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Für das Recht auf Wind im Haar von Bonn nach Berlin

Jeder hat das Recht auf Wind in den Haaren – davon ist die Initiative Radeln ohne Alter überzeugt. Deshalb unternehmen Ehrenamtliche hier Fahrradrikscha-Ausflüge mit Seniorinnen und Senioren, um Abwechslung in deren Alltag zu bringen und Geschichten auszutauschen. Jetzt wollen sie die Idee der internationalen Bewegung durch die Bundesrepublik tragen – mit dem Rad, über 1.100 Kilometer, von Bonn nach Berlin.

Es ist ein schöner Spätsommertag. Durch die Baumkronen scheinen sanfte Sonnenstrahlen. Die ersten braunen Blätter knistern unter den Schritten der zwei Spaziergängerinnen, die gemütlich durch das kleine Waldstück in Diez schlendern. Plötzlich bleiben sie stehen, schauen mit großen Augen nach vorn: Nein, so etwas haben sie hier noch nicht gesehen!

Vier Fahrradrikschas, geschmückt mit bunten Luftballons, kommen auf sie zu. Jeweils zwei Senior*innen sitzen darin, winken den verdutzten Spaziergängerinnen im Vorbeifahren fröhlich zu – und mit einem unwillkürlichen Lächeln winken diese zurück.

Auf einem Waldweg kommen in der Ferne vier Fahrradrikschas, geschmückt mit bunten Luftballons, mit je einem Fahrerer/einer Fahrerein und zwei Senioren/Seniorinnen angefahren.
Die Fahrradrikschas im Wald sind etwas näher gekommen und fahren an der Kamera vorbei.

Radeln ohne Alter: eine internationale Bewegung

Unter dem Motto „Einheit ohne Alter“ haben sich Ehrenamtliche vom gemeinnützigen Verein Radeln ohne Alter e.V. (https://radelnohnealter.de/) aus Bonn auf den Weg in Richtung Berlin gemacht – entlang des 2016 neu eröffneten Radwegs der Deutschen Einheit. Auf den rund 1.100 Kilometern besuchen sie verschiedene Senioreneinrichtungen in ausgewählten Städten und unternehmen mit den dortigen Bewohner*innen kleine Ausfahrten. Auf diese Weise soll die Idee, die hinter Radeln ohne Alter steckt, quer durchs Land getragen werden – in der Hoffnung, dass möglichst viele Senioren- und Pflegeeinrichtungen diese aufgreifen.

Caroline Kuhl hilft einem älteren Mann beim Einstieg in die Fahrradrikscha.

„Ich habe mich immer gut mit meiner Oma verstanden und viel Zeit mit ihr verbracht“, sagt Caroline Kuhl, die heute als Fahrerin einer der Rikschas unterwegs ist. Gemeinsam mit ihrer Kommilitonin Natalie Chirchietti gründete die 26-Jährige den Verein in Bonn, als Teil einer internationalen Bewegung. Das Vorbild kommt aus Kopenhagen. Ole Kassow legte dort 2012 den Grundstein für das Projekt: Jeden Morgen sah er auf dem Weg mit dem Fahrrad zur Arbeit einen alten Mann auf einer Parkbank sitzen, neben ihm ein Rollator. Dieser Mann konnte nie wieder Rad fahren! Als ihm dies bewusst wurde, überlegte Kassow wie sehr er im Alter den Fahrtwind im Gesicht vermissen würde. Also lieh er eine Rikscha, fuhr zu einem Altenheim – und „Cykling uden alder“ (dänisch für „Radfahren ohne Alter“) war geboren.

Ein älterer Herr und eine ältere Dame schauen fröhlich in die Kamera. Sie sitzen nebeneinander in der Rikscha.
Ein älterer Herr und eine ältere Dame schauen fröhlich in die Kamera. Sie sitzen nebeneinander in der Rikscha.

Caroline beschäftigt noch ein weiteres Thema: „Viele Seniorinnen und Senioren leben sozial isoliert. Sie kommen wenig raus, erhalten wenig Besuch“, so die Studentin. „Das möchte ich ändern.“

Jeder Mensch hat es verdient, sein Leben mit Freude zu gestalten

Den ersten Halt macht die Truppe heute am Schloss Oranienstein, das vor über 300 Jahren auf den Ruinen eines ehemaligen Klosters errichtet wurde. Herrschaftlich erstreckt sich das barocke Gebäude, das heute ein Museum beherbergt und als Bundeswehr-Kaserne dient, vor einem weiten Schlossgarten – eine atemberaubende Kulisse für die Senior*innen in den Rikschas! Und für sie gleichzeitig die Gelegenheit, den Ehrenamtlichen im Sattel die eigene Stadt näher zu bringen.

