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Hospizarbeit in der Corona-Krise: Neue Gesten der Anteilnahme

Mareike Fuchs leitet das Hospiz Hamburg Leuchtfeuer. Im Interview spricht sie über den Konflikt, den die amtliche Besucherregelung für die Hospizarbeit mit sich bringt, über die Herausforderung, neue Gesten der Anteilnahme zu entwickeln, und über kleine Lichtblicke, von denen sie hofft, dass unsere Gesellschaft diese auch über die Corona-Krise hinausträgt.

Deutsche Fernsehlotterie: Vor welchen Herausforderungen steht ihr angesichts der Corona-Epidemie aktuell?

Mareike Fuchs: Für die Bewohnerinnen und Bewohner unseres Hospizes und für ihre Angehörigen ist diese Zeit ganz allgemein ohnehin schon besonders, da sie geprägt ist von Gedanken an Abschiednehmen, an Trauer und an das Sterben. Wir als Team des Hospizes müssen unter anderem einen angemessenen Umgang mit den Besuchsregelungen im Rahmen der behördlichen Vorgaben finden. Besucherinnen und Besuchern gar keinen Zutritt zu gewähren ist in dieser speziellen Lebenssituation, wie wir sie hier im Hospiz haben, für uns keine Option, weil die Bewohnerinnen und Bewohner ohnehin jeden Tag mit Abschied und Verlust konfrontiert sind. In dieser Situation auch noch ihre liebsten Menschen nicht sehen zu können, wäre noch mal eine zusätzliche Belastung. Trotzdem haben wir die Verantwortung, das Hospiz und alle Menschen im Haus bestmöglich zu schützen. Auf eine Besuchsregelung können wir also nicht gänzlich verzichten. Darüber hinaus müssen wir hier auch schauen, dass wir möglicherweise Infektionswege – sollten sie auftreten – nachvollziehen können.

Mareike Fuchs

Foto: Mareike Fuchs, Leiterin Hamburg Leuchtfeuer Hospiz (© Hendrik Lüders)

Deutsche Fernsehlotterie: Das klingt nach einem großen Drahtseilakt.

Mareike Fuchs: Das ist es. Es ist aus meiner Sicht aber wichtig, dass Angehörige kommen und Abschied von einem sterbenden oder verstorbenen Menschen nehmen können. Gleichzeitig müssen wir aber schauen, dies so zu regeln, dass es handhabbar bleibt.
Zusätzlich müssen wir die Herausforderung meistern, die Stimmung im Haus zu halten, die ohnehin immer schwankt zwischen den Polen „Abschiednehmen“ und „Mitten-im-Leben-sein“. Unseren Leitspruch „Wir möchten den Tagen mehr Leben geben“ wollen wir trotz der derzeitigen Einschränkungen weiterhin erfüllen. Wir wollen unseren Alltag aufrechterhalten und die sehr gute Versorgung und Begleitung unserer Bewohner*innen gewährleisten. Dabei fehlen uns derzeit wichtige Strukturen: Wir machen im Moment keine großen Dienstübergaben, keine Teambesprechungen. Zum Teil machen wir Arztvisiten via „Tele-Medizin“. Das ist für uns alle eine große Umstellung.
Dazu heißt es in allen Bereichen: Mehrarbeit. Denn wir verzichten derzeit vollständig auf das Ehrenamt in unserem Haus, um die Kontaktwege so reduziert wie möglich zu halten und unsere Bewohnerinnen und Bewohner zu schützen. Normalerweise haben wir sehr viel ehrenamtliche Unterstützung, davon lebt unser Haus. Auch das ist für uns eine Gratwanderung: Das Fehlen der Ehrenamtlichen zu kompensieren, gleichzeitig aber mit ihnen in Verbindung zu bleiben, damit sie wiederum uns auch in Zukunft verbunden bleiben.

Deutsche Fernsehlotterie: Wie geht das Team all diese Herausforderungen an?

