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Ein Stück Farbe im tristen Grau

Sie sind nicht zu übersehen: Die beiden Hochhäuser im Quartier „Im Hölk“ in Bad Oldesloe. Zwischen gut situierten Einfamilienhäusern ragen die grauen Riesen in den Himmel – und bilden eine Sonderwelt in dieser Nachbarschaft. Das Projekt „Plan B“ möchte mit kreativen Ideen das Miteinander stärken und so die drohende Spaltung des Viertels verhindern.

Es ist ein kalter Wintermorgen in Bad Oldesloe. Eine dicke, graue Wolkendecke liegt schwer über der Stadt und dämpft alles, was darunter liegt. Auch auf den Straßen rund um die Hochhäuser im Quartier „Im Hölk“ ist es ruhig. Bis ein kalter Windhauch es herüberträgt: aufgeregtes Stimmengewirr. Es kommt vom wenige Meter entfernt gelegenen Abenteuerspielplatz Erle vom Verein “Erleben leben”. Dort brennt ein kleines Lagerfeuer, die Plätze drum herum jedoch sind leer: Die Kinder – alle eingepackt in dicke Jacken – toben lieber auf dem weitläufigen Gelände herum. Es sind Schülerinnen und Schüler aus einem anderen Viertel, die, wie weitere Schulklassen und Kindergartengruppen, mit viel Freude das Angebot des Spielplatzes nutzen. Sie spielen Fußball, andere bauen mit einem Holzbrett und Steinen eine Wippe, wieder andere füttern die Hühner, die hier auf dem Spielplatz leben. „Kinder haben Lust auf Natur, sie haben Freude daran, draußen zu sein – entgegen der gesellschaftlichen Beobachtung“, weiß Sozialpädagogin Nina, die dieses kleine Paradies inmitten der Stadt gemeinsam mit Erzieher Olli aufgebaut hat.

Kinder sägen ein Stück Holz.

Schon vorher gab es hier einen Spielplatz. „Der war aber immer leer“, sagt die 37-Jährige. Den beiden war damals klar: Für die Jüngsten im Viertel fehlt ein Treffpunkt. Heute tummeln sich auf dem Abenteuerspielplatz von morgens bis abends Kinder. Zwischen 8 und 14 Uhr Schulklassen aus unterschiedlichen Stadtteilen, ab 14 Uhr auch viele Jungen und Mädchen aus dem angrenzenden Quartier und den „Hölk-Hochhäusern“. Durch die blätterlosen Äste des großen Baumes am Rande des Spielplatzes kann man sie sehen: Wie graue Riesen ragen die beiden Gebäude in den wolkenbehangenen Himmel. Die einst weiße Fassade ist bröckelig, die gelben Fronten verblasst. Umringt von Einfamilienhäusern bilden die zwei alten Betonklötze eine Sonderwelt im Quartier. „Umso schöner ist es, dass wir den Kindern, die dort leben, den nahegelegenen Spielplatz als Freizeitaktivität anbieten können“, sagt Maria Herrmann. Sie ist die Quartiersmanagerin im Viertel und setzt sich für die Bedürfnisse der Bewohnerinnen und Bewohner ein.

Ein Hochhaus mit grauer Fassade.

„Hier in der Nachbarschaft treffen viele verschiedene Kulturen, verschiedene soziale Schichten aufeinander“, sagt sie weiter. „Das sorgt für ein besonderes Spannungsfeld, uns droht die Spaltung des Stadtteils.“ Dem entgegenzuwirken, ist die große Herausforderung, vor der Maria Herrmann steht. Mit „Plan B“, einer Initiative im Rahmen der Q8 Quartiersentwicklung, die inmitten der Hochhäuser angesiedelt ist und verschiedene Angebote für Nachbarinnen und Nachbarn organisiert, möchte sie vor allem eines erreichen: „Alle sollen sich hier wohlfühlen.“

Straßenkunst: Graffitis machen die graue Platte bunt

Wie das funktionieren kann? Zum Beispiel, indem man etwas mehr Farbe ins Leben der Anwohnerinnen und Anwohner bringt. Heute haben sich zwei Straßenkünstler im Quartier eingefunden, um Jugendlichen die Graffiti-Kunst näher zu bringen. Mit einer großen Box voller Spraydosen und Schutzkleidung kommen sie am Quartiersbüro an. Dort warten schon die ersten Jugendlichen, die sich eilig die weißen Overalls überziehen. Heute lernen sie die Technik, dicke und dünne Striche zu sprühen. Später dürfen sie auch noch ihre Namen auf kleinen Holztafeln verewigen. Viele der Wände rund um die Hochhäuser zieren bereits bunte Kunstwerke. Heute kommt ein weiteres dazu.

Zwei Jugendliche mit Spraydosen vor einer Wand mit Graffiti.
Zwei Graffiti-Künstler kleben mit einem Jungen Holztafeln zum Ansprayen ab.
Ein June sprayt mit blauer Farbe auf eine Leinwand.

Durch Aktionen wie diese werden die Jugendlichen im Viertel animiert, ihre Lebenswelt selbst mitzugestalten. „Das stärkt sie in ihrem Selbstvertrauen, weil sie erfahren, dass sie Dinge tun können, zu denen sie vorher keinen Zugang hatten“, sagt Maria Herrmann, die das Geschehen durch das Fenster des Quartiersbüros beobachtet. Neben Aktionen wie dem Graffiti-Sprayen bietet „Plan B“ aber vor allem Beratungen an und Hilfe beim Ausfüllen von Formularen, bei Behördengängen und in sozialen Fragen. Wichtig ist dem Team dabei, die Menschen immer wieder zu motivieren, selbst aktiv zu werden. „Wir geben Hilfe zur Selbsthilfe“, betont die Quartiersmanagerin.