Vier Fahrradrikschas mit Faherer*innen und Passagieren fahren am Schloss Oranienstein in Diez entlang.
Vier Fahrradrikschas mit Faherer*innen und Passagieren fahren auf den Hof des Schloss Oranienstein in Diez .
Caroline und die anderen Ehrenamtlichen schauen gemeinsam mit den Senior*innen das Schloss aus den Rikschas aus an.
Die Rikschas fahren wieder vom Schlosshof herunter, auf der Seite der Rikscha sieht man das Logo der Deutschen Fernsehlotterie. Die Senioren tragen Sonnenbrillen, denn das Wetter ist sonnig.

Auch darum geht es bei „Radeln ohne Alter“: Alt und Jung zusammenzubringen, miteinander zu reden und (Lebens-)Geschichten auszutauschen. Denn die Senior*innen möchten nicht nur selbst erzählen – sondern interessieren sich auch für die Menschen, die da mit ihnen unterwegs sind.

Ein Konzept, das in Diez gut ankommt: Der Leiter des AWO Seniorenzentrums Am Hain war von der Idee sofort angetan. „Wir machen öfter Events für unsere Bewohner“, sagt er. „Es ist wichtig, dass sie Dinge unternehmen können, die ihnen Spaß machen. Da sind wir immer dabei. Denn diese Menschen haben es uns ermöglicht, heute ein gutes Leben zu führen. Sie haben es verdient, dass sie ihr Leben mit Freude gestalten können, so wie sie es möchten.“

Ein älterer Herr in der Rikscha zeigt Fahrerin Caroline etwas in der Ferne, in der Sonnenbrille seiner Sitznachbarin spiegelt sich die Fassade des Schloss Oranienstein.

Auch der Bürgermeister der Stadt, Frank Dobra, ist begeistert – und extra zum Schloss Oranienstein gekommen, um sich die Aktion vor Ort anzusehen. In einem kleinen Bogen fahren die Rikschas an ihm vorbei in den kleinen Schlosshof. „Schauen Sie in die Gesichter der Leute“, sagt Dobra, während er ihnen nachblickt. „Das spricht Bände!“

Der ältere Herr und die ältere Dame in der Rikscha lachen, die Dame greift nach ihrer Sonnenbrille.

Der Bürgermeister ist so entzückt, dass er den Radfahrern nicht nur heimlich eine kleine Spende überreicht, sondern auch noch ein Eis für alle spendiert – und da geht es als nächstes hin!

Am Marktplatz hat sich Eisverkäufer Mirko bereits aufgestellt. Auch er ist heute mit dem Fahrrad unterwegs – wie so viele Tage in diesem Sommer: Mit seinem Eismobil fährt er auch die AWO Seniorenresidenz regelmäßig an. Die Freude über das unverhoffte Lieblingseis ist bei den Senior*innen dementsprechend groß. „Gibt es Stracciatella?“, fragt der 86-jährige Toni Stahlhofen und reckt den Kopf. „Dann nehme ich nämlich fünf Kugeln!“

„Fünf?“, ruft seine Beifahrerin, Renate Rosso (76), überrascht aus. Sie lacht und schüttelt den Kopf. „Na, ich bleibe bei zwei…“

„Möchten Sie aufstehen oder in der Rikscha bleiben?“, fragt Nadine, die das Gefährt lenkt. „Och, wenn Sie so fragen“, antwortet Frau Rosso und grinst schelmisch, „dann bleiben wir doch sitzen!“ Vorsichtig fährt Nadine die Rikscha an das Eisfahrrad heran, sodass die beiden ihre Bestellung aufgeben können.

Eisverkäufer Mirko reicht dem ältern Herrn in der Rikscha einen Eisbecher über seinen Eistand hinweg. Die Sitznachbarin in der Rikscha lacht.
Eisverkäufer Mirko reicht einer Dame in türkiser Jacke einen Eisbecher über seinen Eistand hinweg. Die Perspektive ist aus Sicht des Eisstandes, man sieht nur Mirkos Hand.
Ein älterer Herr sitzt in der Rikscha und hält ein Eishörnchen mit zwei Kugeln Eis darin in der Hand.