Mareike Fuchs: Die Herausforderungen hier im Haus sind vielfältig, aber trotzdem gelingt es uns, die Stimmung im Hospiz zu halten. Wir versuchen auch, eine Art von Zerstreuung für unsere Bewohner*innen zu finden und vor allem diejenigen mitzunehmen, die nicht so medienaffin sind. Kürzlich etwa kam bei schönem Wetter unsere Musiktherapeutin und hat sich mit ihrem Instrument und dem Verstärker vor das Hospiz gesetzt. Einige unserer Bewohnerinnen und Bewohner haben sich in großem Sicherheitsabstand voneinander auf unserer Auffahrt postiert – und dann gab es ein kleines Wunschkonzert von „Mein kleiner, grüner Kaktus“ bis hin zu „Let it be“. Das war wirklich, wirklich schön, weil das eben auch so wichtig ist. Und es war schön zu sehen, dass auch die Menschen in der Nachbarschaft die Balkontüren öffneten. Das sind die ganz wichtigen und lebenswerten Momente, vor allen Dingen in dieser verdichteten Lebenszeit.

Das Leuchtfeuer Hospiz von außen

Foto: Außenaufnahme vom Hamburg Leuchtfeuer Hospiz (© Chris Lambertsen)

Deutsche Fernsehlotterie: Absolut. Das zeigt ja gerade auch, dass man trotz des Abstands, den wir derzeit voneinander wahren, zusammenkommt und ein neues, anderes Gemeinschaftsgefühl entwickelt. Wenn dann die Nachbarinnen und Nachbarn noch die Balkontüren öffnen…

Mareike Fuchs: Ja, wenn das wirklich etwas ist, das wir mitnehmen können, dann wünsche ich mir, dass wir hoffentlich auch über einen längeren Zeitraum die Wahrnehmung füreinander schärfen und nicht verlieren. Das ist etwas ganz Besonderes und unheimlich wichtig, in dieser Zeit ein neues Miteinander zu schaffen und dieses auch darüber hinaus weiterzutragen.

Viele finden jetzt kreative Möglichkeiten, wie man in kleinen Gesten das Physische zwar nicht ersetzen, dennoch aber eine große Herzensnähe zeigen kann.
Mareike Fuchs, Leitung Hamburg Leuchtfeuer Hospiz

Deutsche Fernsehlotterie: Welcher besonderen Herausforderungen treten jetzt im Umgang mit Angehörigen auf? Diese kommen sicher derzeit auch auf das Team zu, beispielsweise mit der Angst, dass sie nicht mehr zu Besuch kommen dürfen, oder bei einem Sterbefall mit der Sorge, dass nicht mehr alle an einer Beerdigung teilnehmen können?

Mareike Fuchs: Natürlich, das ist ein großes Thema. Viele Angehörige fragen sich auch, ob die Enkelkinder jetzt noch mit ins Hospiz dürfen. Laut amtlicher Bestimmung haben Kinder unter 16 Jahren Zutrittsverbot in Pflegeeinrichtungen. Was auf der einen Seite wirklich Sinn macht, auf der anderen Seite sind bei Angehörigen damit die Gedanken verbunden, ob es vielleicht die letzte Möglichkeit ist ­– und sie schwanken dann stark zwischen dem Wunsch, die Kinder mitzubringen, andererseits möchten sie auch niemanden gefährden, weder andere Bewohner*innen, noch unsere Mitarbeiter*innen. Ich glaube, dass dies Zeiten von erschwerter Trauer und, das muss man auch so sagen, von erschwertem Abschiednehmen sind. Aber es gibt immer auch die andere Seite: Viele finden jetzt ganz kreative Möglichkeiten, wie man in kleinen Gesten das Physische zwar nicht ersetzen, dennoch aber eine große Herzensnähe zeigen kann: Es werden Bilder gemalt, Videobotschaften aufgezeichnet oder tatsächlich auch wieder handgeschriebene Briefe verschickt. All das sagt: „Mein Herz und meine Gedanken sind bei dir.“ Und das sind kostbare Botschaften, die das Herz erfüllen und tragen.

Ein Tag im Hospiz

YouTuber Felix Michels aka Tomatolix besuchte das Hamburg Leuchtfeuer Hospiz im Herbst 2019.

Deutsche Fernsehlotterie: Welche Herausforderungen bringt diese nicht-physische Anteilnahme für einen persönlich mit?

Mareike Fuchs: In der letzten Woche hatten wir einen Sterbefall, und als ich mit dem Angehörigen sprach, musste ich mich tatsächlich gewissermaßen an mir selbst festhalten. Ich habe die Hände hinterm Rücken verschränkt und in die Hosentasche gesteckt, um die Person nicht aus dem Impuls heraus tröstend in den Arm zu nehmen. All diese physischen Gesten der Anteilnahme, wie wir sie hier sonst im Haus kennen, müssen wir nun vorerst ausschließlich in Worte, Mimik und Anteilnahme über das Herz legen. Das ist etwas, das wir gerade auch noch mal mehr als ohnehin miteinander trainieren.

