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Jung und queer: „Die Angst vor dem Coming-out ist groß“

Ulrike Hirn vom Mädchen*treff e.V. in Tübingen erzählt im Interview, warum junge Menschen aus der LSBTI*-Community auch heutzutage oft noch große Angst vor dem Coming-out haben – und was sich deshalb in unserer Gesellschaft ändern muss.

„Wir wollen zeigen, dass Vielfalt eine Bereicherung für alle ist“, sagt Ulrike Hirn. Sie arbeitet beim Mädchen*treff e.V. in Tübingen. Dort werden seit 30 Jahren Mädchen auf unterschiedlichen Ebenen gefördert und in ihren Identitäts- und Selbstverwirklichungsprozessen unterstützt. In das Konzept wurden von Anfang auch lesbische Lebensweisen einbezogen. Schon früh öffnete der Verein mit dem JuLe-Café einen Raum für junge Frauen zwischen 15 und 25, die ab und zu oder ständig auf Frauen stehen, wo sie andere junge Frauen treffen und sich austauschen können. In unserem Artikel „Ich bin lesbisch! – Vier persönliche Geschichten“ berichten vier junge Frauen aus dem JuLe-Café von ihren Erfahrungen.

LSBTI*-Themenwoche: Ein Regenbogen ist mit Kreide auf eine Straße gezeichnet.

Seit 2019 gibt es beim Mädchen*treff zudem die Fachstelle Vielfalt, die von uns mit rund 85.000 Euro gefördert wurde. Dort finden junge Menschen aus der LSBTI*-Community – unabhängig vom Geschlecht – unter anderem Beratungs- und Gruppenangebote sowie den „Treffpunkt jung & queer“. Mit Workshops zu Vielfalt von Geschlecht und sexueller Orientierung an Schulen und bei Bildungsträgern sollen zudem Vorurteile abgebaut und die Akzeptanz bei den Jugendlichen erhöht werden.

Deutsche Fernsehlotterie: Frau Hirn, das Angebot der „Fachstelle Vielfalt“ ist noch recht neu. Wie ist es bisher angelaufen?

Ulrike Hirn: Es kommt sehr gut an und es gibt auch großen Bedarf. Viele Jugendliche rechnen sich selbst der queeren Community zu. In den meisten Fällen kommen transgeschlechtliche Jugendliche zur Beratung, die übrigens von Jugendlichen bis in den Schwarzwald in Anspruch genommen wird. Sie nehmen also tatsächlich teilweise eine weite Anreise in Kauf, um zu uns zu kommen. Es gibt nur wenige Einrichtungen in Baden-Württemberg, die auch Angebote für queere Jugendliche machen – dies bestätigt auch eine Studie des Ministeriums für Soziales und Integration aus dem Jahr 2016.

Mindestens die Hälfte der Jugendlichen erhält im Zuge des Coming-outs negative Reaktionen.
Ulrike Hirn, Mädchen*treff e.V.

Deutsche Fernsehlotterie: Dass Jugendliche teilweise einen weiten Weg auf sich nehmen, um zu Ihnen zu kommen, zeigt: der Bedarf ist da. Es wäre also wünschenswert, wenn es mehr Angebote für queere Jugendliche gäbe.

Ulrike Hirn: Unbedingt. Das ist ein großes Problem, insbesondere auf dem Land. Dort können sich queere Jugendliche praktisch nicht outen, weil sie dort noch mehr Diskriminierungserfahrungen machen als in der Stadt.

Deutsche Fernsehlotterie: Berichten Jugendliche in den Beratungen von diesen Erfahrungen?

Ulrike Hirn: Für die meisten ist es in erster Linie befreiend, offen reden zu können, ohne dass die Identität infrage gestellt wird oder nachgehakt wird: „Bist du dir sicher?“ Jugendliche hören oft Sätze wie „Das wird schon wieder vorbeigehen“. Damit wird ihnen vermittelt, dass ihre Fragen zu geschlechtlicher Identität oder sexueller Orientierung nicht ernst genommen werden.

Deutsche Fernsehlotterie: Was geben Sie den Jugendlichen in den Gesprächen mit?

