Miteinander in Viertel
Interview

Einsamkeit in der Corona-Krise: „Die Widerstandsfähigkeit vieler älterer Menschen ist sehr hoch!“

  • 29.10.2020
  • Autorin Katharina Hofmann
  • Lesezeit6 Min.

Das Projekt „In Würde teilhaben“ in Marburg setzt sich für Seniorinnen und Senioren ein, die niemanden zum Reden haben. Leiterin Angela Schönemann erzählt im Interview, wie sich ihre Arbeit in der Krise verändert hat und wie Nachbarinnen und Nachbarn mithelfen können, der Einsamkeit entgegenzuwirken.

Das Gefühl, einsam zu sein, kann jede und jeden treffen. Dr. Susanne Bücker, Einsamkeitsforscherin an der Ruhr-Universität Bochum, nennt im Interview aber zwei besonders vulnerable, also verletzliche Zielgruppen: „Ein Risikofaktor für Einsamkeit ist das Alter. Da gibt es zwei verletzliche Phasen: das hohe Lebensalter ab 80 Jahren und das junge Erwachsenenalter zwischen 18 und 30.“

In Marburg engagieren sich im Projekt „In Würde teilhaben“ Haupt- und Ehrenamtliche für hochaltrige, vereinsamte und isoliert-lebende Menschen ­– und das schon bevor die Corona-Krise das Thema Einsamkeit wieder mehr in den Fokus der gesellschaftlichen Debatte gerückt hat. Angela Schönemann leitet das Projekt, dessen Umsetzung wir mit 81.000 Euro unterstützen konnten. Im Interview erzählt sie, wie sie mit vielen Helferinnen und Helfern der Einsamkeit im Alter entgegensteuern und wie sich die Arbeit in der Krise verändert hat.

Deutsche Fernsehlotterie: Frau Schönemann, aus welchen Gründen können Menschen im Alter vereinsamen?

Angela Schönemann: Es gibt viele Gründe. Menschen können aus gesellschaftlichem Wandel durch veränderte Familien- und Arbeitsstrukturen vereinsamen oder aus Altersgründen – hochaltrige Menschen erleben viele Verluste von Bezugspersonen. Aber auch aus gesundheitlichen Gründen, die Mobilitätseinschränkungen zur Folge haben, die in der Person liegen oder am Umfeld – hierzu zählt etwa mangelnde Barrierefreiheit von Infrastrukturen und die gesellschaftliche Ausrichtung auf Autonutzung. Einsamkeit kann aber auch aufgrund psychischer Belastung entstehen, zum Beispiel bei Bewältigung von Pflegesituationen. Hier sind der oder die Kranke und der oder die Pflegebedürftige gemeinsam isoliert, also miteinander einsam. Oder auch aufgrund eigener Ängste oder psychischer Krankheit. Auch ein Umzug in eine barrierefreie Wohnung kann den Verlust von wichtigen Bezugspersonen zur Folge haben. Dennoch darf nicht vergessen werden, dass das Empfinden der Einsamkeit ein sehr, sehr subjektives Empfinden ist.

Wir lernen derzeit wie die Dauer der Belastung durch die Corona-Problematik die Älteren noch verletzlicher macht und die Widerstandsfähigkeit durch Ablenkung auf „gute Ziele“, Kontakte, Themen und Erinnerungen gestärkt werden kann.
Angela Schönemann, Leiterin „In Würde teilhaben“

Deutsche Fernsehlotterie: Wie steuern Sie mit dem Projekt „In Würde teilhaben“ dagegen?

Angela Schönemann: Mit persönlichem Kontakt und wertschätzenden, individuell ausgerichteten Gesprächsthemen, um Vertrauen aufzubauen. In einem nächsten Schritt werden durch das Erleben gemeinsamer Begegnung mit anderen neue Kontakte hergestellt. Dies kann dazu führen, dass selbständige Kontakte ohne weitere direkte Hilfe des Projekts stattfinden. Leider ist nach den guten Anfängen durch die Corona-Problematik der Prozess abrupt unterbrochen worden.

Wir wollten diesen Prozess in 2020 intensiv stadtteilnah und vernetzter aufbauen, um mehr kleine Begegnungsgruppen zu bilden, was jedoch unter Corona nicht gelang. Als Vorarbeit dazu wurden bereits Stadtteilnetztreffen genutzt. Die Vernetzungsarbeit benötigt ein umfangreiches Zeitbudget, damit einsamkeitsverringernde Strukturen und Angebote entstehen können.

Deutsche Fernsehlotterie: Das Projekt „In Würde teilhaben“ ist im Januar 2019 gestartet – wie wurde es aufgenommen?

Angela Schönemann: Auf der Akteurs-Ebene ist das Projekt sehr positiv aufgenommen worden. Betroffene Menschen melden sich zunehmend, häufiger von sich aus bei „In Würde teilhaben“, da sie wahrnehmen mehr „Leidensdruck“ zu empfinden.

Deutsche Fernsehlotterie: Welche Erfolge konnten Sie bislang erzielen?

