Themenbeitrag

Die Unsichtbaren: Wohnungslose Frauen

Sie bewegen sich zwischen der Straße und Notunterkünften, ihre Schicksale lassen sich nur schwer erfassen. Wir sprachen mit einer Betroffenen.

Miteinander in Viertel
  • 09.02.2021
  • Autorin Katharina Hofmann
  • Lesezeit5 Min.

Im Straßenbild sind sie kaum sichtbar, doch sie sind ein Teil unserer Gesellschaft: Frauen, die keinen festen Wohnsitz haben und sich zwischen einem Leben in Notunterkünften und auf der Straße bewegen. Ihre Schicksale lassen sich nur schwer erfassen: Viele Betroffene gehen mit ihrer Situation nicht öffentlich um. Warum das so ist und vor welchen besonderen Herausforderungen Frauen auf der Straße stehen – darüber haben wir mit verschiedenen Hilfsreinrichtungen und einer Betroffenen gesprochen.

„Auf der Straße verändert sich die Seele“, sagt Stella. Dann blickt Sie nach unten, schweigt kurz. Ihre Finger fahren über knittriges Papier.

Ihr ganzes Leben liegt vor ihr, auf 55 handbeschriebenen DIN A4-Seiten. Sie erzählen von ihrer Kindheit, von ihrem Leben „davor“. Und von „danach“ – von dem Leben ohne festen Wohnsitz, von Demütigung, Gewalt und Angst. Eineinhalb Jahre war Stella, die eigentlich anders heißt, obdachlos. Was sie in dieser Zeit erlebte, was sie dabei fühlte, hat sie in Worte gebannt, fein säuberlich niedergeschrieben auf Papier, das nun als Stapel vor ihr liegt.

Wohnungslosigkeit: Es kann jede*n treffen

Stella ist eine von mindestens 59.000 wohnungslosen Frauen in Deutschland. Die Zahl ist eine Schätzung der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. Laut des Vereins hat sich der Frauenanteil der von Wohnungslosigkeit betroffenen Hilfesuchenden in den letzten 20 Jahren nahezu verdoppelt. Wie viele Menschen in Deutschland tatsächlich ohne festen Wohnsitzt sind, weiß niemand so genau. Die Dunkelziffer ist groß. Die Tendenz steigend. Und treffen kann es jede*n: Biografien werden brüchiger, auch von Menschen, die scheinbar alles im Griff haben. Gerade jetzt, in Zeiten von Corona – aber auch schon davor. „Wenn du in einer Lebenskrise steckst, schaffst du es vielleicht gerade so, die menschlichen Grundbedürfnisse zu stillen, aber nicht mehr, den Briefkasten zu öffnen. Dann kann es schnell gehen“, weiß Gülay Ulaş. Sie engagiert sich in der Obdachlosenhilfe in Hamburg und ist Mitgründerin des Duschbus-Projektes GoBanyo.

Viele Frauen, die unsere Hilfe ersuchen, kommen aus einer häuslichen Gemeinschaft, in der sie schlimmste Erfahrungen, Gewalterfahrungen unterschiedlichster Art gemacht haben.
Thorben Goebel-Hansen, Harburg Huus

Katrin Mönnighoff-Umstätter, die in Frankfurt am Main das Übergangswohnheim „Hannah“ für Frauen, die sich in Not- und Krisensituationen befinden, leitet, erfährt täglich, wie schnell das Schicksal zuschlagen kann: „Du verlierst deinen Job, musst Arbeitslosengeld beantragen. Dann erwartet das Jobcenter, dass du eine neue Wohnung findest, weil die, in der du lebst, zu teuer ist. Aber gerade in großen Städten ist der Wohnungsmarkt schwierig. Und wenn du zudem immer wieder abgelehnt wirst, sobald du sagst, dass du Arbeitslosengeld beziehst – das macht auch was mit dem Selbstwertgefühl.“

Ein weiterer häufiger Grund, warum Frauen wohnungslos werden, ist häusliche Gewalt. Thorben Goebel-Hansen leitet die Notunterkunft Harburg Huus in Hamburg, die allen Geschlechtern offensteht. „Viele Frauen, die unsere Hilfe ersuchen, kommen aus einer häuslichen Gemeinschaft, in der sie schlimmste Erfahrungen, Gewalterfahrungen unterschiedlichster Art gemacht haben“, berichtet er.