Ulrike Hirn: Oft fragen sie, wie sie es ihrer Familie sagen sollen. Manche wissen, dass zum Beispiel der Vater homo-feindlich eingestellt ist. Andere machen sich Sorgen, wie Oma oder Opa reagieren werden. Die Angst ist immer sehr groß. Und die Erfahrung zeigt leider: Mindestens die Hälfte der Jugendlichen erhalten negative Reaktionen in der Familie und im schulischen Umfeld, wenn sie sich outen.

Themenwoche: Jung, alt, queer!

Vom 20. bis 26.7.2020 geht es auf unseren Social Media-Kanälen und hier im Magazin um sexuelle und geschlechtliche Vielfalt. Dabei legen wir mit der Fachstelle Vielfalt vom Mädchen*treff e.V. den Fokus zum einen auf junge Menschen in der Identitätsfindungsphase. Zum anderen berichten wir über ein Projekt, das queeren Senior*innen ein diskriminierungsfreies Leben im Alter ermöglicht. Mehr dazu erfährst du im Laufe der Woche!

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Du kennst (noch) nicht alle Begriffe rund um das Thema? Kein Problem! Einige erklären wir im Artikel „LSBTI* – Was heißt das eigentlich?“.

Deutsche Fernsehlotterie: Wie kann man einen jungen Menschen auf eine solche Situation vorbereiten?

Ulrike Hirn: Hilfreich ist es, wenn man sich zum Beispiel zunächst eine Person sucht, die aufgeschlossen scheint. Dass man sich dieser Person anvertraut und sich damit eine*n Verbündete*n sucht. Sodass also nicht eine*r gegen alle anderen steht, sondern dass man Schritt für Schritt mit Menschen spricht, von denen man Unterstützung bekommt. Es ist aber auch öfter so, dass Eltern zu uns kommen und sich beraten lassen. Am Anfang sind sie oft geschockt und wissen nicht, wie sie mit der Situation umgehen sollen. Oft ist es so, dass fehlendes Wissen für Angst sorgt, wenn sich ihr Kind beispielsweise als transgeschlechtlich outet. Dann denken sie sofort an die Operationen und was da alles passieren kann. Viele wissen nicht, dass nicht jeder transgeschlechtliche Mensch das Geschlecht angleichen lässt. Manche sagen auch, dass sie in ihrem Körper leben können trotz der geschlechtlichen Identität, die von ihren äußeren Geschlechtsmerkmalen abweicht. Es kommen aber auch Eltern die gezielt fragen, wie sie ihr Kind unterstützen können.

LSBTI*-Themenwoche: Viele Regenbogenflaggen, die geschwenkt werden.

Deutsche Fernsehlotterie: Es scheint noch viel Arbeit nötig zu sein, damit queere Menschen so leben können, wie sie möchten. Wie kann man das noch weiter unterstützen?

Ulrike Hirn: Es ist wichtig, dass das Thema geschlechtliche Identität und sexuelle Orientierung schon von Anfang an mit einbezogen wird, also im Prinzip schon im Kindergarten. Dass es da zum Beispiel auch Bilderbücher gibt, in denen eben nicht nur Mama, Papa und zwei Kinder vorkommen, sondern auch gleichgeschlechtliche Partnerschaften mit Kindern. Wir machen auch Workshops an Schulen, gemeinsam mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die sich der queeren Community zuordnen. Diese erzählen dann ihre Geschichte und die Schüler*innen können ihnen persönliche Fragen stellen. Das schafft Nähe und baut Vorurteile ab.

Deutsche Fernsehlotterie: Wir wird das Thema ansonsten in Schulen vermittelt?

Ulrike Hirn: In Baden-Württemberg ist das Thema LSBTIQ* seit 2016 im Bildungsplan verankert. Von dem, was ich von den Jugendlichen höre, sieht es in der Praxis anders aus. Ein selbstverständlicher Bestandteil im Lehrplan ist es leider immer noch nicht. Meiner Meinung nach müsste es aber immer wieder angesprochen werden, als Querschnittsthema in unterschiedlichen Fächern. Damit es etwas Alltägliches für die Jugendlichen wird. Zudem finde ich es wichtig, einen sicheren Raum zu schaffen, damit sich Jugendliche zum Beispiel auch in der Schule outen können, ohne dass sie mit Diskriminierung und Ausgrenzung rechnen müssen. Ich würde mir wünschen, dass mehr Lehrende die Jugendlichen unterstützen, ihnen Mut machen. Aber die meisten Lehrenden, die der LSBTIQ*-Community angehören, sind selbst nicht geoutet, weil sie Angst vor negativen Reaktionen haben. Meiner Meinung nach muss man da auch zum Beispiel als Kultusministerium weiter bestärken, damit Lehrende sich outen können und als positive Vorbilder agieren können.

