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Für eine bessere Zukunft

Wenn junge Menschen das Gefühl haben, keine richtige Perspektive im Leben zu haben, laufen sie unter anderem Gefahr, straffällig zu werden. Ein Verein in Berlin steuert mit viel Engagement dagegen: Bei VISIONEERS e.V. treffen sich Jugendliche aus Deutschland, Syrien, dem Irak, aus Lateinamerika und vielen anderen Ländern, tauschen sich aus, unterstützen sich gegenseitig und lernen, wie sie ihre und die Zukunft unseres Landes positiv mitgestalten können.

„Wuff!“, bellt Happy und läuft freudig dem Ball hinterher, den drei junge Männer in einem Berliner Park gerade quer über die Wiese gekickt haben. „Heeeey!“, ruft einer von ihnen. Er geht in die Knie, streckt dem kleinen schwarzen Fellknäuel die Hände entgegen – die daraufhin ausgiebig abgeschleckt werden. Man kennt sich: Happy ist der „Haushund“ vom Verein VISIONEERS, der hier gleich um die Ecke ist. Ahmed, der sich lachend die Hände an seiner Hose abwischt, sein Bruder Tawfik (gesprochen: Toffie) und ihr Freund Salam treffen sich dort regelmäßig: zum Kicken, Filme gucken aber auch zum Lernen.

Hund Happy hat den Fußball erwischt und bearbeitet ihn mit seinen kleinen Zähnchen.

Aufgeregt springt Happy zwischen den drei Jungs herum. Eduardo, der aus Costa Rica kommt und bei VISIONEERS einen Freiwilligendienst absolviert, und Denise, die seit kurzem im Verein das Projekt „#Gemeinsam für ein besseres Berlin“ betreut, stoßen hinzu. Auch sie möchten die letzten Sonnenstrahlen des Spätsommers draußen genießen, kurzerhand wird ein kleiner Kreis gebildet und der Fußball mit einem Volleyball getauscht.

Ahmed pritscht den Volleyball zu Denise, im Hintergrund steht Eduardo.
Denise nimmt den Ball an, Salam kommt von links hinzu.

Natascha, die Gründerin des Vereins und zu der auch Happy gehört, steht am Rand der Wiese, auf dem Arm ihren zehn Monate alten Sohn Liam. „Mein Mann und ich haben Visioneers 2015 gegründet, ursprünglich zunächst nur mit einem entwicklungspolitischen Ansatz“, erzählt sie von den Anfängen ihres Vereins. Die 33-Jährige lebte sieben Jahre lang in Lateinamerika. „Wir möchten den interkulturellen Austausch fördern und vermitteln junge Menschen aus Südamerika für ein freiwilliges soziales Jahr hier nach Deutschland, so wie Eduardo. Und wir entsenden auch deutsche Freiwillige in Projekte in diesen Ländern.“

Wir wollen einen Ort bieten, an dem sich die Jugendlichen sicher und wohl fühlen, an dem sie eine warme Mahlzeit erhalten und immer einen Ansprechpartner haben.
Natascha Tepaß, Gründerin von VISIONEERS e.V.

Doch dann kam die „Flüchtlingswelle“ – und mit ihr auch rund 120 unbegleitete, minderjährige Mädchen und Jungen, die vor dem Krieg flohen, und in direkter Nähe von Natascha und ihrem Mann untergebracht wurden. „Mein Mann kam selbst mit drei Jahren als politischer Flüchtling aus Rumänien nach Deutschland. Als er zehn war, starb sein Vater“, erzählt die Gründerin. „Er wuchs in einem Jugendheim auf, weiß, wie es ist, alleine in einem fremden Land zu sein. Auch deshalb wollte er etwas tun.“

Vom Hilfebedürftigen zum Helfenden: #Gemeinsam für ein besseres Berlin

Alles fing mit einer kleinen Weihnachtsfeier an, die die beiden organisierten. Es kamen viele junge Flüchtlinge. So viele, dass das Paar beschloss: Wir gliedern die Arbeit mit diesen Jugendlichen an unseren Verein an. Die ersten Angebote reichten vom Deutschunterricht bis zum Fußballtraining. „Wir wollen einen Ort bieten, an dem sich die Jugendlichen sicher und wohl fühlen, an dem sie eine warme Mahlzeit erhalten und immer einen Ansprechpartner haben“, sagt Natascha.

