Themenbeitrag

Hilfe für Trennungsväter: Damit Papa auch Papa bleibt

Das Väterboardinghaus fängt Männer nach der Trennung auf und unterstützt sie darin, ihr Leben als Vater bruchlos weiterführen zu können.

Hilfe zur Selbsthilfe
  • 10.05.2021
  • Autorin Katharina Hofmann
  • Fotograf iStock
  • Lesezeit6 Min.

Wenn eine Beziehung in die Brüche geht, ist das für alle Beteiligten schwer – mit Kindern noch umso mehr. Für Väter, die durch die Trennung in prekäre Lebenssituationen geraten, wird es oft zur Herausforderung, in der persönlichen Krise den Kontakt zum Kind aufrechtzuerhalten. Das Väterboardinghaus fängt sie auf und unterstützt die Männer darin, ihr Leben als Vater bruchlos weiterführen zu können.

Zum Elternsein gehören in den meisten Fällen zwei. Doch was, wenn die Beziehung oder Ehe in die Brüche geht? In Deutschland wird inzwischen knapp jede dritte Ehe geschieden, bei etwa der Hälfte haben die Paare laut Statistischem Bundesamt minderjährige Kinder. Experten schätzen die Gesamtzahl der Kinder unter 18 Jahren, die von Trennung oder Scheidung betroffen sind, auf drei bis vier Millionen. Viele von ihnen verlieren auch heute noch den Kontakt zu einem der Elternteile – in den meisten Fällen zum Vater, der die gemeinsame Wohnung verlässt (bzw. verlassen muss). In der Wahrnehmung der Kinder bedeutet das oft, dass der Vater auch sie verlässt.

Viele Männer leben nach der Trennung in einer prekären Situation, insbesondere in Ballungsräumen ist etwa bezahlbarer Wohnraum knapp. „Oft ist es so, dass die Männer direkt nach der Trennung bei Freunden oder Bekannten unterkommen“, sagt Stephan Vögele. Er leitet ein Wohnprojekt für Trennungsväter in Umkirch. „Gerade habe ich mit einem Mann unser Haus besichtigt, der seit einem Jahr wechselnd bei Freunden gelebt hat. Andere Männer kommen in Einzimmerwohnungen unter – beides macht es schwierig, die Kinder regelmäßig bei sich zu haben. Für eine Nacht ist das vielleicht okay, aber für einen längeren Zeitraum in den Ferien zum Beispiel wird es schwierig.“ Für die Beziehungsgestaltung sei es keine Dauerlösung, wenn Kinder das Gefühl hätten, zwischen Tür und Angel untergebracht zu sein, so der langjährige Fachdienstleiter der Psychologischen Beratungsstellen für Eltern, Kinder und Jugendliche in Freiburg-Land und Hochschwarzwald.

Ein Vater bleibt Vater, auch nach der Trennung

Männer, die die gemeinsame Wohnsituation in der Trennung aufgeben müssen und in eine Krise geraten, brauchen deshalb wichtige Unterstützung: eine Wohnmöglichkeit, die es ihnen gestattet, zur Ruhe zu kommen, sich neu zu sortieren und vor allem ihr Leben als Vater bruchlos weiterführen zu können. Einen Beitrag dazu möchte das Väterboardinghaus leisten, das es seit Anfang des Jahres in Umkirch gibt. Die Initiative hierfür ging von Stephan Vögele aus, der seit vielen Jahren auch Familien in Trennungssituationen berät und unterstützt: „Vor etwa sechs Jahren habe ich einen Zeitungsartikel gelesen, der über ein solches Projekt in Bozen in Südtirol berichtete – das gibt es dort schon seit über 25 Jahren. In unserem beruflichen Alltag in der Erziehungs- und Familienberatungsstelle sehen wir immer wieder sehr eskalierende Situationen zwischen Trennungspaaren, unter denen vor allem die Kinder massiv leiden. Ich habe damals also etwas recherchiert und gesehen, dass es auch in München schon eine Konzeptidee gab, angelehnt an das Projekt in Italien.“

