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Könntest Du mir bitte ein Kamel reichen?

Auf dem Weg zur Arbeit sah unsere Autorin im Bus jeden Morgen dieselbe Anzeige – für einen Gebärdensprachkurs. „Warum eigentlich nicht?“, fragte sie sich daraufhin und schnupperte in eine Unterrichtsstunde hinein. Weshalb sie am Anfang am liebsten weggelaufen wäre, vor welchen Herausforderungen gehörlose Menschen im Alltag stehen und was ein Kamel damit zu tun hat? Ein Erfahrungsbericht.

„Hallo, ich suche…“, starte ich meine Unterhaltung – und merke schnell: Damit komme ich nicht weit. Denn ich stehe im Büro des Gehörlosenverbandes Hamburg und die Mitarbeiterin, die mich freundlich empfangen hat, kann meine Worte nicht verstehen. Etwas verunsichert und hilflos versuche ich ihr mein Anliegen mitzuteilen: Ich suche den Seminarraum, in dem heute Abend der Gebärdensprachkurs stattfindet. Zum Glück ist sie geübt im Umgang mit Menschen wie mir – Menschen, die vorher noch nie einer gehörlosen Person gegenüberstanden und plötzlich nicht mehr wissen, wie sie sich ausdrücken können.

Den Weg zum Seminarraum finde ich dank ihrer schnellen Hilfe dann problemlos. Dort trifft Dozentin Ina Warnke an ihrem Computer gerade die letzten Vorbereitungen für die Lehrstunde. Ich winke schüchtern, sie begrüßt mich mit einer freundlichen Handbewegung. Und dann weiß ich schon wieder nicht weiter: Wie sage ich ihr, dass ich die Redakteurin bin, die heute in ihren Kurs hereinschnuppern möchte? Ich versuche es mit Handzeichen, schreibe etwas auf einen imaginären Block in meiner Hand – und habe den heimlichen Drang, wegzulaufen. Dieser mir unangenehmen Situation zu entfliehen. Genau in diesem Moment betritt Maren Schmidt den Raum. Sie ist Dolmetscherin und hilft mir bei der Kommunikation. Als ich später erfahre, dass Warnke – wie viele Gehörlose – Lippen lesen kann, schäme ich mich ein bisschen für meine Unbeholfenheit.

Gestik und Mimik gehören bei der Kommunikation mit Gehörlosen unbedingt dazu.
Ina Warnke, Gebärdensprachkursleiterin beim Gehörlosenverband Hamburg

Als Hörende bin ich damit in Deutschland nicht alleine: Hier kommen nur wenige mit der Gebärdensprache in Kontakt, wenn es nicht unbedingt im Familien- oder Freundeskreis eine Person gibt, die taub ist. In den USA ist das anders, auch das ist ein Fakt, den ich heute lerne. Dort könnten viele Hörende gebärden, erklärt Warnke. Sie lernten dies, so die Dozentin, bereits in der Schule – wie eine Fremdsprache. In einigen Hamburger Schulen gäbe es Gebärdensprache inzwischen auch als Wahlpflichtfach. Etwas, das es nach Warnkes Ansicht an jeder Schule geben sollte. Und ja, ich stimme ihr zu.

Ich habe mir vorher nie Gedanken darüber gemacht, Gebärdensprache zu lernen. Durch eine Anzeige im Bus, mit dem ich jeden Morgen zur Arbeit fahre, bin ich überhaupt erst darauf aufmerksam geworden – und neugierig. Nun sitze ich also hier mit fünf weiteren Kursteilnehmerinnen und bin gespannt, was mich, den absoluten Neuling, erwartet. Heute geht es um die richtige Kommunikation mit Gehörlosen.

