Themenbeitrag

Fröhliches Fest? Wie ein Hospiz im Lockdown Weihnachten feiert

Hospizarbeit in der Corona-Krise: Wie gestaltet man das Weihnachtsfest für Menschen, die kein weiteres mehr erleben werden?

Mutmacher
  • 10.12.2020
  • Autorin Katharina Hofmann (Protokoll)
  • iStock.com/Ponomariova_Maria (Illustration)
  • Lesezeit5 Min.

Hospizarbeit in der Corona-Krise: Wie gestaltet man das Weihnachtsfest für Menschen, die kein weiteres mehr erleben werden?

Mareike Fuchs leitet das Hamburg Leuchtfeuer Hospiz in St. Pauli. Es bietet Menschen mit schweren Erkrankungen den Raum für ein würdevolles Leben mit ihrer Krankheit und für ein würdevolles Abschiednehmen von ihrem Leben. Im März, als Deutschland am Anfang der Pandemie stand, sprachen wir mit der Hospizleiterin über Herausforderungen und Lichtblicke in Zeiten von Corona. Neun Monate später erzählt sie nun, was sich seitdem verändert hat:

„Hospiz bedeutet im wortwörtlichen Sinne ‚Herberge‘ und ‚Gastfreundschaft‘ – doch mit Corona mussten natürlich auch wir im Frühjahr strengere Besucherregelungen umsetzen. Diese hatten auch in den Monaten darauf weiter Bestand. Etwas geöffneter, weil die Fallzahlen deutlich niedriger waren, aber dennoch reglementiert, da das Virus und die Bedrohung weiterhin existent waren und sind. Trotzdem war der Sommer für uns alle ein wenig entspannter: Unsere Bewohner*innen nutzten nach dem Schock im Frühjahr die Möglichkeit, sich draußen mit ihren Angehörigen treffen zu können – mit Abstand und noch größerer Um- und Vorsicht als vor Corona. Dennoch waren Begegnungen bis in den September hinein so recht gut möglich. Die Spur des Novembers zieht sich nun allerdings auch bei uns durch: Die Besucherregelungen sind wieder strenger, unser Team wird wöchentlich auf Corona getestet und wir schauen mit einem kleinen, manchmal auch etwas größeren Knoten im Bauch auf die Weihnachtstage. Wir stehen vor der Frage: Wie werden wir unserer gesellschaftlichen Verantwortung und dem Schutz unserer Bewohner*innen, unserer Mitarbeiter*innen gerecht – aber auf der anderen Seite auch dem Gedanken, dass dies sehr wahrscheinlich für die Menschen, die zu dieser Zeit bei uns leben werden, das letzte Weihnachten sein wird?

