Themenbeitrag

Nachbarschaft in der Stadt: Visionen vom Miteinander

Stadt und Nachbarschaft – ist das ein Widerspruch? Welche Visionen von Zusammenleben und Gemeinschaft haben Nachbarinnen und Nachbarn in der Stadt?

Miteinander in Viertel
  • 28.05.2021
  • Autorin Katharina Hofmann
  • Fotograf AWO Region Hannover e.V. (Titelbild) u.a.
  • Lesezeit8 Min.

Die EINE Nachbarschaft gibt es nicht. Es gibt auch nicht DIE PERFEKTE Nachbarschaft. Denn Nachbarschaft kann so vieles sein und für jede und jeden etwas ganz anderes bedeuten. Das ist für die Gestaltung guter Nachbarschaften eine Herausforderung – aber auch eine Chance! In der diesjährigen zweiteiligen Reihe zum Thema „Nachbarschaft – Stadt und Land“ legen wir in Teil 1 den Fokus auf urbane Nachbarschaften und die Frage: Stadt und Nachbarschaft – ist das ein Widerspruch? Und welche Visionen von Zusammenleben und Gemeinschaft haben Nachbarinnen und Nachbarn in der Stadt?

Was bedeutet Nachbarschaft? Eine einfache Frage, auf die es wahrscheinlich viele unterschiedliche Antworten gibt. Einig sind sich die Menschen in Deutschland aber darin, dass sich die Mehrheit ein gutes, ja sogar freundschaftliches Verhältnis zu Nachbarinnen und Nachbarn wünscht. Aber was bedeutet das für das Leben in der großen, anonymen Stadt? Dr. Cornelia Ehmayer-Rosinak beschäftigt sich als Stadtpsychologin mit der Stadt als Wesen und insbesondere dem sozialen Zusammenhalt – denn dieser erhöht das positive Lebensgefühl. Sie sagt: „In der Stadt liegen die großen Herausforderungen der Nachbarschaften darin, dass es ja einerseits die Anonymität der Großstadt gibt und andererseits das Bedürfnis der Zugehörigkeit. Sie können das leicht lösen, indem Sie zum Beispiel Vereinen beitreten, aber auch, indem Sie sich für die Stadt engagieren.“

So hat es auch Renate gemacht, die vor fast zehn Jahren nach Fulda gezogen ist. „Unsere Verwandten haben gesagt: ‚Was, wo willst du hinziehen?‘ Aber wir haben uns nicht beirren lassen“, erinnert sie sich. „Ich habe dann herausgefunden, dass hier ein Mehrgenerationenhaus existiert und gedacht, da kann ich mich doch einbringen!“ Über die Bastelgruppe, an der die Seniorin regelmäßig teilnimmt, ist sie zum „Kaufhaus mit Herz“ gekommen – ein Ort im Stadtteil nicht nur für günstige Kaufgelegenheiten, sondern auch für Begegnungen und zwischenmenschlichen Beziehungen: „Wir bieten auch Platz für unsere Kreativgruppe, unsere Bücherfreunde, unsere Dekogruppe und unsere nachbarschaftliche Engagementgruppe“, erklärt Leiter Frank Menningen. Renate arbeitet in dem Projekt ehrenamtlich mit. „Wenn das Kaufhaus geöffnet ist – momentan ist es ja zu – sind immer viele Menschen hier und es ist viel zu tun“, sagt sie.

