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„Es ist wichtig, dass wir uns emotional nahe bleiben“

Community Managerin Juelz von AUIO.tv – einer Aufklärungsplattform über Autismus und Neurodiversität – darüber, was Hamsterkäufe in ihr auslösen, fehlende Routine und mentale Gesundheit.

Deutsche Fernsehlotterie: Wie ist euer Projekt von der Corona-Pandemie betroffen und welche Herausforderungen bringt dies für euch mit?

Juelz: Wir von AUIO.tv sind schon seit dem 13. März im Homeoffice. Dass wir derzeit so zersplittert arbeiten, finde ich sehr schade und es fällt mir auch sehr schwer. Ich finde es viel angenehmer und leichter, wenn ich Leute um mich herum habe. Wir haben aber Glück: Wir haben schon vor der Pandemie und vor der Homeoffice-Situation ganz viele digitale Tools genutzt, um unsere Arbeit zu koordinieren. Das bringt uns jetzt natürlich weiter, wir müssen uns nicht komplett neu einstellen. Austausch und Meetings finden jetzt schriftlich oder per Video-Chat statt.
Uns ist es wichtig, unsere Community zu unterstützen und den Menschen Dinge an die Hand zu geben, die ihnen durch diese Zeit helfen. Das gilt sowohl für unsere autistische Community, aber auch für alle, die nicht autistisch sind. Denn diese Zeit ist wirklich für uns alle eine Herausforderung. Für autistische Menschen ist diese Ausnahmesituation noch mal, ich will nicht sagen schwerer, aber auf eine andere Art schwer. Der komplette Alltag, alle Routinen fallen weg – das verursacht große Unsicherheit und große Ängste. Ich merke es bei mir selbst auch, ich habe wirklich große Schwierigkeiten, meine Tage zu strukturieren.

Ein Mann und eine Frau sitzen an einem Tisch, die Frau schreibt etwas auf einen Zettel.

Foto: AUIO.tv-Gründer Jan-Frederik und Community Managerin Juelz und eine weitere Mitarbeiterin in einem Meeting vor der Corona-Krise.

Deutsche Fernsehlotterie: (Wie) könnt ihr auf die aktuelle Situation reagieren?

Juelz: Wir arbeiten gerade ganz intensiv an der Erstellung unserer Online-Kurse und freuen uns über jedes Feedback und jede Frage, die wir aus der Community und von Interessierten bekommen können. Das hilft uns, unsere Kurse so zu gestalten, dass es für möglichst viele Leute relevant und interessant ist.
Während diese Arbeit also ganz normal weiterläuft, reagieren wir aber auch auf die aktuelle Situation. Ich finde ich es wichtig, dass wir neben der körperlichen Gesundheit auch unsere mentale Gesundheit im Blick behalten. Besonders in so einer Extremsituation sind wir anfällig dafür, Depressionen oder Ängste zu entwickeln, selbst, wenn wir vorher noch nie etwas damit zu tun hatten. Es ist wichtig, darüber zu sprechen und sich darüber austauschen zu können. Je mehr man versucht, diese Dinge mit sich selbst auszumachen, desto schwerer kann es sein, da wieder rauszukommen. Ich glaube, es ist sehr wichtig, auch wenn wir gerade eine physische Distanz zueinander wahren, dass wir versuchen, uns emotional immer noch nahe zu bleiben.

Deutsche Fernsehlotterie: Wie kann man autistische Menschen direkt unterstützen?

Juelz: Indem man ihnen zum Beispiel anbietet, eine Struktur zu entwickeln. Oder versucht, gemeinsam die Alltagsroutine, die man vorher hatte, irgendwie in die jetzige Situation zu übertragen. Beispielsweise verhalte ich mich morgens immer noch so wie an jedem anderen Tag. Diese Routine halte ich noch ein. Bei mir heißt das: Katzenfüttern, Tee trinken – und diese Sachen alle in einer bestimmten Reihenfolge. Das hilft mir, um mich nicht ganz so haltlos zu fühlen. Ansonsten ist es natürlich auch wichtig, einfach nachzufragen, ob man irgendwie helfen kann. Dabei ist es natürlich wichtig, die Vorgaben des Gesundheitsministeriums einzuhalten. Man kann gemeinsam mit der autistischen Person überlegen, was in diesem Rahmen möglich ist und was man tun kann, um zu helfen. Mir hat das beispielsweise wahnsinnig Angst gemacht, als so viele Leute mit den Hamsterkäufen angefangen haben. Es gehört nicht zu meiner Routine, viele Sachen auf Vorrat zu kaufen, sondern ich mache eher mehrmals die Woche kleine Einkäufe. Deswegen hat mich diese Situation das ganz unruhig und ängstlich gemacht. Tatsächlich glaube ich, hätte es mir geholfen, wenn jemand einen großen Einkauf für mich erledigt hätte. Vielleicht auch eine Person mit Auto. Ich glaube, dass diese ganzen Hilfeleistungen und Hilfestellungen sehr individuell sind. Am besten kann man helfen, wenn man sich vorher austauscht, was die Person, der man helfen möchte, tatsächlich braucht.

Die Plattform AUIO.tv möchte das Thema Autismus emotional erfahrbar machen. Die interaktiven Medieninhalte der Plattform richten sich an autistische Menschen und nicht-autistische Menschen: Ein Projekt, das (digital) verbindet – und das wir mit 230.000 Euro unterstützen.

Über Visionen und Autismus

Wir trafen AUIO.tv-Gründer Jan-Frederik Metje auf dem Z2X-Festival der ZEIT in Berlin. Ein Jahr später stand fest, dass wir ihn bei der Realisierung seiner Vision mit einer Förderung unterstützen! Im Interview erzählt Jan-Frederik von seinem Projekt.

Zum Interview
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Mutmacher

Autorin

Katharina Hofmann

Fotograf

AUIO.tv

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