Themenbeitrag

Virtuelle Realität: Brille an. Angst aus.

Wie in einem Pilotprojekt Kindern im Krankenhaus mit Virtual Reality-Brillen geholfen wird.

Mutmacher
  • 14.09.2021
  • Autorin Katharina Hofmann
  • Fotografin iStock.com/YakobchukOlena (Symbolbild)
  • Lesezeit4 Min.

Virtual Reality-Brillen sind nicht nur ein Zeitvertreib für Gamerinnen und Gamer, sie revolutionieren auch die Medizin. Ihr großes Potenzial – etwa die Linderung von Angstgefühlen – wird derzeit in einem von uns geförderten Pilotprojekt im Dr. von Haunerschen Kinderspital in München erforscht.

Stellen Sie sich vor, Sie sind im Krankenhaus. Als erstes wird Ihnen dort ein Zugang gelegt. Dafür wird eine Nadel in Ihren Handrücken gepikst. Autsch. „Das ist schon für Erwachsene unangenehm, für Kinder erst recht“, weiß Peter Blaurock. Er arbeitet im deutschlandweit einzigartigen Child Life Specialist-Programm am Dr. von Haunerschen Kinderspital in München. Child Life Specialists ergänzen das behandelnde Klinikpersonal, um die bestehende psychosoziale Versorgung der jungen Patientinnen und Patienten zu verbessern – etwa während einer unangenehmen Behandlung wie dem Legen eines Zugangs. „Das ist für Kinder extrem unangenehm. Wir können in einer solchen Situation unterstützen.“ Ablenkung hilft dabei enorm.

Hier kommt Peter Blaurock ins Spiel, und das sogar wortwörtlich: Seine Kollegin Linda Kettner und er sind im Child Life Specialist-Programm als sogenannte Technology Specialists tätig und arbeiten unter anderem mit Virtual Reality-Brillen, auf denen die Kinder ein Computerspiel spielen können, während sie behandelt werden. „Durch das Erleben der virtuellen Realität wird das Kind voll aus der Situation herausgenommen – die Technologie bietet also viel Potenzial, durch Ablenkung zu helfen“, erklärt Blaurock. Die Spiele sind so konzipiert, dass sie zum Beispiel durch Kopfbewegungen gesteuert werden können, sodass die Hand, an der der Zugang gelegt wird oder auch der Arm, der genäht wird, ruhig bleibt. Die Etablierung der Technology Specialists als Ergänzung des Child Life Specialist-Programms am Kinderspital in München wurde von uns mit 210.000 Euro gefördert.

Eine Lücke soll geschlossen werden

Auch an anderen wichtigen Stellen setzt Blaurock in seiner Funktion als Technology Specialist mit Technologie neue Maßstäbe, rund um das Thema Aufklärung etwa. „Das ist eine Riesenlücke in Kinderkrankenhäusern“, sagt er. „Die vorgeschriebene Patientenaufklärung ist ausschließlich an die Eltern gerichtet. Im System ist es quasi nicht vorgesehen, dass Kinder vor der Behandlung altersgerecht aufgeklärt werden.“ Selbstverständlich gäbe es engagierte Ärztinnen und Ärzte, die sich darum bemühen. „Doch wir wollen es zum Standard machen, dass auch die Kinder genau wissen, was los ist.“ Zunächst soll dies für Magnetresonanztomographie-Untersuchungen (MRT) etabliert werden. Mithilfe eines MRTs können krankhafte Veränderungen im Körper aufgespürt werden, wie etwa Entzündungen oder auch Tumore. Dabei wird unter Einsatz von Magnetfeldern das Körperinnere Schicht für Schicht bildlich sichtbar gemacht. Möglich wird die VR-Aufklärung durch eine App, die von der Uniklinik Essen und der Uni Essen-Duisburg entwickelt wurde.

