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Interview

Einsamkeit in der Corona-Krise

„In Würde teilhaben“ setzt sich für einsame Senior*innen ein. Wie hat Corona die Arbeit verändert? Und wie können Nachbar*innen helfen, Einsamkeit entgegenzuwirken?
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Miteinander im ViertelMiteinander im Viertel
Interview

„Der Dialog zwischen Generationen ist die einzige Möglichkeit, die Sichtweise des jeweils anderen kennenzulernen und zu verstehen“

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Reportage

80 Jahre Altersunterschied, doch das Lachen ist das Gleiche

Die Älteren gehen zur Tagespflege, die Kids in die Kita? Es geht auch anders: In Arrach treffen Jung und Alt zusammen – mit Dreirad-Rennen.

Dialog der Generationen
  • 09.08.2019
  • Autorin Franziska Grillmeier
  • Fotograf Jan Ehlers
  • Lesezeit7 Min.

Mitten im Zentrum von Arrach, einem Luftkurort im Bayerischen Wald, liegt das helle Gebäude der Seniorentagespflege gleich neben der Kita. Während zwölf Seniorinnen und Senioren hier ihren Tag miteinander verbringen, spielen Kita-Kinder im Haus nebenan. Jeden Montag kommen Jung und Alt für gemeinsame Aktivitäten zusammen. Sie treffen sich im Gemeinschaftsraum der Seniorentagespflege, in der Bastelstube der Kita, oder wie an diesem warmen Montagvormittag, im gemeinsamen Garten.

„Zum Tratschen haben wir später noch Zeit“, sagt Maria Seidl zu ihrer Freundin Marianne, „jetzt muss ich mich konzentrieren“. Die beiden älteren Damen sitzen schon in einem Stuhl vor einem großen, regenbogenfarbenen Schwungtuch im Garten der Seniorentagespflege. Noch liegt es wie ein platt gedrücktes Zirkuszelt auf dem Rasen. Doch das wird sich bald ändern. Lachend kommen Kinder zum Tuch gelaufen, heben jeweils eine Schlaufe am Rand des Tuches auf und blinzeln der Sonne entgegen.

Auch Frau Seidls Urenkelin Lena kommt aus der Tür der Kita gelaufen. Sie stellt sich neben ihre Urgroßmutter, die heute ein farbenfrohes Sonnenblumenkleid trägt. Während Maria Seidl zweimal in der Woche die Seniorentagepflege besucht, geht Lena jeden Tag in die Kita nebenan. „Das ist doch einmalig, wenn man so viel Zeit mit der eigenen Urenkelin verbringen kann“, sagt Frau Seidl.

Die Augen der Senioren werden viel wacher, sie können Schmerzen und Sorgen zur Seite drängen und die Kinder lernen auf die Älteren in unserer Gesellschaft Rücksicht zu nehmen und auch ihre Welt zu verstehen.
– Yvonne Luithardt, Leiterin der Tagespflege Arrach

„Guten Morgen“, sagt Lena leise zu der 81-jährigen Marianne Meracher neben ihr. Sie ist die beste Freundin ihrer Urgroßmutter Maria Seidl in der Tagespflege. Frau Meracher tätschelt ihr wohlwollend auf die Hand, dann rückt Lena ihr Käppi zurecht und schaut wie der Rest der Gruppe gespannt auf die Kinderbetreuerin Nicole Meindl. Es ist ganz leise geworden in der Gruppe. Duzende große und kleine Hände halten gespannt das Tuch fest, das sie alle zusammen in die Höhe schwingen werden, um einen Ball immer wieder in die Mitte des Tuches zurück zu bugsieren. Dann fliegt der Ball auch schon in den hellblauen Himmel und saust zurück auf das Tuch.

Foto: Senioren und Kinder stehen um ein Schwungtuch, das sie festhalten, in der Mitte ist ein großer Ball.
Foto: Ein junges Mädchen und eine ältere Frau stehen nebeneinander
Foto: Ein junges Mädchen hält eine Schlaufe des Schwungtuchs, das hoch über ihrem Kopf ist. Neben ihr steht eine Frau, deren Kopf durch das Schwungtuch verdeckt wird.

