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Ein Ort, um aus der Reihe zu tanzen

Gemeinschaft zu (er)leben ist wichtig. Im Mehrgenerationenhaus des Stadtteilzentrums FeidikForum in Hamm bringt ein Tanztee Menschen zusammen: Senioren, an Demenz Erkrankte, Menschen mit Behinderung und Anwohner aus der Nachbarschaft schwingen hier gemeinsam übers Parkett.

Im Raum duftet es nach Kaffee und Gebäck. Doch der „Sturm auf das Kuchenbuffet“, von dem Udo Jürgens gerade singt, bleibt aus. Leere Teller, leere Plätze – stattdessen: Eine volle Tanzfläche! „Aber bitte mit Saaaaahne“, tönt es aus den Lautsprechern. Alle singen mit.

Zwei Frauen tanzen beim Tanztee im Stadtteilzentrum in Hamm.
Die Tanzfläche beim Tanztee in Hamm ist voll!
Auch im Rollstuhl tanzen ist kein Problem: Eine Frau hält eine andere, die im Rollstuhl sitzt, an den Händen.

Fast 50 Menschen sind heute zum Tanztee gekommen. Ein älteres Paar wirbelt gekonnt durch den Raum. Sie fegen vorbei an Tanztherapeutin Annelie Rehra, an einer Gruppe Seniorinnen, die zum Takt in die Hände klatschen, und an einer jungen Frau, die mit einer Dame im Rollstuhl tanzt: Sie hält die Armlehne fest und während sie sich vor und zurück wiegt, bewegt sich der Rollstuhl sanft mit. „Bei uns wird keiner vergessen“, betont Ulla Wilms vom Stadtteilzentrum FeidikForum in Hamm. „Hier treffen sich junge und alte Menschen aus der Nachbarschaft und den nahe liegenden Ortschaften. Wir haben auch eine Seniorengruppe vom Verein für körper- und mehrfachbehinderte Menschen dabei. Jeder macht mit. Wer nicht tanzen kann, mit dem schunkeln wir eben.“

Wir freuen uns immer wie verrückt auf den Tanztee, auf die Gemeinschaft hier, mit all den unterschiedlichen Menschen.
Anneliese und Adolf, beide 85 Jahre alt, sind regelmäßige Teilnehmer des Tanztees

Dass es hier herzlich und familiär zugeht, ist von Anfang an klar: Jeder Teilnehmer wird mit Vornamen begrüßt und manche erzählen, was sie im letzten Monat Schönes erlebt haben. „Von so vielen den Namen zu lernen, das ist gar nicht so leicht“, gesteht Ulla. „Doch es ist uns allen hier sehr wichtig, unseren Besuchern diese Wertschätzung zu zeigen.“

Tanztherapeutin Annelie mit Markus. Die beiden lachen fröhlich.
Zwei Besucher des Tanztees winken lachend und halten sich an der Hand.
Tanztherapeutin Annelie hält zwei ältere Menschen an den Händen und tanzt mit ihnen.

Ins Leben gerufen wurde der Tanztee gemeinsam mit der Allianz für Menschen mit Demenz. „Wir wollten jedoch, dass sich das Publikum mischt“, erzählt Christine Lenz, die das Stadtteilzentrum leitet. „Wir wollten etwas machen, bei dem nicht das Problem im Vordergrund steht, sondern ‚Spaß‘ draufsteht.“

Hier können alle mitmachen, hier darf jeder aus der Reihe tanzen. Denn es geht nicht um Richtig oder Falsch, sondern vielmehr um die Gemeinschaft.
Annelie, Tanztherapeutin beim Tanztee in Hamm

Und so kommen seit vier Jahren jeden letzten Donnerstag im Monat ganz unterschiedliche Menschen in das Mehrgenerationenhaus, um zwei Stunden lang in Gemeinschaft zu tanzen. „Jedes Mal haben wir ein anderes Motto“, erklärt Ulla. „Heute ist es Frühling.“ Sie zeigt auf die Tische, die mit frischen Tulpen eingedeckt sind. An einem davon sitzt Frau Scholle. Seit vier Jahren ist sie schon dabei. Nicht regelmäßig – Frau Scholle hat Demenz. Doch wenn es geht, dann bringt ihre Enkelin sie her. Sie nickt Ulla zu. „Ich wurde gerade zum Tanzen aufgefordert“, sagt diese lachend und entschuldigt sich.

Anneliese und Adolf: Der Krankheit davon tanzen

Nach einigen schnellen Hits folgt ein langsameres Lied. Ein paar der Tänzer nutzen die Gelegenheit für eine kleine Pause, nippen am Kaffee oder einem Glas Wasser. Anneliese und Adolf jedoch, die das Treiben auf der Tanzfläche bisher nur beobachtet haben, stehen nun auf. Arm in Arm wiegt das Ehepaar hin und her, während Hildegard Knef „Für mich soll’s rote Rosen regnen“ singt. Auch die zwei 85-Jährigen sind seit der ersten Stunde dabei. In diesem Jahr allerdings erst zum zweiten Mal: „Im November hatte Adolf einen Schlaganfall“, erzählt Anneliese, als sich beide wieder gesetzt haben – sie gehen es derzeit lieber noch langsam an. „Er musste fast zwei Monate im Krankenhaus bleiben. Ich bin froh, dass es ihm jetzt besser geht und er sich wieder bewegen kann“, sagt sie und greift nach Adolfs Hand. Seit 64 Jahren sind die beiden glücklich verheiratet.

