördert.

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