Interview

Mit Demenz im Museum: Kunst und Geschichten für mehr Lebensqualität

Das DemenzNetz Oldenburg hat das Projekt „Aufgeweckte Kunstgeschichten – Mit Demenz Bilder neu entdecken“ in die niedersächische Stadt geholt. Es ermöglicht kulturelle Teilhabe von an Demenz erkrankten Personen und arbeitet mit der Methode „TimeSlips“.

Mutmacher
  • 20.09.2021
  • Autorin Katharina Hofmann
  • Lesezeit8 Min.

In Deutschland leben etwa 1,6 Millionen Menschen mit Demenz. Weltweit sind es rund 47 Millionen – und laut einer Studie dürften es in neun Jahren rund 40 Prozent mehr sein als heute. Früher oder später werden wir also alle mit der Erkrankung in Berührung kommen, ob direkt oder indirekt. Als Soziallotterie setzen wir uns als Akteur der Nationalen Demenzstrategie und mit unseren Förderungen u.a. dafür ein, dass Betroffene nicht stigmatisiert und ausgeschlossen werden, sondern ihnen die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben weiterhin möglich ist. Das DemenzNetz Oldenburg hat das von uns mit 13.000 Euro geförderte Projekt „Aufgeweckte Kunstgeschichten – Mit Demenz Bilder neu entdecken“ vor Ort initiiert, das an Demenz erkrankten Personen kulturelle Teilhabe ermöglicht und ihre Kreativität fördert. Die dabei angewandte Methode „TimeSlips“ stammt aus den USA und wird in Oldenburg und anderen deutschen Städten von der Initiative „Kultur trotzt Demenz“ unter der Leitung von Simone Weiss durchgeführt.

Deutsche Fernsehlotterie: Frau Weiss, was ist die „TimeSlips“-Methode?

Simone Weiss: TimeSlips bedeutet Zeitschnipsel und ist wie ein Ausschnitt einer kurzen Zeitreise in eine andere Welt, in die Vergangenheit. Die wissenschaftlich evaluierte Methode stammt aus den USA und ist dort als kognitive Therapie für Menschen mit dementieller Einschränkung anerkannt. Prof. Dr. Anne Davis Basting, deren Mutter selbst an Demenz litt, suchte als Theaterwissenschaftlerin nach Möglichkeiten der Aktivierung dieser Zielgruppe und entwickelte in den 1990er-Jahren diese Storytelling-Methode. Langsam kommt sie auch nach Europa und Deutschland.

Sechs ältere Menschen sitzen auf Stühlen und mit Masken in einem Museum vor einem großen Bild, auf dem ein Schiff im Sturm zu sehen ist. Eine Frau steht neben dem Bild, zeigt darauf und sagt etwas.

Deutsche Fernsehlotterie: Wie läuft ein Museumsbesuch für Menschen mit Demenz mit der „TimeSlips“-Methode ab?

Simone Weiss: Ausgangspunkt ist ein Kunstwerk, eine Abbildung, eine Postkarte oder in unserem Projekt ein Gemälde. Die Teilnehmenden werden von der Moderatorin auf Augenhöhe begrüßt, mit vollem Namen und Handschlag. Alle Mitwirkenden tragen ein gut lesbares Namensschild, denn das erleichtert die direkte und persönliche Kommunikation und bietet eine Gedächtnisstütze. Die Teilnehmenden setzen sich dann im Halbkreis vor das Gemälde, auf Lücke dahinter die Helfenden – sogenannte Echoer. Sie aktivieren die Teilnehmenden oder wiederholen leise Gesagtes.

Anhand des ausgewählten Gemäldes assoziieren die Teilnehmenden frei dazu eine Geschichte. Die ausgebildete Moderatorin regt die Fantasie mithilfe offener Fragen an. Was scheinbar zufällig geschieht, folgt einem bestimmten inneren Ablauf. Die Moderatorin lenkt den Erzählprozess, wiederholt Gesagtes und spiegelt es. Alles ist erlaubt und jede und jeder soll und darf zu Wort kommen. Manche beteiligen sich verbal andere nonverbal oder emotional. Einige tun es von sich aus, andere werden aufgefordert. Wichtig ist, dass am Ende jede Person etwas Konkretes zur Geschichte beigetragen hat. Dabei werden alle Sinne angeregt. Das bedeutet, dass wir nach Gerüchen, Geräuschen, Stimmungen und auch Liedassoziationen fragen. Eine Schreiberin notiert alles, was gesagt wird, wortwörtlich.