Tawfik und Ahmed stehen bei Denise und Natscha und unterhalten sich mit den beiden.
Tawfik trägt sein YouTube-Shirt und lächelt Amadeus an. Danaben stehen Denise und Natascha.
Amadeus schaut den Jungs beim Volleyballspielen und Longboardfahren zu.

Ein Schwerpunkt der Arbeit ist es, den Jugendlichen das Land näher zu bringen – und sie durch ein familiäres Umfeld und Aufklärungsarbeit davor zu schützen, kriminell zu werden oder sich zu radikalisieren: „Wir waren zum Beispiel im KZ Buchenwald“, erzählt Natascha. „Wer mitkommt, tut dies freiwillig. Das ist uns wichtig, denn ansonsten bringt es nicht viel.“ Amadeus, zweiter Vorsitzender des Vereins und selbst vor fast 40 Jahren aus der Sowjetunion in die Bundesrepublik geflohen, bringt den Jugendlichen unter anderem die Deutsche Geschichte näher. Zuletzt zum Tag der Deutschen Einheit. „Unser Ziel ist es, sie durch die Schule zu bringen und ihnen bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz zu helfen, damit sie eine echte Perspektive haben“, sagt Denise, dich sich inzwischen zu Natascha gesellt hat. Je nach Lernniveau begleitet der Verein die jungen Menschen zwei bis fünf Jahre lang, bis sie schließlich im deutschen Arbeitssystem integriert sind.

Von unserer Familie getrennt zu sein, ist schwer für uns.
Ahmed, floh mit seinem Bruder vor dem Krieg in Syrien

Die Jugendlichen nehmen all dies dankbar an. Und möchten auch etwas zurückgeben: Auf Initiative ihrer Schützlinge stellte das VISIONEERS-Team das Projekt „#Gemeinsam für ein besseres Berlin“ auf die Beine, das Denise betreut. „Wir werden 2019 verschiedene Aktionstage durchführen. Dabei möchten wir Menschen für bestimmte Themen sensibilisieren, wie einen bewussten Umgang mit dem direkten Umfeld, Bedürftigen in unserer Stadt, sowie für Natur und Umwelt.“ Dass die Jugendlichen so selbst in die Rolle des Helfenden schlüpfen können, steigert auch ihr Selbstwertgefühl und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.

Mit YouTube-Videos zum Dialog der Kulturen

Während Denise und Natascha noch ein wenig reden, haben die Jungs den Volleyball zur Seite gelegt und versuchen sich nun am Longboard fahren. Für Eduardo, der in Costa Rica regelmäßig surft, kein Problem. Die anderen stehen allerdings noch etwas wackelig auf den Beinen, doch der Südamerikaner gibt ihnen Tipps und hilft ihnen bei den ersten Versuchen. Gerade steht Salam auf dem Board. Ahmed und Tawfik schauen zu, sie tragen weiße T-Shirts mit YouTube-Logo darauf. „Wir haben beide einen YouTube-Kanal und laden dort ab und zu Videos hoch“, erzählt Ahmed.

Salam versucht sich am Longboardfahren, Eduardo stützt ihn dabei und läuft neben dem Board her.
Ahmed und Tawfik mit ihren YouTube-Shirts.
Vereinshund Happy versucht sich auf auf dem Longboard, Ahmed und Eduardo stehen hinter ihm und folgen ihm.