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Gemeinsam etwas (er)schaffen

Auch ein Gemeinschaftsgarten kann das Miteinander in der Stadt stärken. „Hier kann ich auch die Kinder mitnehmen, kann ihnen ein Stück Natur vermitteln“, sagt die Stadtpsychologin Dr. Ehmayer-Rosinak, „und kann aber auch gleichzeitig selbst eine Beziehung zur Stadt aufbauen und mich mit den Nachbarinnen und Nachbarn unkompliziert austauschen.“

Ein solches Angebot gibt es zum Beispiel in Wuppertal-Vohwinkel, wie uns der dortige Quartiersmanager Timo Flick auf einem Rundgang durch das Viertel erzählt: „Auf einem Feld, direkt angrenzend an unser Quartier, haben wir gemeinsam mit vielen Nachbarinnen und Nachbarn einen kleinen Gemüsegarten angelegt“, berichtet er. In Zukunft sollen im interkulturellen Quartiersgarten auch Workshops mit Kindern aus der Nachbarschaft durchgeführt, gemeinsam gekocht und Spezialitäten aus den Heimatländern der Nachbarinnen und Nachbarn zubereitet werden. „Wir sind ein buntes, multikulturelles Quartier“, erzählt der 35-Jährige. „Es gibt viele Familien, aber auch ältere Leute, die hier wohnen, viele, die neu zugezogen sind, aber auch viele Menschen, die schon ganz lange hier wohnen und hier verwurzelt sind.“ Um die Menschen miteinander in Verbindung zu bringen, müssen Orte der Begegnung geschaffen werden. Welche Ideen in Wuppertal-Vohwinkel umgesetzt wurden, zeigt Timo Flick im Spaziergang durch das Viertel (hier findest du das ganze Video).

Starke Nachbarschaften sind eine Voraussetzung für den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft. Deshalb bilden soziale Maßnahmen zur Quartiersentwicklung inzwischen auch einen wichtigen Förderschwerpunkt der uns angeschlossen Stiftung Deutsches Hilfswerk. Diese vergibt die eingespielten Zweckerträge unserer Lotterie an soziale Projekte und gemeinnützige Organisationen – fast jedes vierte Projekt ist inzwischen eines, das sich für das solidarische Miteinander in der Nachbarschaft einsetzt. Du möchtest uns dabei helfen? Das geht ganz einfach: mit einem Los!

Wir machen uns aber auch an anderer Stelle für gute Nachbarschaften stark: So unterstützten wir auch in diesem Jahr wieder als Partner den „Tag der Nachbarn“, der von der nebenan.de-Stiftung ins Leben gerufen wurde. In diesem Jahr setzten wir so am 28. Mai gemeinsam mit Menschen in ganz Deutschland ein Zeichen für gute und lebendige Nachbarschaften. Mehr zur Aktion erfährst du hier: tagdernachbarn.de

Vor ähnlichen Herausforderungen steht auch Lisa Bost vom Stadtteilprojekt „Merzig – Stadt und Land im Dialog“ in Saarbrücken. Im Quartier passiert derzeit ein Generationenwechsel: Viele ältere Menschen wollen oder müssen ihr Haus verkaufen, junge Familien ziehen hinzu. „Urbane Nachbarschaften sind wesentlich heterogener als ländliche“, sagt die Quartiersmanagerin. „Zudem gibt es eine größere Fluktuation der Bewohnerinnen und Bewohner. Es ist eine Herausforderung, diese gemischten Gruppen zu vernetzen, ein Wir-Gefühl entstehen zu lassen, Gemeinschaft zu schaffen. Auf der anderen Seite bietet eben diese Vielfalt eine große Chance: Wenn sich die Menschen öffnen, aufeinander zugehen, können sie von der Vielfalt in unserer Gesellschaft profitieren.

Eine bunt gemischte Gruppe von Nachbarinnen und Nachbarn
So sieht Nachbarschaft aus: Eine Gruppe Nachbarinnen und Nachbarn aus Hamburg-Harburg. (Foto: DRK Kreisverband Hamburg-Harburg e.V.)