Anneliese und Adolf ruhen sich am Tisch etwas vom Tanzen aus.

Ihr Mann nickt. „Früher haben wir drei Stunden in der Woche getanzt, Standard und Latein.“ Vieles davon haben sie inzwischen vergessen. „Doch Freude macht es uns immer noch“, so Adolf. Er schaut sich im Raum um. „Wir freuen uns immer wie verrückt auf den Tanztee, auf die Gemeinschaft hier, mit all den unterschiedlichen Menschen. Das ist schon schön.“ Dafür reisen sie sogar aus dem Nachbarort an.

Geht nicht? Gibt’s nicht!

Nach einer kurzen Pause für alle hat Markus, der jüngste Teilnehmer am heutigen Tag, seinen großen Auftritt. Er ist blind – doch vom Tanzen hält ihn das nicht ab. Nicht mehr, jedenfalls. „Ihm wurde gesagt, dass Geburtsblinde nie tanzen könnten“, weiß Bewegungstherapeutin Annelie. Heute beweisen die beiden das Gegenteil: Sie führen einen brasilianischen Tanz auf, den sie in einer Tanzgruppe gelernt haben. „Ich habe Markus dorthin mitgenommen, nachdem ich ihn hier kennengelernt habe“, so Annelie. Leichtfüßig bewegen sich die beiden nun zur Musik, begleitet von neugierigen Blicken und freudigen Gesichtern. Als sie fertig sind, ruft Annelie: „Das ist für alle, die sagen: Ich kann nicht tanzen. Das ist nicht wahr!“ Markus lacht glücklich, während die beiden von Applaus überschüttet werden.

Tanztherapeutin Annelie und der blinde Markus tanzen einen brasilianischen Tanz.
Applaus von Ulla Wilms für das tanzende Paar.

„Mir ist es wichtig, Menschen ihre Würde zurückzugeben“, sagt Annelie in einer ruhigen Minute. „Hier können alle mitmachen, hier darf jeder aus der Reihe tanzen. Denn es geht nicht um Richtig oder Falsch, sondern vielmehr um die Gemeinschaft, die durch das Tanzen entsteht.“ Zu ihrem Beruf kam sie über ihre Mutter. „Sie hatte schwer Alzheimer“, erzählt Annelie. „In dieser Zeit habe ich gemerkt, wie sehr auch körperliche Bewegung hilft.“

  • Tanztee Hamm Tanzpaar1
  • Tanztee Hamm Volle Tanzfläche
  • Tanztee Hamm Tanflaeche4
  • Tanztee Hamm Zwei Frauen
  • Tanztee Hamm Tanzflaeche Lachen
  • Tanztee Hamm Markus Lacht
  • Tanztee Hamm Gruppentanz

Ein Tanz mit (Nach-)Wirkung

Nach zwei Stunden neigt sich die Veranstaltung dem Ende zu. Alle Teilnehmer – von den mobilen Senioren über die Rollstuhlfahrer bis hin zu den Ehrenamtlichen – bilden einen großen Kreis. Gemeinsam tanzen sie den letzten Tanz des Tages: einen Walzer zu „Tulpen aus Amsterdam“. „Das Gefühl, mit so vielen Menschen im Kreis zu stehen, ist ein ganz besonderes“, betont Annelie. Sie hält einen großen Strauß Tulpen im Arm und überreicht nach und nach jedem Teilnehmer eine davon und verabschiedet sich so für den heutigen Tag.

Tanzlehrerin Annelie überreicht jedem Teilnehmer eine Tulpe am Ende des Tanztees.

„Die Menschen sind so dankbar“, sagt Annelie später und lächelt zufrieden. „Ich habe viel von den Seniorinnen und Senioren, von Markus und all den anderen gelernt. Sie alle geben mir so  viel zurück. Das ist ein unglaubliches Gefühl.

Und während sich der Raum nach und nach leert, wirkt doch die Freude, die das Mehrgenerationenhaus heute erfüllt hat, noch eine ganze Weile nach.

Info

  • Seit 2007 sind das Stadtteilzentrumm FeidikForum und das dazugehörige Mehrgenerationenhaus Treffpunkt für Jung und Alt in der Hammer Innenstadt. Mit einem vielfältigen Angebot: vom Café über ein offenes Frühstück für Seniorinnen und Senioren, verschiedene Beratungs- und Kreativ-Angebote bis hin zu Englisch für Senioren.
  • Der Tanztee findet jeden letzten Donnerstag im Monat von 14.30 Uhr bis 16.30 Uhr statt. Organisiert wird er von Ulla Wilms und Annelie Rehra, die dabei regelmäßig von ehrenamtlichen Helfern unterstützt werden.
  • Der Träger des Stadtteilzentrums ist die Outlaw gGmbH. Neben dem Tätigkeitsfeld der Hilfen zur Erziehung betreibt das Unternehmen zahlreiche Kindertagesstätten, Einrichtungen der offene Kinder- und Jugendarbeit, Generationen übergreifende Projekte, Flüchtlingshilfe, Schulprojekte uvm.
  • Für den leidenschaftlichen Einsatz, von dem wir uns vor Ort selbst überzeugen konnten, möchten wir allen Beteiligten ganz herzlich danken! Es ist großartig zu sehen, wie der liebevoll gestaltete Tanztee Menschen zusammenbringt. Umso mehr freut es uns, dass auch wir mit einer Förderung von 28.263 Euro zur Realisierung der Veranstaltung beitragen konnten.
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