Virtuelles Erlebnis mit viel Effekt

„Die Magnetresonanztomographie ist eine ganz klassische Untersuchung, die Kindern im Vorfeld und währenddessen durchaus Angst machen kann“, weiß Blaurock. Man ist eingeschlossen in einer Röhre, es ist laut, das Gerät ist groß und kompliziert. „Da zu wissen: Warum liege ich eigentlich hier, was passiert um mich herum? Das kann die Angst enorm nehmen.“ Und hier kommt die VR-Brille ins Spiel: Mit ihr kann das Kind durch eine virtuelle Radiologiestation laufen, es wird erklärt, wie das MRT funktioniert und gezeigt, wie die Aufnahmen gemacht werden. „Die App endet damit, dass man selbst in die Röhre gefahren wird und es wird spielerisch das Stillliegen geübt“, erkärt der Technology Specialist. Das heißt: Das Kind hört die typischen Geräusche des MRTs um sich herum, sieht über sich aber einen Sternenhimmel, an dem die Sterne nach und nach zu Bildern verbunden werden. Sobald das Kind den Kopf bewegt, wird dieser Vorgang von der App gestoppt. „Wenn ich also stillliege, schaffe ich es, dass alle Sterne mit Linien verbunden werden. Das ist der Kern von Serious Games: Man kombiniert eine spielerische Komponente mit einem tatsächlichen Nutzen für die Patientinnen und Patienten.

Das Pilotprojekt steht jedoch zu Beginn vor einige Herausforderungen: Der MRT-Aufklärungs-App etwa fehlte es zwischenzeitlich an finanziellen Mitteln, so konnten keine Updates bereitgestellt werden, die für einen fehlerlosen Ablauf des Spiels nötig sind. „Inzwischen ist die weitere Finanzierung sichergestellt“, weiß Blaurock, der eng mit den Entwicklerinnen und Entwicklern in Kontakt steht. „Kleinere technische Probleme werden aktuell behoben.“

Während in den USA die Virtuelle Realität schon länger Einzug in die Krankenhäuser gefunden hat, gibt es in Deutschland noch kein breites Netzwerk an Expertinnen und Experten auf diesem Gebiet. Auch hier möchte der Technology Specialist den Ausbau vorantreiben, auf Konferenzen sprechen, andere Krankenhäuser inspirieren und den deutschen Spielemarkt motivieren, vielfältige Apps, die auch für den Einsatz im Krankenhaus geeignet sind, zu entwickeln.

Eine schlimme Situation erträglich machen

Die VR ist ein wichtiger Teil der Arbeit der Technology Specialists am Kinderklinikum. „Wir haben viele weitere Ideen und nicht alle haben mit VR zu tun“, sagt Blaurock. So geht es derzeit unter anderem auch um den Ausbau des Patienten-WLANs oder die Frage, wie Technologie genutzt werden kann, um Patientinnen und Patienten, die etwa aufgrund ihrer Erkrankung das Bett nicht verlassen können, trotzdem miteinander zu vernetzen und sie an Aktionen wie dem Besuch des Streichelzoos im Hof des Kinderkrankenhauses trotzdem virtuell teilhaben zu lassen.

Auch das Personal auf den Stationen kommt immer mal wieder auf den Technology Specialist zu – nicht nur als Begleitung bei Behandlungen, auch als Ansprechpartner für die Patientinnen und Patienten: „Gerade bei Jugendlichen ist es manchmal schwer, durchzukommen“, weiß der ehemalige Gymnasiallehrer und Wirtschaftsinformatiker, der dann auch mal die Spielekonsole herausholt. Denn: „Beim Zocken kommt man gut ins Gespräch und ich erfahre so, wie es ihnen geht und was sie brauchen. Bevor ich einen Teenager gar nicht erreiche, dann doch lieber durch ein Videospiel.“ Im Krankenhaus ginge es schließlich besonders darum, eine schlimme Situation so erträglich wie möglich zu machen „und zwar mit dem, worauf die Kinder am meisten anspringen.“

Über die uns angeschlossene Stiftung Deutsches Hilfswerk haben wir die Etablierung der Technology Specialists als Ergänzung des Child Life Specialist-Programms am Dr. von Haunerschen Kinderspital in München mit 210.000 Euro gefördert. 

Übrigens: Das große Potenzial von Virtual Reality im therapeutischen Bereich wird derzeit mit unserer Hilfe auch in der Seniorenwohnanlage des Hospitals zum Heiligen Geist in Hamburg genutzt. Seit Mitte August stehen hier zwei sogenannte ExerCubes, neuartige Videospielkonsolen, die ein VR-Erlebnis ohne VR-Brille ermöglichen und bei den Spielenden u.a. Koordination, Flexibilität, Ausdauer und Kraft stärkt. Dies möchte sich das Hospital zu Nutze machen, um das Physiotherapie, Sport- und Freizeitangebot vor Ort für Seniorinnen und Senioren, ihre Kinder und Enkelkinder und alle Nachbarinnen und Nachbarin im Quartier zu ergänzen. Wir haben das Projekt mit 100.000 Euro gefördert. Erfahre hier mehr über den ExerCube in der Seniorenwohnanlage.

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