Das Seniorentagesheim Arrach und die Kita, die beide durch den Kreisverband Cham des Bayerischen Roten Kreuzes betrieben werden, teilen sich den großen Garten, auf dem Kastanienbäume und Apfelbäume blühen. In einem Hochbeet neben dem Spielplatz wachsen Zuckerbohnen und Sonnenblumen. Die bodentiefen Fenster beider Einrichtungen geben einen ständigen Blick auf das Treiben in beiden Häusern frei. So schauen die Älteren auf die Kinder und die Jüngeren drücken manchmal die Nase an die großen Scheiben und schauen den Seniorinnen und Senioren beim Gemüseschneiden fürs Mittagessen oder beim Zeitunglesen zu.

Schmerzen und Sorgen für ein paar Stunden vergessen

„Jetzt kommen noch zwei kleine Bälle dazu“, sagt Meindl. Der 85-jährige Adolf Mühlbauer rutscht mit seinem Stuhl noch ein paar Zentimeter näher an das Tuch heran. Es wird wieder ruhig. Dann springen die beiden grünen Bälle, viel kleiner als der erste Ball, blitzschnell zwischen den Farben des Tuchs in die Höhe. „Schau Lena, es geht auch mit einem Arm“, sagt Frau Seidl lachend zu ihrer Urenkelin und schwingt zur Bekräftigung mit dem Tuch. Sie hat sich vor kurzer Zeit den Arm gebrochen. „Da ist man umso glücklicher den zweiten zu haben“, sagt sie. Die Bälle purzeln immer schneller von einem Rand zum nächsten. Auch Frau Meracher schüttelt immer schneller das Tuch. Julian und Luis neben ihr hüpfen wie die Bälle selbst auf dem Rasen auf und ab. Die beiden Kitabesucher sind um die achtzig Jahre jünger. Doch das Lachen der drei unterscheidet sich kaum.

Foto: Senioren und Kinder stehen um ein Schwungtuch, das sie festhalten.

Jeden Montagvormittag nehmen sich die Kita-Kinder und Seniorentagesheimbesucher füreinander Zeit. Sie singen zusammen, basteln oder erzählen sich Geschichten. Manchmal aus dem Leben, manchmal aus der Phantasie. „Wir wollen, dass die Kinder sehen, dass die Senioren auf uns angewiesen sind und wir auf sie“ sagt Nicole Meindl. Die Kinder sind hilfsbereit, zeigen den Seniorinnen und Senioren mit großer Geduld was sie können und lernen Rücksicht zu nehmen.

Manchmal ist auch, wie heute, Gartenarbeit dran. Und jeder darf einmal die Gießkanne über die Zuckerschoten halten. Dabei bleiben, wie bei dem Schwungtuchspiel, die Dreiräder für eine Weile unbeachtet neben der Kita liegen. Keiner streitet sich, keiner schreit herum und die Seniorinnen und Senioren vergessen für einen Vormittag ihre Befindlichkeiten.

Foto: Ein junges Mädchen gießt Blumen, eine alte Frau steht daneben und lächelt

„Genau das ist es, was wir erreichen wollen“, sagt Yvonne Luithardt. Sie ist die Leiterin der Tagespflegeeinrichtung. „Die Augen der Senioren werden viel wacher, sie können Schmerzen und Sorgen zur Seite drängen und die Kinder lernen auf die Älteren in unserer Gesellschaft Rücksicht zu nehmen und auch ihre Welt zu verstehen.“  Im Mai 2018 ist der helle Bau zwischen den grünen Hügeln des Bayerischen Waldes fertiggestellt worden. Seitdem kommen täglich bis zu zwölf Seniorinnen und Senioren in das Tagesheim. Ein kleiner Bus bringt sie jeden Morgen von den umliegenden Ortschaften in das grüne Herz von Arrach.

Foto: Eine alte Frau sitzt auf einem Stuhl und lächelt, vor ihr ist ein Schwungtuch

Die Kita gibt es schon seit 2013. „Da wollten wir uns auch um ein Angebot für die Senioren der Gemeinde bemühen“, sagt Luithardt. Immer mehr Familien sind mit der ganztägigen Pflege ihrer ältesten Familienmitglieder überfordert, wollen sie jedoch auch nicht in das Seniorenheim geben. Da ist die Tagespflege die schönste Alternative. Vor allem in einer Gemeinde, in der sich noch viele Ältere von der Schulbank kennen. „Die Senioren leben hier wie in einer Wohngemeinschaft zusammen“, sagt Luithardt. „Sie verbringen den Tag zusammen, kochen und können zwischendurch einfach entspannen. Sie bleiben damit Teil der Gemeinschaft und werden nicht einfach an den Rand gedrängt.“

