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Hier bekommen alle ein Stück vom Kuchen

Manchmal geht es ganz schnell: Erst kommt die Rente, mit ihr wird das Geld knapp. Dann stellt sich das Gefühl ein, im Alltag nicht mehr gebraucht zu werden, den Anschluss zu verlieren – kurz: isoliert zu sein. Diese Situation kennen viele Seniorinnen und Senioren in Deutschland. Das Social-Startup Kuchentratsch hat nun ein Rezept gegen Geldnot und Einsamkeit im Alter gefunden.

Opa Norbert leckt sich die Finger ab. Sie sind klebrig, vom süßen Stück Kuchen, das er gerade nascht. Eine verdiente Stärkung – denn heute hat der Rentner bereits zehn (!) Karottenkuchen gebacken. Zwei fehlen noch. Ach ja, und sechs Mini-Kuchen. „Das artet ja schon fast in Arbeit aus“, sagt Norbert und lacht, während er am Waschbecken steht und die Hände wäscht.

Zu Besuch bei Kuchentratsch: Opa Norbert isst ein Stück Kuchen

Seit drei Jahren verdient er sich hier, in der Backstube des Social-Startups Kuchentratsch, etwas zur Rente dazu. Doch das Geld ist nur eine willkommene Nebensache, sagt er. Viel wichtiger ist Norbert die Gemeinschaft: „Es macht einfach Spaß, hier unter Leute zu kommen. Die Stimmung ist immer gut.“

Oma Anni, die neben ihm an einem großen Holztisch steht und Schokoladenteig anrührt, nickt eifrig. „Die Kinder sind groß, die Enkel auch“, sagt sie. „Da fällt einem schon manchmal die Decke auf den Kopf…“ Die Rentnerin fährt kurz mit dem Zeigefinger über das Rezept, kippt dann gemahlene Mandeln in den Teig. „Hier kann man diesem ‚Rentnerstress‘ sehr gut entkommen.“

Zu Besuch bei Kuchentratsch: Opa Norbert bereitet Teig zu
Zu Besuch bei Kuchentratsch: Oma Anni rührt einen Teig an
Zu Besuch bei Kuchentratsch: Die Backstube

Auch für die Gründerin von Kuchentratsch, Katharina Mayer, steht das Miteinander der Seniorinnen und Senioren an erster Stelle. Angefangen hat alles jedoch 2014 mit der simplen Frage: Wo gibt es den besten Kuchen? Die Antwort war ihr schnell klar: Bei Oma! Und da es diesen handgemachten, traditionellen Kuchen nirgends zu kaufen gab, kam ihr die Idee, in München eine Backstube zu gründen, in der Omas und Opas ihre alten Rezepte backen, und den Kuchen dann zu verkaufen. Während dieser Überlegungen stieß Katharina dann darauf, was für ein großes und unterschätztes Problem Altersvereinsamung in Deutschland ist – und Kuchentratsch war geboren!

Die Backstube als soziales Netzwerk

35 Seniorinnen und Senioren tratschen heute regelmäßig über den Kuchenteig hinweg, drei Backtermine gibt es pro Woche. Die meisten kommen einmal wöchentlich. „Es gibt auch schon feste Grüppchen, die sich immer zusammen eintragen“, sagt Theresa, die seit Juli 2017 zum Kuchentratsch-Team gehört. Sie sitzt an ihrem Computer – ihr Büro befindet sich mitten in der Backstube! „Es ist schön, wenn man miterlebt, wie stark die Wirkung über Kuchentratsch hinaus geht“, sagt sie. „Unsere Omas und Opas verabreden sich zum Beispiel zum Theaterbesuch, oder unternehmen am Wochenende etwas gemeinsam. Und wenn eine krank ist, bringt die andere ihr Suppe. Das ist wirklich ein tolles, soziales Netzwerk geworden, von dem die Backstube das Zentrum ist.“

Zu Besuch bei Kuchentratsch: Theresa beim Interview

Schwierigkeiten, ältere Menschen mit Freude am Backen zu finden, hat das Team nicht. „Die Opas und Omas rufen bei uns an, und dann gibt es ein Probebacken“, erklärt Theresa. „Uns ist wichtig, dass sie Lust haben, andere kennenzulernen und sich bei uns wohlfühlen. Und, ja, ein wenig Talent zum Backen sollte man natürlich auch mitbringen…“

Zu Besuch bei Kuchentratsch: Schokokuchen mit Liebe gebacken von Oma
Zu Besuch bei Kuchentratsch: Om Anni dekoriert Kuchen
Zu Besuch bei Kuchentratsch: Oma Magdalene lässt uns naschen

So wie Norbert. Der erfuhr vor drei Jahren durch einen Zeitungsartikel von Kuchentratsch. „Wenn Geburtstage anstanden, in der Familie oder im Freundeskreis, hieß es immer: Norbert, kannst du vielleicht ein, zwei Kuchen mitbringen?“, erzählt er. Beim Probebacken war er der Hahn im Korb – und bereitete dem Team einen „Faule-Weiber-Kuchen“ zu. „Das ist ein Käsekuchen mit kleinen Mandarinen“, erklärt er. „Der macht nicht viel Arbeit. Deshalb heißt er wohl auch so…“ Er zuckt lachend mit den Schultern. Sein Kuchen wurde damals für gut befunden, seitdem ist Norbert Teil der Kuchentratsch-Familie – und sorgt mit kleinen Albernheiten stets für gute Laune in der Backstube.