Angela Schönemann: Als Beispiel möchte ich gern eine kleine Geschichte erzählen: Zwei hochaltrige Frauen, beide über 90 Jahre alt, die sich aus den Augen verloren hatten, kamen wieder in Kontakt miteinander durch „In Würde teilhaben“, da die eine überlegte, sich ein mit E-Bike mit drei Rädern zu besorgen und gerne eine Probefahrt unternehmen wollte. Durch die Vernetzungsarbeit von „In Würde teilhaben“ wurde der Kontakt zu einer Nutzerin eines solchen Pedelecs hergestellt. Die beiden Frauen verabredeten sich mit „In Würde teilhaben“ gemeinsam zum Erproben. Beide Frauen setzten die Verabredung zum Üben selbständig fort. Ob die Projektteilnehmerin sich für den Kauf eines Dreirades mit Computerunterstützung entscheidet, ist davon abhängig, wie sie die Frage „ob es sich noch lohnt?“ – aufgrund der hohen Investitionskosten – für sich beantwortet. Wir sind alle gespannt. Eine vergleichbare Frage stellt sich die älteste Teilnehmerin von „In Würde teilhaben“ mit demnächst 96 Jahren, die fast erblindet ist, da sie sehr stark das selbständige Lesen vermisst, ob sie sich eine mit Computer kombinierte Vorlesebrille leistet …

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Mit guter Nachbarschaft gegen Einsamkeit

Deutsche Fernsehlotterie: Wie hat sich Ihre Arbeit in Zeiten von Corona verändert?

Angela Schönemann: Wegen der Verunsicherung wie die Soziale Arbeit unter Corona-Bedingungen weiter ausgeführt wird, wurden Hausbesuche von „In Würde teilhaben“ zunächst eingestellt und später verändert in Balkon-, Garten- und Haustür-Gespräche abgewandelt. Da, wo es nicht umsetzbar war, wurden engere Telefonkontakte umgesetzt. Ab Sommer haben wir an verschiedenen Orten in Wohngebieten zu Klappstuhltreffen eingeladen. Mit Handzetteln haben wir Menschen wohnortnah eingeladen, sich zu treffen. Das waren sehr unterschiedlich gute Erfahrungen und es sind wichtige, ablenkende Kontakte entstanden. Hausbesuche werden mit Hygiene-Vereinbarungs-Regeln nun wieder und weiter realisiert.

Deutsche Fernsehlotterie: Was konnten Sie aus der Krise Neues in Bezug auf das Thema Einsamkeit lernen?

Angela Schönemann: Die Corona-Problematik machte das Einsamkeitsthema als generationsübergreifendes Thema bewusster. Neu gelernt haben wir, dass die Widerstandsfähigkeit älterer Menschen von vielen, die wir kennenlernen durften, sehr hoch ist, da sie die Erfahrung haben, mit Krisen umzugehen und sie gut zu bewältigen. Einige wenige sind sehr verunsichert und nehmen veränderte Maßnahmen als persönliche Ablehnung wahr. Hier deutlicher Zugehörigkeit und Bedeutung zu vermitteln, ist essenziell für das Meistern dieser erlebten Belastungssituation. Wir haben durch den Bericht von Angehörigen auch erfahren, wie wichtig es ist, abzuwägen zwischen dem Abwägen des Risikos Einsamkeit und dem Risiko des Virus-Eintrags durch Kontakte. Wir lernten, dass wir ständig über unsere Arbeit nachdenken sollten, um Entscheidungen zu treffen.

Wir lernen derzeit wie die Dauer der Belastung durch die Corona-Problematik die Älteren noch verletzlicher macht und die Widerstandsfähigkeit durch Ablenkung auf „gute Ziele“, Kontakte, Themen und Erinnerungen gestärkt werden kann. Es wird für alle inzwischen als Herausforderung empfunden und wir fokussieren uns auf die Gestaltung des Alltags nach dem Motto „Leben geht weiter“.

Medial ist es gut, dass „Einsamkeit“ als Wort öffentlicher wird, damit es mehr wahrgenommen wird als ein Phänomen, das viele Personen und alle Generationen betreffen kann
Angela Schönemann, Leiterin „In Würde teilhaben“

Deutsche Fernsehlotterie: Welchen Einfluss hat Nachbarschaft auf die Risikofaktoren für Einsamkeit im Alter?

Angela Schönemann: Nachbarschaft besteht aus Personen und Umfeldbedingungen: Auf beiden Ebenen kann gehandelt werden. Im Dorf und im Stadtviertel benötigen wir mehr kleine öffentliche Treffpunkte zum Verweilen und Begegnen. Hier braucht es eine sehr deutliche Veränderung von der Anzahl und die Veränderung von Spielplätzen zu Mehrgenerationen-Aufenthaltsorten. Die Zuwegung, Wohlfühlqualität und Beschattung im Klimawandel sind nicht zu vergessen. Nachbarinnen und Nachbarn können durch einladendes und ablehnendes Verhalten etwas Positives oder auch Negatives beitragen. Jedoch stehen auch Betroffene in der Eigenverantwortung.