Nach und nach verdichtet sich das Gesagte zu einer Geschichte. Am Ende wird dazu ein Titel gefunden und die komplette Geschichte wird vom Schreiber noch einmal vorgelesen. Alle applaudieren, denn es macht Freude, kreativ zu sein. Und gleichzeitig setzen wir mit dem Applaus ein Zeichen: Es bedeutet, dass der Prozess des Geschichtenerfindens nun zu Ende ist.

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Deutsche Fernsehlotterie: Welche Werke eignen sich für die Führung für Menschen mit Demenz?

Simone Weiss: Die Bilder müssen eine Geschichte enthalten. Es sollten mindestens zwei Personen oder Lebewesen darauf mit einer einladenden Umgebung abgebildet sein. Auch museale Gegenstände wie ein besonders schöner Schrank, ein Herd oder ein Friseursalon oder gar ein Ballettkleid eignen sich für eine Geschichte. Hier sollte die Moderatorin selbst dazu eine Idee haben und sich vorher Fragen notieren. Dennoch muss sie sich durch die Assoziation der Teilnehmenden leiten lassen und nicht durch ihre Geschichte.

Deutsche Fernsehlotterie: Welche Werke eignen sich eher nicht?

Simone Weiss: Abstrakte Bilder eignen sich nicht so gut für diese Zielgruppe, es sei denn, es sind Gegenstände erkennbar. Bilder, auf denen mehr als acht Personen zu sehen sind, eignen sich ebenfalls nicht gut – zu viele Menschen sind verwirrend für das Auge und überfordert sowohl die Teilnehmenden als auch die Moderatorin. Es sei denn, man kann diese Personen als Gruppe zusammenfassen, also zum Beispiel als Soldaten. Hier sind dann aber unbedingt Hauptpersonen zu benennen, auf denen das Augenmerk liegt.

Deutsche Fernsehlotterie: Für welche Menschen ist dieses Angebot geeignet?

Simone Weiss: Erforscht ist die „TimeSlips“-Methode für Menschen mit beginnender und mittelgradiger Demenz. Je früher man damit beginnt, umso besser ist es für die Teilnehmenden. Sie können dadurch Sicherheit in Ort und Raum gewinnen und Beziehungen aufbauen. Die Methode kann im Museum, aber auch zu Hause oder in der Senioreneinrichtung – zum Beispiel mit Postkarten – durchgeführt werden. Dabei ist eine regelmäßige Durchführung, etwa einmal pro Woche, wichtig.

Kunst, Kultur und Musik können für Menschen mit Demenz Schlüssel zur emotionalen Welt, zur Stärkung des Selbstwertgefühls und der Lebensqualität sein. Das DemenzNetz Oldenburg veranstaltet, mithilfe von 13.000 Euro Förderung durch die uns angeschlossene Stiftung Deutsches Hilfswerk, im Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg die Reihe „Aufgeweckte Kunstgeschichten: Mit Demenz Bilder neu entdecken“.

Durchgeführt wird das Projekt von der Initiative „Kultur trotzt Demenz“ unter der Leitung von Diplom Sozialpädagogin und Gestalttherapeutin Simone Weiss, die in Deutschland die dritte von inzwischen fünf zertifizierten TimeSlips-Moderatorinnen war (Informationen zur Zertifizierung findet man unter www.timeslips.org). Das Team besteht weiter aus drei ehrenamtlichen Assistent*innen. Hinzu kommen Auszubildende für die Altenpflege von zwei Berufsschulen sowie Tagesbegleiter*innen aus den teilnehmenden Einrichtungen. Von den umfangreichen Erfahrungen, die Simone Weiss als TimeSlips-Moderatorin seit 2015 u.a. am Städtischen Museum und am Herzog Anton Ulrich-Museum in Braunschweig sammelt, profitieren seit 2020 nun auch die Seniorinnen und Senioren, die am Projekt des DemenzNetz Oldenburg teilnehmen.


