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Gesellschaft spielt – Wenn Brettspiele Nachbarn zusammenbringen

Wo Würfel fallen, kommen Menschen zusammen: Im Generationen-Spielecafé von Pfarrkirchen treffen Senioren, Jugendliche und Spiele-Kenner aufeinander. Gewinnen ist hier Nebensache.

Ihren nächsten Zug überlegt sich Mathilde Plechinger gut. Die 84 Jahre alte Frau mit dem rosafarbenen Strickpullover und der Perlenkette muss ihren Spielstein in ein schmales Gefäß aus Plexiglas werfen, in dem die geometrischen Formen der Konkurrenz schon ein buntes Zufallsgebilde abgeben. Ihr gelbes Dreieck sollte weit oben landen, wo es mehr Punkte gibt – darf aber weder dieselbe Form, noch dieselbe Farbe berühren. Gar nicht so einfach.

Mathilde sitzt vor dem Spiel Drop it und zielt mit offenem Mund, ihr Enkel Dennis feuert sie an. Vor ihm steht ein Stück Kuchen.

Taktik und Geschicklichkeit, aber auch ein wenig Glück gehören beim Familienspiel „Drop it“ dazu. Und Mathilde hat Verantwortung, spielt sie doch nicht nur für sich, sondern auch für ihren 28 Jahre alten Enkel Dennis. „Du machst das schon, Oma“, ermuntert sie der sportlich gebaute Mann mit dem Kurzhaarschnitt und stupst sie neckisch von der Seite an. Mathilde lässt den Stein also endlich fallen und: Treffer! Am Tisch bricht Jubel aus.

Punkten wollen ihre erwachsenen Mitspieler Inge, Marille und Christian zwar auch. Aber an diesem Nachmittag im niederbayerischen Städtchen Pfarrkirchen können die Gäste mehr als nur ein Spiel gewinnen: das Gefühl, für ein paar Runden zusammen zu gehören, auch wenn man sich gar nicht so gut kennt.

Turniere dauern oft bis spät in die Nacht

„Hier ist jeder willkommen, das ist uns ganz wichtig“, sagt die Sozialpädagogin Petra Fuchs, eine schlanke Frau mit braunem Pferdeschwanz und freundlichem Lachen. An drei Nachmittagen im Monat baut sie gemeinsam mit ihren Vereinskolleginnen und zahlreichen Helfern das Spielecafé der Generationen in den Gemeinschaftsräumen der evangelischen Pfarre auf: Hier treffen sich Rollen-Spiel-Freaks im mittleren Alter, Familien mit Kleinkindern, Studentenpärchen und Jugendliche, die normalerweise längst zu cool für solche Sachen sind. Manche Gäste fahren bis zu einer Stunde von den umliegenden Orten her, und die Teilnehmer der abendlichen Turniere machen sich oft erst mitten in der Nacht wieder auf den Heimweg.

Eine Gruppe junger Menschen sitzt um einen Tisch, auf dem Tisch liegen Spielkarten.
Ein junges Mädchen und ein junger Mann spielen ein Brettspiel, hinter ihnen ist ein Regal voller Spiele zu sehen.
Ein Mann mit langen blonden Haaren und Brille greift in einen Beutel, vor ihm liegt ein Spielbrett und verschiedenfarbige, viereckige Steine.

Von der Blitz-Idee zum Verein in wenigen Monaten

Ein Ort zum Spielen für Jede und Jeden – von Jung bis Alt und von Neuling bis Nerd: Diese Idee traf die 37 Jahre alte Mutter von sieben Kindern am 17. Juli 2017 wie ein Blitzschlag. „Das Konzept war komplett im Kopf, ich musste es nur noch aufschreiben“, sagt Fuchs. Kurz darauf sandte sie es an den Bürgermeister von Pfarrkirchen, bekam schon am nächsten Tag einen Gesprächstermin und wenige Monate später entstand aus der Idee ein offizieller Verein: „Spielecafé der Generationen – Jung und Alt spielt.“ Wie schnell die Menschen im Landkreis Rottal-Inn dieses Angebot nutzen würden, erstaunt sogar die leidenschaftliche Brettspielerin Fuchs: „Das Spielecafé füllt eine Lücke, das haben wir schon nach wenigen Nachmittagen gemerkt.“

Spielen ist ein wunderbares Mittel, um Sprachkompetenzen zu verbessern und Bindungen zwischen den Menschen zu stärken.
Petra Fuchs vom Spielecafé der Generationen – Jung & Alt spielt e.V.

