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Ein „Mut-Mach-Mobil“ für die Nachbarschaft

Das Café-Tee-Mobil des Kreisdiakonieverbandes im Landkreis Esslingen bringt Menschen zusammen. Wie das Team den Gästen nun während der Corona-Pandemie Mut macht und wie trotz Social Distancing neue Freundschaften geknüpft werden können, erzählt Projektleiter Alexander Bergholz im Interview.

Deutsche Fernsehlotterie: Wie ist euer Projekt von der Corona-Pandemie betroffen und vor welchen Herausforderungen steht ihr aktuell?

Alexander Bergholz: Die Grundidee des Projekts „Café-Tee-Mobil“ ist es, ganz unterschiedliche Menschen an besonderen Orten bei einem guten Kaffee oder Tee in Kontakt zu bringen, um dadurch das Verständnis füreinander zu stärken und ein niedrigschwelliges Beratungs- und Gesprächsangebot zu bieten. Diese konkreten Einsätze vor Ort sind in Zeiten einer Virus-Pandemie nicht möglich. Daher mussten vorerst alle Aktionen und Veranstaltungen abgesagt werden.

Die Herausforderungen bestehen im Moment vor allem darin, wie Menschen trotz Kontaktsperren „zusammen gebracht“ werden können und wie Informationen über Hilfsangebote und Mut-machende Worte und Stimmungen jetzt auf anderen Wegen verbreitet werden können.

Ein Mann befestigt ein Plakat am Café-Tee-Mobil

Foto: Alexander Bergholz, Leiter des Café-Tee-Mobils, vor Ort

Deutsche Fernsehlotterie: (Wie) könnt ihr auf die aktuelle Situation reagieren?

Alexander Bergholz: Gerade jetzt ist es besonders wichtig, in Kontakt zu bleiben und die Botschaft: „Du bist nicht allein!“ in die bestehenden Netzwerke sowie in die lokalen Nachbarschaften hinein zu senden. Dazu kann unter anderem die Mobilität genutzt werden, die unser Café-Tee-Mobil auszeichnet. Als Mut-Mach-Mobil wird es auf „Mut-Mach-Touren“ durch den Landkreis Esslingen gehen: Unser „Hingucker“ Café-Tee-Mobil fährt als Mut-Mach-Mobil regelmäßig auf festgelegten Routen – immer ca. zur gleichen Zeit am gleichen Ort – durch den Landkreis Esslingen. Über eine Lautsprecheranlage wird dabei Mut-machende Musik, zum Beispiel „Freude schöner Götterfunken“, abgespielt. Vielleicht wird mitgesungen und getanzt? Außerdem werden auch Mut-machende Text-Botschaften gesendet, über Lautsprecher und über Schriftzüge auf dem Mobil, und es kann über Hilfsangebote informiert werden. Bei Bedarf hält das Mut-Mach-Mobil an, so dass Mut-machende Straßenrand-Gespräche stattfinden können. Dazu kann auch – kontaktlos – ein Kaffee oder Tee angeboten werden. Die Mut-Mach-Tours werden über Storys auf Instagram und Facebook auch im Netz verbreitet.

Ein Auto fährt durch eine Grüne Landschaft

Foto: Das Café-Tee-Mobil unterwegs

Deutsche Fernsehlotterie: Wie erreicht ihr Menschen, die nicht direkt dort leben, wo das Café-Tee-Mobil als „Mut-Mach-Mobil“ halt macht?

Alexander Bergholz: Ein weiterer Baustein für die derzeitige Arbeit besteht darin, Strukturen für virtuelle Begegnungsmöglichkeiten zu schaffen. So werden beispielsweise virtuelle Begegnungscafés initiiert, über die Ehrenamtliche und Geflüchtete ihre Kommunikation aufrecht halten können. Gleichzeitig können wir so  weiterhin über Hilfsangeboten informieren. Dies beinhalten aber auch, dass wir uns aktiv für die Verbesserung der digitalen Infrastruktur in den Flüchtlingsunterkünften einsetzen und Menschen mit geringer digitaler Affinität leicht verständliche Anleitungen für den Eintritt in die digitalen Räume geben. Denn ohne die technischen Voraussetzungen sind Begegnung im digitalen Raum nicht realisierbar.