Deutsche Fernsehlotterie: Auch da kann man, trotz all der Schwere, auch wieder etwas Positives rausziehen: Wir lernen neue Wege, sich zu melden, in Kontakt zu sein und Anteil zu nehmen.

Mareike Fuchs: Und es ergeben sich spontan auch ganz besondere Dinge in dieser Zeit: Unser Koch, der ohnehin schon eine herausragende Arbeit leistet, übernimmt nun auch noch den Abendbrotdienst. Und da hat er sich mit einem Buch an den Tisch gesetzt und Geschichten vorgelesen. Das hat wiederum eine Bewohnerin dazu motiviert, ihre Mundharmonika zu holen und das ganze musikalisch zu untermalen.

Deutsche Fernsehlotterie: Wie kann man Menschen im Hospiz momentan am besten unterstützen?

Mareike Fuchs: Das ist sicherlich eine der allgemeinsten, aber wirklich im Moment auch eine der wichtigsten und ehrlichsten Antworten: Eine ganz große Unterstützung generell für das Gesundheitswesen ist, sich im Moment an die amtlichen Bestimmungen zu halten. Weil es auch für uns eine große Unterstützung ist, wenn die Infektionskurve so flach wie möglich bleibt und wenn Krankenhäuser und alle, die im Gesundheitswesen arbeiten, ihre Arbeit möglichst fortsetzen können, ohne in eine große Krise zu kommen, wie wir das in anderen Ländern sehen. Das ist eine meiner größten Sorge und ich glaube auch die vieler Kolleginnen und Kollegen. Daher möchte ich an dieser Stelle den deutlichen Apell wiederholen: Bitte, bitte die Abstandsregeln einhalten und versuchen, sich auf ein Mindestmaß an Kontakten zu beschränken – dabei aber nicht vergessen, auch auf das eigene Wohlbefinden und die Psyche zu achten.

Ein leeres Zimmer im Hospiz.

Foto: Ein leeres Zimmer im Hospiz (© Chris Lambertsen)

Deutsche Fernsehlotterie: Und wie kann man Hamburg Leuchtfeuer im Speziellen unterstützen?

Mareike Fuchs: Bitte bleiben Sie uns verbunden und unterstützen Sie uns auch weiterhin! Gerade in diesen herausfordernden Zeiten sind wir nach wie vor auf Spenden angewiesen, um die Qualität unserer Betreuung im Hospiz auf dem gewohnten hohen Niveau zu halten – auch unter den oben beschriebenen erschwerten Bedingungen.
Auch Menschen, die keine finanziellen Mittel entbehren können, können bei Interesse helfen: Wenn jemand beispielsweise einen Menschen im Hospiz begleitet, Angehörige hier hat, oder einfach Mut machen will, ist es zum Beispiel eine schöne Idee, Grüße per Post zu senden. Ein Plakat oder ein Bild – einfach etwas, das man in der Hand halten oder an die Wand hängen kann. Das ist, glaube ich, in allen Bereichen des Gesundheitswesens auch für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter toll.

Deutsche Fernsehlotterie: Was ist mit Blick auf die nähere und fernere Zukunft wichtig?

Mareike Fuchs: Uns als Hospiz ist es sehr wichtig, solange es uns irgendwie möglich ist, unseren Betrieb hier aufrecht zu erhalten. Wir wollen weiterhin Menschen aus den Krankenhäusern aufnehmen, denn wir haben die feste Überzeugung, dass es unser gesellschaftlicher Auftrag ist, schwerkranke und sterbende Menschen ­– gerade auch in dieser Zeit – zu unterstützen. In dieser Zeit der großen Herausforderungen ist einer meiner Gedanken, dass wir alle im Blick behalten sollten, wie es mit uns weitergeht. Dass wir uns hinterfragen, welche Dinge im Leben wichtig sind. Und welche Verantwortung wir für uns selbst, aber auch für den anderen und für unsere Gesellschaft tragen.

Mareike Fuchs und ihr Team betreuen und begleiten schwerkranke Menschen in ihrer letzten Lebensphase. Wir haben das Hamburg Leuchtfeuer Hospiz mit 103.000 Euro unterstützt.

Mutmacher

Autorin

Katharina Hofmann

Fotograf

Hamburg Leuchtfeuer

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