Themenbeitrag

Dominik von GoBanyo: „Dieser Winter ist der härteste, den Menschen auf der Straße je durchmachen mussten“

Das Team des GoBanyo-Duschbusses für obdachlose Menschen hat in diesem Jahr viel bewegt – aber es muss noch mehr gehen!

Miteinander in Viertel
  • 14.12.2020
  • Autorin Dominik Bloh, Katharina Hofmann
  • Fotograf GoBanyo

Das Team des GoBanyo-Duschbusses für obdachlose Menschen, den wir mit rund 167.000 Euro Personalkosten gefördert haben, hat in diesem Jahr sehr viel bewegt – und fordert: Es muss noch mehr gehen!

Dominik Bloh hat selbst lange auf der Straße gelebt. Im April erzählten er und GoBanyo-Kollegin Stella, wie sie den Betrieb des Duschbusses für obdachlose Menschen trotz Corona aufrechterhalten. Neun Monate später blickt der Mitinitiator des Projekts nun glücklich zurück auf die Erfolge, die die Obdachlosenhilfe in diesem Jahr erzielen konnte – und sorgenvoll nach vorn. Denn trotz allem Grund zur Freude, noch ist es ein weiter Weg und den Menschen auf der Straße steht der bisher härteste Winter bevor:

„Seit dem Frühjahr ist viel bei GoBanyo passiert. Wie viele soziale Einrichtungen, die für viele Menschen wichtige Anlaufstellen sind, mussten wir unseren Betrieb ganz zu Beginn der Corona-Pandemie komplett einstellen. Da wir aber mit voller Leidenschaft arbeiten und überzeugt von dem sind, was wir tun, haben wir damals innerhalb von 14 Tagen ein komplettes Hygienekonzept erarbeitet, mit dem wir wieder auf die Straße konnten. Das ging beim Eingang los, wo wir unsere Gäste empfangen, bis zur Schlussreinigung. Wir hatten die nötige Ausrüstung und alle nötigen Materialien, um einen sicheren Ablauf zu gewährleisten.

Gerade in diesen Zeiten ist Körperpflege etwas noch sehr viel Wichtigeres! Deshalb sind wir immer noch unterwegs.
Dominik Bloh im April 2020

Nebenher haben wir in einer Kooperation mit dem Bäderland ein Schwimmbad geöffnet und dort zusätzlich die Möglichkeit, sich zu duschen, angeboten. Das Ganze dann zu der Zeit auch noch mit einem extra Betriebstag mehr und vielen Überstunden.

Dieses Jahr war vieles möglich, was zuvor immer abgetan wurde: Dass ein Schwimmbad seine Türen öffnet, damit Menschen, die keine eigene Dusche haben, sich duschen können, ist so naheliegen! Genauso wie in freien Hotelzimmer Menschen übernachten zu lassen, die sonst kein Dach über dem Kopf haben. Es ist egal, wieso es so lange nicht geklappt hat – jetzt funktioniert es! Es kann sich noch viel verändern.

Dieses Jahr hat deutlich gezeigt, wie wichtig Wohnen ist. Dass es ein Grundrecht sein muss, was jedem Menschen zustehen sollte. Ich glaube, dieser Gedanke ist vielen Menschen in diesem Jahr auch erst so richtig klargeworden. Und es müssen sich noch viel mehr Menschen dessen bewusst werden. Erst muss sich das Denken ändern, damit sich das Handeln verändert.

Wenn ihr helfen wollt, ist das ganz einfach: Ihr geht auf Menschen zu, fragt ob sie was brauchen, gerade in dieser Zeit wo keine Einrichtungen offen sind und die Infrastruktur für Menschen auf der Straße wegbricht, können wir ganz viel tun. Also habt Mut aufeinander zuzugehen und miteinander zu reden!
Dominik Bloh im April 2020

Dieser Winter ist der härteste, den Menschen auf der Straße durchmachen mussten und ja derzeit noch müssen. Es sind weniger Menschen unterwegs und viele haben Angst, sich Obdachlosen zu nähern. Die Gastronomie hat geschlossen – da gab es sonst vielleicht mal ein heißes Getränk oder einen Snack. Die Menschen sind jetzt komplett auf sich allein gestellt. Geld hilft am meisten in diesen Zeiten. Ich gebe, was ich kann. Winterkleidung wird auch immer gebraucht. Schlafsäcke und Isomatten ebenfalls.

Wir können etwas Wärme geben. Die Wärme, die das Herz berührt, will ich auch nicht vergessen. Den Menschen da draußen geht es schlecht. Ein paar freundliche Worte und ein kurzes Gespräch sind schöne Momente in einer schweren Zeit. Wahrgenommen zu werden und nicht das Gefühl zu haben, ganz allein und unsichtbar zu sein, kann Hoffnung spenden. Wir können alles tun.“

Themenwoche „Miteinander“

Neun Monate nach unserer #CoronaWirgefühl-Interviewreihe haben wir im Rahmen unserer aktuellen Themenwoche „Miteinander“, die vom 14.-18. Dezember hier in unserem Online-Magazin und auf unseren Social Media-Kanälen stattfindet, bei drei Projekten noch einmal nachgefragt: Was hat sich im Verlauf der Pandemie verändert? Wie wurde der Zusammenhalt in dieser Zeit empfunden? Und wie geht es weiter?

Neben Dominik Bloh von GoBanyo sprachen wir auch mit Mechthild Haase vom Quartiersprojekt „Leben und Älterwerden in Remagen mitgestalten“, die erzählt, wie die Digitalisierung die Nachbarinnen und Nachbarn zusammengebracht hat – und appelliert: „Wir müssen durchhalten!“

Mareike Fuchs, die das Hamburg Leuchtfeuer Hospiz in St. Pauli leitet, berichtet außerdem von der Hospizarbeit in der Corona-Krise und wie man das Weihnachtsfest für Menschen, die kein weiteres mehr erleben werden, trotz Beschränkungen gestalten kann.

 


Du möchtest mehr über Dominik und GoBanyo erfahren?

Im letzten Jahr sprachen wir mit GoBanyo-Mitgründer Dominik Bloh, der selbst viele Jahre auf der Straße lebte, über das „Projekt Duschbus“ und das Motto „Waschen ist Würde“. Hier findest du das Interview: „Man hält sich selbst für Dreck“

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