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Häusliche Gewalt verhindern: Präventionsarbeit während der Corona-Pandemie

Carsten Degner und Sabine Schlegel vom Projekt „WeGe – Wege aus der Gewalt – Gewaltberatung Marburg-Biedenkopf“ erzählen im Interview, wie sich die Corona-Krise auf Menschen mit Gewaltproblemen auswirkt und wie das Projekt auch weiterhin Prävention leisten kann.

Ziel des im Dezember 2019 angelaufenen Projekts „WeGe –  Wege aus der Gewalt –  Gewaltberatung Marburg-Biedenkopf“ des JUKO Marburg e.V. ist es, Menschen mit Gewaltproblemen darin zu unterstützen, Partnerschaft und Familie gewaltfrei zu gestalten und Konflikte gewaltfrei zu lösen. Es soll präventiv wirken und häusliche sowie familiäre Gewalt verringern. Durch einen niedrigschwelligen Zugang zum Projekt, sollen Männer und Frauen dabei unterstützt werden, das eigene Gewaltverhalten zu hinterfragen, aus der Gewaltdynamik heraus zu gelangen und alternative Handlungsoptionen zu erarbeiten.

Wir unterstützen die präventive Arbeit des Vereins mit rund 208.000 Euro.

Deutsche Fernsehlotterie: Wie ist euer Projekt von der Corona-Pandemie betroffen?

Carsten Degner: Mit dem Projekt „WeGe – Wege aus der Gewalt – Gewaltberatung Marburg-Biedenkopf“ bietet JUKO Marburg e.V. Männern und Frauen mit Gewaltproblemen psychosoziale Beratung und Unterstützung an. Die Beratungsstelle will bewusst einen niedrigschwelligen Zugang bieten. Durch eine kontinuierliche Öffentlichkeitsarbeit wollen wir erreichen, dass „WeGe“ als Anlaufstelle für Menschen mit Gewaltproblemen bekannt und das Beratungsangebot gut angenommen wird.

Unser Projekt „WeGe“ ist ganz frisch angelaufen. Die aktuelle Situation rund um das Coronavirus hat uns in den geplanten Abläufen überholt und eine direkte Anpassung unseres Vorgehens bei der Öffnung unseres Angebots für Kooperationspartner sowie Klientinnen und Klienten erforderlich gemacht. Sämtliche persönliche Kontakte sind aufgrund der aktuellen Lage stark eingeschränkt. So erfolgt das Bekanntmachen unserer neuen Beratungsstelle derzeit ausschließlich über digitale Medien.

Beratungsgespräche mit Klientinnen und Klienten finden derzeit ebenfalls ausschließlich via Telefon statt. Nur in krisenhaften Einzelfällen bieten wir, natürlich unter Infektionsschutzmaßnahmen, persönliche Beratungsgespräche an.

Ein Mann sitzt auf einem Sofa und schaut bedrückt

Foto: Symbolbild

Deutsche Fernsehlotterie: Vor welchen Herausforderungen steht ihr aktuell?

Carsten Degner: Es ist einfach etwas anderes, sensible Themen nur telefonisch und nur mit dem Medium der Stimme zu besprechen. Mimik, Gestik, Körperhaltung fehlen dabei komplett. Trotzdem wollen wir als Beratungsstelle den Menschen, die bei uns Rat suchen, bestmöglich zur Seite stehen. In der Beratungssituation selbst liegt die Herausforderung also im reinen Kontakt über das Telefon bzw. die technische Auf- und Umrüstung unseres Angebots. Darüber hinaus bedarf es eines geänderten Vorgehens in Sachen Öffentlichkeitsarbeit und Bekanntmachung der Beratungsstelle.

Deutsche Fernsehlotterie: (Wie) könnt ihr auf die aktuelle Situation reagieren?

Carsten Degner: Wir reagieren auf die aktuelle Situation vor allem, indem wir die offenen Sprechstunden in telefonische Sprechstunden umgewandelt haben. Das haben wir sofort in die Wege geleitet, da uns wichtig ist, eine generelle Erreichbarkeit in Zeiten der Krise zu gewährleisten.