Mit der Förderung der Stiftung Deutsches Hilfswerk will der Verein seine Wirkung noch vergrößern und die Spiele zu den Menschen bringen: Künftig soll eine sozialpädagogische Fachkraft in Kindergärten, Schulen, Altenheime oder Einrichtungen für behinderte Menschen gehen – und dort nicht nur die Regeln erklären. „Spielen ist ein wunderbares Mittel, um zum Beispiel Sprachkompetenzen zu verbessern, soziale Fähigkeiten zu fördern und Bindungen zwischen den Menschen zu stärken“, erklärt Fuchs. „Aber dazu braucht man schon eine Ausbildung.“

Eine Familie sitzt um ein Spielbrett, auf dem blaue, grüne und rote Plastikzüge in kleinen Schlangenlinien stehen. Ein kleiner Junge greift nach einem blauen Zug auf dem Brett. Die Mutter hält Karten in der Hand und lächelt.
Ein kleiner Junge in gestreiftem Shirt sitzt vor einem Spielbrett, auf dem bunte Plastigzüge in Reihen stehen. Er schaut in die Kamera.

Der Tipp, dass Vereine bei der Stiftung Deutsches Hilfswerk, über die der eingespielte Zweckertrag der Deutschen Fernsehlotterie an soziale Projekte verteilt wird, um Mittel für Personal ansuchen dürfen, kam aus Fuchs weitverzweigten Netzwerk im Sozialbereich. „Ein Glück, denn es gibt tatsächlich kaum Förderer, die Personalkosten übernehmen.“

Beim Crowdfunding schläft man kaum noch, ist ständig online und aktiviert sein Netzwerk, um neue Unterstützer zu finden.
Petra Fuchs vom Spielecafé der Generationen – Jung & Alt spielt e.V.

Schwieriger fand sie es, den benötigten Eigenanteil zu sichern. Für die Nachhaltigkeit der Förderung von sozialen Maßnahmen – also Personalkosten –  ist laut Förderkriterien der Stiftung Deutsches Hilfswerk ein Eigenanteil von 20 Prozent vorgeschrieben. Schnell hatte Fuchs die Idee, das benötigte Geld im Internet von vielen Unterstützern aus ganz Deutschland einzusammeln: mit einer Kampagne auf der Schwarmfinanzierungs-Plattform Kickstarter. So genanntes Crowdfunding ist in der Spieleszene sehr erfolgreich, auch Fuchs selbst hat schon einige neue Spielideen mit vergleichsweise kleinen Investitionen vorfinanziert.

Eine gruppe junger Männer spielt ein Rollenspiel, auf dem Tisch steht eine richtige kleine Landschaft mit Plastikpalmen, Gebäuden und Containern.
Eine ältere Frau mit blonden Haaren sitzt vor einem bunten Spielbrett. Sie schaut ihren Gegenüber an, den man im Bild aber nicht sieht.
Ein junges Mädchen schaut aufgeregt auf seine Spielkarte, die ihm gerade hingeschoben wird. Es hält die Hände zu Fäusten geballt aufgeregt for der Brust.

Die eigene Kampagne habe sich am Ende zum Glück gelohnt, war aber unglaublich anstrengend: „Beim Crowdfunding schläft man kaum noch, ist ständig online und aktiviert sein Netzwerk, um neue Unterstützer für sein Projekt zu finden“, sagt Fuchs.

Vielen fehlt ein Ort zum Spielen

Die Idee des kostenlosen Spielecafés kam in der Szene aber gut an, denn der Bedarf für solche Orte ist da: Einerseits werden Brettspiele immer beliebter, zuletzt wuchs der Markt laut Fuchs wieder um zehn Prozent. Gleichzeitig leben aber immer mehr Menschen alleine und haben weder den Raum noch interessierte Partner zum Spielen.

„Unsere Gesellschaft wird auch immer älter“, sagt sie. „Wir brauchen darum dringend Begegnungsräume, in denen Menschen verschiedener Generationen zusammenkommen.“ Wie groß die gegenseitige Neugier ist, sieht sie an den eigenen Kindern, die im Spielecafé von selbst auf die anwesenden Senioren zugehen. Das Spielen sei für solche Kontakte wunderbar geeignet, weil es einen unverbindlichen Rahmen bietet: „Entweder ich gebe nebenbei etwas Privates von mir preis, oder eben nicht.“, sagt Fuchs.