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Deutsche Fernsehlotterie: Wie wirkt sich das Projekt auf die Lebensqualität Betroffener aus?

Simone Weiss: Ab etwa der vierten Sitzung können wir beobachten, dass die Vorfreude der Teilnehmenden aufs Museum, neue Eindrücke und vertraute Gemeinschaft schon im Taxi losgeht. Sie laufen fröhlich in die Gemäldegalerie hinein, werden von den Mitarbeitenden des Museums herzlich willkommen geheißen und begegnen auf ihrem Weg zum Stuhlkreis Gemälden, zu denen sie schon einmal eine Geschichte entwickelt haben. Der Ablauf ist ihnen nun vertraut, das gibt Sicherheit. Alle von ihnen bringen sich aktiv ein, das heißt, am Ende ist von allen Teilnehmenden etwas Persönliches in der Geschichte erhalten. Auch wenn manche nur Nicken können – so wird das vom Moderator benannt, zum Beispiel durch „Frau Müller findet das auch, das kann ich sehen“. Und das wird alles notiert. Es ist wie ein buntes Mosaik, das entsteht. Beim Geschichtenerfinden assoziieren die Teilnehmenden frei, sie erfinden also wirklich etwas, und daneben assoziieren sie auch biografisch, also aus ihren Erfahrungen heraus.

Deutsche Fernsehlotterie: Nach Ende der „TimeSlips“-Methode – mit dem Applaus nach Vorlesen der entstandenen Geschichte – Endet das Zusammensein der Teilnehmenden aber noch nicht: Im anschließenden Erzählcafé findet zusätzlich Biografiearbeit statt. Wie kann man sich das vorstellen?

Simone Weiss: Gemeinsam mit den Teilnehmenden wird ein Thema, das sich aus dem Geschichtenerfinden oder dem Gemälde herausschält, vorgeschlagen für das Erzählcafé. Nach dem Kaffeetrinken wird in Kleingruppen dieses Thema dann besprochen. Dazu sitzen immer Menschen aus drei Generationen zusammen: unsere Auszubildenden (25+) mit einem vom Team oder begleitenden Dienst (50+) und den Teilnehmenden (70-95). Ein Beispiel: Beim Thema Heiratsantrag gab es inhaltlich große Unterschiede in den Berichten. So wünschte sich eine Auszubildende unbedingt den Kniefall und den Brillantring und hatte romantische Vorstellungen vom Heiratsantrag. Eine Teilnehmerin erzählte von ihrem Heiratsantrag in der Kriegszeit, wo ein Mann mit einer Schale Aprikosen die Braut und die Familie beglücken konnte und ihr Herz gewann. Aus dem Team berichtete eine Frau vom Kennenlernen ihres Mannes über das Internet. Allen gemeinsam war der Wunsch einer christlichen Trauung in einer Kirche.

Jede Generation hinterlässt ihren Abdruck und hat ihre eigenen Geschichten. Dieses Kennenlernen anhand von selbstgewählten und immer neuen Themen ist inspirierend, erfüllend und schweißt zusammen. Es entsteht dadurch eine große Vertrautheit und Tiefe. Auch Teilnehmende mit Gedächtnisproblemen oder Wortfindungsstörungen fühlen sich wohl, weil sie von diesem Austausch emotional profitieren.

Deutsche Fernsehlotterie: Wie wirkt sich die Biografiearbeit auf Menschen mit Demenz aus?

Simone Weiss: In diesem Teil unserer Arbeit kommt das Wissen der durchschnittlich 85 Jahre alten Teilnehmenden zum Tragen. Wissen über Technik, Stoffe, Blumen, Rezepte, Gerüche, Musik und so weiter. Hier gibt der ältere Mensch, der häufig in Distanz zu seinen Kindern und Enkelkindern lebt, sein Wissen an zwei Generationen weiter. Prof. Dr. Anne Davis Basting nennt diesen Prozess die neue soziale Rolle, in die die Teilnehmenden kommen. Das macht sie so zufrieden: Sie und wir alle werden gebraucht, mit den individuellen Fähigkeiten. Wenn wir etwas Sinnhaftes tun in ansprechender Umgebung und mit anregenden Gesprächen, steigt die Lebensqualität und wir fühlen uns wohl. Die Aufgabe der Moderatorin ist, die Gemälde entsprechend verschiedener Inhalte auszusuchen, sodass alle Teilnehmenden ihre individuelle Ressource nutzen können.