Normalerweise gibt es bei uns im großen Speisesaal an Heiligabend ein Vier-Gänge-Menü – dank unseres großartigen Küchenteams und unseres sehr guten Kochs. Das ist ein wirklicher Festakt für unsere Bewohner*innen und ihre Angehörigen und auch für diejenigen, die an den Feiertagen hier arbeiten. Wir essen dann alle gemeinsam – die Begegnungen mit den Menschen und das Zusammensein erzeugen an diesen Tagen noch einmal eine ganz besonders eindrückliche und berührende Stimmung, weshalb ich persönlich die Arbeit an Weihnachten im Hospiz ebenfalls als Geschenk sehe. Bisher hat noch keine Krise dazu geführt, dass unser traditionelles Weihnachtsessen ausfallen musste. In diesem Jahr aber muss es in der Form leider verändert werden. Wir haben uns entschieden, das Menü stattdessen in den Zimmern zu servieren, sodass Angehörige die Möglichkeit haben, dort mit dem Menschen, den sie hier begleiten, zu essen. Ich glaube, auch dadurch wird eine ganz besondere Stimmung entstehen. Unser Hauswirtschaftsteam hat sich schon Gedanken gemacht, wie die Tische gedeckt und dekoriert werden können, wie die Kerzen aufgestellt werden. Es wird aber für unser Küchenteam auch eine Herausforderung sein, ein feierliches Vier-Gänge-Menü für – wenn wir voll belegt sind – elf Zimmer anzurichten. Und wir möchten auch berücksichtigen, dass es vielleicht Menschen bei uns gibt, die keine Angehörigen haben oder deren Angehörige nicht kommen möchten, weil sie Sorge haben, sie könnten unbemerkt infiziert sein – das ist auch ein ganz berührendes Thema. Diese Menschen, die normalerweise beim Weihnachtsessen im Saal mit dabei sind, wären auf ihren Zimmern dann allein. Wir möchten ihnen zumindest das Angebot machen, dass jemand da ist, der sich zu ihnen setzen kann, um die Mahlzeit gemeinsam einzunehmen und dabei Erinnerungen auszutauschen: Wie war das früher? Was ist schön? Oder was macht auch traurig? Deshalb haben wir uns gemeinsam dazu entschieden, die personelle Besetzung für Weihnachten entsprechend aufzustocken– und ich schätze es wirklich sehr, dass es diese Bereitschaft von allen Mitarbeiter*innen in unserem Haus gibt.

„In der letzten Woche hatten wir einen Sterbefall und als ich mit dem Angehörigen sprach, musste ich mich gewissermaßen an mir selbst festhalten. Ich habe die Hände hinterm Rücken in die Hosentasche gesteckt, um die Person nicht aus dem Impuls heraus tröstend in den Arm zu nehmen. All diese physischen Gesten der Anteilnahme, wie wir sie sonst kennen, müssen wir nun vorerst ausschließlich in Worte, Mimik und Anteilnahme über das Herz legen.“
Mareike Fuchs im März 2020

Was sich seit März auch verändert hat, ist, dass der Verzicht auf bestimmte Gesten tatsächlich selbstverständlicher geworden ist. Mir fällt es nicht mehr so schwer wie zu Beginn, die Hand nicht mehr entgegenzustrecken. Auf der anderen Seite haben sich aber tatsächlich auch neue Gesten entwickelt. Ich habe mir zum Beispiel angewöhnt, dass ich, wenn man mit ausreichend Abstand voreinander steht, sage: ‚Einmal kurz die Maske ab!‘ Dann kann man einmal kurz den ganzen Menschen sehen – das ist quasi das Händeschütteln 2020.

Doch gerade, wenn ich an Weihnachten denke, merke ich auch, dass ich mir wünsche, dass einige Gesten wieder zurückkommen dürfen. Es gibt in der Pflege einfach Situationen, in denen es wirklich keine andere Geste gibt, als die Hand zu reichen. Oder die Hand auf die Hand eines anderen zu legen. Oder auch einmal über den Arm zu streichen. Es wäre gelogen, wenn ich sagen könnte, dass wir es schaffen, all diese Gesten vollständig aus unserem pflegerischen Alltag hier im Hospiz zu streichen. Mit allen Maßnahmen, die dabei bestehen bleiben – Maske tragen, Hände gründlich waschen und desinfizieren – müssen diese kleinen Gesten in bestimmten Situationen bleiben dürfen.

Es ist auch für uns eine große Unterstützung, wenn sich alle an die amtlichen Bestimmungen halten. Damit die Infektionskurve so flach wie möglich bleibt und Krankenhäuser und alle, die im Gesundheitswesen arbeiten, ihre Arbeit möglichst fortsetzen können, ohne in eine große Krise zu kommen, wie wir das in anderen Ländern sehen. Das ist eine meiner größten Sorge.
Mareike Fuchs im März 2020

Wir wissen von einigen Palliativstationen, also spezialisierten Stationen in Krankenhäusern für schwerkranke und sterbende Menschen, dass diese ihre Bettenanzahl reduzieren mussten oder sogar ganz geschlossen wurden, weil das Personal auf anderen Stationen, auf Intensivstationen, gebraucht wird. Ich glaube, dass wir in Deutschland nach wie vor voller Demut sein können, dass wir das hier so gut organisieren können – trotzdem darf man die Augen nicht davor verschließen, dass wir zwar die technische Ausrüstung haben, aber nicht genug qualifizierte Menschen, die eine so qualifizierte Pflege leisten können. Das ist ein Alarmsignal, das niemand mehr überhören oder leugnen kann!