Stephan Vögele nahm also Kontakt mit den Kolleginnen und Kollegen in München auf, tauschte sich mit ihnen aus und baute daraufhin das Konzept weiter aus. „Ich wusste, dass bei uns Räumlichkeiten vorhanden waren – unser Verband hat einen Schwerpunkt in der stationären Altenhilfe und in einem Neubau stand ein noch leerer Trackt für drei bis fünf Jahre zur Verfügung. Es wurde mit Räumlichkeiten und Konzept also konkret und durch die Möglichkeit, über eine Förderung durch die Deutsche Fernsehlotterie die Finanzierung einer halben Stelle zu erhalten, wurde das Projekt schließlich Realität.“

Zur Realisierung des Väterboardinghauses in Umkirch, das vom Caritasverband für den Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald e.V. betrieben wird, konnten wir mit einer Förderung von 121.000 Euro Personalkosten durch die uns angeschlossene Stiftung Deutsches Hilfswerk einen wichtigen Teil beitragen. Auch das Väterboardinghaus „Casa Papa“ in München haben wir mit 208.000 Euro gefördert.

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Das Ziel des „Väterboardinghauses“ ist es, den Kontakt der Kinder zu Mutter und Vater auch nach der Trennung der Eltern aufrechtzuerhalten. Sechs bezahlbare Wohnungen bieten betroffenen Männern einen Ort, anzukommen, es gibt eine Gemeinschaftsküche und viel Platz zum Spielen für die Kinder. Gleichzeitig werden die Männer auf ihrem Weg begleitet: „Sie unterschreiben, wenn sie bei uns einziehen, eine verbindliche Zusage für die Beteiligung an der Beratung“, so Vögele. „Wir sind bemüht, mit den Ex-Partnerinnen Kontakt aufzunehmen, ihnen zu zeigen, wie die Kinder vor Ort aufgehoben sind und versuchen, mit beiden Elternteilen gemeinsam eine gute Umgangsregelung zu finden.“

Hilfe anzunehmen ist eine Stärke

Seit Januar 2021 ist das Väterboardinghaus in Umkirch eröffnet, seit April ist nun auch der letzte freie Platz belegt. Die Väter, die aktuell dort leben, waren nach der Trennung zunächst zum Teil in Einrichtungen für obdachlose Menschen untergebracht oder übernachteten wochenlang im Auto. „Das sind wirklich Voraussetzungen, die für die Kontaktpflege mit den Kindern gar nicht gehen“, betont Vögele.

Doch es gibt weitere Gründe, warum nach einer Trennung der Kontakt zwischen Vater und Kind brüchig werden kann. Stephan Vögele spricht aus langjähriger Erfahrung: „Manchmal fällt es den Ex-Paaren schwer, das, was auf Paarebene passiert und das, was sie als Eltern ausmacht, auseinanderzuhalten. Da spielen Kränkung, Wut und Verletzung oft eine große Rolle – und nicht selten ziehen sie sich ganz zurück. Anderen wird manchmal aber auch erst nach der Trennung so richtig bewusst, dass sie als Vater eine eigene Bedeutung für das Kind haben und dass diese auch aktiv gepflegt werden muss.“ Und dann sei es manchmal für die Mütter schwer, wenn die Väter plötzlich eine Präsenz haben – oder haben möchten –, die in dieser Form die Jahre zuvor nicht da war. „Deshalb arbeiten wir mit ihnen gemeinsam, um die Eigenverantwortung der Väter zu unterstützen und für die Mütter eine Verlässlichkeit sichtbar zu machen.“

Doch es ist wichtig, diese Hilfsangebote sichtbar zu machen und zu zeigen, dass es keine Schwäche, sondern eine Stärke ist, daran zu arbeiten, die eigene Situation – und damit ja auch die Situation für das eigene Kind – zu verbessern.
Stephan Vögele, Leitung Väterboardinghaus Umkirch

Oft wird Männern nachgesagt, dass sie sich schwerer damit tun, Hilfe anzunehmen oder gar aktiv einzufordern. „Das ist tatsächlich noch so“, bestätigt Vögele. „Manche tun sich überhaupt schwer damit, die Wucht des Geschehens an sich ranzulassen – und dann zu sagen, ich suche mir Hilfe, ist ein weiter Schritt. Doch es ist wichtig, diese Hilfsangebote sichtbar zu machen und zu zeigen, dass es keine Schwäche, sondern eine Stärke ist, daran zu arbeiten, die eigene Situation – und damit ja auch die Situation für das eigene Kind – zu verbessern.