Es gibt immer Menschen, die Hilfe brauchen. Und ich habe wirklich von diesem Projekt profitiert.
Ismail, hat sich im Projekt "Plan B" beraten lassen

Die Tür des „Plan B“-Büros geht auf. Ismail, ein junger Mann aus dem neunten Stock, kommt herein. Er hat eine Frage an Conny Steinert, die im Projekt als Beraterin tätig ist. „Ich wurde hier schon einmal beraten“, erzählt er. „Ich finde es toll, dass es sowas gibt. Denn es gibt immer Menschen, die Hilfe brauchen, und ich habe wirklich von diesem Projekt profitiert.“ Bald tritt er seinen neuen Job an. Doch vorher sucht er noch einen Übersetzer für seine Zeugnisse – auch hier hilft „Plan B“. „Wir sind mit vielen verschiedenen Akteuren in der ganzen Stadt vernetzt und vermitteln gern weiter“, sagt Maria Herrmann.

Quartiersmanagerin Maria Herrmann vor einer Graffiti-Wand.

Darüber hinaus bringt das Projekt Menschen zusammen, zum Beispiel mit der regelmäßigen Aktion „Wie schmeckt Heimat?“. Diese soll heute hier in den Räumlichkeiten stattfinden. Eine ältere Frau betritt das Quartiersbüro, in der Hand hält sie einen Kuchen. Es ist Annelore aus dem zweiten Stock. „Kennt ihr euch schon?“, fragt Maria Herrmann die 71-Jährige und Ismail, der sich gerade seine Jacke anzieht. „Nein“, sagt er, schüttelt Annelores Hand und fügt lächelnd hinzu: „Aber jetzt kennen wir uns!“

Gemeinsam essen, Vorurteile überwinden

„Nachbarschaftshilfe ist vor allem da wichtig, wo Menschen anonym leben und vereinsamen“, sagt Maria Herrmann. Annelore lebt schon seit 33 Jahren im Hölk. „Ein Projekt, dass die Nachbarn zusammenbringt, das gab es hier vorher nicht“, erzählt sie. Das erste Mal, dass sie von „Plan B“ gehört habe, sei vor zwei Jahren gewesen, so die Rentnerin. Damals waren die Heizungen in den Hochhäusern ausgefallen, Maria Herrmann und ihre ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer starteten daraufhin eine Suppenaktion. Kurz darauf luden sie das ganze Quartier zu einem Begegnungstag ein. „Ich hatte zu diesem Zeitpunkt keinen Fernsehanschluss“, erinnert sich Annelore. „Also bin ich dort hin gegangen und habe so viele nette Menschen kennengelernt.“ Seitdem hilft die 71-Jährige auch immer wieder bei verschiedenen Aktionen mit. Für „Wie schmeckt Heimat?“ hat sie einen Holsteiner Apfelkuchen gebacken. „Hast du das Rezept von deiner Mama?“, fragt Ismail. „Ja“, sagt Annelore und nickt kräftig mit dem Kopf.

Man muss sich zeigen, man darf sich nicht verstecken.
Annelore, Anwohnerin und Ehrenamtliche im Projekt "Plan B"

„Wie schmeckt Heimat?“ wurde von einer Handvoll Nachbarinnen und Nachbarn initiiert und soll Kulturen zusammenbringen, indem jeder ein Gericht aus seiner Heimat zubereitet. Maria Herrmann hat Saarländischen Speckkuchen mitgebracht. „Beim Essen lernt man sich schnell kennen“, so die Quartiersmanagerin. „Es werden Ängste und Vorurteile beim Beisammensein abgebaut.“

Während die Jugendlichen draußen gerade ihre Namen in leuchtenden Farben auf Holztafeln verewigen, rücken Annelore, Conny Steinert und weitere Helferinnen im kleinen Quartiersbüro die Tische zurecht. Nach und nach kommen weitere Besucherinnen und das Buffet füllt sich mit Speisen aus verschiedenen Ländern, mit süßem Kuchen und herzhaften Fleischspießen. Annelore schaut sich um. Nicht alle Tische sind am heutigen Nachmittag voll besetzt. „Schade, dass nicht noch mehr zum Feiern dazukommen“, sagt die Rentnerin. „Aber ich denke mal, wenn wir uns noch ein bisschen Zeit geben, wird das schon.“ Im Sommer, sagt sie, sei es einfacher. „Da suchen wir uns immer ein Plätzchen draußen. Man muss sich zeigen, man darf sich nicht verstecken.“

Das Buffet bei der Aktion "Wie schmeckt Heimat?"

Dann steht sie auf und geht zum Buffet. Dort wird bereits eifrig über die unterschiedlichen Leckereien gesprochen: Wer hat das mitgebracht? Was ist da drin? Wo kommt es her? Besteck klappert auf Tellern, es wird gelacht und geredet. Der Raum ist erfüllt von buntem Stimmengewirr – wie der Tag heute im Quartier begonnen hat, klingt er auch aus.

Info

  • Das partizipative Nachbarschaftsprojekt will aus dem Hölk wieder ein Quartier machen, in dem sich die Menschen wohl fühlen. Wir freuen uns, dass wir dieses Anliegen mit 199.000 Euro fördern konnten!
  • Mittlerweile hat „Plan B“, das eine Initiative im Rahmen der Q8 Quartiersentwicklung ist, mit der Hilfe vieler Ehrenamtlicher ein Quartier geschaffen, in dem die Bürger ihr Zusammenleben gestalten und die Nachbarschaft bunt machen. Dabei wird darauf geachtet, dass jeder im Quartier teilnehmen und eigene Ideen entwickeln kann. So wurden nicht nur Graffitisprayer aktiviert, es finden auch internationale Kochprojekte und viele weitere Aktionen statt.
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