Ich merke, dass sich im Vergleich zu März und April, als die Menschen auf den Balkonen standen und für die Pflegekräfte, für die Ärzt*innen applaudiert haben, jetzt eine gewisse Müdigkeit in der Gesellschaft eingeschlichen hat. Und trotzdem: Wir müssen besonnen bleiben, auch wenn die Einschränkungen uns schon so lange begleiten, auch wenn es durch Abstand halten und Maske tragen im Alltag etwas anstrengender wird – das sind aber genau die Dinge, mit denen den Pflegekräften, den Ärztinnen und Ärzten, die im Moment auf den Intensivstationen stehen, geholfen ist.

Die letzten neun Monate haben uns deutlich gezeigt, dass es Themen gibt, die gefühlt mit einem Fingerschnipsen global sind. Ich glaube, dass es in dieser Zeit wichtig ist, achtsam zu bleiben und aus dieser Verletzlichkeit heraus, der wir uns gerade bewusstwerden, noch einmal darüber nachzudenken: Was ist mir wirklich wichtig? Und: Was darf mir auf keinen Fall verloren gehen im Miteinander und auch für die Zeit, wenn es keine Beschränkungen mehr gibt?“

Themenwoche „Miteinander“

Neun Monate nach unserer #CoronaWirgefühl-Interviewreihe haben wir im Rahmen unserer aktuellen Themenwoche „Miteinander“, die vom 14.-18. Dezember hier in unserem Online-Magazin und auf unseren Social Media-Kanälen stattfindet, bei drei Projekten noch einmal nachgefragt: Was hat sich im Verlauf der Pandemie verändert? Wie wurde der Zusammenhalt in dieser Zeit empfunden? Und wie geht es weiter?

Neben Mareike Fuchs von Hamburg Leuchtfeuer sprachen wir auch mit Mechthild Haase vom Quartiersprojekt „Leben und Älterwerden in Remagen mitgestalten“, die erzählt, wie die Digitalisierung die Nachbarinnen und Nachbarn zusammengebracht hat – und appelliert: „Wir müssen durchhalten!“

Und für Dominik Bloh, der mit seinen Mitstreiterinnen und Mitstreitern den GoBanyo-Duschbus für obdachlose Menschen auf die Straßen gebracht hat, hat sich in diesem Jahr vieles bewegt – doch es muss sich noch mehr für Menschen auf der Straße tun, betont er. Und warnt: „Dieser Winter ist der härteste, den Menschen auf der Straße je durchmachen mussten“

 


Hamburg Leuchtfeuer

Mareike Fuchs und ihr Team betreuen und begleiten schwerkranke Menschen in ihrer letzten Lebensphase. Wir freuen uns, dass wir das Hamburg Leuchtfeuer Hospiz mit 103.000 Euro unterstützen konnten!

Hamburg Leuchtfeuer ist auch für Angehörigen eine Anlaufstelle: Das Lotsenhaus etwa bietet einen geschützten Ort für die Sorgen und Herausforderungen trauernder Menschen. Im Interview „Und dann stehst du da und wartest, bis diese beknackte Linie komplett gerade ist...“ erfährst du von Michael Rieke und Bettina Kriegel, die beide einen wichtigen Menschen verloren haben, mehr über die Hilfe, die die Trauerbegleiter*innen im Lotsenhaus leisten.

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