Eine Frau mit kinnlangen grauen Haaren und Brille unterhält sich mit einem Ehrenamtlichen des Vereins, der mit dem Rücken zur Kamera steht.
Eine junge Frau mit braunen Haaren und Pferdeschwanz sitzt vor einem kleinen Spielbrett. Sie schaut ihr Gegenüber lächelnd an.
Zwei junge Männer sitzen am Tisch und spielen Karten, ihnen gegenüber sitzt ein junges Mädchen, dessen Kopf und Spielkarten verschwommen im Bild zu sehen sind.

Niemand soll schüchtern in der Ecke stehen

Weil manche Menschen aber einen kleinen Schubs brauchen, schlendert sie mit der Gelassenheit einer Großfamilienmutter von Tisch zu Tisch, erklärt Spielregeln und begrüßt herzlich die Neuankömmlinge. „Hier soll niemand schüchtern in der Ecke stehen“, sagt sie und stellt darum gleich zu Beginn schon die Frage: „Was spielt ihr denn gern?“ Abhängig davon, ob jemand mehr der Strategietyp ist, oder auch eine Portion Glück und Action bevorzugt, sucht sie nach gewillten Mitspielern und holt ein schönes Spiel aus den gut gefüllten Regalen. Etwa 900 verschiedene Spiele besitzt der Verein, die meisten wurden von den großen Verlagen gespendet.

Petra Fuchs trägt ein Spiel durch das voll besetzte Spielecafé der Generationen.

Die Seniorin Mathilde ist nun langsam müde, immerhin hat sie an diesem Nachmittag mehrmals gewonnen. Schon als Kind habe sie ein Händchen für Spiele gehabt und ihre Brüder beim Schafkopf abgezogen. Nun wattet („Watten“ ist ein beliebtes Kartenspiel in Süddeutschland) sie hin und wieder mit ihrem Enkel Dennis, der im selben Haus wohnt und als echter Spiele-Kenner auch im Verein engagiert ist. „Wir verstehen uns und können gut miteinander reden, obwohl wir natürlich in komplett verschiedenen Zeiten großgeworden sind“, findet Mathilde.

„Ich gehe nicht gern unangemeldet nach nebenan und klingele.“
Mathilde Plechinger, Besucherin des Spielecafés der Generationen

Dennis war es auch, der sie überredete, das Spielecafé endlich mal auszuprobieren. „Ich bin manchmal ein bisschen bequem“, gibt sie zu. Als ihr Mann vor zwei Jahren verstarb, hätten ihr viele Nachbarn gesagt, sie könne jederzeit vorbeikommen. „Aber ich gehe nicht gern unangemeldet nach nebenan und klingele.“ Im Spielecafé zeigt sie aber keinerlei Berührungsängste. Mit wachen Augen beobachtet sie das Treiben und scherzt mit den anderen Spielern. Nein, sagt sie fast schon entrüstet: Leute-scheu sei sie nun wirklich nicht.

Petra Fuchs steht mit Mathilde Arm in Arm da, die beiden Frauen lachen freundlich in die Kamera.

Über das Projekt

  • Der Verein „ Spielecafé der Generationen – Jung und Alt spielt e.V.“veranstaltet seit Januar 2018 dreimal im Monat Spielenachmittage im bayerischen Städtchen Pfarrkirchen.
  • Der Verein vergibt das Siegel „Generationenspiel“ an solche Spiele, die sowohl für Kinder als auch für Senioren spannend und gut verständlich sind. Bisher haben drei Spiele es bekommen.
  • Die Vereinsgründerin Petra Fuchs ist Sozialpädagogin und beschäftigte sich für ihre Studienabschlussarbeit mit dem Wert von Spielen in der generationsübergreifenden sozialen Arbeit. Von mehr als 1.400 Befragten im Sozialbereich gaben 88 Prozent an, dass Spiele dafür ein geeignetes Medium seien. Die Studie ist frei verfügbar.
  • Im Familien-Spiele-Podcast Nanu! erzählt Petra Fuchs die kurze aber erfolgreiche Geschichte des Spielecafés der Generationen.
  • Nachbarn zu aktivieren und zusammenzubringen ist ein großes Anliegen der Deutschen Fernsehlotterie. Über unsere Stiftung, das Deutsche Hilfswerk, unterstützen wir das Spielecafé der Generationen mit über 68.000 Euro.
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