Für die bereits erwähnten krisenhaften Einzelfälle haben wir einfache Möglichkeiten geschaffen, mit denen persönliche Gespräche möglich sind. Dazu zählt beispielsweise ein entsprechend großer Gesprächsraum, in dem Abstand gehalten werden kann. Unsere Kolleginnen und Kollegen aus der Jugendstraffälligenhilfe haben uns eine provisorische Trennscheibe zwischen Klientin bzw. Klient und Berater gebaut, um die Möglichkeit einer Tröpfcheninfektion zu minimieren und trotzdem den so wichtigen Sichtkontakt zu haben. Darüber hinaus testen wir gerade eine „Videosprechstunden“-Software, eigentlich für den ärztlichen Bereich gedacht, die Beratung über Tablet oder Smartphone ermöglicht.

Eine Frau steht an einem Fenster und blickt raus

Foto: Symbolbild

Deutsche Fernsehlotterie: Wie wirkt sich die aktuelle Situation auf die Klientinnen und Klienten bzw. allgemein Menschen mit Gewaltproblemen aus? 

Sabine Schlegel: Generell erleben wir schon immer, dass „enge Zeiten“ schwierig für Menschen mit Gewaltproblemen zu bewältigen sind. Bisher kennen wir das vor allem von den Weihnachtsfeiertagen, der Zeit „zwischen den Jahren“ und dem Jahreswechsel. Wenn ein Paar oder eine Familie auf sich zurückgeworfen ist, nehmen Konfliktanlässe zu. Die Möglichkeiten, sich aus dem Wege zu gehen, oder einfach sich zurückzuziehen, nehmen ab. Dagegen steht dann wie ein Berg die Erwartungshaltung, dass jetzt doch ein schönes Miteinander erlebt werden MUSS.

Jetzt sind viele Familien in einer noch anstrengenderen Situation. Unsicherheit und Ohnmachtsgefühle in einem nie gekannten Ausmaß, daneben quengeln oft die Kinder. Ein Ausweichen in ein gewohntes Freizeitverhalten ist fast unmöglich. Vor diesem Hintergrund haben wir nun die neue Erfahrung gemacht, dass unsere Klientinnen und Klienten sehr dankbar sind, dass wir mit ihnen in Kontakt stehen, auch wenn persönliche Gespräche nur im akuten Krisenfall geführt werden. Die Tatsache, dass jemand Verständnis für die aktuelle Situation und auch für neu auftretende Schwierigkeiten hat, scheint die Klientinnen und Klienten zu entlasten.

Deutsche Fernsehlotterie: Haben sich die Inhalte der Gespräche in Zeiten von Corona verändern?

Sabine Schlegel: Im Kontakt mit unseren Klientinnen und Klienten taucht Corona als ein belastender Faktor auf, steht aber bisher nicht im Mittelpunkt. Die beschriebenen familiären Konstellationen, Belastungssituationen und auch das Erarbeiten von Notfallplänen ist für uns eigentlich immer Beratungsalltag.

Deutsche Fernsehlotterie: Wie kann man euch und/oder von häuslicher Gewalt betroffene Menschen derzeit am besten unterstützen?

Carsten Degner: Zunächst ist es für alle wichtig, gerade in diesen schwierigen Zeiten nicht wegzuschauen oder inakzeptables Verhalten zu entschuldigen. Die nationalen und regionalen Notrufnummern und im Zweifelsfall die Polizei sind erste Anlaufstelle für Betroffene und Menschen, die gewalttätige Verhaltensweisen beobachten.

Von häuslicher Gewalt betroffene Menschen kann man am besten unterstützen, indem man leicht erreichbare und niedrigschwellige Angebote schafft, die sich an sie richten, und diese Angebote möglichst gut vernetzt und öffentlich macht. Wir müssen alle dafür Sorge tragen, dass sich niemand alleine gelassen fühlt.

Hilfe bei Häuslicher Gewalt

Für Menschen, die häusliche Gewalt erleben, und deren Bezugspersonen stehen verschiedene Organisationen und Hilfe-Hotlines zur Verfügung, die kostenfrei und bei Bedarf anonym beraten. Dazu gehören u.a.:

Fachberatungsstellen bundesweit sind u.a. hier zu finden: Hilfsangebote vor Ort

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