Ganz stark davon abhängig ist, wie Nachbarn denken und miteinander sprechen, damit Inklusion im weitesten Sinne gelingt. Durch „In Würde teilhaben“ ist die Sensibilisierung für die Art und Weise wie miteinander gesprochen wird, als Fortbildungsthema für den Aufbau von Nachbarschaften und Quartiersarbeit deutlich geworden.

Deutsche Fernsehlotterie: Wie kann man selbst helfen, wenn man merkt, dass ein Mensch im näheren Umfeld einsam ist?

Angela Schönemann: Viele kleine Möglichkeiten nutzen für eine Gesprächssituation im Treppenhaus oder am Gartenzaun über das Wetter und Dies und Das, gelegentlich mal eine Einladung zu Kaffee oder Tee beim Bäcker gegenüber aussprechen. Immer wieder die Möglichkeit anbieten für einen Kontakt und Frustrationstoleranz über eine lange Dauer mitbringen. Die Formulierung des eigenen Angebots beachten: „Ich habe sie länger nicht gesehen. Darf ich Sie fragen, wie es Ihnen geht?“

Deutsche Fernsehlotterie: Wünschen Sie sich, dass das Thema Einsamkeit in der Gesellschaft besser, häufiger oder auf andere Art und Weise besprochen wird als es bisher der Fall ist?

Angela Schönemann: Medial ist es gut, dass „Einsamkeit“ als Wort öffentlicher wird, damit es mehr wahrgenommen wird als ein Phänomen, das viele Personen und alle Generationen betreffen kann, und dadurch dem Gefühl der Vereinzelung, dem Gedanken „nur ich bin einsam“, entgegengewirkt wird. Das erleichtert unter Umständen manchen das „Outing“. Verstärkt sollte daher auch das „Selbst-Schuld-Sein“-Gefühls als zur Wahrnehmung dazugehörig beschrieben und zur Entlastung beigetragen werden. Gerade auch durch die soziale Arbeit im Projekt „In Würde teilhaben“ wird sehr deutlich, dass wir als Gesellschaft uns auch für viele einsamkeitsfördernde Strukturen entschieden haben und wir jetzt umkehren und zügiger ins das Gegenteil investieren bzw. investieren sollten. Das zu kommunizieren und von Good-Practice zu berichten ist wichtig. Hierbei ist auch auf die Umsetzungsprozesse zu schauen und ihre Hürden beziehungsweise wie sie zügiger abzubauen sind.

Deutsche Fernsehlotterie: Liegt Ihnen zum Thema noch etwas auf dem Herzen, das Sie loswerden möchten?

Angela Schönemann: Mir ist wichtig, das Bewusstsein dafür zu schaffen, dass die Arbeit in Projekten wie „In Würde teilhaben“ Zeit braucht, um zu fruchten. Denn Vertrauen baut sich langsamer auf, als dass sich Vertrauen ruinieren lässt … Vertrauen ist jedoch die Basis auf der viel Stärkung wirksam möglich ist. Außerdem machen wir die Erfahrung, dass zum Beispiel die akustische Gestaltung für die Hörsituation an Orten der Information und der Begegnung zu stark vernachlässigt wird. Das Hören ist in vielen öffentlichen Räumen, von Café bis Bürgerhaus, selbst für uneingeschränkt hörende Menschen erschwert. Hier wird, eventuell aus kosteneinsparenden Gründen, „Behinderung eingebaut“. Für alterssichtige und sehbehinderte Menschen ist auf verlässlich auf Kontrastgestaltung und „großartige“ und klare Wegweisung zur Orientierung in und außerhalb der Infrastrukturen zu achten. Einsamkeitsabbauende Strukturen „aufzubauen“ sollte unbedingt auch Menschen mit einbeziehen, die enge finanzielle Möglichkeiten kennen, und ihre Bedarfe und Wünsche partizipativ (unter Beteiligung der Betroffenen, Anm. d. Red.) erfassen.

In unserer Themenwoche „Nachbarschaft: Gemeinsam – oder einsam?“ untersuchen wir vom 26. bis zum 30. Oktober auf unseren Social Media-Kanälen und hier im Magazin das Thema „Einsamkeit“ als soziales Phänomen. Dazu sprechen wir im Interview mit Einsamkeitsforscherin Dr. Susanne Bücker darüber wie Einsamkeit entstehen kann, wen sie treffen kann – und über eine starke Nachbarschaft als Chance gegen die Einsamkeit. Außerdem stellen wir euch verschiedene Projekte vor, die sich um die Integration von einsamen Menschen in unsere Nachbarschaften und damit in unsere Gesellschaft bemühen. Angela Schönemann von „In Würde teilhaben“ erzählt unter anderem, wie die Corona-Krise ihre Arbeit verändert hat. Und zur Einstimmung auf den Deutschen Nachbarschaftspreis, der am 10. November von der nebenan.de Stiftung verliehen wird und den wir auch in diesem Jahr wieder als Partner unterstützen, erzählt uns Johanna Sattler von der nebenan.de Stiftung hier, wie Nachbarschaft und gegenseitige Unterstützung in diesem Jahr besonders an Bedeutung gewonnen haben.

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