Durch die Aufrechterhaltung der Kommunikation zwischen ehrenamtlich engagierten und geflüchteten Menschen können auch neuartige Hilfsnetzwerke geknüpft werden, die auf die Erfordernisse der Pandemie-Bewältigung antworten. Wir schaffen eine Plattform für Hilfspatenschaften und bringen geflüchtete Menschen mit stärker von dem Virus gefährdete Menschen zusammen. Die Paten können dann beispielsweise für den anderen Erledigungen machen, gleichzeitig möchten wir so auch einen „Fensterplausch“ zum zwischenmenschlichen Austausch ermöglichen.

Wenn durch diese Hilfspatenschaft dann eine Verbindung entstanden ist, kann sie durch das Lebensgeschichten-Projekt „Ich erzähl Dir meine Geschichte!“ noch vertieft werden. Dabei erzählen sich zwei Personen abwechselnd Episoden aus ihren Lebensgeschichten, um die gegenseitige Empathie zu stärken. Dieser Lebensgeschichten-Austausch kann schriftlich per Brief, Mail oder Chat stattfinden oder in Form von Sprachnachrichten oder durch Handy-Videos. So könnten diese Lebensgeschichten-Dialoge dann als Lebensgeschichten-Archiv auch noch anderen Menschen zugänglich gemacht werden.

Mehrere Menschen stehen zusammen auf einem Platz und hören einem Musiker zu

Foto: Im Mai 2019 feierte das Café-Tee-Mobil mit seinen Gästen den „Tag der Nachbarn“

Deutsche Fernsehlotterie: Wie werden die kommenden Wochen bei euch aussehen? Zeichnet sich bereits ein Weg in die „neue Normalität“ ab?

Alexander Bergholz: Wir müssen jetzt zunächst unser Café-Tee-Mobil umrüsten, so dass mit genügend Abstand auch ein Mut-machendes Getränk ausgegeben werden kann. Außerdem telefonieren wir mit unseren Partnern in den Kommunen, um gemeinsam neue Strukturen für unsere Mut-mach-Touren aufzubauen. Außerdem ist natürlich alles davon abhängig, welche Auflagen weiterhin gelten. Neue Wege müssen erst gebaut werden, aber sie entstehen.

Deutsche Fernsehlotterie: Wie kann man eure Arbeit im Projekt und die jeweils betroffenen Menschen derzeit am besten unterstützen?

Alexander Bergholz: Um uns weiterhin gegenseitig solidarisch zu unterstützen sind Kommunikationsstrukturen notwendig, die vielleicht für manche neu oder ungewöhnlich sind. Lassen wir uns gemeinsam auf Neues ein! Gehen wir in diesen schwierigen Zeiten gemeinsam neue Wege! Wir informieren über unsere digitalen Kanäle über virtuelle Begegnungsräume und über die Routen unseres Mut-Mach-Mobils. Kommt mit uns und anderen im digitalen Raum und am Straßenrand ins Gespräch, singt und tanzt mit uns. So halten wir gemeinsam die Begegnungen aufrecht, die unser Leben und unsere Gesellschaft bereichern.

Deutsche Fernsehlotterie: Liegt euch sonst noch etwas auf dem Herzen, das ihr sagen möchtet?

Alexander Bergholz: „Demokratien sind nur so stark, wie sie den Schwächsten Schutz gewähren“, sagt Anna Jikhareva. Tun wir also gemeinsam alles uns mögliche, um den Schwächsten zu helfen. Unterstützt bspw. weiterhin die lokalen Tafeln in eurer Umgebung! Im Landkreis Esslingen ist zum Beispiel die Fildertafel weiterhin für die Menschen da und liefert jetzt auch aus.

Das Café-Tee-Mobil des Kreisdiakonieverbandes im Landkreis Esslingen, Baden-Württemberg, ist inzwischen als mobile Beratungsstelle eine feste Größe. Niedrigschwellig, unbürokratisch und in entspannter Atmosphäre kommen hier Menschen zusammen, um sich auszutauschen – aber auch, um Hilfe zu finden oder anzubieten. Auf diesem Wege ermöglicht das Café-Tee-Mobil auch Gespräche zwischen Alteingesessenen und Neuankömmlingen und fördert so das Verständnis füreinander.

Wir unterstützten die Etablierung des Café-Tee-Mobils mit 95.500 Euro.

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