Wenn die Gabel zum Kamel wird

„Was denkt ihr, wie viel kann man allein von den Lippen ablesen?“, übersetzt Schmidt die Frage der Dozentin. Die Teilnehmerinnen raten: „Zehn Prozent?“ – alles, was sie sagen, gibt die Dolmetscherin in Gebärdensprache wieder. Warnke lächelt und antwortet: Es sind tatsächlich rund 30 Prozent. Der Projektor zeigt hinter ihr ein Bild, auf dem die Wörter Gabel und Kamel stehen. Warnke erklärt: „Mundbilder sind zum Teil sehr ähnlich, so wie diese beiden Wörter. Daher gehören Gestik und Mimik auch unbedingt zur Kommunikation dazu – Gehörlose sind sehr schnell im Kombinieren.“ Ich forme lautlos die beiden Worte. Tatsächlich: Mein Mund macht exakt dieselben Bewegungen! Allein im Gaumen passiert etwas anderes, was ein mir gegenüberstehender Mensch natürlich nicht sehen kann.

Seit über 20 Jahren arbeitet Ina Warnke an der Gebärdensprachschule im Gehörlosenverband Hamburg und der Universität Hamburg, gibt Wochenend- und Abendkurse und auch privaten Unterricht. Hauptberuflich ist die gelernte Technische Zeichnerin als Konstrukteurin bei einem Flugzeughersteller angestellt. Sie wuchs gehörlos auf, mit gehörlosen Eltern und einem gehörlosen Bruder. „Jeder bringt andere Voraussetzungen mit“, gebärdet sie. „Kinder, deren Eltern sprechen, müssen zum Beispiel schneller das Mundablesen lernen – ich habe mich damit erst in der Schule beschäftigt und es fiel mir sehr schwer.“

Ich habe normalerweise keinen Kontakt zu Gehörlosen. Das ist für mich eine ganz neue und spannende Welt.
Teilnehmerin des Gebärdensprachkurses

In der nächsten halben Stunde gibt sie weitere Tipps, wie die Kommunikation zwischen Hörendem und Gehörlosem klappen kann: Das Gesicht sollte am besten auf gleicher Höhe und der Mund frei sein. Ein Vollbart, eine Zigarette im Mundwinkel oder auch ein Kaugummi stören beim Ablesen sehr. „Jemand, der mit mir spricht, muss vor mir stehen, kurz warten und erst dann reden“, so die Dozentin. Gehörlose übersetzen die Lautsprache im Kopf in Deutsche Gebärdensprache (kurz: DGS), die kürzer ist und eine andere Grammatik hat als die gesprochene Sprache. So ähnlich, als wenn man eine Fremdsprache hört und im Kopf übersetzt. „Wichtig ist es daher, langsam zu sprechen und Pausen zu machen“, erklärt Warnke.

Eine Brücke zwischen den Welten

„Ich finde es wahnsinnig spannend, das zu lernen“, sagt eine der fünf Kursteilnehmerinnen begeistert. Sie alle sind aus unterschiedlichen Gründen hier: Die einen standen im Beruf plötzlich vor denselben Herausforderungen wie ich heute. Andere haben Bekannte, die gehörlos sind. Und für einige ist es pure Neugier. Bisher haben die Teilnehmerinnen ein paar Gebärden und das Fingeralphabet gelernt, eine Dolmetscherin ist zum ersten Mal dabei. „Ich habe normalerweise keinen Kontakt zu Gehörlosen“, erzählt die Teilnehmerin weiter. „Das ist für mich eine ganz neue Welt.“ Warnke nickt lächelnd und gebärdet: „Wir versuchen hier, eine Brücke zu bauen. Sodass du in meine Welt, aber ich auch in eure Welt eintauchen kann. Die Hörenden können die DGS lernen, während die Gehörlosen das Hören nicht erlerenen können. Daher ist es wichtig, dass beide zueinander finden und in die verschiedenen Kulturen Einblicke erhalten.“

Im Alltag stört es mich, wenn zum Beispiel im Nahverkehr Gleiswechsel oder Ähnliches nur über Lautsprecher durchgesagt werden.
Ina Warnke, Gebärdensprachkursleiterin beim Gehörlosenverband Hamburg