Ihre Vision einer guten städtischen Nachbarschaft ist „ein Miteinander, das von Wertschätzung, Toleranz und Nachhaltigkeit getragen wird“. Ihr Ziel ist es, Räume zu schaffen und zu öffnen, in denen Platz für alle Menschen im Quartier ist. „Eine gute städtische Nachbarschaft lebt von der Vielfalt der unterschiedlichen Lebensentwürfe im Miteinander“, sagt auch ihr Kollege Sascha Thon, Projektleiter im Willkommensbüro Süderelbe im Bezirk Hamburg-Harburg. Auch hier gibt es neben Alteingesessenen viele Neuankömmlinge – die den Stadtteil, wie er heute ist, mit geprägt haben. „Bis vor acht, neun Jahren habe ich Nachbarinnen und Nachbarn als Menschen wahrgenommen, die am Samstag alle nacheinander vorführen, wie laut ihre Gartengeräte sind“, erzählt Oliver Domzalski, der sich ehrenamtlich in der Initiative „Willkommen in Süderelbe“ engagiert. „Das hat sich sehr verändert. Seit ungefähr fünf Jahren gibt es die Flüchtlingsinitiative und dadurch habe ich ganz viele Leute hier aus dem Stadtteil kennengelernt, Freundschaften geschlossen und habe ein völlig anderes Verhältnis zu Stadtteil bekommen.“

Die ideale Nachbarschaft in der Stadt

„Die ideale Nachbarschaft in der Stadt schaut so aus, dass ich in 15 Minuten alles für meinen täglichen Bedarf decken kann. Also ich kann zu Fuß zum Arzt gehen, genauso wie in die Bäckerei fürs Brot“, erklärt Dr. Ehmayer-Rosinak eine erste Voraussetzung für Nachbarschaften in der Stadt. Für Marianne Kraft war dies der wichtigste Grund, weshalb sie nach Hannover List Nord-Ost gezogen ist – denn eigentlich würde sie viel lieber auf dem Land wohnen. „Ich bin hierher gezogen, weil ich seniorengerechter wohnen wollte, mit städtischer Anbindung, also Straßenbahn, Bus, Einkaufsmöglichkeiten“, sagt sie. Dass es hier – trotz städtischer Umgebung – trotzdem auch sehr grün ist, freut die Seniorin: „Ich kann mich in den wunderbaren Grünanlagen hier einbringen, das ist ein grüner Stadtteil, das zeichnet sich aus.“ Statt Geselligkeit sucht die 78-Jährige in ihrer Nachbarschaft nach Entschleunigung und Ruhe. „Ich bin ja auch selbst nicht immer so locker“, sagt sie. Aber wenn es wirklich drauf ankommt, weiß Marianne Kraft, dass sie auf die Hilfsbereitschaft ihrer Nachbarinnen und Nachbarn zählen kann – und andersherum genauso.

Stefanie Böhm ist die Quartierskoordinatorin in Hannover List Nord-Ost. Neben einer Begegnungsstätte gibt es dort auch Angebote wie das Nachbarschaftscafé, von Nachbarinnen und Nachbarn ins Leben gerufene Aktionen und verschiedene Kulturveranstaltungen (erfahre hier im Video mehr über das bunte Quartier und seine Menschen). Während der Corona-Zeit hat das Quartiersprojekt außerdem einen „Tauschtisch“ initiiert, über den sich Nachbarinnen und Nachbarn mit zum Tausch angebotenen Dingen gegenseitig helfen können. Die Aktion hat so viele verschiedene Altersgruppen zusammengebracht: „Früher wurden wir eher von der älteren Nachbarschaft wahrgenommen“, so die Quartierskoordinatorin. „Mittlerweile kommen auch Familien und Kinder, die Sachen tauschen und vorbeibringen.“

Es ist eine Herausforderung, diese gemischten Gruppen zu vernetzen, ein Wir-Gefühl entstehen zu lassen, Gemeinschaft zu schaffen. Auf der anderen Seite bietet eben diese Vielfalt eine große Chance: Wenn sich die Menschen öffnen, aufeinander zugehen, können sie von der Vielfalt in unserer Gesellschaft profitieren.
Lisa Bost, Quartiersmanagerin in Saarbrücken

Starke Nachbarschaften als Voraussetzung für Zusammenhalt

„Wichtig ist auch, dass, wenn etwas in der Nachbarschaft passiert, oder wenn sich etwas Wichtiges ändert, ich miteinbezogen werde und ich meine Stimme abgeben kann, mindestens meine Stimme“, so Stadtpsychologin Dr. Ehmayer-Rosinak..