Stella hat ihre Wohnung wegen eines gefährlichen Umfeldes verlassen müssen. „Dann kam alles auf einmal: Ich war krank, meine Mutter starb. Beim Amt sagte man mir, ich hätte nicht schnell genug reagiert – das Geld wurde gestrichen. Ich konnte mir keine Fahrkarte mehr kaufen, kein Essen, nichts.“

Übergriffigkeit, Gewalt, Frauenfeindlichkeit

Rund 30 Prozent der Wohnungslosen in Deutschland sind weiblich. Im Straßenbild sind sie aber kaum sichtbar – und verschwinden so aus der Wahrnehmung der Gesellschaft. „Viele von ihnen versuchen, ihre Lage nicht zu zeigen“, weiß Katrin Mönnighoff-Umstätter. „Sie möchten nicht öffentlich auf der Straße sitzen.“ Das Thema sei schambehaftet, so die Diplom-Sozialpädagogin, und gesellschaftlich stigmatisiert. „Vor allem aber ist das Leben ohne sicheren Rückzugsraum gefährlich, gerade für Frauen.“

Auch Sara-Maria Unverzagt, Mitarbeiterin im Harburg Huus, hört von Besucherinnen der Notunterkunft immer wieder, „dass sie neben den generellen Risiken, welche ein Leben auf der Straße mit sich bringt, auch Übergriffigkeit, Gewalt und Frauenfeindlichkeit ausgesetzt sind.“

Also machen sie sich unsichtbar. Setzen sich zum Beispiel mit gepackten Koffern an den Flughafen. „Das ist ein beliebter Ort“, weiß die Frankfurterin Katrin Mönnighoff-Umstätter. „Dort ist es überdacht, es gibt sanitäre Anlagen und wenn man Gepäck dabeihat, sieht man eher aus wie eine Reisende als wie eine Obdachlose.“

Stella hat sich für ein Leben zwischen Notunterkunft und Straße entschieden – auch, weil sie nicht immer gute Erfahrungen in Hilfseinrichtungen machen durfte. Dort, wo sie als wohnungslose Frau im Stadtbild sichtbar wurde, wurde sie schnell wieder verjagt, sagt sie: „Es gibt Frauen, die haben eine feste Platte (der Ausdruck „Platte machen“ ist umgangssprachlich für ein Leben auf der Straße; Anm. d. Red.), wo sie sicher sind. Ich hatte das nicht, habe mich überall rumgetrieben auf der Suche nach einem Ort, wo ich mich ausruhen konnte. Doch ich konnte nirgendwo länger bleiben, wurde immer vertrieben.“ Das Schlimmste, erinnert sie sich, sei der daraus resultierende Schlafentzug. „In manchen Wochen hatte ich vielleicht drei Stunden Schlaf. Das zerrt auf Dauer an einem und es fühlt sich schrecklich an, als wäre man betrunken.“ Einmal sei sie in diesem Zustand benommen auf eine Straße getorkelt – und wäre fast von einem Auto angefahren worden.

Hilfseinrichtungen nur für Frauen – noch gibt es zu wenige

Für obdachlose Frauen existierten lange Zeit keine spezifischen Angebote – erst in den 1990er-Jahren wurde diese Gruppe, die in dieser Zeit anwuchs, langsam mitgedacht. Bis heute meiden viele weibliche Betroffene Gemeinschaftseinrichtungen. „Viele sagen: Das mache ich nicht“, bestätigt Katrin Mönnighoff-Umstätter. „Sie haben wirklich Angst. Die meisten Frauen, mit denen wir sprechen, haben Gewalt erlebt. Sexuelle Übergriffe. Das ist ein großes Thema.“

Ich habe obdachlose Frauen kennengelernt, die mit allen mitgegangen sind. Und dann sind sie irgendwann spurlos verschwunden.
Stella, lebte eineinhalb Jahre auf der Straße

Oft resultieren die Erfahrungen aus vermeintlich freundlichen Angeboten: eine Schlafmöglichkeit – für die im Gegenzug dann aber sexuelle Dienstleistungen eingefordert werden. Sara-Maria Unverzagt erinnert sich an eine Besucherin vom Harburg Huus, die sagte: „Wenn du als Frau auf der Straße bist, dann bist du in den Augen der anderen eine Prostituierte. Ob du das möchtest oder auch nicht.“

Auch Stella hat während ihrer Zeit in der Obdachlosigkeit anrüchige Angebote erhalten. Angenommen hat sie sie nie. „Ich habe Frauen kennengelernt, die mit allen mitgegangen sind“, erzählt sie. „Und dann sind sie irgendwann spurlos verschwunden.“