Zurück im Garten steht Frau Seidl auf einmal abrupt von ihrem Stuhl auf und läuft kichernd unter dem Tuch hindurch. „So schnell war ich schon lange nicht mehr“, sagt sie etwas außer Atem, als sie auf der anderen Seite des Tuchs wieder auftaucht. Danach rennen Julian und Lena quietschend unter dem Tuch hindurch. Herr Mühlbauer lacht. „Ich habe selbst sechs Kinder großgezogen“, sagt der 85-Jährige. „Da freut man sich mit, wenn die Kinder einen solchen Spaß haben.“ Mit der rechten Hand hält er das Tuch, mit der linken stützt er sich immer wieder auf seiner Jeans ab – wenn der Ball zu entwischen droht, beugt er sich vor. Auch die kleinste Bewegung erfordert für ihn Konzentration.

Foto: Ein Mann und eine alte Frau laufen gebückt unter dem Schwungtuch durch
Foto: Mehrere Kinder laufen wild unter einem Schwungtuch durch
Foto: Ein kleiner Junge schaut in die Kamera

Nachdem das Tuch wieder in sich zusammengefallen auf dem Rasen liegt, bleiben noch ein paar Seniorinnen und Senioren sitzen. Andere schenken sich eine Apfelschorle ein oder plaudern noch ein bisschen mit den Kindern. Auch Lena bleibt stehen und schaut interessiert in die Runde. Sie wundert sich, dass alle ihre Urgroßmutter hier „Frau Seidl“ nennen. Für sie ist sie nur: „die Uroma“. Sie winkt kurz, dann läuft sie mit den anderen Kindern auf den Spielplatz.

Das innere Kind wecken

Vor ihrem Schlaganfall, erzählt Frau Seidl, baute sie noch mit ihren Enkeln einen Ofen aus Ziegelsteinen und sowieso freuten sich immer alle darauf, mit ihr Serviettenknödel zu rollen. „Es ist das Wichtigste in der Erziehung, Kinder ernst zu nehmen“, sagt sie. „Man bleibt ja auch immer selbst ein bisschen Kind“. Eine Seniorin soll sich schon ein Dreirad mit Anhänger geschnappt haben und bis zu dem Blumenbeet vorgeradelt sein. Daran erinnert sich nicht nur Frau Seidl, sondern auch Frau Luithardt von der Tagespflege vergnügt.

Foto: Zwei alte Frauen und ein junges Mädchen sitzen auf einer Bank und lächeln

„Wir haben schon eine rechte Gaudi“, sagt Frau Seidl und pufft ihre Freundin Marianne mit dem Ellbogen an. „Immer einen neuen Witz parat.“ Während Frau Seidl und Frau Mehrbacher sich noch zu Lena und den anderen Kindern zum Zuckerschoten gießen gesellen, deckt der Rest der Seniorengruppe schon den Tisch auf. Heute gibt es Bratwürste mit Sauerkraut.

Beim Essen schauen die Seniorinnen und Senioren durch die großen Fenster auf die Kinder, die jetzt ein wildes Dreiradrennen im Garten veranstalten. Danach wird es immer ruhiger in der Stube. Nach dem umtriebigen Vormittag legen sich die Älteren nun ein wenig hin. Auch die Kinder sind wieder in der Kita. Nur Herr Mühlbauers Gehstock lehnt noch immer am Gartenstuhl. Er hat ihn nach dem Schwungtuchspiel ganz vergessen.

Foto: Ein alter Mann schaut in die Kamera und lacht

Als Soziallotterie liegt uns das Miteinander aller Generationen am Herzen. Wir wünschen uns, dass auch pflegebedürftige ältere Menschen weiterhin soziale Teilhabe genießen können – zum Beispiel in der Interaktion mit Kindern. Der Austausch, der hier stattfindet, macht beiden Seiten Spaß und ist unheimlich wertvoll. Wir freuen uns, dass wir mit einer Förderung von 13.400 Euro dazu beitragen konnten, die Tagespflege des Bayerischen Roten Kreuzes in Arrach auszustatten. 

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