„Das war eine ganz tolle Abwechslung“, sagt Frau Rosso kurz darauf mit ihrer Eistüte in der Hand. „Wir haben uns alle schon so darauf gefreut. Aber wir hatten keine Vorstellung davon, dass dieser Tag so wunderbar wird!“

Ein starkes Team

„Das ist eine richtig tolle Idee“, findet auch Heinz Simon. Der 87-Jährige ist kurz aus der Rikscha ausgestiegen und unterhält sich mit „seinem“ Piloten Uwe Beu (49). „Das Gelernte im Seniorenheim ist der Rollstuhl. Wenn jemand raus möchte, dann kommt er da rein. Aber das hier, das wäre doch, für die, die es noch können, eine tolle Alternative!“, schwärmt Herr Simon. Uwe nickt. „Ich betreibe selbst ein Altenheim und habe inzwischen auch zwei Rikschas angeschafft“, erzählt er. Für die Tour hat Uwe sich extra ein paar Tage freigenommen – morgen wird er abgelöst.

Der Ehrenamtliche Uwe Beu isst Eis aus dem Becher und unterhält sich mit einem älteren Herrn im Vordergrund.

Insgesamt 30 Ehrenamtliche nehmen an der vierwöchigen Fahrradtour teil, immer im Wechsel. „Es ist toll, wie die jungen Leute das organisiert haben, so zwischen Studium und Masterarbeit“, sagt Martin Herrmann (58), der durch einen Bekannten auf den Verein aufmerksam wurde und sich seitdem engagiert. „Der Teamspirit ist einfach toll! Wir sind unterschiedlich alt, haben unterschiedliche Interessen – doch jeder bringt sich mit ein.“

„Anfangs waren wir nur Studentinnen“, erzählt Caroline, die sich auf den freien Platz zu Frau Reimer (90) in die Rikscha gesetzt hat. „Dass uns inzwischen auch viele Ältere unterstützen, ist Gold wert!“ Eigentlich wollte die 26-jährige Vereinsvorsitzende, die gerade ihren Abschluss in Wirtschaftspsychologie gemacht hat, nun auf dem Weg nach Asien sein. Doch es kam anders. „Ich bereue es nicht, meine Asienreise gecancelt zu haben. Denn das, was ich hier erlebe, ist wirklich toll. Sowohl mit den Senioren, als auch dem Team.“

Caroline Kuhl sitzt mit einer Seniorin in der Rikscha, die Seniorin umarmt die Studentin und schaut sie lachend an.

Wie es nach der Tour weitergeht? Das weiß Caroline noch nicht. Mit dem Master in der Tasche möchte sie nun ins Berufsleben starten. Da bleibt weniger Zeit für den Verein, der inzwischen jedoch zum Vollzeitjob geworden ist. „Auch deshalb hoffe ich, dass wir mit unserer Aktion andere Menschen inspirieren es uns gleich zu tun!“

Zum Abschluss des Tages geht es noch ein letztes Mal los. Auf der flachen Promenade am Ufer der Lahn geben die Ehrenamtlichen noch einmal Gas und die Senior*innen genießen den Wind in den Haaren. Am Ziel angekommen, helfen Caroline und ihre Mitstreiter*innen den Fahrgästen aus den Rikschas. Die 78-jährige Gudrun Ermel greift die Hand der jungen Studentin. „Darüber werden wir noch in zehn Jahre sprechen“, sagt sie mit leuchtenden Augen.

Mit etwas mehr Speed geht es entlang des Lahnufers.

Info

  • Der Startschuss der Aktion „Einheit ohne Alter“ fiel am 5. September in Bonn, drei Tage später fand der Aktionstag in Diez statt. Hier kannst Du die ganze Strecke anschauen.
  • Die fünf Leitbegriffe von Radeln ohne Alter sind: Großzügigkeit, Langsamkeit, Geschichten erzählen, Beziehungen, ohne Alter.
  • Radeln ohne Alter ist eine internationale Bewegung. Mehr Standorte in Deutschland – und ganz Europa – findest Du in dieser interaktiven Karte. Wer selbst Lust hat, Partner der Bewegung zu werden, findet hier wichtige Infos.
  • Die Idee, ältere Menschen auf diese außergewöhnliche Weise zu aktivieren, sie möglicherweise aus ihrer Einsamkeit zu holen und mit jungen Menschen in Kontakt zu bringen, finden wir großartig! Und die Rikschas können zudem eine wichtige Funktion in der Vernetzung des Quartiers darstellen. Umso mehr freut es uns, dass wir die Aktion „Einheit ohne Alter“ als Hauptsponsor unterstützen konnten. Seit vielen Jahren fördert die Deutsche Fernsehlotterie soziale Projekte für Seniorinnen und Senioren, aber auch für Kinder, Jugendliche, Familien und Menschen mit Behinderung oder schwerer Erkrankung. In unserer Karte findest Du sicher auch Projekte in Deiner Nähe!

Mutmacher

Autorin

Katharina Hofmann

Fotograf

Guido Werner

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