Über die uns angeschlossene Stiftung Deutsches Hilfswerk fördern wir viele Projekte, die sich für das Miteinander in der Nachbarschaft einsetzen – denn starke Nachbarschaften sind eine Voraussetzung für den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft! Wichtig in der Förderung ist dabei unter anderem, dass bürgerschaftliche Ressourcen aktiv genutzt werden – sprich, dass die Menschen im Quartier sowohl bei der Planung als auch der Umsetzung der Ideen und Aktionen beteiligt sind (hier findest du weitere wichtige Informationen über unsere Fördermöglichkeiten). Quartiersmanager Timo Flick aus Wuppertal berichtet von seinen Erfahrungen etwa: „Zu Beginn des Quartiersprojektes gab es in der Nachbarschaft mehrere Beteiligungsverfahren, in denen Nachbarinnen und Nachbarn zu Workshops eingeladen wurden, wo es darum ging: Wie wollen wir hier gemeinsam die Zukunft gestalten? Was sind vielleicht Probleme in unserem Quartier, aber was sind auch Chancen?“

Auf einer Tafel klebt ein großer, weißer Zettel, auf dem in unterschiedlichen Schriften Wünsche für das Traumquartier geschrieben stehen.
Ein Eindruck aus Wuppertal-Vohwinkel: Wünsche von Nachbarinnen und Nachbarn für ihr Quartier. (Foto: Quartiersmanagement „Dasnöckel/Höhe“)

„Nachbarschaft ist ein soziales Stützsystem“, betont Dr. Ehmayer-Rosinak. Für diesen Erfolg sind engagierte Menschen im Viertel und Quartiersmanagerinnen und -manager ein unabdingbarer Faktor. „Nachbarschaften auf dem Land sind nicht besser als in der Stadt. Sie sind immer wichtig. Ein freundlicher Nachbar, eine freundliche Nachbarin, sind wichtig für die Lebensqualität“, so die Stadtpsychologin. „Nachbarschaften werden bleiben. Nachbarschaften müssen bleiben, denn sie sind ein wesentliches Fundament für eine gesunde Stadt.“

Alle im Text vorgestellten Nachbarschaften wurden von uns gefördert (hier erfährst du mehr über Fördermöglichkeiten im Bereich Quartier und in weiteren Förderbereichen):

Das MITmach-Kaufhaus „Kaufhaus mit Herz“ vom AWO Kreisverband Fulda e.V. in Fulda – Fördersumme: 109.135 Euro

Das Quartiersmanagement „Dasnöckel/Höhe“ vom Kinder-Tisch Vohwinkel e.V. in Wuppertal-Vohwinkel (hier geht’s zum Video) – Fördersumme: 83.900 Euro

Das Projekt „Merzig – Stadt und Land im Dialog“ vom AWO Landesverband Saarland e.V. in Saarbrücken: 106.000 Euro

Das Willkommensbüro Süderelbe „Perspektive Hamburg“ vom DRK Kreisverband Hamburg-Harburg e.V. in Hamburg-Harburg: 113.526 Euro

Die „Quartiersentwicklung in der Gottfried-Keller-Straße“ vom AWO Region Hannover e.V. in Hannover List Nord-Ost (hier geht’s zum Video) – Fördersumme: 89.046 Euro

Natürlich fördern wir nicht nur urbane Nachbarschaften, sondern auch die Quartiersarbeit im ländlichen Raum. Mit welche Herausforderungen Nachbarinnen und Nachbarn auf dem Land konfrontiert sind und welche Visionen und Ideen sie und die Projekte vor Ort haben – das erfährst du im Herbst hier in unserem Magazin in Teil 2 unserer Themenreihe „Nachbarschaft – Stadt und Land“.

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