Der 20-Jährige floh mit seinem Bruder vor zweieinhalb Jahren aus seiner Heimatstadt Damaskus in Syrien. „Wir kamen von der Schule nach Hause, unsere Mutter sagte, wir müssen schnell ein Flugticket für uns kaufen“, erinnert er sich an den Tag, an dem die beiden ihre Familie zurücklassen mussten. „Ich war fast 18, dann hätte ich das Land nicht mehr verlassen dürfen, sondern hätte zum Militär gemusst“, erklärt Ahmed. Seit ihrer Flucht, die sie mit dem Flugzeug in die Türkei und von dort mit dem Boot zunächst nach Griechenland führte, haben die Brüder ihre drei kleinen Schwestern (8, 12 und 15 Jahre) und ihre Eltern nicht mehr gesehen. „Das ist schwer für uns. Aber wir müssen das durchziehen, und wir hoffen, dass unsere Familie irgendwann nachkommen kann, bis wieder Frieden in unserem Land herrscht“, sagt Ahmed.

In seinen YouTube-Videos erklärt der 20-Jährige unter anderem, wie man sich auf Arabisch vorstellt, wie man sagt wo man lebt und wie alt man ist. In einfacher Lautsprache hat er die Wörter auch noch einmal in das Video eingebaut. Auch so möchte er den Dialog der Kulturen unterstützen, der im Verein gelebt wird. Sein Motto: „Lasst uns alle in Frieden leben und die Welt gemeinsam aufbauen.“

Gerade macht Ahemd eine Pflegeausbildung, später wird er mit Senioren und Menschen mit Behinderung arbeiten.

Ahmed und Tawfik im Gespräch mit Redakteurin Katharina Hofmann.

Der 18-jährige Tawfik möchte nach dem Realschulabschluss nun sein Abi machen und später Erzieher werden. In seinen YouTube-Videos macht er unter anderem Straßenumfragen – zum Beispiel zum Thema Freundschaft. „Ich suche nach Themen, hinter denen mehr steckt“, sagt er. „Was bedeutet echte Freundschaft? Und hast du einen echten Freund oder eine echte Freundin? Viele müssen erst mal nachdenken, bevor sie diese Fragen beantworten.“ Rund 600 Menschen folgen seinem YouTube-Kanal, bis zu 1.000 schauen sich seine Videos an. Nicht immer sind die Kommentare darunter freundlich. „Das ist normal“, sagt Tawfik. Und Ahmed fügt hinzu: „Jeder hat seine Meinung, und das ist okay.“

Tawfik, Denise, die ehrenamtliche Lucy und Salam spielen Kicker.
Salam steht am Kicker und lacht in die Kamera.

Auch ihr Freund Salam, der aus dem Irak nach Deutschland geflohen ist, strebt eine Ausbildung zum Erzieher an. Momentan arbeitet er ehrenamtlich als Fußballtrainer einer Jugendmannschaft, spielt aber auch selbst in dem Verein. Sie alle haben VISIONEERS viel zu verdanken: „Wir sind hier ein großes Team“, sagt Salam. Ahmed und Tawfik nicken. Wenn die Aktion „#Gemeinsam für ein besseres Berlin“ im kommenden Frühjahr startet, wollen die drei Freunde auf jeden Fall mit dabei sein.

Info

  • VISIONEERS e.V. ist ein unabhängiger Verein, der sich für sozial benachteiligte Jugendliche in Berlin einsetzt. Schwerpunkte der Arbeit liegen in der Integrationsarbeit sowie der Prävention von Kriminalität, Sucht und Radikalisierung.
  • Um nicht nur die Menschen zu erreichen, die selbst oder durch Zufall zu VISIONEERS e.V. finden, wird in Zukunft ein Streetworker gezielt an Brennpunkten der Stadt nach als vermisst gemeldeten Jugendlichen suchen und sie zum Verein einladen.
  • Wir haben es uns, gemeinsam mit unserer Stiftung, dem Deutschen Hilfswerk, zur Aufgabe gemacht, das solidarische Miteinander in Deutschland zu stärken. Daher freuen wir uns sehr, dass wir die Arbeit von VISIONEERS und die Etablierung eines Streetworkers mit 37.369 Euro unterstützen konnten.
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