Nach der Theorie dürfen die Kursteilnehmerinnen Fragen stellen. Sie alle nutzen diese Chance: „Wie viel verstehst Du von einem Lied?“, fragt eine. Warnke antwortet, dass sie keinen Bezug zu Musik und Songtexten hat. „Wie denkst Du?“, fragt eine andere. „In Gebärden oder Bildern“, lautet Warnkes Antwort. „Gibt es eine Jugendsprache?“, fragt die nächste. Warnke nickt eifrig: „Die gibt es auch in Gebärdensprache, klar. Da muss ich oft nachfragen: Was heißt das denn?“ „Wie war das bei Deiner Führerscheinprüfung?“, ist eine weitere Frage. Warnke erklärt, dass sie ganz normal zur Fahrschule gegangen sei, so wie Hörende auch. „Aber was ist mit dem Krankenwagen?“, wird sie gefragt. Das Blinken sehe sie sehr schnell im Spiegel, erklärt die Dozentin. Es gebe Studien, die sagen, dass Gehörlose besser Autofahren würden als Hörende, da ihr Blickfeld größer sei.

„Was stört Dich im Alltag?“, ist die letzte Frage. Warnke holt Luft und lacht: vieles! Der öffentliche Verkehr, zum Beispiel. Oft, so Warnke, würden Gleiswechsel nur über die Lautsprecher angesagt. Oder auch das frühzeitige Ende einer Fahrt in einer U-Bahn. Einmal sei ihr das tatsächlich passiert, mit einer Freundin, mit der sie in ein Gespräch vertieft war. Erst, als die Bahn aufs Abstellgleis im dunklen Tunnel gefahren wurde, fiel den beiden auf, dass die Fahrt vorzeitig beendet worden war.

Viele Eindrücke, eine Erkenntnis

Nach vielen, vielen Fragen ist der Kurs schließlich vorbei. Und ich bin richtig platt – aber nicht mehr so unbeholfen, wie ich es am Anfang war. Ich stehe auf, gehe auf Warnke zu und stelle mich vor sie, um mich zu bedanken und zu verabschieden. Obwohl die Dolmetscherin dabei ist, die meine Worte übersetzt, versuche ich trotzdem alle Tipps umzusetzen: Ich spreche langsam, ich mache Pausen. Ein bisschen fällt es mir schwer, denn normalerweise rede ich sehr schnell. Es fühlt sich ungewohnt an. Aber auch sehr gut. Ich habe heute eine Welt kennengelernt, die mir vorher vollkommen fremd war. Eine Welt, in der ich mich unsicher und zunächst unwohl gefühlt habe. Ich habe gelernt, dass es Warnke und anderen Gehörlosen mit meiner Welt ganz ähnlich geht. Tatsächlich konnte ich heute eine Brücke zu diesen beiden Welten aufbauen – auch, wenn ich die Gebärdensprache nicht verstehe. Das muss ich auch nicht, um ein besseres Verständnis für Gehörlose zu haben. Und um sowohl ihnen als auch mir statt der Unsicherheit im Umgang miteinander ein entspanntes Gefühl zu geben.

Die Deutsche Fernsehlotterie

Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, das solidarische Miteinander in Deutschland zu stärken. Dabei ist es besonders wichtig, dass Menschen Brücken bauen, mehr Verständnis füreinander entwickeln und trotz möglicher Unterschiede eine feste Gemeinschaft bilden. Deshalb fördern wir auch viele unterschiedliche Projekte, für Kinder, Jugendliche, Familien, Senioren und Menschen mit Behinderung oder schwerer Erkrankung.

Ein Gebärdensprachkurs ist eine Möglichkeit, sich weiterzubilden und als Hörender eine andere Welt kennenzulernen. In dieser Form entspricht er zwar nicht unseren Förderkriterien, doch wir freuen uns sehr, dass Interessierten dieses Angebot zur Verfügung steht.

Du möchtest noch mehr über die Deutsche Gebärdensprache erfahren? Dann sieh Dir doch auch das Video von YouTuber AlexiBexi an: Er besuchte im letzten Jahr eine von uns geförderte Einrichtung für Gehörlose und traf dort unter anderem eine junge Gebärdensprachdolmetscherin.

Miteinander im Viertel

Autorin

Katharina Hofmann

Fotograf

Deutsche Fernsehlotterie

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