Zu Besuch bei Kuchentratsch: Opa Norbert zeigt Hasenohren
Zu Besuch bei Kuchentratsch: Theresa mit Oma Anni

„Einige haben noch einen Partner, Familie oder einen festen Freundeskreis und trotzdem Lust, neue Leute kennenzulernen“, sagt Theresa. „Das ist aber in diesem Alter gar nicht mehr so einfach.“ Andere haben schon Schicksalsschläge hinter sich. „Kuchentratsch kann da eine Stütze neben anderen sein“, so die 28-Jährige. „Die Omas und Opas helfen sich gegenseitig und es tut gut, sich einfach abzulenken und raus zu kommen.“

Von der Wiesn bis zum Strategie-Meeting: Alle machen mit!

Auch wir haben heute Kuchen bestellt. Den Karottenkuchen, den Opa Norbert zubereitet, und zwei weitere. Diese lassen wir als Oster-Überraschung in das HORIZONT-Haus für obdachlose Kinder und deren Mütter liefern – von Opa Richard. Er ist mit seinen 87 Jahren der älteste im Kuchentratsch-Team, doch das merkt man ihm nicht an. Gut gelaunt kommt er in die Backstube, um den Kuchen abzuholen. Die Begrüßung ist herzlich – und laut! Es wird sich umarmt, geschäkert, gelacht.

Zu Besuch bei Kuchentratsch: Theresa mit  Lieferopa Richard
Zu Besuch bei Kuchentratsch: Lieferopa Richard

„Letztes Jahr waren wir zum Betriebsausflug alle gemeinsam auf der Wiesn“, erzählt Theresa. „Da hat Richard uns auf eine Runde Autoscooter eingeladen, das war total witzig!“ Sie schaut ihn grinsend an. „Du bist ganz schön rasant gefahren…“ In diesem Jahr plant das Team, neben dem Betriebsausflug, ein Strategie-Wochenende, zu dem auch die Omas und Opas eingeladen sind. „Wir möchten ihnen zeigen, was wir neben den Backtagen noch so alles machen“, erklärt Theresa. Sie sollen künftig auch in Konzeption und Strategieentscheidungen miteinbezogen werden. „Es ist total toll, dass Jüngere und Ältere hier so viel voneinander lernen. Die meisten der Omas und Opas sind so gelassen und gut drauf. Manchmal denke ich mir, so wäre ich jetzt schon gern – etwas cooler mit allem.“

Zu Besuch bei Kuchentratsch: Theresa bespricht mit Lieferopa Richard die heutige Fuhre

Theresa bespricht mit Richard, an welche Adressen der Kuchen geliefert werden soll. Bevor es ins HORIZONT-Haus geht, muss noch ein Geburtstags-Überraschungs-Kuchen überreicht werden. Der wurde tatsächlich aus London für ein Geburtstagskind in München bestellt, deshalb hat sich Oma Magdalene ein besonderes Rezept überlegt: einen Pekanuss-Pie, den Richard nun im Auto platziert.

Zu Besuch bei Kuchentratsch: Lieferopa Richard im Auto

Als alle Kuchen sicher verstaut sind, gibt er die erste Adresse ins Navigationssystem ein. Während der Fahrt erzählt der 87-Jährige, wie er vor einem Jahr zu Kuchentratsch kam: „Meine Nichte fragte mich: Hast du nicht Lust, noch etwas zu machen? Sie gab mir die Nummer und als ich dort anrief, fragten sie: Kannst du backen?“ Er lacht. „Nein, habe ich gesagt, nur zugucken.“ Doch für den ehemaligen Vertriebler, der von München bis Flensburg alles mit dem Auto abgefahren ist, war schnell eine andere Option gefunden: die des Lieferopas. „Meine Frau ist leider schon verstorben. Doch ich fühle mich noch fit und unter den jungen Leuten von Kuchentratsch pudelwohl“, sagt Richard. „Und mir macht es Spaß, weil ich so nicht nur unter Menschen komme, sondern auch an Orte, wo ich seit Jahrzehnten nicht mehr war.“ Er liefert an Krankenhäuser, Privatpersonen, Firmen oder Cafés in allen Teilen Münchens – bis zu dreimal pro Woche.

Kuchentratsch Lieferopa Richard überreicht den Kuchen

Wir halten ein kleines Stück vor dem HORIZONT-Haus. Normalerweise würde Richard den Kuchen persönlich bis zur Tür liefern. Doch das Frauenhaus ist eine geschützte Einrichtung, die Adresse streng vertraulich. Deshalb überreicht er heute ausnahmsweise uns die süßen, liebevoll eingepackten Pakete. Und dann geht er, wie wir ihn – und alle Omas, Opas und Mitarbeiterinnen von Kuchentratsch – am heutigen Tag kennengelernt haben: mit einem fröhlichen, freundlichen, herzlichen Lächeln.

Über Kuchentratsch

  • Das Social-Startup Kuchentratsch bietet Seniorinnen und Senioren die Möglichkeit zu kommunikativem Austausch beim gemeinsamen Kuchenbacken und zu verstärkter gesellschaftlicher Integration. Die Omas und Opas backen außerdem auf Mini-Job-Basis und verdienen sich so etwas zu ihren Renten hinzu.
  • Dass ältere Menschen die Möglichkeit erhalten, mit anderen in Kontakt zu kommen, liegt auch uns sehr am Herzen. Es gibt viele tolle Projekte gegen Altersvereinsamung, die wir gern unterstützen. Bei Kuchentratsch handelt es sich jedoch nicht um ein gemeinnütziges Projekt, was die Voraussetzung ist, um einen Förderantrag bei unserer Stiftung, dem Deutschen Hilfswerk, zu stellen. Dennoch möchten wir Dir die tolle Arbeit des Teams hier vorstellen!
  • Du hast jetzt auch Lust, etwas zu backen? Dann versuche es doch mit dem Karottenkuchen von Oma Anke! Hier ist das Rezept.
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