Für obdachlose Frauen sei es häufig schwieriger, die passenden Hilfsangebote zu finden, sagt Sara-Maria Unverzagt. Noch gebe es deutlich mehr Angebote für obdachlose Männer als Frauen, hinzu komme, dass man auf der Straße nur begrenzt Zugang zu Informationen habe. Das Harburg Huus stehe deshalb allen Menschen offen: „Wir beherbergen sowohl Frauen, Männer, als auch FLINT-Personen (d.h. Frauen, Lesben, intersexuelle, nicht-binäre und trans Personen; Anm. d. Red.), also Menschen, die trans sind oder sich weder als männlich noch als weiblich definieren“, erklärt Sara-Maria Unverzagt. Personen, die Gewalterfahrungen machen mussten, möchten die engagierten Mitarbeitenden trotz des gemischten Angebotes einen Schutzraum und Sicherheit bieten. „Durch die Vielfalt der Menschen, die bei uns im Huus ein und aus gehen, und natürlich auch durch die Vielfalt unserer Angebote, möchten wir unseren Gästen außerdem die Möglichkeit bieten, sich abseits von Geschlechterklischees oder Rollenbildern weiterzuentwickeln und neue Kompetenzen zu gewinnen“, sagt Sara-Maria Unverzagt.

Ein Projekt nur für Frauen bietet der Caritasverband für das Erzbistum Hamburg e.V. in Kooperation mit der Hochschule für angewandte Wissenschaften Hamburg an: Zehn Betroffene können dort je einen kleinen Container bewohnen und gleichzeitig Beratung und Unterstützung durch Studierende der Hochschule erhalten. Stella ist eine von ihnen. Die Container sind in Regenbogenfarben bemalt – ein Zeichen für Vielfalt, wie die ehrenamtlich engagierte Studentin Sandra erzählt: „Jede ist hier willkommen, die sich als Frau fühlt. Sie dürfen hier sein, wie sie sind. Diskriminierungsfreie Zone ist unser großes Oberthema.“ Zweimal am Tag sind die Studierenden für zwei Stunden im Projekt vor Ort, versorgen die Bewohnerinnen mit heißen Getränken, Essen – und haben immer ein offenes Ohr. „Oft kommen die Frauen vorbei, weil sie einfach das Bedürfnis nach sozialen Kontakten haben. Dann reden wir über dies und das, bauen manchmal auch ein freundschaftliches Verhältnis auf“, erzählt Studentin Lena, die ebenfalls im Projekt engagiert ist. „Nicht jede möchte sich öffnen“, ergänzt Sandra, „und das ist okay.“

Während ihrer Zeit auf der Straße kritzelte Stella immer wieder Notizen auf kleine Zettel. Seit sie im Containerprojekt lebt, hat sie endlich die Ruhe gefunden, ihre Erlebnisse und Gefühle ordentlich aufzuschreiben. Aus den einzelnen Notizen ist so inzwischen ein ganzes Manuskript geworden, aus dem sie uns drei Geschichten vorliest (diese findest du hier: Erinnerungen einer wohnungslosen Frau: „Alle sorgen sich um ihre Sicherheit – aber wer sorgt sich um meine?“). Am liebsten möchte Stella ihre Aufzeichnungen als Roman veröffentlichen, um auf die Schicksale und Probleme von obdachlosen Frauen aufmerksam zu machen.

Das Leben auf der Straße habe sie verändert, sagt sie, als sie das Blatt Papier, von dem sie gerade vorgelesen hat, auf den Stapel zurücklegt. „Ich war nie so selbstbewusst, wie in der Zeit, in der ich obdachlos war. Denn da interessiert es niemanden, ob du lebst oder stirbst.“

Themenwoche „Die Unsichtbaren: Wohnungslose Frauen“


Das Leben auf der Straße ist ein Kampf – für Männer und Frauen. Das berichteten uns in der Vergangenheit Johannes (Obdachlos – aber nicht würdelos!) und Dominik („Man hält sich selbst für Dreck“). Vom 08.-12. Februar 2021 beleuchten wir das Thema hier im Online-Magazin und auf unseren Social Media-Kanälen (Instagram, Facebook) nun aus der weiblichen Perspektive.

Als Soziallotterie fördern wir über die uns angeschlossene Stiftung Deutsches Hilfswerk vielfältige Hilfsprojekte in ganz Deutschland – darunter auch solche für obdachlose und wohnungslose Menschen. So konnten wir u.a. auch das Harburg Huus (Fördersumme: 94.000 Euro), das Projekt „Hannah – Wohnen für Frauen“ (Fördersumme: 100.000 Euro) und den GoBanyo-Duschbus (Fördersumme: 167.000 Euro) in ihrer wichtigen Arbeit unterstützen. Du möchtest uns dabei helfen, auch in Zukunft Projekte wie diese und viele weitere zu fördern? Das geht ganz einfach: mit einem Los!

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