Dabei spielt auch die Unterstützung der Männer untereinander eine wichtige Rolle. „Zwei unserer Männer unternehmen mit ihren Kindern, wenn diese sie am Wochenende besuchen, gemeinsam Ausflüge oder kochen zusammen“, erzählt Vögele. „Sie tauschen sich auch über ihre Situation aus und manchmal relativieren sich dadurch Belastungen oder Wahrnehmungen ein Stück weit.“ Neben diesem solidarischen Effekt ist aber auch die Rückkehr in einen normalen Alltag eine Entlastung für die Männer – denn dort beschäftigen sie sich mit ganz anderen Themen. „Das ist wie in einer WG“, erzählt der Projektleiter. „Wer hinterlässt wie die Küche – ganz normale Dinge des Zusammenlebens eben. Es sind Konflikte, die im Alltag bewältigt werden müssen, und es ist gut, dass es diese auch gibt.“

Auf Augenhöhe durch die Trennung

Eine Dauerlösung ist das Väterboardinghaus jedoch nicht, sondern vielmehr ein Ort, an dem neue Weichen gestellt werden: eine neue Wohnung, manchmal auch ein neuer Job – hier haben die Männer Zeit, sich darum zu kümmern und ihr Leben nach der Trennung wieder neu zu ordnen, ohne dabei den Kontakt zum Kind zu verlieren. Zwischen zwei und sechs Monaten bleiben die Betroffenen im Väterboardinghaus. „So ist der Plan“, sagt Vögele. „Wie es sich dann tatsächlich gestaltet, werden wir sehen. Die Wohnungssuche in Freiburg gestaltet sich wie in anderen Großstädten sehr schwierig. Doch wir machen von Anfang an klar, dass dies hier kein Ort ist, um sich hinzusetzen und nichts zu tun – es ist eine Übergangsphase.“

Nicht nur Männer, die bereits getrennt sind, können im Väterboardinghaus unterkommen. Manchmal ist es notwendig, Abstand zu erhalten, um die Beziehung zu retten. „Aktuell lebt ein Mann bei uns, der bis vor kurzem mit seiner Frau und zwei fast erwachsenen Töchtern in einer 50-Quadratmeter-Wohnung gelebt hat – er ist angewiesen auf einen Rollstuhl. Da gab es wegen der beengten Wohnverhältnisse ständig Konflikte und die Familie brauchte unbedingt Luft“, erzählt Vögele. „Sie brauchen sicher insgesamt andere Wohnmöglichkeiten, bis dahin aber erst mal akute Entspannung und Begleitung auf dem Weg ein Modell zu finden, damit es mit dem Zusammenleben wieder besser funktioniert.“

Wichtig ist Stephan Vögele, dass in allen Fällen eine Kommunikation des Paares auf Augenhöhe stattfindet. „Wir nehmen in unserer Beratungstätigkeit seit einigen Jahren wahr, dass Trennungen zunehmend heftige Eskalationsstufen haben. Die Art und Weise, wie Eltern miteinander umgehen, ist eine massive Belastung und Gefährdung des Wohls des Kindes. Deshalb möchten wir nun, zusätzlich zu unserer Familienberatung, auch mit dem Väterboardinghaus einen Teil dazu beitragen, diese Eskalationen zu verhindern und die Kommunikation zu verbessern. Denn das ist zum Wohle aller Beteiligter: der Mütter, der Väter – und vor allem der Kinder.“

Papa sein: Herausforderungen und wie man(n) sie meistert

In unserer Themenwoche „Papa sein“ stellen wir vier unterschiedliche Väter mit ihren individuellen Herausforderungen vor – und die sozialen Projekte, in denen sie Hilfe gefunden haben oder die ihnen besonders am Herzen liegen. Hier findest du alle Beiträge im Magazin. Weitere Beiträge findest du außerdem auf unseren Social Media-Kanälen – klick also gern einmal bei Instagram oder Facebook rein, wir freuen uns!

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