In einem opulent ausgestatteten Museumsraum stehen mehrere ältere Menschen zusammen und unterhalten sich. Die Menschen tragen einen Mund-Nasen-Schutz.

Deutsche Fernsehlotterie: Auch die nicht von Demenz betroffenen Teilnehmenden profitieren also durch die Gespräche von dem Projekt?

Simone Weiss: Absolut. Wenn ein Mensch 90 Jahre alt ist, geht sein Wissen so weit zurück wie die Urgroßeltern, die er oder sie noch erlebt hat – also bis zum Ende des 18. Jahrhunderts. Mein Urgroßvater etwa ist 1898 geboren. Ich habe die Reichsmark von ihm in der Hand gehabt. Die Generation der Auszubildenden kennt diese nicht mehr. Manche der Teilnehmenden haben zwei, drei Währungsunionen miterlebt.

Aber auch andersherum geschieht das Lernen im Erzählcafé: Beim Thema Reisen stellten viele fest, dass unsere Teilnehmenden eher wohnortsgebunden aufgewachsen sind und eine Fahrt in die nächste Stadt schon einen Höhepunkt darstellte, während die junge Generation häufig schon als Kinder ihre erste Flugreise erleben oder spätestens im Studium ein Auslandssemester anstreben.

Deutsche Fernsehlotterie: Gibt es wissenschaftliche Erkenntnisse über die Wirkung von der „TimeSlips“-Methode bei Museumsbesuchen auf Menschen mit Demenz?

Simone Weiss: Es gibt inzwischen viele verschiedene Forschungsergebnisse aus den USA und Kanada. So wurde bei einer Studie, die in Pennsylvania durchgeführt wurde, festgestellt, dass durch TimeSlips bei Menschen mit Demenz die Kreativität wiederbelebt wurde und wuchs, dass sich die Lebensqualität steigerte, sich das Gesamtverhalten verbesserte und die Personen ausgeglichener waren. Weiter konnte man beobachten, dass sich die Teilnehmenden auf das Angebot freuten, emotional aktiv beteiligt waren und weniger unter Stimmungsschwankungen zu leiden hatten. Sie benötigten außerdem kaum Schmerz- und Einschlafmedikamente, begrüßten sich untereinander öfter als die Kontrollgruppe, für die es Angebote wie Gymnastik und Gedächtnistraining gab.

Es gibt eine weitere Studie, die die in Altenpflegeheimen tätigen Pflegekräfte im Fokus hat. Hier traten als Ergebnisse unter anderem zu Tage, dass das Einfühlungsvermögen bei den Mitarbeitenden gegenüber den Teilnehmenden stieg, sie eine positivere Sicht über die Teilnehmenden und das Phänomen Demenz hatten, das Engagement, sich aktiv einzubringen, anstieg und die Qualität und Quantität der vom Personal angebotenen Interaktionen für Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen stieg. Auch gab es kaum Krankentage und die Arbeitsfreude an den Tagen, an denen TimeSlips durchgeführt wurde, war sehr hoch.

All das konnten wir auch beobachten. Unsere Erfahrung aus dem Jahr 2017 haben wir in filmischen Interviews festgehalten (hier findest du das Video, Anm. d. Red.).

Als Soziallotterie und Akteur der Nationalen Demenzstrategie sind auch wir Partner der „Woche der Demenz“ und möchten in dieser auf das wichtige Thema Demenz aufmerksam machen. In unserem Online-Magazin, auf unseren Social Media-Kanälen und in unserer Gewinnzahlenbekanntgabe im TV folgen wir in dieser Woche dem Motto der Demenz-Woche „Demenz – Genau hinsehen!“. Erfahre hier mehr über weitere Demenz-Projekte und warum das Engagement für Betroffene und Angehörige auch mit Blick auf die Zukunft so wichtig ist.

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