Es ist wichtig, dass das Thema geschlechtliche Identität und sexuelle Orientierung schon von Anfang an mit einbezogen wird, also im Prinzip schon im Kindergarten. Dass es da z.B. auch Bilderbücher gibt, in denen nicht nur Mama, Papa und zwei Kinder vorkommen, sondern auch gleichgeschlechtliche Partnerschaften mit Kindern.
Ulrike Hirn, Mädchen*treff e.V.

Deutsche Fernsehlotterie: Es gibt immer wieder Stimmen, die sagen: Wenn das in der Schule vermittelt wird, wird mein Kind vielleicht dazu „verleitet“. Was kann man ihnen entgegensetzen?

Ulrike Hirn: Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass man nicht zu einer bestimmten sexuellen Orientierung verleitet wird. Das kann man nicht selbst beeinflussen. Und es ist auch nicht ansteckend. Manche Menschen tun aber so, als ob es das wäre. Es ist also wirklich wichtig, mehr Wissen zu dem Thema zu verbreiten, um auch die Unsicherheit zu nehmen. Das „Fremde“, das man nicht kennt, ist für viele eine Bedrohung. Aber genau das ist es eben nicht. Ein Beispiel: Viele heterosexuelle Menschen haben sich gegen die gleichgeschlechtliche Ehe gewehrt. Aber dadurch, dass auch gleichgeschlechtliche Paare heiraten können, wird doch niemandem etwas weggenommen.

Deutsche Fernsehlotterie: Ein heute älterer queerer Mensch ist in einer Gesellschaft aufgewachsen, die Homosexualität als Krankheit sah. In der schwule Männer bestraft wurden, wenn sie ihre Sexualität auslebten (siehe auch unser Interview mit Dieter Schmidt von der Schwulenberatung Berlin). Das sind andere Voraussetzungen als für junge queere Menschen heutzutage. Vor welchen Herausforderungen stehen sie?

Ulrike Hirn: Die Herausforderung ist, dass die heutige Gesellschaft nach außen hin tolerant tut. Aber sobald es näherkommt, sobald das Thema die eigene Familie betrifft, haben viele Jugendliche heute mit den gleichen Vorurteilen zu kämpfen wie früher auch. Es gibt Studien, die besagen, dass die Angst vorm Coming-out genauso groß ist wie vor 20 Jahren. Denn auch wenn es jetzt die gleichgeschlechtliche Ehe gibt und die Gesellschaft sagt „Alles kein Problem“ – dann stimmt das nicht. Wenn man Eltern fragt, was sie sagen würden, wenn ihr Sohn schwul wäre, sagen viele, dass dies für sie ein großes Problem wäre. Die Herausforderung ist also, dass sich die Gesellschaft ändert. Dass es Vielfalt gibt, dass alles gleichwertig ist, dass alles nebeneinander besteht und es kein besser oder schlechter, kein normal oder nicht normal gibt. Alle müssen akzeptieren: Jeder Mensch ist, wie er ist. Und da gehört die sexuelle Identität dazu.

Weitere Infos über das Projekt

Der Mädchen*treff e.V. bietet Vielfältige Angebote für Mädchen* an, u.a. einen offenen Treff für Grundschülerinnen, den „Girls Club“ für Mädchen* ab 12 Jahren und mit dem Projekt „Takaa-Niroo“ auch Bestärkungsprogramme für geflüchtete Frauen* und Mädchen*. „Wir haben einen partizipativen Ansatz“, sagt Ulrike Hirn. „Das hießt, wir entwickeln die Angebote gemeinsam mit den Mädchen.“

Die JuLes-Gruppe, die lesbische Mädchen* und junge Frauen* anspricht, findet jeden zweiten und vierten Freitag im Monat statt, der „Treffpunkt jung & queer“ jeden ersten Montag im Monat. Die Etablierung der „Fachstelle Vielfalt“ wurde von uns mit 85.000 Euro unterstützt.

Mehr zu den Angeboten und den Beratungs- und Sprechstundenzeiten erfährst du hier.

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